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"Tatort"-Kritik: Vor lauter Gehopse die Geschichte vergessen

Dieser "Tatort" hat sich einiges vorgenommen: Sonntagabendunterhaltung mit Vergangenheitsbewältigung und österreichisch-tschechischer Freundschaft. Da hat es sogar Bibi Fellner schwer.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Ermitteln mit Wiener Schmäh: die Kommissare Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser)

Ermitteln mit Wiener Schmäh: die Kommissare Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser)

Irgendwann in der ersten Hälfte dieses Herumgehopses zwischen Tag und Nacht, Vätern und Söhnen, Vergangenheit und Gegenwart, Wien und Niederösterreich, fange ich zu fantasieren an: Was, wenn Adele Neuhausers wunderbare Kommissarin Bibi Fellner plötzlich von Til Schweigers Tschiller aus dem eiskalten Nass gerettet werden würde, der im österreichisch-tschechischen Grenzflüsschen Thaya einen Kampftaucher sucht, mit dem er schon im Suezkanal Minen entschärft hat? Und was, wenn dann plötzlich Devid Striesows Stellbrink auf seiner Vespa um die Ecke böge, um der bemüht eloquenten Archäologin, die am Ufer alte und neuere Knochen abstaubt, zu zeigen, wo der Hammer des surrealen Wortwitzes hängt? Und dann käme auch noch Maria Furtwänglers Hauptkommissarin Lindholm angeritten, die mit Tschiller ein Hühnchen zu rupfen hat wegen niedersächsisch-hamburgischer Zuständigkeiten. Und dann steht da plötzlich Christian Ulmens Kommissar Lessing im Wald. Aber nur um festzustellen, dass er im falschen Film ist. Einfach ausgedrückt: So richtig fesselnd war "Grenzfall" nicht. Trotz Fellner.

Dieser angeblich auf einer wahren Begebenheit beruhende Fall, der von kommunistischen Spitzeln, verschwundenen Vätern und dem Schießbefehl an der tschechoslowakisch-österreichischen Grenze handelt, ist ohne Frage tragisch, zuweilen auch berührend. Allerdings verhindern zu viele Scherze am Rande, zu viel Platz für Personen, die für die Geschichte nicht notwendig sind, zu viel Gehopse eben, dass "Grenzfall" so richtig Fahrt aufnimmt. Der nervige neue Kollege im Büro, der um Szenenapplaus bettelnde Forensiker, der Neffe der Frau des Freundes eines Toten oder der Job in der Perlmutterknopffabrik sind Schlaglöcher, aus denen der Sonntagabendkrimi wenn überhaupt erst gegen Ende herausfindet. Da wirkt die "Loch im Loch"-Erklärung der Archäologin, die in ihrer Steinzeitgrabung eben auch Kalter-Krieg-Artefakte findet, ziemlich selbstironisch.

Historischer Fehler

Und dann hat sich das Drehbuch auch noch einen richtigen Patzer geleistet: Irgendwann fasst Fellner die fiese Geschichte über das Erbe gedankenloser österreichischer Burschen, die sich im Kalten Krieg als Spione für die kommunistische Tschechoslowakei anheuern ließen, mit einem wissensschwer geseufzten "Operation Grenzstein" zusammen. Das ist allerdings schlicht und ergreifend Humbug. Die Nacht, um die es in diesem "Tatort" geht, war im Jahr 1968. Prager Frühling und so, wie nebenbei eingeflochten wird.

"Operation Grenzstein" aber, die perfide Aktion des tschechoslowakischen Geheimdienstes, kilometerweit vor der eigentlichen Grenze zum kapitalistischen Westen eine Grenzkulisse aufzubauen, in der sie Flüchtlinge glauben ließen, sie hätten es geschafft, um Namen und Adressen anderer "Regimegegner" aus ihnen herauszubekommen, endete bereits Anfang der 50er Jahre.

Deshalb fantasiere ich jetzt lieber noch ein bisschen weiter und lasse Krassnitzers Eisner einen Schmollwettbewerb mit Axel Milbergs Borowski austragen. Auch wenn ich schon weiß, wer gewinnt.