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Peter Sodann: Eine Medienmarionette als Kandidat

Mit der Nominierung des Schauspielers Peter Sodann für die Bundespräsidentenwahl wähnt sich Die Linke endlich auf der Höhe der mediengesellschaftlichen Anforderungen. Tatsächlich aber folgt sie einem anti-aufklärerischen Impuls. Sie will die Popularität einer fiktionalen Figur ausnutzen. Der Mensch Peter Sodann wird so zur Marionette.

Von Bernd Gäbler

Auf Talkshow-Tingeltour. Bei Sandra Maischberger saß er schon und hat kräftig dazwischengequengelt. Aber jetzt geht es erst richtig los. Peter Sodann, ein passionierter und pensionierter Schauspieler mit bewegtem Leben, geht jetzt auf Talkshow-Tingeltour. Er kommt oft ins Fernsehen, weil er für die Partei Die Linke für das Amt des Bundespräsidenten kandidiert. Kandidat ist er, weil er vorher so oft im Fernsehen war. Die Rolle des "Tatort"-Kommissars Bruno Ehrlicher hat ihn populär gemacht. Zur Vorbereitung der Wahl des Bundespräsidenten dreht sich also wieder einmal das Medium um sich selbst.

Das anti-aufklärerische Kalkül

Eine Partei, die offiziell den Anspruch erhebt, in der Tradition der Aufklärung zu stehen, wozu aktuell unbedingt gehören würde, mediale Inszenierungen von der Wirklichkeit zu unterscheiden, spekuliert darauf, dass viele Menschen den Schauspieler mit seiner Rolle verwechseln. Der Bürger ist Zuschauer und er soll es auch bleiben. Mit der Nominierung von Peter Sodann folgt die PDS-Nachfolgepartei einem anti-aufklärerischem Kalkül. Sie betont nicht die Differenz von Schauspieler und Rolle, sondern spielt mit der Verwischung. Ihr eigentlicher Kandidat ist die Medienfigur Sodann/Ehrlicher.

Der Mensch mit Haut und Haaren wird Objekt einer üblen Taktik. Sich der zu widersetzen, kommt ihm nicht in den Sinn. Peter Sodann hätte dann nämlich die Kandidatur aus grundsätzlichen Erwägungen ablehnen müssen. So verwechselt er sich mittlerweile selber mit dem ermittelnden Kommissar. Peter Sodann hat als junger Mann im DDR-Knast gesessen und später den Nationalpreis erhalten. Bruno Ehrlicher würde Josef Ackermann verhaften. Und Sodann/Ehrlicher plaudert in den Talkshows wild alles durcheinander.

Was wäre seriös gewesen?

Manche glauben, unseriös sei die Linkspartei schon deshalb, weil sie einen aussichtslosen Kandidaten verschleißt. Mitnichten. Dazu hat jede Partei das Recht - und es entwürdigt das Amt des Bundespräsidenten auch keineswegs, wenn jemand antritt, der kein Polit-Profi ist. Hätte Die Linke einen kampferprobten alten Gewerkschafter gefunden, die Schriftstellerin Christa Wolf nominiert, der offenbar eine Kandidatur angetragen worden war, einen Wissenschaftler oder Repräsentanten außerparlamentarischer Bewegungen - man hätte über die Ansichten eines solchen Kandidaten trefflich streiten können. Die Führung um Lafontaine/Gysi aber setzt auf die Wirkung einer TV-Fiktion. Das ist verwerflich.

Hätte Peter Sodann eine Chance gehabt?

Selbstverständlich hat kein von der Linken benannter Kandidat eine Chance, das Amt zu erringen. Er hätte aber eine Chance auf einen ernsthaften Beitrag zur Selbstverständigung dieser Gesellschaft. Vielleicht hätte sogar Peter Sodann dazu etwas beitragen können. Als originelle Stimme jenseits der eingefahrenen Politik. Als erfahrener älterer Herr, der sich nichts vormachen lässt. Als bodenständiger Mann, der seine Landsleute kennt. Als fragender und nachdenklicher Laie, gelegentlich auch gerne mit störrischer Beharrlichkeit.

Mief, Muff und Vorurteil - so agiert der Kandidat Sodann/Ehrlicher

So in etwa hat sich Peter Sodann wohl auch seine Auftritte als Kandidat vorgestellt. Aber regelmäßig gehen sie schief. Er ist nicht unorthodox, sondern schlecht informiert. Er ist nicht Volkes Stimme, sondern voreingenommen. Er ist nicht scharf, sondern vage. Er redet drauflos. Gerne erzählt er das Märchen vom "Kaiser und seinen Kleidern" und möchte gerne als das unbestechliche Kind gelten, das da ruft, dass der Kaiser ja nackt sei. Er referiert dies aber meist an unpassenden Stellen. Er selber - so erzählt er gerne, um die Verwechselung noch zu befördern - habe den Kommissars-Namen "Bruno Ehrlicher" erfunden. Der habe eine große Bedeutung. So "ehrlich" nämlich will auch er als Kandidat sein. Und tatsächlich ist in der Rolle des "Ossi"-Kommissars angelegt, was auch bei dem Links-Kandidaten durchschlägt.

Seine Operationsbasis ist nicht der scharfe Verstand, sondern Menschenkenntnis. Die aber folgt leider nur allzu oft dem Eiapopeia des Spießers: "So ist der Mensch - halb ist er Gauner, halb ein Engel." Das gilt immer und in allen sozialen Systemen. Wer aus der Fremde kommt und etwas will, der will nichts Gutes. Mindestens will er miese Versicherungen verkaufen oder eine illegale Giftmüll-Deponie errichten. Davon handelten die MDR-"Tatorte". Glamour ist verdächtig. Komplexität ist Hinterlist - Kommissar Ehrlicher hat das immer durchschaut. Verlässlich ist allein die menschliche Nähe - seid wachsam und wärmt euch aneinander!

Bruno Ehrlicher, der Kommissar, der sich statt mit Kaviar und Fingerfood mit der Schmalz-Bemme verabschiedete, war nicht nur ein kauziges Original, sondern auch ein Agent des Ressentiments. Genau dies hält Peter Sodann nun für eine Stärke der Figur, die er auch in seinen politischen Einlassungen als Kandidat eifrig bespielt. Er weitet nicht den Horizont, plädiert nicht dafür, dass die Menschen, in denen er lieber Schutzbefohlene als Subjekte sieht, sich anstrengen müssen. Seine Welt ist die wiederherzustellende Idylle. Deren Bausteine sind Mief, Muff und Vorurteil.

Ein Clown, der Mitleid erregt

So tut sich der Schauspieler Peter Sodann aus Halle keinen Gefallen, das mediale Vexierspiel mitzuspielen. Ins Fernsehen wird er eingeladen, weil er bekannt ist als Kommissar und nun - bitteschön - ganz unorthodox sein soll - tatsächlich aber wird er vorgeführt: als Instrument einer nach Popularität gierenden Partei. Natürlich hat er eingewilligt, aber in der Rollen-Verdoppelung wirkt er unbeholfen. Er konnte halt nicht "Nein" sagen und jetzt lässt er sich zum Clown machen. Lustig ist das nicht. Eher traurig.