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Zauberer-Duo: Selbst Copperfield will von ihnen lernen: Das sind die "Ehrlich Brothers"

Es wird wieder gezaubert im Land. "Ehrlich Brothers" nennen sich Andreas und Chris Reinelt aus Bünde. Sie ziehen Hunderttausende an - und sind die Erben von Siegfried und Roy.

Von Christoph Farkas

Ehrlich Brothers

Es blitzt und kracht in deutschen Stadthallen, dann sind sie da: Andreas (r.) und Chris Reinelt, die Ehrlich Brothers

Heiligabend 1986 in Herford, Ostwestfalen. Andreas Reinelt, acht Jahre alt und eine Brille im Gesicht, wie sie heute nur noch sehr alte Männer tragen, öffnet sein Geschenk und tut überrascht: ein Zauberkasten! Auf der Verpackung strahlt ihn ein Mann mit Schnauzer an, Föhnfrisur, Zauberstab und Kaninchen. Andreas zaubert sofort los. Er lässt Kugeln verschwinden und wieder auftauchen, riecht die Farbe eines Würfels. Die Familie ist baff, wie ist das möglich? Was seine Eltern und die Schwester nicht wissen, auch nicht sein Bruder Christian, vier Jahre jünger und einen Kopf kleiner: Andreas hat heimlich geprobt. Er hat den Zauberkasten schon Tage vorher im Schlafzimmerschrank seiner Eltern entdeckt.

30 Jahre später steht ein leerer Teleporter auf der Bühne des Tempodroms in Berlin; ein Gerät, wie es Captain Kirk an Bord der "Enterprise" nutzte. Ein paar Tausend Menschen warten gebannt auf die Ankunft des größten deutschen Zauber-Duos seit Siegfried und Roy: Andreas und Chris Reinelt, die "Ehrlich Brothers".

"Guten Abend, Berlin, seid ihr gut drauf?"

Guns N’ Roses krachen aus den Boxen, es nebelt und blitzt, und im Teleporter materialisieren sich zwei Männer. Boygroup-Frisuren, Lederjacken, Jeans, Nietenboots. Sie springen auf die Bühne, Wumms, Feuerwerk, "Guten Abend, Berlin, seid ihr gut drauf?" Das Publikum ist bestens drauf, wie an jedem Ort, wo die Brüder auftauchen. Es ist Anfang Oktober, die Vorpremiere zur neuen Tour. Der erste Auftritt nach ihrem Weltrekord. 38 503 Menschen – mehr als je zuvor bei einer Zaubershow – feierten Ende Juni im Frankfurter Stadion, wie die Ehrlich Brothers Schwiegermütter verschwinden ließen, Bahnschienen zu Herzen bogen oder ein Spielzeugauto in einen Monstertruck verwandelten. Eine gigantische Show für ein Massenpublikum. Helene Fischer – das ist ihre Liga, wenn es um Ticketverkäufe geht; mehr als eine Million Zuschauer waren auf ihrer letzten Tour. Und das in einem Land, in dem sich Veranstalter und Fernsehsender jahrzehntelang ziemlich einig waren, dass Zauberei nicht funktioniert auf großen Bühnen. Siegfried Fischbacher und Roy Uwe Ludwig Horn sind erst in Las Vegas mit weißen Tigern Weltstars geworden.

Die Illusionskunst der Ehrlich Brothers ist meisterhaft

Eben noch ein kleines Spielzeugauto, wird unter der blauen Plane gleich ein Monstertruck sichtbar. Wetten? Die Illusionskunst der Ehrlich Brothers ist meisterhaft.


Am Stadtrand von Bünde in Ostwestfalen steht ein helles, zweistöckiges Haus mit Panoramafenstern. Die Büros der Ehrlich Brothers Entertainment GmbH und Co. KG. Gesunder deutscher Mittelstand. Hinter den Büros liegt der Maschinenraum ihrer Show, eine Werkhalle, 1000 Quadratmeter groß. Die Zauberwerkstatt.

Regale bis zur Decke, darin alle denkbaren Kabel, Schrauben, Gewinde, Platten. In einer Ecke verpackt der Teleporter. Zauberkunst ist Handwerk. Die Ehrlich Brothers haben mehr als 1000 Zulieferer, kennen die Möglichkeiten unzähliger Materialien, von Kohlefaser bis Edelstahl. Andreas und Chris Reinelt stehen allein in der Halle. Die meisten ihrer 15 festen Mitarbeiter – Ingenieure, Pyrotechniker, Pneumatiker – haben einige Tage freibekommen. "Die haben vor Berlin monatelang durchgekeult", sagt Andreas.

Aus Andreas wird Andy McJoy

Die Sache mit dem Zauberkasten im Kleiderschrank ist der Ursprung. "Meine Eltern haben echt gedacht, ich wär hochbegabt" , erzählt Andreas Reinelt. Der Anfang ist gemacht. Von einem Zauberer aus Herford bekommt er einen magischen Kochtopf, in den er Bonbons hineinzaubern kann. Und Kataloge, in denen es Zauberzubehör gibt: "Ich hab die gefressen, mein ganzes Taschengeld verballert." Bei ersten Auftritten, im Seniorenheim der Oma, im Partykeller der Nachbarn, verdient er ein paar Mark für immer neue Tricks. So zaubert er sich nach oben. Vater Werner, Berufsschullehrer für Kfz-Mechanik und Kinderliedkomponist, bastelt mit ihm im Werkkeller neue Zauberstücke. Es folgen immer mehr Auftritte, mehr Geld, 200, 800, 1000 Mark pro Abend. Andreas wird zum Zauberer "Andy McJoy", weil das cool und nach Fun klingt, er macht Abitur, Zivildienst und beginnt ein Lehramtsstudium, "auch, um es Papa recht zu machen". Er bricht ab und bereut es nie.

Während Andreas Reinelt erzählt, sitzt Chris still daneben. Er ist ohnehin der Ruhigere der beiden und war auch in der Zauberer-Hierarchie lange der kleine Bruder. Zwar assistiert er Andreas manchmal, doch er spielt lieber Tischtennis, höchste Jugendliga, fast jeden Tag Training. "Er brauchte etwas, wo er besser ist als ich", sagt Andreas. Und Chris nickt. Erst im Schüleraustausch in Bourgen-Bresse, mit 16, wird er Zauberer.

Gegen die Einsamkeit in Frankreich lässt ihm sein Bruder drei Kartendecks zukommen und "Die große Kartenschule" von Roberto Giobbi, Bibel der Kartenzauberei. "Die hab ich verschlungen wie einen Roman", sagt Chris. Wieder in Deutschland, profitiert er von Andreas. Bei Doppel anfragen schickt der einfach den kleinen Bruder. Chris, der nun als "Joker" auftritt, schreibt sich auch an der Uni ein, geht aber nie hin. Nur ihre Schwester erfüllt den Wunsch der Eltern nach "was Anständigem", sie wird Grundschullehrerin.

Zauberer müssen grandiose Selbstdarsteller sein

Im neuen Jahrtausend werden aus Chris Joker und Andy McJoy die "Ehrlich Brothers", weil der Name aufrichtig klingt, im Kopf bleibt und im Ausland, so hoffen sie, funktionieren könnte.

Zauberer müssen grandiose Selbstdarsteller sein, da ist eigentlich wenig Platz für eine zweite Person im Rampenlicht. Siegfried sagte mal über seinen Partner, mit dem er mehr als 40 Jahre auf der Bühne stand: Die größte Illusion sei es, mit Roy klarzukommen. Mit dem Mann, den er als Jungen auf einem Kreuzfahrtschiff kennenlernte, der einen kriegstraumatisierten Alkoholiker zum Vater hatte, wie Siegfried selbst auch.

Die Bedingungen bei Andreas und Chris sind da ganz anders, Brüder, behütet aufgewachsen in Ostwestfalen. Es funktioniert, weil sie sich unterscheiden und ergänzen wie früher gecastete Boygroups. "Für jeden was dabei" , sagt Chris. Er gibt mal naiv, mal mysteriös den Single-Romantiker, sein Bruder ist der gestandene Familienvater, Typ Mann am Grill, für alles und jeden einen Spruch, vor allem für den Bruder. Obwohl ihr Publikum nur die Bühnenfiguren kennt, scheint das irgendwas auszulösen. Sie erzählen von Fans, die nach ihren Shows beschlossen hätten, sich nach Jahren wieder bei ihren Geschwistern zu melden. Abseits der Bühne könnte man sie auch für Geschäftspartner halten, die einander lange schon kennen und schätzen.

Andreas (l.) und Chris Reinelt schleifen in der eigenen Werkstatt in Bünde

Aller Anfang aber ist Handarbeit in der eigenen Werkstatt in Bünde, wo Andreas (l.) und Chris schleifen und schweißen und zimmern


In den Nullerjahren machen sie als Zauberer für Industriekunden Karriere. Ein Programm für den deutschen Mittelstand, Stihl, Obi, Rügenwalder. Geschäftsführer zersägen, Plüschbiber wegzaubern, Teewurstrezepte für die Nachwelt magisch konservieren. Ein Leben als Unterhaltungsdienstleister. 2003 starten sie dann eine kleine Tour durch Nordrhein-Westfalen. Chris soll für die Zauber-WM trainieren. Zehn Shows ohne Techniker, das ganze Equipment in Andreas’ altem Kadett und einem Sharan, vom Vater geborgt. Knochenharte Arbeit, kaum Zuschauer. Die Zeit ist noch nicht reif, spüren sie. "Das Produkt musste außergewöhnlicher werden", sagt Andreas. Immerhin: Chris gewinnt bei der WM, weil er voraussagen kann, wie sich eine Fremde aus dem Publikum ein Date mit ihm vorstellt: Spazierengehen, dann ein Käsefondue und Rotwein.

Copperfield, größter Zauberer der Gegenwart, ruft im Winter 2011 in Bünde an

Fast zehn Jahre später halten die Brüder ihren Moment für gekommen. Das hat vor allem mit zwei Männern zu tun: David Copperfield und Dirk Roßmann. Copperfield, größter Zauberer der Gegenwart, ruft im Winter 2011 in Bünde an und will ihnen zwei Tricks abkaufen. Den Orangenkern, aus dem wie im Zeitraffer ein Bäumchen wächst. Und die Nummer, bei der sie es mit hochgekrempelten Ärmeln aus ihren Händen schneien lassen. Fast ein Jahr feilschen sie, ohne Ergebnis. Andreas: "Scheiße, dachten wir, unser größtes PR-Ding geht uns durch die Lappen. Erst später wurde uns klar: So rum war es die viel geilere Story: Copperfield kriegt unsere Tricks nicht!"

Die Anfrage macht selbstbewusst. Jetzt eine Deutschland-Tour? Alle Veranstalter winken ab. Also nehmen sie bei Banken und Unternehmern eine halbe Million Euro Kredit auf, buchen ihre Tour selbst, 30 Tage, 30 Shows. Hier kommt Dirk Roßmann ins Spiel. Sie haben ihn auf Firmenfeiern regelmäßig zersägt oder sein Geld weggezaubert, auch bei seinem 65. Geburtstag. Der Unternehmer hilft ihnen, die Hallen vollzukriegen, verteilt Tickets an Mitarbeiter, lässt in Filialen Plakate aufhängen und auf Kassenbons Rabattgutscheine drucken. Die Hälfte der 30 000 Zuschauer auf der Tour kommt von Rossmann.

Keine Kaninchen, keine Zylinder, keine Zauberstäbe

Die Shows der Brüder werden auch deshalb größer und aufwendiger, weil sie mit dem, was sich viele unter einer herkömmlichen Zaubershow vorstellen, so wenig zu tun haben. Die Verpackung – ökonomisches Zauberwort – sei eine grundlegend andere. Keine Kaninchen, keine Zylinder, keine Zauberstäbe, stattdessen Lederjacken, Popmusik, Lichtshow, beeindruckendes Feuerwerk und perfekt getimte Pointen, gern auch mal recht flach. Sie haben nicht nur die Shows anderer Zauberer studiert, sondern auch Madonna, Lady Gaga, Rammstein.

Mit ihrem neuen Programm "Faszination" werden sie nun bis Mai durchs Land ziehen, oft zwei Shows am Tag spielen. Es wird sich, das kann man schon sagen, an alle richten. Die Rollenbilder sind dabei klassisch: Für Männer fahren sie mit einer Harley aus einem Rieseni-Phone, für Frauen zaubert Single-Chris aus einem Papierkügelchen eine Rose, während Andreas im Kerzenschein Coldplay am Klavier spielt. Für Kinder macht ein Floh Kartentricks. Es gibt Bauchreden und andere Faxen, einen Schattentanz und sehr emotionale Passagen, etwa, wenn sie aus Draht das Wort Danke formen und damit an ihren Vater erinnern, der vor drei Jahren an Leukämie gestorben ist. Wenn die vielen verschiedenen Menschen in der Show irgendetwas eint, dann ist es vielleicht die Vorliebe für bunte Brillengestelle, Tour-Shirts, karierte Kurzarmhemden und Mitklatschen.

"Es hat eben gedauert"

Hat die Faszination des Publikums für ihre Illusionen etwas mit unserer Zeit zu tun? Mit ihren Krisen, Fake News, Wahrheitskämpfen? Feuilletonistisches Gewäsch, glaubt Chris. "Wenn wir diese Show vor zehn Jahren gehabt hätten, sie wäre genauso eingeschlagen. Wenn die Show, die Persönlichkeit und alles drumherum einfach so gut ist, dann hat sie irgendwann Erfolg. Wir mussten unsere Show zu etwas ganz Besonderem machen, das hat eben gedauert." So sei es bei allen großen Zauberern gewesen: Houdini, Siegfried und Roy, Copperfield. Vollendetes Handwerk, Persönlichkeit und Marketing. Und der Mensch hat immer schon große Lust daran gehabt, zu bestaunen, was er nicht begreifen kann.

Wie Andreas und Chris Reinelt da so sitzen, auf dem Ledersofa in ihrem Bündener Büro kurz vor Mitternacht, müde, aber zufrieden mit sich und der Welt, fragt man sich: Was soll jetzt noch Größeres kommen? Sie haben Stadien gefüllt und sich durch die deutsche Kulturlandschaft gezaubert: waren in Wacken, bei Carmen Nebel, dem Tigerenten Club, der 3-Sat-Gala. An den Wänden hängen auf Leinwand gespannte Bilder ihrer Megashows, ein Sideboard steht voll mit Pokalen, dazwischen ein von Uri Geller signierter Löffel und eine Tigerpostkarte von Siegfried und Roy aus Vegas: "Wir freuen uns, dass es euch gibt."

Vegas, wär das nicht was? "Wer braucht Vegas, wenn er auch Bonn haben kann", hat Andreas Reinelt dazu mal gesagt und weniger kokett gemeint, als es klingt. Vor zehn Jahren waren sie mal dort, wo angeblich alle großen Zauberer hinmüssen. Nur eine Mappe haben sie drüben gelassen. "Wir lieben Deutschland", sagt Andreas, und Chris nickt. Die Showkünstler in Las Vegas seien ihnen wie Maschinen vorgekommen. Die Stadt hat sie befremdet, diese Illusion in der Wüste von Nevada.