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Sabine Christiansen: Schluss mit dem Palaver

Ihr Name ist zum Synonym für eine bestimmte Art des öffentlichen Sprechens über Politik geworden: Sabine Christiansen. Am Sonntagabend läuft ihre Talkshow zum letzten Mal. Zeit, Abschied zu nehmen.

Von Bernd Gäbler

Eine Ära geht zu Ende. Am Anfang war es noch eine Fernsehsendung, geplant als eine Art bunte Wochenschau, mit verschiedenen Gesprächsformen, stehend und sitzend, Einspielern, ernst und glossierend, Befragungen und Hinwendungen zum Publikum. Seit feststeht, dass Sabine Christiansen aufhört, wurde aus der Sendung eine normale Talk-Show mit Filmsternchen und Sportlern, Politikern und allerlei. Zwischendurch aber, in ihrer eigentlichen Ära, war "Sabine Christiansen" eine Institution, fast mehr als nur Fernsehen. Damit hat der Erfolg zu tun. Er ließ sich nie allein auf die Übernahme großer Zuschauerzahlen vom "Tatort" zuvor reduzieren. Die Sendung bot etwas Besonderes: Sie hatte sich purifiziert zum scheinbar reinen Sprechen über Politik - tatsächlich: zum fließenden Gespräch zwischen geladenen Politikern.

Friedrich Merz stellte bewundernd dasselbe fest, was Wolfgang Thierse kritisierte: Die sonntägliche Runde werde beinahe wichtiger als das Parlament. Das war vor allem ein Zeugnis des geringen Selbstbewusstseins der politischen Klasse gegenüber dem Massenmedium Nummer eins. Denn die Funktion des Parlaments ist ja nicht das Palaver, sondern die Debatte zum Zweck der anschließenden Entscheidung, der Gesetzgebung. Bei "Sabine Christiansen" war es genau umgekehrt: Nicht Politik wurde vermittelt, sondern der Politikerdarstellung eine Bühne geboten. Fast alle Journalisten empfanden die Sendung als ungenügend und schauten dennoch zu. Sie fanden die Interventionen der Gastgeberin als unzureichend, weil sie selten den Redefluss unterbrach und wenn, dann allenfalls wenn es spannend wurde. Für die Gastgeberin aber war Nachfragen stets so etwas Ähnliches wie Wein nachschenken.

Demokratischer Diskurs

Wer das Sprechen über Politik als Fachgespräch oder Diskurs der Deuter wollte, konnte ja den "Presseclub" anschauen oder "Phoenix". Bei "Sabine Christiansen" ging es stets um etwas anderes. Sie hatte geladen, wenn auch vielleicht nicht die ganz Mächtigen kamen, so doch stets die einigermaßen Wort-Mächtigen. Diese zeigten sich, erprobten Argumente, machten sich kenntlich, loteten Kräfteverhältnisse aus. Die Validität von Zahlen, die Logik des Arguments trat zurück wie hinter eine Milchglasscheibe, dafür traten im Gegenzug wie unter der Lupe die Eigenschaften der Akteure hervor: Selbstbewusstsein oder zuviel davon; Angriff und Defensive; Setzen auf Effekt und Pointe. Die Politik stellte sich dar als mehr oder weniger dramatische Interaktion von Politiker-Typen. Friedrich Merz und Laurenz Meyer; Olaf Scholz und DGB-Chef Michael Sommer; Oskar Lafontaine und Gregor Gysi; auch Christian Ströbele und Heinz-Olaf Henkel waren die richtigen Figuren in dieser Show. Natürlich inszenierten sie sich. Sie wollten die Sendung taktisch nutzen.

Aber: Es gibt eben doch einen innigen Zusammenhang zwischen Rauch und Feuer, zwischen Form und Inhalt, zwischen Schaum und Substanz. Bei Christiansen wurde der Diskurs demokratisch durch Politiker, die so sind wie sie sich zeigten. Da blieb kein Geheimnis mehr, keine herrschaftliche Aura. Dazu passt, dass Christiansen liebster Gast selbstverständlich Guido Westerwelle war. Er führt die Gästeliste an, so oft kam kein Zweiter in die Sendung. Und er repräsentiert geradezu die Einheit von Schaum und Substanz.

Konsens und Katastrophe

Das heißt nicht, dass "Sabine Christiansen" nur Form war und keinen Inhalt gehabt hätte. Im Gegenteil. Die Sendung lebte von einem drängenden Alarmismus, der Deutschland stets mindestens am Rande der Katastrophe sah. Das kam in den Titel. Die verlässliche Stetigkeit der Sendung selbst aber widerlegte diese Sorge. Irgendwie war es doch tröstlich, dass die Sendung selbst sich wie ein langer zäher Fluss durch die Fernsehwochen schob und die immer gleichen Politiker sich ihrer Daseinsberechtigung wie Kontroversen von mal zu mal versicherten. Wer, wie Walter van Rossum in seinem furiosen Pamphlet, die Sendung vor allem als neo-liberale Agitationsplattform deutet, mit der die da oben ihre Wünsche an das Volk weiterreichten, begeht einen Fehler. Er misst die ehemalige Tagesthemen-Moderatorin mit der Elle für Franz Alt oder Klaus Bednarz.

Christiansen beschwor die Katastrophe, lud dann zum Thing, ließ die Polit-Akteure und Berater-Kaste ihr jeweiliges Mantra singen, ihre Regentänze aufführen und fragte am Ende, ob man sich zum Zwecke der Rettung nicht doch irgendwie einigen könne. Die Katastrophe diente als Katalysator für die Sehnsucht nach Konsens. Auf diesem Weg wurde allerdings auch deutlich, wie die ursprünglich auch öffentlich-rechtlich gestützte argumentative Hegemonie eines linksliberal-gewerkschaftlichen Projektes flöten ging. Journalismus als "Fashion-Industry". Insofern war "Sabine Christiansen" auch modisch und Zeitgeist getrieben.

Journalismus als Teil der "Fashion Industry"

Das Lob von Friedrich Merz über die Ersetzung des Bundestags bezog sich ausdrücklich auf das so genannte "Agenda-Setting". Dieses "Agenda-Setting" gilt heute als journalistischer Begriff. Tatsächlich stammt er aus der Trick-Kiste der PR-Leute, Berater und Spin-Doctors. Die Gastgeberin betrieb ihren Journalismus als einen Teil dieser "Fashion-Industry." Nicht wegen der Kostüme, der so gern beschriebenen übereinander geschlagenen Beine, des Elements des Weiblichem im Politik-Geschäft, sondern wegen ihrer Affirmation des Jargons und der Themen aus der Kaste der professionellen Kommunikatoren. Sie trieb stets jene Sau durchs Dorf, die gerade ohnehin "in" war. Mal waren es mit fast unerträglicher Penetranz die "Lohnnebenkosten", dann der nicht mehr finanzierbare "Sozialstaat" oder der "demographische Wandel". Heute wäre es gewiss der "Klimaschutz". Basis des politischen Talks war nie eigene redaktionelle Recherche oder die rechtzeitige Entdeckung eines wichtigen Themas, sondern das mediale Geschehen selbst. Der Erfolg von "Sabine Christansen" lag auch daran, dass die Sendung so in der Mediengesellschaft zu einer Art Übermedium wurde.

"Society-Lady" als Königin einer Kaste. Auf dieses gesellschaftliche Konglomerat, die Kaste aus Journalisten, Spitzenpolitikern, PR-Beratern und - von ihr stets besonders geachtet - Spitzenunternehmern und deren Strategen, bezog sich auch stets der gesellschaftliche Auftritt der Person Sabine Christiansen. Manche trauten ihr zu, zu einer Art "Diva von Berlin" zu werden, hielten sie gar für eine der großen "Society-Ladies". Aber das wurde sie nicht, weil ihr Bezugskreis zu eng, zu künstlich, zu gewollt blieb. Man spürte stets ihren Ehrgeiz und einen gewissen Mangel an Gelassenheit. Da war wenig Schwebendes, nie Wurschtigkeit. Ein normaler Dialog mit ihr war nahezu unmöglich. Sie entzog sich. Hinter strenger Fassade war stets Verletzbarkeit zu spüren. Kritik wurde als Majestätsbeleidigung gedeutet. Aber sie setzte sich durch. Sie war zäh. Sie zeigte es allen: den Besserwissern; den Böhmes und Austs; den Kerlen in der ARD; den Kritikern, diesen Leichtgewichten, sowieso.

Die letzte Sendung

Also bleibt auch nur einer übrig, mit dem sie ihren Abschied statusgemäß zelebrieren kann. Hätte sie noch einmal Guido Westerwelle und Klaus Wowereit, Hans Eichel, Friedrich Merz und Gregor Gysi laden sollen? Hätte Sie in einem großen populistischen Schluss-Akt eine Runde engagierter Bürger, politisch korrekter No Names laden sollen? Oder gar einen kumpeligen Kollegen-Plausch vortäuschen sollen, mit Erich Böhme, Stefan Aust, Maybrit Illner und Anne Will? Nein, standesgemäß kommt Horst Köhler. Das Verdienstkreuz kann er ihr in der Sendung nicht umhängen, aber ihre Verdienste würdigen - und sagen, dass es um mehr geht: um Deutschland.

Nationale Integration statt Fragmentierung. Denn das war "Sabine Christiansen" auch immer: schön beschränkt auf die nationale Dimension des gesellschaftlichen Lebens - und in diesem Sinne: ein letzter großer Versuch der politischen Integration von oben. Das wird abnehmen. Das Fahrplan-Fernsehen der großen Zahl verebbt. Die Publika fragmentieren sich. Die großen Lagerfeuer werden allmählich erlöschen. Sabine Christiansen hat in einem der letzten die Glut bewahrt, die Schattenrisse der geladenen lauten Akteure werden uns in Erinnerung bleiben.