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"Eva-Prinzip"-Analyse: Eva Herman verarbeitet ihr Leben

Ihre Thesen spalten die Nation in Erzürnte und Entzückte. In ihrem neuen Buch fordert die Moderatorin: Frauen sollten ihre Karriere knicken, ihre Männer ehren und die Kinderschar vermehren. Gelebt hat sie anders.

Von Alexander Kühn

Für kleine Musliminnen, das stand neulich irgendwo in der Zeitung, gibt es so Puppen, die sehen aus wie Barbies, nur dunkelhaarig, mit Kopftuch und zugeknöpftem Blümchenkleid. Auf dass sie den Mädchen Sittsamkeit vermitteln mögen. Für den deutschen Markt, und darauf ist erstaunlicherweise noch niemand gekommen, ließe sich mit wenig Mühe ein Eva-Herman-Püppchen entwerfen. Blond und adrett wie das Original, man müsste ihm lediglich eine Schürze umbinden, einen Kochlöffel in die Hand und ein Baby in den Arm drücken. Um den Mädels spielerisch ihre Bestimmung aufzuzeigen: Hausfrau zu sein und Mutter.

Im Mai hatte die Zeitschrift "Cicero" eine Streitschrift von Frau Herman gedruckt: "Die Emanzipation - ein Irrtum?"; Alice Schwarzer war sehr aufgebracht, sprach von "Mutterkreuz" und "Steinzeitkeule". Der Text war nur der Blasensprung, nun erfolgt die Geburt: Nächsten Mittwoch kommt Eva Hermans Buch in die Läden, "Das Eva-Prinzip", benannt nach dem Prototypen aller Frauen. Die Schriftstellerin Karen Duve sagte dazu in der "Zeit", die Thesen seien zum "Knochenkotzen". Und "Frau im Spiegel" fand heraus: Drei Viertel der Deutschen halten dieses Frauenbild für überholt.

In dem Buch steht ungefähr dies: Männer sind stärker als Frauen. Und stärker behaart. Männer können gut Stadtpläne lesen und Getränkekisten schleppen (der Autor dieser Zeilen verneint für sich beides entschieden), Frauen verbringen endlos Zeit in Schuhgeschäften und führen Handtaschen mit sich (Autor stimmt zu). Conclusio: Frauen sind keine Männer und sollten sich auch nicht so benehmen. Sondern Röcke tragen. Vor allem aber sollen sie: zu Hause bleiben und Kinder bekommen. Sonst sterben die Deutschen aus.

So weit die Theorie. Jetzt die Praxis: Eva Herman, geboren 1958 als Eva Feldker, aufgewachsen in Emden und im Harz. Tochter eines Hotelier-Ehepaars. Mädchentraumberuf: Journalistin. Ausbildung zur Hotelkauffrau - Anordnung der Mutter. "Ich fügte mich. Und beschloss, Karriere zu machen", sagt Frau Herman heute, ihre Augenbrauen lüpfen sich, sagen: sorry, war dumm. "Wenn schon Gastronomie -Êdann wollte ich mindestens Hoteldirektorin werden." Maritim Braunlage. Maritim Timmendorf. Kellnern in München. Da meldete sich wieder der eigene Wille. Vorsprechen beim Bayerischen Rundfunk. Ausbildung zur Journalistin und Sprecherin. Moderationen für Radio und Fernsehen.

1989 der Olymp: die "Tagesschau". Seit 1997 die Zwei-Frauen-Talkshow "Herman und Tietjen", eine CD haben die beiden Damen auch besungen. Seit Dezember 2000 das Quiz "Wer hat's gesehen?" Mode für den Otto-Versand hat Eva Herman entworfen. Romane geschrieben. Bücher übers Stillen, über schlafgestörte Kinder und über Fernsehfrauen. Ihr derzeitiger Ehemann ist Nummer vier, einen Sohn hat sie, der ist acht und von Nummer drei.

Eigentlich könnte man eine ganze Kollektion von Eva-Herman-Püppchen erschaffen. Das Modell "Karrierefrau": mit tomatenrotem Blazer, Stöckelschuhen, Mini-Lippenstiftchen. Das batteriebetriebene Modell "Barbarella", das mit einer Knarre durch den Blätterwald marschiert und, ratta-tatta-tatta-tam, seine Thesen auf berufstätige Frauen ballert. Und das Modell "Evchen".

Das echte Evchen wuchs auf mit einem Bruder und einer Schwester. Die Mutter betrieb ein Ausflugslokal, Akkordeon wurde gespielt, Hirschgeweihe schmückten die Wand, hin und wieder zog sie dem Kind ein selbst genähtes Dirndl an, und es half bedienen. Evchen konnte schön singen und Gedichte aufsagen, bei Vorlesewettbewerben räumte es ab. Die Mutter und die Mutter der Mutter sagten: "Unser Evchen kann alles, macht alles, unser Evchen ist toll." Das kleine Ding badete in Anerkennung, erfüllte bald nur noch, was die andern erwarteten. "Es kann sein", so analysiert Eva Herman das heute, "dass da Lob mit Liebe verwechselt wurde."

Sie war sechs, als der Vater starb. Und Anfang zwanzig, als sie feststellte, wie sehr er ihr fehlte. Evchen war zur Eva geworden und hatte die Bücher der Psychologin Alice Miller entdeckt, "Das Drama des begabten Kindes", "Abbruch der Schweigemauer". Sie besuchte Vaters Frau aus erster Ehe, sprach mit ihr über den Mann, der sie verband und über den zu Hause kaum geredet wurde; die Mutter war ja glücklich mit dem Stiefvater. Bis heute gilt Eva Hermans Sehnsucht der heilen Familie: Vater, Mutter, Kinder. Was sie als Mädchen wie als Frau nur kurz hatte. Ihr Buch über das "Eva-Prinzip" ist ihre Couch, der Leser ihr Therapeut.

Die Oma war Hausfrau aus Leidenschaft, wollte nicht arbeiten gehen, brauchte es auch nicht, das tat ja der Gatte. Überhaupt, so meinte sie, solle man das Geldverdienen den Männern überlassen. Was zu heftigen Fehden mit Evas berufstätiger Mutter führte, zu Debatten wie der aktuellen über Hermans Buch. Als die Enkelin berühmt war, riet die Oma ihr, sich lieber um die Familie zu kümmern. "Dann siehst du mich aber nicht mehr in der ,Tagesschau"", antwortete die. Und die Oma schwieg. War es doch ihr Schönstes, das ganze Seniorenheim vor den Fernseher zu zwingen, wenn ihre Enkeltochter die Nachrichten las.

Die "Tagesschau" wird in Hamburg gemacht, beim NDR, um die Ecke vom Tierpark Hagenbeck. Um zu Kai Gniffke zu kommen, muss man Pförtner eins an der Schranke überwinden, Pförtner zwei am Eingang von Haus 18 und im zweiten Stock noch in eine Überwachungskamera schauen. Gniffke, ein kleiner, hochstirniger Mann, ist der Chef der "Tagesschau"; vor drei Wochen ließ Eva Herman ihn wissen, dass sie mit Vorlesen aufhören wolle. Hätte sie"s nicht getan, dann hätte er es ihr angeboten, aber ganz sicher.

Gniffke sagt, es sei kein Abschied. "Sehen Sie es als Babypause. In ein, zwei Jahren wird sie zurückkehren." Er möchte keinen Presserummel - "um Frau Herman zu schützen". Und meint damit: den NDR zu schützen. Die "Tagesschau" soll clean bleiben. Die Sprecher sehen immer aus wie frisch gestärkt; die Männer onkelhaft, die Frauen nett anzuschauen, aber nie aufregender als das Weltgeschehen. Bedeutungsvoll gucken sollen sie und ihre Meinung für sich behalten. Susan Stahnkes Abschied nahte, nachdem sie sich in Strapsen hatte ablichten lassen. Was der einen ihre Strapse, ist der andern ihr Buch.

Den "Tagesschau"-Sprechern genügt ein winziges Büro. Künstlicher Klatschmohn ziert den Schreibtisch, auf dem stapeln sich Briefe an Eva Herman. Sie öffnet einen nach dem andern, "hier, sehen Sie", wie um zu zeigen: Man hat mich doch noch lieb. Eine Dame, Jahrgang 1928, bekundet mehrseitig "volle Zustimmung und Bewunderung". Ein Arzt für Allgemeinmedizin erbittet ein Autogramm, dann könne er, nach dem Abschied von der "Tagesschau", "Ihr Bild öfter im Foto-Album ansehen". Ein Willi, der Schrift nach schon älter, hat ein Herman-Foto aufs Couvert gepappt und draufgeschrieben: "Wir brauchen unsere Eva!"

Den Redakteuren der "Tagesschau" ist es gleich, wer am Abend die Nachrichten vorliest, die sie tagsüber schreiben. Nicht egal ist ihnen die Außenwirkung ihrer Sendung. Zu den Thesen der Sprecherin H. schweigen sie. Am Donnerstag vor einer Woche, pünktlich um acht, hat sie noch einmal Neues vom Tage vermeldet, im champagnerfarbenen Blazer. Professionell wie immer. Vor und nach dem Wetter leicht geschmunzelt. Nach der Sendung ein bunter Strauß vom Chef.

Nun ist es ja nicht so, dass Eva Herman über Nacht in die Gesinnungswechseljahre gekommen wäre. Es gibt einen hübschen Ausschnitt, der wurde neulich wiederholt, sie als Gast in einer Talkshow, 1999, wie sie die These vertrat: "Es ist gegen die Natur des Mannes, einzukaufen und zu Hause auf die Frau zu warten." Inge Meysel fiel vor Schreck fast das Gebiss aus dem Gesicht, und Rita Süssmuth stöhnte fassungslos: "Ein ganzes Jahrhundert haben Sie uns zurückgeworfen!"

Eigentlich müsste ihr Buch heißen: "Nach welchen Prinzipien Eva H. nie lebte." Wenn sie, patsch-patsch, die Karrierefrauen abwatscht, ist das so, als forderte die Queen die Abschaffung der Monarchie - und regierte beherzt weiter. "Natürlich wollte ich provozieren", sagt Eva Herman. "Es ist gut, dass endlich über das Frauenbild diskutiert wird. Auch wenn manches noch auf Unverständnis stößt."

Eva Herman war 35, als sie beschloss, Mutter zu werden. Mit 38 wurde sie's. Ihr Sohn Sam lebt bei ihr, das Sorgerecht teilt sie sich mit dem Vater. Sam, sagt sie, finde es Klasse, dass sie abends jetzt nicht mehr der Nation vorliest, sondern ihm, von Karlsson vom Dach. Sie sagt: "Wäre ich jünger, würde ich noch mehr Kinder wollen. Vielleicht kann mein Buch andere Frauen vor solchen Fehlern bewahren."

Die laut Eva Herman "schöpfungsgewollte Aufteilung" geht so: Mann zur Jagd, Frau in die Höhle. Demnach wäre die kinderlose Angela Merkel ein Irrtum der Geschichte. Ursula von der Leyen, sieben Kinder, trotzdem Ministerin, dürfte es nicht geben. Bettina Tietjen auch nicht.

Es ist Freitagnacht, halb eins, Herman und Tietjen haben ausgetalkt. "HerTie", wie sie beim NDR sagen. Die Kulissen werden abgebaut, draußen gibt es noch etwas zu trinken, die Nacht ist lau hier in Hannover. Bettina Tietjen nimmt ein Häppchen zu sich. Von den Thesen der Kollegin hält sie wenig. "Die Eva", sagt sie, "hat ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein. Sie ist leicht zu entflammen - und teilt ihre Begeisterung gern allen mit." Tietjen hat zwei Kinder, ihr Gatte ist Hausmann, sie sagt, das funktioniere recht gut.

Eva Herman greift hinterm Rücken nach der Hand ihres Mannes; ein bisschen verschämt, wie turtelnde Teenies. Michael Bischoff ist der Vierte, mit dem sie eine Ehe wagt. Seit Dezember. Evas erster Adam war ein Herr Herrmann, nach der Scheidung trennte sie sich auch noch von einem "r" und einem "n"; dann kam ein Herr vom NDR, ihr "Bärchen"; dann noch ein Mann vom Fernsehen, die Trennung verarbeitete sie in dem Roman "Dann kamst du"; zwischenzeitliche Liebeleien bleiben jetzt mal unerwähnt. Barbies neuer Ken ist Unternehmer und gut acht Jahre jünger.

Ihre BindungsTurbulenzen führt Eva Herman ja mitunter darauf zurück, dass sie nicht gestillt wurde. Und als Kind zu wenig Körperkontakt erfahren habe. Und es kommt durchaus vor, dass sie einen fragt: "Wurden Sie eigentlich gestillt?" - "Keine Ahnung, was glauben Sie?" - "Ich vermutet: ja. Sie wirken ausgeglichen und selbstsicher." Ihrem Sam hat sie gleich ein ganzes Jahr die Brust gegeben; sie hätte gern noch länger, er wollte dann aber nicht mehr.

Eines immerhin muss man ihr lassen: In Eva Hermans Umgebung haben ihre Thesen bereits Früchte getragen. Ihre Terrierdame "Frau Krise", und das war ein Ereignis, brachte unlängst zwei Welpen zur Welt.

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