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TV-Kritik zu "Anne Will": Das Siechen der Griechen

Bei Anne Will regieren Stammtischparolen, wenn es um Griechenland geht. Und während die einen noch 20 Jahre mehr Zeit fordern, sehen die anderen das Land schon in Afrika.

Von Jan Zier

Populismus hilft. Weil: Die Welt irgendwie differenzierter zu betrachten, macht sie ja meist etwas unübersichtlicher. Einfacher ist es da, man hält es mit dem Stammtisch. So wie die ARD. So wie Anne Will an diesem Abend. Zahlen wir die "Euro-Zeche" allein - jetzt wo die Griechen und die Franzosen den Sparkurs abgewählt haben? Soviel grobes Pauschalurteil bei der Themensetzung war selten. Differenzierungen? Fehl am Platze.

Die Runde nimmt den Ball an diesem Abend dankbar auf. Es ist halt doch einfacher, so wie etwa der bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU) mit dem "fleißigen" Deutschen und dem "schlitzohrigen" Griechen zu argumentieren, der uns im Grunde doch immer "bescheißt", "an der Nase rumführt". Der "einzig sinnvolle Weg", sagt Söder, ist der, dass Griechenland die Eurozone wieder verlässt, die Drachme wieder einführt. Alles andere – das wäre ja doch, als ob man in der Wüste Blumen gösse. "Der deutsche Steuerzahler hat das Recht, dass jetzt Schluss ist." Hat er?

"Europa oder Afrika", da müsse sich Griechenland jetzt entscheiden, sagt auch Jorgo Chatzimarkakis, FDP-Europaparlamentarier mit einschlägigem Migrationshintergrund. Um dann doch erstaunlich sozialliberal zu argumentieren an diesem Abend. "Die griechische Bevölkerung leidet für die Politiker", sagt Chatzimarkakis – und dass man denen nicht vertrauen solle. Für ihn steht schon übrigens auch schon fest, dass am 17. Juni in Griechenland Neuwahlen stattfinden. Worum es dabei geht? "Die europäische Idee steht auf dem Spiel."

Mehr Obdachlose in Athen als in der BRD

Während die einen an diesem Abend den "Zahl- und Zuchtmeister" geben, wie der Politik-Professor Christoph Butterwegge das nennt, versuchen die anderen noch, das Bild des emsig helfenden und zahlenden Deutschen zu entkräften. "Man kann doch im ernst nicht sagen, dass Griechenland geholfen wurde", empört sich Sahra Wagenknecht, die stellvertretende Vorsitzende der linken Bundestagsfraktion, die als ehemalige Abgeordnete im Europäischen Parlament ebenda von Chatzimarkakis "vermisst" wird.

Wagenknecht spricht von der grassierenden Armut in Griechenland, von der steigenden Selbstmordrate, von den immensen Kürzungen im Gesundheitswesen, bei den Investitionen. Und davon, dass von 73 Milliarden Euro bis auf drei alle an die Gläubiger geflossen sein. Auch für ex-SPDler Butterwegge ist die Lage in Griechenland Symbol des "Scheiterns des Finanzmarktkapitalismus". Allein in Athen gebe es heute mehr Obdachlose als in der ganzen Bundesrepublik, sagt der Armutsforscher. "Was für ein Europa ist das eigentlich?"

Irgendwo dazwischen sitzt Hans Eichel (SPD), der ehemalige Bundesfinanzminister, der einst den Griechen mit zum Euro verholfen hat. Er fordert "wesentlich mehr Zeit" für Griechenland, also 20, 25 Jahre mehr. Und "natürlich" eine Finanztransaktionssteuer. Eichel sagt, dass man zu lange "einseitig" auf Konsolidierung gesetzt habe, ein Investitionsprogramm für Griechenland starten müsse. Und dass eine Verstaatlichung von Banken im Grunde "kein Unglück" wäre.

Der Stammtisch schimpft über den "barbarischen Sparkurs"

Nebenbei werden in der Runde aus politischen Altvorderen aber auch alte Rechnungen beglichen, gerne auch im wilden Durcheinander, dass Anne Will mühsam zu ordnen versucht. Mit mäßigem Erfolg. Wie war das damals, als Oskar Lafontaine noch Chef der SPD war? Und wie mit der Körperschaftssteuer 2001? Und so weiter. Und so überflüssig.

Ach ja, um Frankreich geht es auch irgendwie an diesem Abend. Aber nur so am Rande. Der Versuch, die Wahlen in Griechenland und Frankreich in einer Sendung zu verhandeln, in der Rede über den "barbarischen" Sparkurs gar den großen Bogen zu schlagen – er ist hier gescheitert. Einen gewissen Charme hätte die Idee ja gehabt. Aber eben nicht am Stammtisch.