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TV-Kritik

"Schwiegertochter gesucht": Frankenstein und seine Freunde

Bei "Schwiegertochter gesucht" fällt einem wieder ein, wie mies Fernsehen sein kann. So viel Schäbigkeit, so viel Schwachsinn – und mittendrin plötzlich Lilo Wanders. Was hat die ehemalige Sexaufklärerin geritten, sich für so ein Schundformat herzugeben?

Von Mark Stöhr

Das bekannte "Schwiegertochter gesucht"-Gesicht Beate und Lilo Wanders

Das bekannte "Schwiegertochter gesucht"-Gesicht Beate bekommt Flirt-Tipps von Lilo Wanders

Vera Int-Veen. Hinter dem Namen könnte eine herzerfrischende Holländerin stecken. Ist sie aber nicht, sondern nur eine dummdreiste Deutsche. Eine moderierende Mogelpackung und verlogene Verkupplerin. Bei jeder aberwitzigen Alliteration, die sie rauslässt, leuchtet ihr wonniges Wannengesicht. Eiskalt und hämisch. Wo Vera Int-Veen auftaucht, fällt die letzte Schamgrenze.
So viel Schäbigkeit, so viel Schund. Jedes Jahr, wenn eine neue Staffel von "Schwiegertochter gesucht" startet und Vera Int-Veen kumpelmäßig wie ein Kettenbagger durchs Szenenbild holzt, kehrt die Erinnerung zurück. Daran, wie mies Fernsehen sein kann. Wie mies mit Menschen umgegangen werden kann. Und wie bedürftig und bescheuert Menschen sein können, um sich in die Arme der Bloßstellungs-Profis von RTL zu begeben.

Selbsterniedrigung wird zum Beruf

Es geht einem gar nicht so sehr um Leute wie diese erbarmungswürdige Beate, die seit der dritten Staffel mit unterschiedlichen Frisuren, aber dem immergleichen Trampelgang nach ihrem – Achtung, Witz – "Traummann" sucht und aus ihrer Selbsterniedrigung so eine Art Beruf gemacht hat. Immerhin 1.200 Euro soll es pro Drehwoche geben, da kann man gut den lieben langen Tag so beschissene Gedichte schreiben wie: "Die Liebe ist wie eine Rose, / die nur ein Mal im Leben blüht. / Drum hüte sie und beschütze sie. / Denn wenn sie einmal verblüht, / wird sie nie wieder erblühen."

Die "begabte Beate" spielt ja ihre Doofheit mutmaßlich nur noch. Sie ist eine ausgebuffte Doofheits-Darstellerin, wenn man so will – ein nicht zu unterschätzendes Genre –, und hampelt für die Hater auf Facebook ein bisschen halbdebil durch die Gegend, um sich nach Drehschluss in ihre nagelneuen Pömps zu schmeißen.

Der eigentliche Horror gestern in der Jubiläumsstaffel – zehn Jahre gibt es das Elend schon – war denn auch nicht Beate, sondern Lilo Wanders. Die ehemalige TV-Transe und Sexaufklärerin sollte die "kokette Kurzhaarträgerin" (gilt auch für die Beine) als Intimcoach in deren vaginales Untergrundsystem einführen und schleppte sie dafür sinnigerweise in einen Table-Dance-Schuppen.

Wie groß ist ein "deutscher Durchschnittsdödel"?

Dort zog ein "rasierter Ross" erst einmal blank, ehe Wanders der selbstverständlich völlig ahnungslosen Beate erklärte, wie groß "ein deutscher Durchschnittsdödel" ist (13,9 Zentimeter) und wie man diesem "Dödel" – sie benutzte zur Anschauung tatsächlich eine Möhre – ein Kondom überzieht. Und weil man nie weiß, wie die Drüsen gerade drauf sind (und ob man überhaupt Bock auf "Dödel" im besonderen wie im allgemeinen hat), schmierte Wanders auf das Ganze noch eine schöne Lage Gleitcreme der Marke "Flutschi".
Das war allerdings noch nicht alles. Bei "Schwiegertochter gesucht" ist jede Sekunde sehr, sehr schlimm, doch man kann sich sicher sein: Es geht immer noch schlimmer.

Am nächsten Tag gingen Lilo Wanders und Beate zu einer Gynäkologin. Genauer genommen, handelte es sich bei der Frau um eine Blondine mit osteuropäischem Akzent, die einen weißen Kittel trug. Die "untersuchte" den Dauersingle und fand heraus, dass Beate, die Elfe mit der babyglatten Haut, doch ein paar Männerhormone zu viel hat. Potzblitz. Wäre man nie draufgekommen. Beate kriegt jetzt die Antibabypille – auch für den sehr theoretischen Fall, dass in ihrem Leben noch einmal ein "Dödel" um die Ecke kommt. Alles andere richtet ja glücklicherweise "Flutschi".

Was um alles in der Welt, fragt man sich, hat jemanden wie die grundsätzlich ja durchaus geschätzte Lilo Wanders dazu bewogen, sich ich einem solchen Vollidioten-Format zum Vollhorst zu machen? Sätze zu sagen wie: "Wenn man einen liebenden Blick auf sich ruhen lassen will, darf man nicht so schäbig aussehen"? Sind es Spielschulden, die sie drücken? Schrottimmobilien im Osten? Haben wir es mit generellen Schüben von Selbsthass einer 60-Jährigen zu tun? Es ist nicht zu begreifen.

Mutter nennt ihren Sohn "Möpschen"

Der Rest des Personals in der neuen Staffel ist schnell erzählt. Es sind die üblichen Verdammten und Verlorenen, allesamt irgendwie unschön aus dem Ruder gelaufene Frankensteins, die durch die gewohnten Alliterations-Monster gebrandet sind wie "der kundige Konditor", "der einsame Eisenbahnfreund", "der romantische Russe", "der muntere Modelleisenbahn-Sammler" oder – völlig abwegig – "der sympathische Sachse". Sie wohnen noch zu Hause, trinken Kakao, werden von ihrer Mutter "Möpschen" genannt, interessieren sich für Reptilien und sind begeisterte Sportschützen (was ein bisschen Angst macht). Einer ist sogar schwul und musste zum Beweis eine ganze Dose Deo leer sprühen.

Diese von den Genen, von der Gesellschaft und überhaupt von allen guten Geistern verlassenen Typen, die alle nicht ganz dicht sind, deren Dachschaden aber unterschiedlich stark ausfällt, geloben fortwährend, nur die Eine zu suchen und dieser dann schnellstmöglich ihr Herz zu Füßen zu legen. So will es das Skript der Sadisten aus der RTL-Redaktion.

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