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Kampf gegen den IS: Bundeswehrsoldaten im Irak zwischen Lebensgefahr und Langeweile: Wie sie leben, essen, feiern

Im irakischen Erbil trainieren deutsche Soldaten kurdische Peschmerga für den Kampf gegen den IS. Das bedeutet viel Zeit in einer Containerkneipe mit beschränkter Schanklizenz. Krug und Frieden – eine Reportage.

Von Frederik Seeler

Um halb zehn beginnt der Angriff. Sie versuchen es über die Flanke. Ich schwitze, der Hauptmann atmet aus, spannt die Hände an, dann schießt er. Plastik knallt auf Plastik. Vorbei. Neben mir öffnet ein Soldat eine Dose Bier, die Kohlensäure zischt, er trinkt den Schaum ab. "Den hättest du machen können", sagt er. Wir stehen am Kickertisch in der Kneipe – am Bundeswehrstützpunkt im Nordirak. Ich spiele gegen den Hauptmann Tim B., und wir spielen um Einsatz: die nächste Runde Bier. Es steht 9:8. Er verliert den Ball, ich stochere die Kugel über die Bande ins Tor. Sieg! Ich reiße die Hände hoch. Schweißflecken. Siegesduft. Tim schaut mich fragend an. Eigentlich bringt er kurdischen Soldaten bei, wie man sich gegen den IS verteidigt, aber seine Verteidigung im Tischfußball? Eher schwach. Das sage ich ihm auch. Wir be­stellen Bier. "Rückspiel?", fragt Tim.

"Hast du dir das Leben im Camp so vorgestellt?"

Nachdem er zweimal hintereinander gewonnen hat, setzen wir uns draußen vor die Kneipe auf die Bierbänke. Der Wüstenwind weht uns in die Gesichter, meine Lippen fühlen sich ­trocken an. Tim öffnet eine Dose Erdinger Alkoholfrei. Sein Haar ist kurz geschoren, im Gürtelhalfter steckt eine Pistole vom Typ P8, wie alle Soldaten sie hier tragen. Wir sagen eine Weile nichts, dann gähnen wir gleichzeitig. Er guckt mich an und fragt: "Hast du dir das Leben im Camp so vorgestellt?"

Wir sind im Irak. Ein Land, in dem irgendwann der Krieg anfing und nie wieder aufhörte. 139 deutsche Soldaten und ­Soldatinnen leben auf dem Bundeswehrstützpunkt im Norden des Landes. Sie bringen den Peschmerga, kurdischen Milizen, bei, wie man die Panzerabwehrwaffe "Milan" abfeuert, Wunden verbindet oder Munition in Regale einsortiert. Man hört und liest nur von Soldaten, wenn sie sterben, zu viel saufen oder Wehrmachtsbilder in ihren Spind hängen. Ich habe mich gefragt, wie sie ­leben, essen, feiern. Ich trank Bier in der Kneipe, stemmte Gewichte und begegnete am Ende dem Tod.

Die Bundeswehr im Irak: Viel Zeit in der Containerkneipe mit beschränkter Schanklizenz
Wie eine Kaffeefahrt, nur eben im Irak. Und selbst die Thermoskanne muss sich tarnen.

Wie eine Kaffeefahrt, nur eben im Irak. Und selbst die Thermoskanne muss sich tarnen.

Das Camp "Stephan" misst nur zwei Fußballfelder. Die Deutschen teilen es mit den Schweden und Niederländern. Eingerahmt in Stacheldraht liegt es innerhalb des großen amerikanischen Camps, direkt am Flughafen in Erbil. Ein Dorf aus Containern, Sand und Tarnnetzen. Am Fahnenmast hängt schlaff die deutsche Fahne. Die Luft riecht nach Kerosin, weil Tag und Nacht die Flugzeuge der Amerikaner starten. Der Wüstenstaub setzt sich in meiner Lunge fest, und ich muss immerzu husten. Ein Presseoffizier begleitet den Fotografen und mich bei fast allen Gesprächen, sagt uns, was wir nicht fotografieren dürfen: Antennen, Flugzeuge, die Gesichter von den Italienern, die Abzeichen von den Schweden. Warum? Regeln. Befehle.

Wie auf einer Kaffeefahrt – nur eben im Irak

Sie haben ein minutiöses Programm organisiert: Am ersten Tag esse ich Apfelkuchen mit dem Militärpfarrer, sehe und höre einen Power-Point-Vortrag über den Kurdenkonflikt, ich kaufe mir beinahe ein "I love Erbil"-T-Shirt im amerikanischen Souvenirladen, entscheide aber, dass Ironie-Klamotten irgendwie out sind. Bei der Feldpost schreibe ich eine Postkarte an Mama: "Mir geht es gut, das Wetter ist schön." Zeitweise fühle ich mich wie auf einer Kaffeefahrt. Nur eben im Irak.

Am Nachmittag meines ersten Tags im Lager lerne ich Tim kennen. Beim Arzt. In einem sterilweißen Container mit Medikamentenschrank liegt Tim auf der Liege, seine Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Bizepsadern treten beneidenswert hervor. Der Arzt wickelt ihm Tape um sein Knie. Überbelastet vom Laufen. "Ich mach’ mich gerne so richtig fertig", sagt er und meint damit "Auspowern beim Sport". Tim ist 31 Jahre alt, Fallschirmjäger, Offizier und mir von der ersten Sekunde an sympathisch. Ohne es zu planen, begegnen wir uns immer ­wieder im Lager und freunden uns ein bisschen an. "Was sind die größten Gefahren für die Gesundheit der ­Soldaten?", frage ich den Arzt, während er Tim behandelt. Er zählt auf: "Hautkrankheiten wegen des trockenen Klimas, Sportverletzungen und das amerikanische Essen."

Die Deutschen kämpfen nicht an der Front, sie bilden nur aus. Anfangs standen die Panzer des "Islamischen Staats" 40 Kilometer vom Lager entfernt. Mittlerweile hat die internationale Koalition sie weit zurückgedrängt. Als ich später die Kantinenhalle betrete, verstehe ich, was der Arzt meint. An langen Plastiktischen sitzen die Soldaten und schaufeln sich käseüberbackene Enchiladas in den Mund, frittierte Onionrings und Coke. Stell dir vor, es ist Krieg und alle sind zu satt zum Kämpfen.

Nach dem Essen spazieren wir durchs Lager. Plötzlich höre ich Techno-Beats. Ein paar Meter weiter tanzen braun ge­brannte Männer auf einem Container. Auf ihren engen T-Shirts erkenne ich die niederländische Flagge. Einer der Niederländer habe ein Mischpult von Zuhause mitgebracht und lege an den Abenden Hardstyle und Techno auf, erzählt man mir. Die Niederländer feiern Raves, die Schweden haben eine Sauna gezimmert, die Italiener backen Pizza in ihrem Steinofen.

Und die Deutschen? Veranstalten einen "Tatort"-Gottesdienst, trennen Müll. Aber sie haben etwas, was keine andere Nation hat: eine Kneipe. In der Mitte des Camps, direkt neben den Wohncontainern und der Feldpost. Der Name: "GERbil". Ein bisschen unkreativ. Warum nicht "UnkommandierBAR", "Strammgestanden" oder "TaliBAR"? Na ja, auch nicht besser.
Draußen vor der Kneipe stehen Bierbänke und Aschen­becher. Drinnen sind die Containerwände mit Holz verkleidet wie in einer Skihütte. Hinter dem Tresen Kühlschränke mit Becks, Warsteiner und Erdinger. Heimat in der Dose für einen Euro. Tim und ich setzen uns nach draußen an einen Biertisch. Er erzählt, dass er als 18-Jähriger nach dem Abitur zur Bundeswehr kam. Wehrdienst. Er war ein ziemliches Problemkind, sagt er und will das lieber nicht genauer erklären. Mittlerweile ist er 31. Ich frage ihn, ob er sich manchmal langweilt. Er sagt: "Passt schon, man schafft sich seine Routine: Arbeit, laufen, mit meiner Frau facetimen." Und: Im Gegensatz zu vielen seiner Kameraden darf er den Stützpunkt verlassen.

"Im Vergleich zu anderen Einsätzen ist das hier eine Mischung aus Mali und Mallorca"

Etwa 40 der 139 deutschen Soldaten bilden kurdische Peschmerga-Milizen aus. Dafür dürfen sie täglich in das 30 Minuten entfernte Trainingscamp fahren. Die anderen verbringen bis zu sechs Monate innerhalb der sicheren Umzäunung. Am Dienstag ist Filmabend, am Samstag Bibelfrühstück, der Militärpfarrer backt Schwarzbrot. "Das ist schon manchmal harte Langeweile hier", sagt ein Soldat am Biertisch. "Wir haben es einfach gut", erzählt ein älterer Soldat, der 1993 in Somalia im Einsatz war: "Damals schliefen wir in Zelten in der Wüste, wir hatten nur ein Ölfass zum Kacken." Ein anderer sagt: "Im Vergleich zu anderen Einsätzen ist das hier eine Mischung aus Mali und Mallorca."

Andere Einsätze, das heißt vor allem Afghanistan. 57 deutsche Soldaten starben dort, 35 davon "durch Fremdeinwirkung", wie es in offiziellen Berichten heißt: Sie wurden erschossen, fuhren auf Sprengfallen, starben bei Verkehrsunfällen. Aber auch im Nordirak verschwindet die Gefahr nie ganz. Eine Woche bevor ich das Camp besuche, soll der IS eine Bombe unter das Auto einer kurdischen Patrouille geklebt haben. Tim sagt, dass er drei Wochen vor dem Einsatz seine Freundin geheiratet hat: "Falls du fällst, bekommt deine Freundin einen feuchten Händedruck, deine Ehefrau aber bekommt 100.000 Euro und eine Witwenrente." Ich schaue ihn an. Er versteht: "Also, wir lieben uns und wollten eh heiraten." In zwei Monaten endet sein Einsatz. Dann zieht er zu seiner Frau in das frisch gebaute Einfamilienhaus. Und falls er stirbt? "Ich habe einen Brief geschrieben und in einen Ordner gesteckt. In dem Brief steht am Ende: Schade, dass es vorbei ist. Trauer nicht zu lang. Ich liebe Dich."

Am nächsten Morgen fahre ich mit Tim im gepanzerten SUV ins Ausbildungszentrum, östlich von Erbil. Zwischen grasbewachsenen Hügeln haben die Deutschen Erdwälle aufgeschüttet und ein kleines Dorf aus zweistöckigen Betonhäusern nachgebaut. Dort trainieren die Peschmerga mit den deutschen Ausbildern den Häuserkampf, lernen an den Erdwällen, wie sie eine Stellung verteidigen. Tim und ich laufen zusammen über den staubigen Übungsplatz. Ich höre Schüsse und zucke zu­sammen. Tim grinst. "Internationale Spezialkräfte", sagt er. Sie trainieren auf der Schießbahn. Tim leitet das Trainingslager. Er bestimmt, zusammen mit den Peschmerga-Offizieren, welche Einheit wo und wann trainiert. Als 2014 der IS sein Kalifat ausrief und die irakische Armee größtenteils davonlief, stellten sich Peschmerga den Angreifern entgegen. Deutschland, die USA und ein paar andere Nationen entschieden sich, die Peschmerga zu bewaffnen.

Deutschland lieferte 20.000 Sturmgewehre, dazu Helme, Verbandszeug und panzerbrechende Raketen. Nur brauchten die Peschmerga jemanden, der ihnen zeigt, wie man sie bedient. Die deutschen Ausbilder bringen ihnen aber auch viel grund­legendere Dinge bei: wie man klare Befehle erteilt, Leute nach Waffen abtastet oder Autos am Checkpoint kontrolliert.

An einem der Erdwälle zeigt ein deutscher Ausbilder einem Peschmerga, wie er sich mit dem Maschinengewehr hinlegen soll. Er steht hinter dem jungen Soldaten und dirigiert: "Yes, a little bit to the right, äh, the gun up, please." Die Übersetzerin dolmetscht. Der Soldat nickt und bewegt sich keinen Millimeter. Der Ausbilder dreht sich um. "Man braucht Geduld", sagt er.

Ein kurdischer Offizier kommt auf mich zu. Ein kleiner, runder Mann. Er zerrt mich in den nächsten Schützengraben, wo ein Soldat mit einem deutschen G36-Gewehr liegt. Deutschland hat davon 8000 Stück geliefert. Der Offizier sagt: "We are so thankful to Germany. They should stay the next thousand years". Ich will einwerfen, dass Deutschland schlechte Erfahrung mit tausendjähriger Einsatzplanung gemacht hat, aber er legt den Arm um meine Schulter, als wären wir alte Freunde. Er sagt, dass die Amerikaner nur Öl ­wollen, aber die Deutschen seien aufrecht. Das solle ich genau so schreiben. ­Seine Worte hat er gut durchdacht.

Ende April läuft das Bundeswehr-Mandat aus. Wie viele deutsche Soldaten in Erbil bleiben, steht noch nicht fest. Für die Kurden sind die internationalen Truppen eine Lebensversicherung. Weil Iraker und Türken nicht wollen, dass die Kurden ihren eigenen Staat gründen und schon Saddam Hussein sie mit Giftgas bombardierte.

"Ich sehne mich schon mal nach einem Kampfeinsatz. Einfach mal wissen, wie das ist. Einmal beschossen werden."

Dann winkt uns Tim zu. Neben ihm trottet ein blonder Hund mit etwas verfilztem Fell. "Das ist Bärbel", sagt er und krault ihr die Ohren. "Sie lief mir am ersten Tag zu. Alle hier lieben Bärbel. Als sie Welpen bekam, haben leider nur zwei überlebt. Ich habe direkt geschaut, ob ich die mit nach Hause nehmen kann. Aber die Vorschriften sind da ganz schön streng. Also hat einer der Übersetzer für sie eine kurdische Familie gefunden." Tim zeigt mir ein Bild auf dem Handy, auf dem die beiden Welpen aneinander gekuschelt in einem Korb liegen. Kurz wirkt er wie versunken. Er hat die Soldaten um sich herum vergessen, den Krieg , das Heimweh. In der Ferne höre ich wieder Schüsse. Ich kraule Bärbel den Bauch. Ich frage mich, ob es Krieg gäbe, wenn man Baby-Schildkröten, Giraffen oder Koalas auf die Schlachtfelder schicken würde. Welcher Soldat könnte töten bei dem Anblick eines exotischen aber sanften Tiers?

Am Abend, zurück im Camp in Erbil, sitzen Tim und ich mit ein paar seiner Kameraden im deutschen Imbiss und bestellen Currywurst und Jägerschnitzel. Neben Tim sitzen zwei Soldaten einer Spezialeinheit. Fallschirmjäger, mit breitem Kreuz und ausrasiertem Nacken. Wenn es ernst wird, springen sie aus 400 Metern Höhe mit dem Fallschirm in die Schlacht. Nur ­wurde es noch nie ernst. Der Fotograf, der mich begleitet, hat schon in vielen Kriegsgebieten gearbeitet. Die Soldaten fragen, ob er schon ins Lebensgefahr war. Dann erzählt er, wie in Syrien ein Jagdflugzeug eine Rakete auf ihn schoss, wie er in Afghanistan beinahe entführt wurde. Die Soldaten hören zu, sagen kein Wort und starren ihn an. Dann sagt der eine: "Ich sehne mich schon mal nach einem Kampfeinsatz. Einfach mal wissen, wie das ist. Einmal beschossen werden."

Am Abend stehe ich vor der Kneipe und trinke ein Warsteiner aus der Dose. Ich starre auf das Metalltor, das nach draußen führt. Wie wäre es, ein halbes Jahr statt drei Tage hier zu verbringen? Würde ich mir auch wünschen, mal beschossen zu werden? Zermürbt die Langweile mehr als die Angst? Dann kommt Tim auf mich zu, in der Hand eine Dose Erdinger. "Ich habe schlechte Neuigkeiten", sagt er. Gerade habe er mit dem Übersetzer gesprochen, der die Welpen Hänsel und Gretel an die kurdische Familie vermittelt hat. Sie fingen vor ein paar Tagen auf einmal an zu kotzen, krümmten sich vor ­Magenschmerzen, ihre Hundeherzen schlugen langsamer. Ein paar Stunden später waren die Welpen tot.

Ein neidischer Nachbar habe die Welpen vergiftet, sagt er. Tim klammert sich an seine Bierdose. Ich lege meine Hand auf seine Schulter. Einer der Fallschirmjäger kommt dazu, schaut auf den Boden. Er erzählt, dass früher noch ein Hund im Trainingscamp lebte. "Der war besonders treu, hat sich nur von den Deutschen den Bauch kraulen lassen", sagt er. Die anderen ­Soldaten habe er angebellt. "Irgendwann haben sie ihn abgeknallt", sagt er. "Bäm, einfach so." Der Hund habe einen Soldaten zu lange angebellt.
Wir stoßen auf Hänsel und Gretel an, die gefallenen ­Welpen. Vielleicht sind in diesem Moment alle froh, dass am ­Stützpunkt nie etwas passiert.

Wie es weitergeht: Der Bundestag hat beschlossen, dass deutsche Soldaten in Zukunft auch die irakische Armee ausbilden. Ziemlich heikel. Denn die Kurden und Iraker haben sich in der Vergangenheit immer wieder bekämpft. Deutschland steht also zwischen zwei Verbündeten.

Diese Geschichte stammt aus der dritten Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.