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Nüchtern bin ich schüchtern: Party machen ohne Alkohol – geht das überhaupt? Ein Selbstversuch in Berlin

Der Rausch gehört zum Fest, zum Fest gehört der Rausch, dachte eine JWD-Reporterin. Wirklich? Wir haben sie zu einer Party ohne Alkohol geschickt.

Von Julia Kopatzki

Günther Krabbenhöft und seine Freundin Britt Kanja betreten die Tanzfläche

Oldies sind in. Günther Krabbenhöft und seine Freundin Britt Kanja lädt der Veranstalter persönlich ein

Ein schneller Blick zum Tresen, dann duckt sich Mr. Sober Sensation, taucht unter dem DJ-Pult hindurch und schießt goldenes Konfetti auf die tanzenden Menschen. Millisekunden später dreht er wieder an den Plattentellern, als sei nichts gewesen. Der Besitzer des Clubs hat Konfetti verboten. Mr.  Sober Sensation, der eigentlich Gideon Bellin heißt, scheißt darauf. Hier ist alles erlaubt. Bis auf eines: Alkohol.

Ich trinke gern. Hier ein Bier, da einen Drink. Ich mag den Rausch, mag, dass die Gefühle lauter und die Gedanken ­leiser werden. Manchmal mag ich sogar den Kater.

Den Hype um die Smoothie-Techno-Partys am Morgen habe ich müde ­belächelt, die Freunde, die mal nicht trinken konnten oder wollten, bedauert. Dann erzählt mir jemand von den nüchternen Partys in Berlin, die genauso sein sollen wie das, was man sonst aus Berghain-City kennt, nur ohne Alkohol oder Drogen. Das klingt für mich so unwahrscheinlich, dass ich hingehen will.

Es ist ernüchternd

An der Tür steht eine junge Frau mit Stethoskop und Kittel: Türarzt statt -steher. Hier kommt jeder rein, es sei denn, er ist betrunken. Einmal im Monat wird die Party veranstaltet, immer unter der Woche, immer woanders. Heute an einem Donnerstag, im Prachtwerk in Neukölln. Um 20 Uhr geht es los, um Mitternacht ist alles vorbei.

Es ist ernüchternd. Ein großer, heller Raum, weiße Tücher verstecken die alkoholischen Getränkekarten an der Wand, es läuft langsamer House. Vielleicht 50 Menschen sind schon da, viele stehen, einige tanzen. Sie werfen ihre Hände in die Luft, wirbeln herum. Ich finde das absurd und habe Respekt. Ich bin so nüchtern, dass es mir schwerfällt, mich darauf einzulassen.

Menschen, die nicht trinken, haben Angst vor dem Kontrollverlust, glaube ich. Bisher bestätigt sich dieser Eindruck. Es ist langweilig.

"Ich war überrascht, wie geil das war"

Gideon Bellin findet das scheinbar nicht, denn er läuft durch den Raum und strahlt. Handshake hier, Umarmung da. Er ist Gastgeber und DJ, und damit fing auch alles an. Das Dorfleben mit Vollsuff und Blackout wurde Gideon schnell zu viel, mit der Volljährigkeit ließ er das Saufen sein. Er studierte Eventmanagement, fing an, Platten aufzulegen, schmiss mit Freunden illegale Raves. Er war da schon immer nüchtern, seine Gäste eher nicht.

Sober Sensation: So feiert Berlin ganz ohne Alkohol
Tanzende Gäste auf der Party "Sober Sensation"

Sie können sein, was sie wollen: Leoparden oder Glitzerfeen oder einfach junge Singles

Als er auf einer Party während des Ramadan auflegen sollte, fand selbst er das komisch. Party und Alkohol, das ­gehört für die anderen doch immer noch zusammen. Aber: "Ich war überrascht, wie geil das war." Das musste größer ­gehen und ohne Religion. So wurde er Mr. Sober Sensation.

Jetzt ist er 27, die Sober Sensation gibt es in Berlin und Frankfurt, bald in Paris und Tel Aviv. "Wir wollen niemanden missionieren", sagt er, und ich glaube ihm, überzeugt bin ich dennoch nicht.

Der Barkeeper serviert "Mocktails", Saft-Sirup-Gemische, die so tun, als seien sie Cocktails, und alkoholfreien Gin Tonic. Geschmacklich kommt das nah an das, was ich sonst trinke.

Bin ich selbst das Problem?

Die Gäste sind ein Potpourri: Hipsterkids, ältere Kerle, Jeans und Sneaker, Glanz und Gloria. Die einen finden Alkohol einfach blöd, die anderen sind neugierig und wollen mal ausprobieren, ohne zu feiern, und manche wollen dem Alkohol entfliehen, weil sie irgendwann mal viel zu viel davon hatten.

Während die Tanzfläche immer voller wird, einer nach dem anderen zaghaft anfängt, sich zu bewegen, seziere ich die Menschen. Wie tanzt denn der, wie guckt denn die, ist es komisch, dass ich hier so an der Seite stehe und andere beobachte? Es rattert pausenlos in meinem Kopf, und langsam beschleicht mich der Verdacht, dass ich selbst das Problem bin.

"Alkohol ist ein Versteck", sagt Gideon Bellin. Leicht verschleierte Sicht, man denkt nicht mehr so viel. Alkohol schlägt eine Brücke vom Herzen zum Kopf. Bei mir ist es eine Zugbrücke, und sie ist nach oben gezogen. Nicht die anderen, sondern ich habe Angst vor dem Kontroll­verlust. Vor allem habe ich Angst, mich dabei nüchtern zu erleben.

Ich stehe immer noch herum, aber wer geht auch allein auf eine Party?  Ich schreibe Freunden, ob sie vorbeikommen wollen. Es ist Donnerstag, ich halte es für ein überzeugendes Argument, dass es hier keinen Alkohol gibt und sie also morgen fit wären. Alle drei schreiben zurück: kann nicht, bin trinken.

Die Tanzfläche ist voll, die Tanzenden nicht

Um halb zehn tritt Mr. Sober Sensation hinter das DJ-Pult. Die Tanzfläche ist voll, die Tanzenden nicht. Ein alter Mann mit weißem Bart und Schlüsselband um den Hals ist da, Berliner kennen ihn als Komet Bernhard. Normalerweise tanzt er auf den krassesten Technopartys, wenn er kommt, adelt das die Feier.

Und lockt neue Leute an. So wie Günther Krabbenhöft, noch ein alter Mann, immer schnieke mit Hut und Anzug. Als er mit seiner Freundin beginnt zu "Jailhouse Rock" zu tanzen, bildet sich ein Pulk um sie. Die Berliner lieben ihre Rentner-Influencer. Irgendwie ist das hier doch alles eine ganz normale, hippe Party in Neukölln.

Ausgerechnet mit "Mambo No. 5" kriegt mich Mr. Sober Sensation. Ich  mache die Augen zu, versuche, nicht jede meiner Bewegungen zu prüfen und tanze. Die Nebelmaschine pustet und pustet, und eigentlich ist alles egal. Eine Frau mit einem Glas Wein, auch der alkoholfrei, lächelt mich an, ich lächle zurück, frage mich nur kurz, was sie wohl denkt. Irritierend ist das alles nur in meinem Kopf. Als ich gehe, sage ich, dass ich mir jetzt ein Bier kaufe. Bis ich merke, dass ich gar keins will. Alkohol ist ein Versteck, ein schönes, in dem ich Feigling wirklich gern bin. Aber manchmal ist es gut, ­herauszukommen.

Diese Geschichte stammt aus der elften Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier

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