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TV-Kritik "Anne Will": Blick zurück nach vorn

Ist Joachim Gauck der richtige Bundespräsident? Diese nicht mehr ganz taufrische Frage wurde bei "Anne Will“ ausführlich besprochen - leider waren die meisten Antworten von vorgestern.

Von Björn Erichsen

Talkshows und Tagesaktualität, das passt nur selten zusammen. So hätten viele Zuschauer am Mittwochabend womöglich gern eine Diskussion darüber gesehen, wie sicher Busreisen sind, angesichts des tragischen Unfalls in der Schweiz. Oder Hintergründe über den kruden Politik-Poker in Düsseldorf samt angekündigter Neuwahlen, "Quo vadis, NRW“? Doch so eine Talkshow braucht natürlich Vorlauf, und so hat man sich bei "Anne Will“ schon frühzeitig anders entschieden: Da Joachim Gauck aller Voraussicht nach am Sonntag zum neuen Staatsoberhaupt gewählt werden wird, will die Talkmasterin wissen: "Bekommen wir endlich den richtigen Bundespräsidenten?“

Diese Fragen kennen Sie schon? Na klar: Das wurde in den letzten Wochen in ungefähr jeder anderen Talkshow auch schon besprochen. Doch immerhin hat sich die Will-Redaktion einen ungewöhnlichen Dreh einfallen lassen und komplett darauf verzichtet, junge Gäste in die Sendung einzuladen. Die Runde um den alten Gauck-Freund Hanns-Jürgen Wunderlich, die Grand Dame der Linken, Luc Jochimsen, oder Ex--stern-Chefredakteur Michael Jürgs erreicht ein stattliches Durchschnittsalter von 69 Jahren! Das muss natürlich kein Hinderungsgrund sein für die Beantwortung von Zukunftsfragen - jedoch strotzt die Debatte um den "richtigen Bundespräsidenten“ nur so vor Rückschau und Gestrigkeit.

"Ich habe die Prozessakten im Auto!“

In der Stunde vor Mitternacht geht es in der ARD auf Zeitreise in die DDR der 1980er-Jahre, weil manche der Anwesenden anscheinend dort die Schlüsselqualifikationen Gaucks für Schloss Bellevue vermuten. "Als Mann der Kirche war er privilegiert, er hatte Sonderrechte“, weiß Peter-Michael Diestel, daher läge in Gauck die "Zwiespältigkeit der Wende“. Nun muss man wissen: Der letzter DDR-Innenminister und der baldige Bundespräsident sind sich nicht grün, sie haben schon prozessiert, und obwohl es eine außergerichtliche Einigung gab, legt Diestel Wert darauf, gewonnen zu haben. Es hat was von einem zornigen Nachbarn am Gartenzaun, wenn er betont: "Ich habe die Prozessakten im Auto!“

Auch bei einem anderen Aspekt von damals scheiden sich die Geister. "Kann man Gauck überhaupt einen Bürgerrechtler nennen?“ Ein Mann wie Heinz Eggert, Theologe, früher aktiv im Neuen Forum und später CDU-Innenminister in Sachsen, nutzt diese Frage, um seine eigene Biographie auszubreiten - doch auch er kann nicht abschließend beantworten, ab wann dieser höchst inoffizielle Titel zu vergeben ist. Von Beginn an war für die Gauck-Debatte charakteristisch, dass sie mit Bruch- und Versatzstücken geführt wird. Doch in diesem Fall ist das besonders sinnlos, denn Anne Will präsentiert nach dem Schlagabtausch einen Einspielfilm, in dem sich das künftige Staatsoberhaupt persönlich und eindeutig zu der Frage äußert: Er selbst sähe sich keinesfalls als Bürgerrechtler, höchstens "als geistlicher Oppositioneller“.

"Lassen wir Gauck doch erst einmal in das Amt kommen"

Am elegantesten bewegt sich noch Getrud Höhler durch die Diskussion. Die 71-jährige Publizistin echauffiert sich gleich mehrfach über all die Scheinheiligkeit: "Warum sprechen wir hier über Gaucks Opferrolle, oder warum er in der DDR nicht verhaftet wurde - sollen das unsere Kriterien für das Amt des Bundespräsidenten sein?“, fragt sie mit einem Gesichtsausdruck der schwankt zwischen süffisant und angewidert. Es macht Spaß, ihr zuzuhören, denn die ehemalige Professorin für Literaturwissenschaft hat ein selten gewordenes Talent: Sie weiß immer schon wie ihre Sätze enden werden, wenn sie sie beginnt. Und sie trifft den Nerv des Studiopublikums, wenn sie fordert: "Lassen wir Gauck doch erst einmal in das Amt kommen - und sparen wir uns die diese Abfertigungsriten aus der Wulff-Affäre!“

Wie viele von der Linken wirkt Luc Jochimsen dagegen noch immer angefressen, dass ihre Partei als einzige im Bundestag nicht zum Krönungsgipfel ins Kanzleramt geladen worden ist. Die Bundestagsabgeordnete, die 2010 selbst gegen Gauck und Christian Wulff angetreten war, lässt kein Gutes Haar am designierten Staatsoberhaupt. Er sei kein "Versöhner zwischen Ost und West“, und seinem Freiheitsbegriff würde die Dimension "soziale Gerechtigkeit“ fehlen. Es ist das Standardargument der Linken, und es hat den Nachteil, nicht wahrer zu werden, je häufiger es ausgesprochen wird. Immerhin: Jochimsen kann mit ihrem flammenden Plädoyer für Beate Klarsfeld, die Kandidatin der Linken, punkten - die gesamte Runde zollt der engagierten Nazi-Jägerin Respekt.

Es ist einer der wenigen Momente der Einigkeit an diesem Abend - doch ohnehin dürften nur kühnste Optimisten von der Runde ein verwertbares Ergebnis erwartet haben. Es wäre durchaus interessant gewesen, auch etwas über "jüngere Themen“ zu hören, etwa die Haltung des 74-jährigen Gauck zur digitalen Gesellschaft oder dem Urheberrecht. Angesichts von Wills Geschichtsstunde konnte man dagegen froh sein, dass jemand wie Philip Kiril Prinz von Preußen nicht eingeladen war. Dabei hat der Ur-Ur-Enkel des letzten Deutschen Kaisers doch gerade erst ganz aktuell als Konsequenz aus der Wulff-Affäre nicht weniger gefordert als die Wiedereinführung der Monarchie in Deutschland. Doch wer weiß, vielleicht ist das ja ein Thema für die nächste Sendung.