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Elbschlosskeller: "Kein normaler Mensch hält das hier aus": Am Tresen der härtesten Kneipe Deutschlands

Der Elbschlosskeller in Hamburgs berühmtem Stadtteil St. Pauli gilt als härteste Kneipe Deutschlands. Was da passiert? Wir haben uns einen Tag lang an den Tresen gesetzt – und mehr als eine runtergekommene Kaschemme entdeckt.

Von Nele Justus

Elbschlosskeller in Hamburg

Frank, der Fahrradfahrer: Ganz freihändig ging’s nicht mehr, nachmittags um vier. Aber posen, das läuft auch mit Pegel

Kaum bin ich drin, steht das erste Bier vor mir. Kneipenrunde. Rita, 65, weiße Haare, dicke Tränensäcke, ihre Stimme klingt wie Zarah Leander, nur nach mehr Selbstgedrehten und mehr Schnaps, hat am Spielautomaten 140 Euro gewonnen. Das wird gefeiert. Und geteilt. Rita gibt einen aus. "Ja, Prost dann", sage ich zu der Frau neben mir. Wir klinken Flaschen. "Ich bin die Urmel", sagt die. "Eigentlich wollte ich schon vor zwei Stunden los. Aber du siehst ja, mir kommt immer ein Bier dazwischen. So ist das hier. Willst nur kurz vorbeikommen und bleibst den ganzen Tag. Oder zwei." Der Keller ist wie ein schwarzes Loch, das Licht und Zeit verschluckt. Tag und Nacht verschwimmen hier zwischen dem Rauch der Zigaretten, dem Alkoholdunst und den Bässen aus der Musikbox, die nie aufhören zu wummern.

Seit 67 Jahren hat der Keller geöffnet, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden lang. Am Wochenende kommen die Touristen und das Partyvolk. Sie werden wie in Wellen auf den Hamburger Berg geschwemmt, eine Seitenstraße der Reeperbahn in Hamburg.

Der Elbschlosskeller, Hausnummer 38, ist die erste Kneipe auf der rechten Seite. Schräg gegenüber von Kentucky Fried Chicken, vor dessen Tür nachts die Penner ihr Lager aufschlagen. Der Keller scheidet die Geister. Manche sagen, er sei eine dieser ehrlichen Kneipen, eine Institution auf St. Pauli, voll korrekt, beste Stimmung, Holzvertäfelung, Pole-Dance-Stange, faire Preise. Das Bier kostet 2,20 Euro, Korn 1,40 Euro. Eine abgefuckte Kaschemme, sagen die anderen, die härteste Kneipe Deutschlands, ein Drecksloch. Alles versifft und vollgekotzt. Immer Schlägereien, immer Ärger. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Am Wochenende stand mal wieder die Polizei vor der Tür, Prügelei, nichts Ernstes. Aber es sah so aus, als wollte einer eine Waffe ziehen. Der Türsteher hat den Mann nach draußen katapultiert und die Kollegen der Davidwache angerufen. Besser fünfmal zu oft die Bullen alarmieren als einmal zu wenig, lautet die Ansage an die Angestellten. Denn Messerstechereien, Verletzte, Tote, hat es alles schon gegeben im Elbschloss­keller. Trotz des Waffenverbots auf der Reeperbahn und rundherum.

Wie ein Paralleluniversum

Heute ist es ruhig im Keller. Fast nur Stammgäste da. Es ist Dienstag, 14 Uhr, draußen sind Minusgrade, die Sonne scheint. Steigt man die vier Stufen in den Keller hinab, kriegt man davon nichts mehr mit, weil die weinroten Gardinen vor den Fenstern den Laden verdunkeln. Dann noch ein letzter Schritt durch den schweren Vorhang an der Tür und es ist, als betrete man ein Paralleluniversum. Eines, in dem die Durchgedrehten, die Abgebrannten, die Einsamen, die Heimatlosen die Normalos sind und wir ­Normalos die, die auffallen. Vorne links in der Ecke sitzen zwei Punks mit Hund vor einem Teller Suppe. Am Tresen stützt sich Ricardo, 64, auf seine dicken Unterarme. An seiner Nase klebt ein Rest Blut, im eingefallenen Mund hat er kaum noch Zähne, sein  Gebiss hat er zu Hause gelassen. "Das drückt immer so, Mädchen." Neben ihm hockt Sascha, 27, auf einem der Barstühle, die am Boden festgeschraubt sind, damit man sie nicht werfen kann. Auch ihm fehlt ein Zahn. "Schlägerei?" frage ich. "Nee, zu viel Drogen", antwortet er. "Bin mit sieben von Zuhause weg. Mit elf stand ich am Hauptbahnhof und hab Crack geraucht. Bis ich 16 war." Ein Schluck Wodka-­Cola, ein Zug von seiner Zigarette. "Bist du bei deiner Familie aufgewachsen?", fragt er mich dann. "Ja, bin ich", gebe ich zurück. "Mensch, Glückwunsch. Echt." Seine Exfrau sei mit den Kindern abgehauen, als er aus dem Knast kam. Das war vor drei Jahren. Da habe er sich die übelste Kneipe Hamburgs ausgesucht, wollte mit einem Messer im Herzen in der Ecke verrecken. "Aber alle mochten mich, haben mich aufgenommen wie eine Familie." Deswegen komme er ­immer wieder, manchmal öfter, als ihm guttut.

Der Goldene Handschuh

Zwischen Eskalation und friedlicher Stimmung

Irgendwann später, Zeit ist relativ im Keller, kommt einer rein, den keiner kennt. Dunkle Jacke mit Fellkragen, die Schiebermütze tief in die Stirn gezogen. Er stellt sich an den Tresen und schiebt einen Fünfziger rüber. "Machste ein Bier für mich, der Rest ist für die anderen", sagt er. "Wieso tust du das?", frage ich ­erstaunt. "Mir geht’s doch gut. Da sollen die anderen auch was von haben." Bernd heißt der Gönner, Krabbenfischer aus Ostfriesland. "Warum bist du ausgerechnet in den Elbschlosskeller gekommen?", will ich wissen, "gibt doch Hunderte Kneipen hier?" "Aus alter Verbundenheit", erzählt Bernd. 1967, damals war er zwölf, war er das erste Mal in Hamburg. "Mein Vadder und ich hatten gerade eine Ladung Holz aus Norwegen abgeliefert, damit verdienten wir im Winter unser Geld. Erst sind wir auf den Fischmarkt, ich weiß noch, da hab ich einen Affen geschenkt bekommen, jo, und dann ging’s in den Keller. Schokokuss mit Eierlikör gab’s damals für uns Kinder, der hat geschmeckt!" "Das gibt’s nur hier!", raunt mir Christian von der Seite ins Ohr, Stammgast seit 35 Jahren. Während er redet, kriecht er in mich hinein, so distanzlos wie nur Besoffene sein können. Sein Atem riecht schwer nach Bier und Wein, mit dem hat er schon zum Frühstück angefangen. "Hier siehst du die grell ­geschminkte Wahrheit, die schrägsten ­Vögel, den Bodensatz der Gesellschaft. Die, bei denen du dich wunderst, dass  sie überhaupt noch am Leben sind. Und daneben Millionäre und Anzugträger. Das hat Tradition im Elbschlosskeller." "Alter, sabbel nicht so viel Scheiß", ruft einer. "Is kein Scheiß", ruft Christian. "Halt einfach nur die Fresse", sagt der Erste. "Das heißt nicht Fresse, das heißt Essschlitz", sagt Christian. "Willste aufs Maul? Komm, wir gehen vor die Tür. Ich verpasse dir einen." "Mach’ mal nicht so viel Wind", sagt Christian. "Ich unterhalt mich gerade."

It might seem crazy what I’m ’bout to say klingen die ersten Takte von "Happy" aus der Musikbox. Eine Frau tanzt mit ausgestreckten Armen und geschlossenen Augen auf der Tanzfläche. Und genauso schnell wie die Stimmung eskaliert ist, kehrt Frieden ein in die Finsternis. Penner-Disko, Kiez-Spelunke, Wohnzimmer: Der Elbschlosskeller ist alles auf einmal.

Hier findest du immer einen zum Reden, Saufen, Tanzen und Raufen. Das ist der Segen. Das ist der Fluch. Weil es ein verdammt guter Ort zum Abstürzen ist. Weil man immer länger bleibt, als man vorhatte. Auf noch ein Bier, und noch eines, und dann noch auf einen Kurzen für zwischendurch. Aus dem Keller kommt keiner nüchtern raus. Aber viele schon voll besoffen rein. Dann nämlich, wenn alle anderen Kneipen schließen. Dann treffen sich die hier, die immer noch nicht genug haben. Oder die nicht wissen, wohin. Für manche wird der Elbschlosskeller ihr Zuhause. Fast jeden Abend pennt einer auf dem Ledersofa hinten im Kickerzimmer. Oder auf den Holzbänken daneben. Sie rollen ihre Schlafsäcke aus, mal für eine Nacht, mal für Monate.

"Warum lässt du die hier schlafen?", frage ich Daniel, den Wirt. Er ist 34 Jahre alt und leitet den Keller in zweiter Generation. Er riecht nach Parfum und frisch geduscht, hat ein breites Grinsen, breite Schultern und einen breiten Nacken, nüchtern ist er auch. "Weil die das brauchen", antwortet er. Daniel ist einer, der nie wertet, nie verurteilt. Vielleicht, weil er selbst schon so viel Scheiße erlebt hat, selbst ganz tief unten war. "Meine Mutter war mehrmals in der geschlossenen Psychiatrie, meine Schwester hat sich umgebracht. Nach ihrem Tod habe ich mir zum Beginn jeder Schicht eine Flasche Schnaps genommen und die auf ex weggehauen. Das ging über Wochen. Ich war ein Wrack."

"Den Zerfall siehst du von Schicht zu Schicht"

Deswegen versteht er die Menschen, die vor ihm sitzen. Mit all ihrem Leid, Verlust und Schmerz. Deren Geschichten manchmal so traurig sind, dass man sich gleich wieder einen hinter die Binde kippen will, nur um zu vergessen. Da ist die von Said, der dabei zusehen musste, wie sein Vater erschossen wurde. Die von ­Angie, die erst vergewaltigt und später von ihrem Vater wegen seiner Spielschulden verkauft wurde. "Das Härteste ist immer, denen dabei zuzuschauen, die sich gegen das Leben entschieden haben", sagt Daniel. "Den Zerfall siehst du von Schicht zu Schicht. Das musst du aushalten können. Das Einzige, was ich machen kann, ist ihnen eine gute Zeit bieten." Und das hat er drauf. Wenn der Laden voll ist, ist Daniel in seinem Element. Dann feuert er die Sprüche so schnell raus, wie er die Flaschen öffnet und die Kurzen einschenkt. Zack, zack, zack. Er schmettert aus voller Kehle die Hits mit, schunkelt mit den Gästen, manchmal trinkt er einen mit. "Animieren und poussieren" nennt er das. Wer reinkommt, wird per Handschlag begrüßt. "Mensch, siehst gut aus, mein Lieber", sagt er zum Schönen Klaus, einem ehemaligen Zuhälter. Oder zu einem anderen: "Na, hab dich ’ne Weile nicht gesehen, warste im Knast?" Dass einer im Knast war, ist hier genauso normal wie für andere der Urlaub auf Mallorca. Keine große Sache. "Meine Frau und ich sind die einzigen unter den Angestellten, die nicht gesessen haben", sagt Daniel.

"Kein normaler Mensch hält das hier aus"

"Wie suchst du deine Angestellten aus?", frage ich ihn. "Ich muss sehen, dass einer Bock hat, sich durchsetzen kann. Eine große Fresse hat und ein großes Herz. Kein normaler Mensch hält das hier aus. Die würden nach der ersten Schicht hinschmeißen. Sind ja alle bescheuert hier.

Mein Leben als Wirt in Deutschlands härtester Kneipe: In seinem autobiografischen Buch gibt Daniel Schmidt der Parallelwelt auf St. Pauli, ihrem Mythos und ihren Schicksalen eine authentische Stimme. 

Mein Leben als Wirt in Deutschlands härtester Kneipe: In seinem autobiografischen Buch gibt Daniel Schmidt der Parallelwelt auf St. Pauli, ihrem Mythos und ihren Schicksalen eine authentische Stimme. 

Da braucht man Leute, die auch ein bisschen bescheuert sind. Die gelebt haben, im Knast waren, mit Psychosen umgehen können. Klar sind die oft selber anfällig. Regelmäßig fällt einer aus. Dann springen meine Frau und ich ein. Auch nachts um drei." Daniel ist ein Kiez-Kind. Er kennt fast jeden Laden, jeden Türsteher, jeden Zuhälter, und fast alle kennen ihn. Der Elbschlosskeller sei seine Heimat, sagt er. Seit er 18 ist, steht er hinterm Tresen und hat dabei alle Absurditäten des menschlichen Daseins live und in Farbe gesehen. Da waren Pärchen, die in der Ecke bumsten und gestriegelte Geschäftsmänner, die sich von Transen einen blasen ließen. Einer, der sich den Finger abgeschnitten hatte, aber lieber eine Flasche Korn trinken, als ins Krankenhaus gehen wollte. Ein Pärchen, das sich vor seinen Augen verlobte, um sich gleich am nächsten Tag zu trennen. So sieht sein Alltag aus. Seine Normalität. Aber was ist schon normal? "Hier darf jeder sein, wie er ist. Hier kann auch ich ich sein", sagt Daniel. Wo geht das schon?

Der Elbschlosskeller macht frei, das spüre ich. Und nicht nur wegen der Biere, die ich intus habe. Hier ist es egal, wie  du aussiehst, was du machst, was du hast. Alles, worüber wir uns sonst so gern definieren, spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, ob du deine Zigaretten teilst, ab und an mal einen ausgibst, zuhören kannst und Geld in die Jukebox wirfst. Der Elbschlosskeller ist nicht die härteste Kneipe Deutschlands, sondern die sozialste. Darauf noch ein Bier. Das letzte für heute. Wirklich. Wer trinkt mit?

Diese Geschichte stammt aus der zehnten Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier

Märkte besuchen die Taucher immer seltener, das meiste verkaufen sie online.

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(