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Tod von Derek Shepherd: Nie, nie wieder "Grey's Anatomy"!

Elf Staffeln lang brachte Star-Neurologen Derek Shepherd die Frauenherzen zum Flattern. Sein plötzlicher Serientod zerstört für viele Fans die DNA der Serie.

Von Alexandra Kraft, New York

US-Schauspieler Patrick Dempsey spielte in elf Stafeln der Serie "Grey's Anatomy" den Neurologen Derek Shepherd. Der Tod seiner Figur ist für viele Fans ein Schock.

US-Schauspieler Patrick Dempsey spielte in elf Stafeln der Serie "Grey's Anatomy" den Neurologen Derek Shepherd. Der Tod seiner Figur ist für viele Fans ein Schock.

Es ist viele, viele Folgen her, da versprachen sich Meredith Grey und Derek Shepherd auf einem blauen Post-It-Zettel, dass sie sich auch noch lieben, wenn sie alt sind, schlecht riechen und senil werden. Am Ende unterschrieben beide und sagte noch "Für immer." Die improvisierte Hochzeit war perfekt. Und Millionen Fans der amerikanischen Erfolgsserie "Grey's Anatomy" zu Tränen gerührt. Auch ich saß glücklich grinsend auf dem heimischen Sofa. Liebesgeschichten mit Happy End sind für mich das Größte. Hach, endlich. Wie schön, dachte ich.

Gestern abend ließ Drehbuchautorin Shonda Rhimes Derek Shepherd in einem Autounfall sterben. Und heute dreht Amerika durch. Die Tageszeitung "USA Today" vermeldete den Serientod. Die Klatschblätter überschlugen sich. Twitter, Facebook und Instagram sind voll mit Selfies von weinenden Frauen. Eine schrieb: "Ich muss heute frei nehmen und meinem Chef sagen, ein Familienmitglied ist gestorben." Viele schimpfen, manche beschimpfen und noch mehr kündigen an, nie, nie wieder auch nur eine Folge von "Grey's Anatomy" zu schauen. Es scheint so, als wäre nicht ein fiktiver Charakter, sondern ein echter Mensch gestorben. Ich erinnere mich nicht, dass in den letzten Jahren eine Fernsehsendung für so viel Wirbel gesorgt hat.

Kitsch, aber gut gemacht

Schon seit Tagen hatten epische Werbefilmchen das drohende Unheil angekündigt. "Der Abend, der Amerika verändern wird" hieß es, dazu flimmerten Bildchen von Autos, die sich überschlugen und später explodierten. Mitten drin Derek Shepherd. Verschwitzt, mal mit Blut im Gesicht, aber gut aussehend wie immer.

Elf Staffeln lang drehte sich die Serie um die Liebesgeschichte der jungen Ärztin Meredith Grey und des Star-Neurologen Shepherd, die sich stürmisch ineinander verliebten und lange umeinander kämpften. Dazu packende Geschichten von Rettung und Versagen. Es wurde gestorben, gemordet, gelitten. In einer unglaublichen Intensität, die die Zuschauer im Wechsel nass geschwitzt oder weinend zurück ließ.

Shonda Rhimes, die zu Recht als eine der besten und innovativsten Autorinnen der USA gilt, inszenierte kunstvoll ihre Hauptdarsteller. Und die Besetzung mit Ellen Pompeo als Meredith und Patrick Dempsey als Derek erwies sich als Glücksgriff. Realität und Fiktion verschwammen, man nahm ihnen die Liebe wirklich ab. Sie, die Kühle, Verdrehte und Komplizierte. Er, der gefühlvoll, romantische, der ihr die verliebtesten Blicke der Fernsehgeschichte zuwarf. Alle nannten ihn nur "McDreamy". Er war ein Traummann, sagte perfekte Sätze. Dazu seine Augen und die wunderbar wuscheligen Haare. Hach. Ja, das klingt kitschig. War es auch. Aber es war gut gemachter Kitsch. Und den braucht man einfach manchmal.

Idylle in 45 Minuten zerstört

Auch in den früheren Folgen und Staffeln starben viele. Hauptdarsteller gingen und neue kamen. Aber auf eines konnte man sich am Ende verlassen: Derek und Meredith blieben. Wenigstens ein bisschen heile Welt und Stabilität in all dem Chaos. Sie stritten sich, trennten sich, schrien sich an - aber am Ende kamen sie immer wieder zusammen. Sie hatten den schönsten Untersuchungszimmer-Sex, den wunderbarsten Heiratsantrag und so vieles mehr. Man litt mit ihnen, freute sich mit ihnen. Das war seit 2005 der Anker der Serie.

Es waren wunderbare Momente. Nicht nur die Post-It-Hochzeit. Sie stellte sich einem Amokläufer in den Weg, der ihn erschießen wollte, er rettete sie vor dem Ertrinken. Sie verloren ein Baby. Sie wurden dann doch noch Eltern, bauten ein Haus und retteten fortan Leben. Alle waren glücklich. Große Liebe und große Gesten. Es hätte ewig so weiter gehen können.

Nun machte Shonda Rhimes einfach Schluss damit. 45 Minuten reichten, um das Idyll ein für alle Mal zu zerstören. Eine Chance auf Rückkehr gibt es nicht. Sie war schon immer dafür bekannt, ihren Serien dramatische Wendungen zu geben. Aber Grey's Anatomy ohne Derek Shepherd?

Logischen Entwicklung?

Kaum vorstellbar. Ich habe schon gestern Abend nicht mehr eingeschaltet. Ich wollte mir die schöne Illusion nicht kaputt machen lassen. Ich will mein Happy End haben. Ich will nicht sehen, wie Meredith Grey an Dereks Bett steht, die Beatmung abstellen lässt und unter Tränen sagt: "You go" - "Geh du".

Mit dem Tod des Serienlieblings riskiert Shonda Rhimes viel. Warum sie es getan hat, ist nicht ganz klar. Es gibt Gerüchte, dass der Schauspieler Patrick Dempsey zu divenhaft geworden sei. Aber das heißt es ja immer in solchen Fällen. Sein Vertrag wäre auf jeden Fall noch für eine weitere Staffel lang gültig gewesen. Er verkündete gestern nach Sendeschluss per Interview, dass sein Tod für ihn Ergebnis einer "logischen Entwicklung gewesen sei." Und Shonda Rhimes ließ in einer Presseerklärung ausrichten, dass sie "nie an einen Abschied von Derek Shepherd gedacht habe". Aber sie finde, dass Meredith Grey auf eigenen Füßen stehen müsse und das Leben ohne ihren Mann meistern soll.

Es kann nur eine schlechte Kopie kommen

Das ist gewagt. Die Fanbasis der Serie war groß und über Jahre gewachsen. Sicher, Langeweile ist Zuschauergift. Grey's Anatomy ist eine der am längsten laufenden Fernseh-Serien, da muss man sich schon einiges einfallen lassen, damit nicht Alltag einkehrt. In den letzten Monaten kam immer mehr Kritik an den teilweise recht absurden Drehungen und Wendungen auf. Es kann gut sein, dass Shonda Rhimes es diesmal mit den Knalleffekten übertrieben hat. Denn viele bislang treue Zuschauer glauben, dass sie die DNA der Serie zerstört hat. Und viele sagen, dass sie es besser gefunden hätten, die Serie ganz einzustellen. Eines ist sicher. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Erfolgsgeschichte durch eine Fehlentscheidung kaputt gemacht wird.

Ich werde auf jeden Fall nicht mehr zuschauen. Was soll jetzt noch kommen? Eine neue Liebe? Kann sein, aber elf Staffeln lang war Derek Shepherd für Meredith Grey der Mann ihres Lebens. Alles was danach kommt, ist nur eine schlechte Kopie. Dabei will ich nicht mehr zuschauen.

Sorry, Shonda Rhimes, aber für mich haben Sie eine der schönsten Illusionen des Fernsehens zerstört.