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Ende der Eiszeit Warum Erdogan mit Putin plötzlich auf Kuschelkurs geht

Sieben Monate hat Wladimir Putin darauf gewartet: Eine Entschuldigung von Erdogan für den Abschuss eines russischen Kampfjets. Nun hat er sie bekommen. Der türkische Präsident will sich mit Moskau versöhnen.

Darauf hat Moskau seit dem 24. November 2015 gewartet: eine Entschuldigung. An jenem Tag schoss die Türkei einen russischen Kampfjet ab. Der Flieger hatte sich angeblich für wenige Augenblicke im türkischen Luftraum aufgehalten. Grund genug für die türkischen Piloten zu feuern. Wladimir Putin tobte vor Wut. Die Türkei habe ihm einen "Dolchstoß in den Rücken" versetzt. Der russische Präsident läutete mit den "Helfershelfern der Terroristen", wie er Ankara bezeichnete, eine politische Eiszeit ein und forderte nur eins: eine Entschuldigung. Aber Erdogan schaltete auf stur.

Sieben Monate später bekam der Kremlchef die ersehnte Entschuldigung nun doch. Am Montag äußerte der türkische Präsident in einem Brief an Wladimir Putin sein Bedauern über den Abschuss. "Wir hatten nie die Absicht, ein Flugzeug der Russischen Föderation abzuschießen", zitiert der Kreml aus dem Brief, den er auf seiner Website veröffentlichte. An die Familie des Piloten, der bei dem Abschuss ums Leben kam, schrieb Erdogan demnach: "Ich möchte noch einmal mein Mitgefühl und meine tiefe Anteilnahme ausdrücken und sage: Entschuldigen Sie". Die türkische Regierung sei sogar bereit, Russland , "falls erforderlich", eine Entschädigung zu zahlen, wie der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim ankündigte.

Ein Schachzug, der Feinde wieder zu Freunden machen könnte. Aber warum sucht Erdogan jetzt die Aussöhnung mit Putin? Und das auch noch zu den Bedingungen des Kremls. Die Antwort: Die sieben Monate, die seit dem Abschuss des russischen Jets vergangen sind, haben gezeigt, dass der Bruch mit dem einstigen Schlüsselpartner Ankara keine Vorteile bringt.

Erdogan im Clinch mit Verbündeten

Durch den Konfrontationskurs, den Erdogan in den vergangenen Monaten gegenüber seinen Verbündeten und Nachbarn einschlug, gerät die Türkei zunehmend in eine Isolation. Mit der EU kommt es ständig zu neuen Reibereien. Sei es aufgrund der vom Bundestag verabschiedeten Armenien-Resolution, die den Massenmord an bis zu 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord eingestuft, oder dem Streit rund um den Flüchtlings-Deal. Die Chancen, in absehbarer Zeit die lang ersehnte Einladung in die Europäische Union zu erhalten, laufen scheinbar gegen Null.

Auch mit den USA gerät die Türkei immer wieder aneinander. Im Kampf gegen den IS unterstützt Washington die Kurdenmiliz YPG und ihrem zivilen Arm, die PYD. Ankara stuft die Kurden-Organisationen jedoch als terroristische Gruppen ein. Seit bald 40 Jahren führt nun die Türkei einen erbitterten Kampf gegen sie.  

Durch den Bruch mit Moskau vergraulte Ankara einen weiteren Verbündeten, den sie nicht nur im Kampf gegen den IS braucht, sondern der auch in der Lage ist, schmerzhafte Sanktionen zu verhängen.

Die Sanktionen von Wladimir Putin

Nach dem Abschuss des russischen Jets verhängte Moskau unter anderem einen Importstop für türkisches Obst und Gemüse, der die Landwirtschaft empfindlich trifft. Vor dem Verbot importierte Russland zwischen 34 und 50 Prozent seines Gemüses und Obstes aus der Türkei. Das geht aus einer Statistik der russischen Bundesakademie für Volkswirtschaft und öffentliche Verwaltung hervor. Inzwischen stammen lediglich drei bis vier Prozent des Gemüses und Obstes in den russischen Supermärkten aus der Türkei.

Die Eintrittsbarrieren für türkische Firmen und Arbeitskräfte wurden erhöht. Vor allem den Bausektor trifft es hart, da türkische Unternehmen bis zu dem Verhängen der Sanktionen  eine gehobene Stellung in Russland innehatten.

Gestoppt wurden auch wichtige Projekte im Energiesektor. Die Gas-Pipeline Turkstream und ein mit russischer Hilfe geplantes Atomkraftwerk in der Türkei wurden auf Eis gelegt.

Wladimir Putin beendet Funkstille mit Erdogan 

Unter dem Bruch des einst freundschaftlichen Verhältnisses hat insbesondere auch die Touristikbranche zu leiden. Die Türkei gehörte lange zu den beliebtesten Reisezielen der Russen. 2014 machten 3,29 Millionen russische Touristen dort Urlaub. Wie die Vereinigung der russischen Reiseveranstalter berichtet, brachen die Buchungen bis zum Mai 2016 um 90 Prozent ein. Die Strände an der türkischen Riviera bleiben halb leer. Für die Türkei ist diese Entwicklung ein gravierendes Problem. 4,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes des Landes stammen aus dem Tourismus. 

Ob Erdogans Entschuldig überzeugend genug war, um die russischen Touristen wieder milde zu stimmen, bleibt abzuwarten. Putin schein sie erstmal eine ausreichende Grundlage zu bieten, um weitere Gespräche zu führen. Am kommenden Mittwoch will er nach sieben Monaten Funkstille wieder mit Erdogan telefonieren.


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