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TV-Kritik "Hart aber fair" Politiker auf Kuschelkurs


Einfach draufhauen? Nein, so schlicht war keiner in Plasbergs Runde zum Thema "Wie hart darf Politik sein?" Womit sich der Talk wohltuend unterschied vom üblichen Parteiengezänk.
Von Christoph Forsthoff

Wer im Job versagt, muss gehen - ob das nun in der Politik oder in der freien Wirtschaft ist "oder ein Moderator zu oft das Thema vermasselt". Ein wenig pikiert schaute Frank Plasberg schon drein, als ihm seine TV-Kollegin einen Ausschnitt der Zuschauermeinungen zur aktuellen Sendung vortrug. Doch keine Sorge: Zumindest an diesem Abend lief sein Talk ebenso unterhaltsam wie er als Moderator an den richtigen Stellen nachhakte. Auch wenn einen gelegentlich in dieser Politikerrunde der Eindruck überkam, unter ziemlich guten Freunden zu sein und nicht "unter Feinden", wie die Titel-Frage "Wie hart darf Politik sein?" suggerierte.

Was wohl aber daran lag, dass Plasberg lauter alte politische Schlachtrösser eingeladen hatte, die im Laufe ihres Lebens nicht nur eine gewisse Distanz zu ihrem eigenen Tun und den Kämpfen zwischen und in ihren Parteien entwickelt haben, sondern auch die oft bemühte Größe im Umgang miteinander. Und - zweifellos eher selten im bundespolitischen Tagesgeschäft - sich beim Volk eine Glaubwürdigkeit durch einen eigenen Kopf erarbeitet haben: "Politiker lernen, die Programmatik ihrer Partei so zu verkaufen, dass sie zum Zeitgeist passt", brachte Finanzpolitiker Oswald Metzger die gegensätzliche, doch weit verbreitete Haltung auf den Punkt. "Dieses Hin- und Herschwenken, damit habe ich ein Riesenproblem, weil ich in Anspruch nehme, Überzeugungen zu vertreten" – weshalb er 2008 in Stuttgart sein Landtagsmandat für die Grünen niederlegte und zur CDU wechselte. Um dort die Erfahrung zu machen, dass "jede Partei Probleme hat, wenn jemand als Quereinsteiger kommt": "Parteien vermitteln schon das Gefühl, man muss sich unten anstellen."

Zumindest sollte ein Neuling nicht zu viel nerven, wie Metzgers ehemalige Grünen-Kollegin und Ex-Gesundheitsministerin Andrea Fischer schmunzelnd anmerkte. Die Politikerin ermöglichte Plasberg die zumindest kurzzeitige Rückkehr aus den Erinnerungen vergangener Tage in die Gegenwart und dieser brachte den jüngst von der Bundeskanzlerin eiskalt abservierten Norbert Röttgen in die Diskussion ein. Das sei kein Umgang gewesen, monierte CDU-Kollege Norbert Blüm: "Eine Wahlniederlage ist kein Grund, ein Amt aufzugeben oder entlassen zu werden." Und auch die Feststellung des Politikberaters Michael Spreng, wenn die Wölfe näher kämen, werde halt einer vom Schlitten geworfen, das sei schon im alten Russland so gewesen, konnte den langjährigen Arbeitsminister der Regierung Helmut Kohls in seiner christlich-sozialen Grundhaltung nicht beirren.

Ränkeschmiede und Allmachtsfantasien

Womit die Runde auch wieder in der Vergangenheit angekommen war: Blüm durfte - unterlegt von historischen Filmausschnitten - noch einmal erzählen, wie er seinerzeit gegen den großen Kanzler und allmächtigen Parteivorsitzenden aufgemuckt hatte - "wer da ein Bier mit mir getrunken hat, der hat seine Karriere gefährdet". Fischer räumte mit Blick auf ihren Rücktritt als Gesundheitsministerin in Folge der BSE-Krise 2001 ein, sie habe nicht klug genug Parteitruppen aufgebaut und ihr habe am Ende auch die Bereitschaft gefehlt, bis zuletzt zu kämpfen. Und Wolfgang Kubicki durfte, wie schon vor zwei Monaten bei Günther Jauch, ausführlich von seinen Selbstmordgedanken vor 20 Jahren wegen innerparteilicher Intrigen erzählen. Dem Moderator erklärte er sehr sympathisch den Unterschied zwischen später Rache und Revanche gegenüber einigen "Parteifreunden" nach seinem Comeback einige Jahre später: "Es haben sich einige Hoffnungen nicht erfüllt …"

Wie überhaupt der 60-Jährige, der heute als Alterspräsident die Sitzungsperiode des neuen schleswig-holsteinischen Landtags eröffnet, an diesem Abend eine solch gewitzte und zugleich altersweise Figur machte, dass bei Plasbergs Schlussfrage sich alle anderen Gäste ihn als politischen Chef aus dieser Runde wünschten. Vielleicht auch, weil Kubicki formuliert hatte, was so viele in diesem Land denken: Der Anspruch der Politik, immer alles zu regeln, sei ein falscher - "die Menschen verzweifeln langsam an den Allmachtsfantasien der Politiker".


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