"Slumdog Millionär" Ein Herz für Inder


Ein harsches Märchen aus dem Ghetto Mumbais erobert die Welt: die faszinierende Geschichte von Danny Boyles Film "Slumdog Millionär", dessen junge Darsteller einen Kulturschock verdauen mussten.

Rubiana landete nach vier Nächten im Federbett eines Luxushotels in Los Angeles nicht nur wieder auf dem Boden der Realität. Sie landete auf dem Boden von Mumbai. Dort, wo sie immer geschlafen hatte. Auf einer Matte in einer stickigen, wackeligen Hütte, vor deren Tür sich ein Kanalisationsrohr ergießt. Ratten hüpfen um die nackten Füße spielender Kinder, Müll stapelt sich zwischen den endlos scheinenden Wellblech- und Plastikverschlägen in Indiens größtem Slum.

Ein paar Meter von Rubianas bonbonrosa bemaltem Heim entfernt wohnt ihr Freund Azharuddin. Sein Vater ist tuberkulosekrank, und nach allem, was man hört, ein Trinker. Seine Mutter hat nach einem Unfall nur noch ein Auge. Die Familie lebt vom Holzsammeln, das bringt rund 60 Euro im Monat. So viel, wie allein der Sonntagsbrunch in dem Hotel kostet, in dem die beiden indischen Kinder während ihres Ausflugs nach Amerika untergebracht waren. In jenen vier Tagen, die Rubiana und Azharuddin in Hollywoods schöner Scheinwelt steckten, trug der Zehnjährige einen Minismoking und spielte "Bubble Popper" auf einem Blackberry. Er traf Angelina Jolie und Brad Pitt und später sogar die leibhaftige Mickymaus in Disneyland. "Ich bin so stolz auf ihn", sprach im 8000 Meilen entfernten Mumbai Azharuddins Vater. "Aber ich will jetzt mehr Geld."

Arme Kinder. Reiche Kinder. Die Welt von Rubiana und Azharuddin steht auf dem Kopf. Gestern noch waren sie zwei von Millionen mittellosen Slumbewohnern in Indiens überquellender Wirtschaftsmetropole. Heute sind sie kleine Filmstars, deren Heimkehr aus Los Angeles Massenhysterie am Flughafen in Mumbai auslöste. "Slumdog Millionär" ist natürlich schuld an allem: Der Film, der Ende Februar mit acht Oscars ausgezeichnet wurde, hat weltweit schon mehr als 200 Millionen Dollar eingespielt, seine Hauptdarsteller auf rote Teppiche und Titelblätter und Hollywood-Besetzungslisten katapultiert und gilt als beste PR-Aktion für den Subkontinent, seit Ben Kingsley sich auf Gandhi runterhungerte. Dass Premierminister Manmohan Singh die Oscar-Gewinner als "Indiens Stolz" bezeichnete und die britisch-indische Edelfeder Salman Rushdie den Film und seine literarische Vorlage zur gleichen Zeit als "kitschigen Reißer" beschimpfte, zeigt, dass "Slumdog Millionär" weit heftigere Reaktionen provoziert, als so ein kleines, charmantes Kinomärchen es eigentlich sollte.

Zwischen Ghetto und Goldrausch

Völlig losgelöst von ihrem künstlerischen Unterhaltungswert hat die Geschichte vom geborenen Staubfresser Jamal, der ganz unten beginnt und am Schluss reich und glücklich ist, Debatten über Moral, Nationalstolz und Wahrheitsanspruch losgetreten. Während der Westen ziemlich willenlos der pulsierenden Exotik des Werks erlegen ist, bemäkeln indische Intellektuelle schon die Herkunft von Regisseur Danny Boyle und seinen Kollaboranten wie dem Drehbuchautor Simon Beaufoy: Briten! Als ob die etwas Gutes über ihre ehemalige Kronkolonie zu sagen hätten!

Und als Boyle wie zur Besänftigung seinen Film fast ausschließlich mit Indern besetzte und die Dialoge teils in Hindi drehte, tauchte die Frage auf, ob es Gut- oder doch vielmehr Herrenmenschendenken sei, zwei der Kinderdarsteller tatsächlich aus Mumbais Armenvierteln zu pflücken - nur weil sie vor der Kamera eben solche kleinen "Slumdogs" spielen. Sei es nicht verantwortungslos, sie nach der letzten Klappe wieder zurückzuschubsen in ihre Hütten? Auch wenn die Heimkehr ins Elend versüßt wird durch ein Honorar, das "mehr als dreimal so hoch ist wie das Jahreseinkommen eines Erwachsenen in diesem Viertel", wie Boyle und sein Produzent Christian Colson betonen.

Arme Kinder. Reiche Kinder. Geschätzte 600 Euro verdienten Rubiana und Azharuddin während der Dreharbeiten. Wie die Figuren, die sie im Film spielen, besuchten die Neun- und der Zehnjährige bislang keine Schule; vor ihnen lag - und liegt - eine ungewisse Zukunft. Im Film geraten der kleine Jamal - der später als junger Mann bei Indiens Ausgabe von "Wer wird Millionär?" 20 Millionen Rupien gewinnt -, sein Bruder (Azharuddin) und seine Freundin Latika (Rubiana) an einen Ghetto-Gangster, der sie zu professionellen Bettlern abrichtet. Er will sie verstümmeln, Krüppel rühren das Touristenherz; die drei fliehen und erleben die wunderlichsten und brutalsten Abenteuer.

Indische Realität?

Natürlich wird hierbei die Misere der Armen Indiens zugespitzt und verdichtet. Nicht jeder Slumbewohner durchlebt diese Häufung von Desaster, Gewalt und krummen Touren, wie sie Jamal widerfährt und sich ihm unauslöschlich einprägt (was ihm dann ja ironischerweise den Hauptgewinn beschert). Und doch ist jede Station seiner "Slumdog"-Biografie indische Realität.

Es ist Tatsache, dass im Januar 1993 bei wochenlangen Pogromen in Mumbai Hunderte Muslime von Hindu-Fanatikern erschlagen oder lebendig verbrannt wurden; im Film stirbt vor Jamals Augen seine Mutter in den Flammen. Es ist allgemein bekannt, dass die Polizei prügelt und foltert; wie es der erwachsene Jamal erleben muss, als er die Millionen gewinnt und sich niemand erklären kann, woher ein ungebildeter Junge aus den Slums diese Kenntnisse hat, er muss wohl ein Betrüger sein. Kinder aus den Armenvierteln werden tatsächlich bewusst entstellt und verletzt. Mädchen arbeiten wie Latika in den - offiziell verbotenen - Bordellen, oft von ihren Eltern aus Not dorthin verkauft. Jungen wie Jamals Bruder verdingen sich als Handlanger von Gangstern. Und gerade clevere Kinder aus den armen "Shantie-Towns" schlagen sich mit Geschäftchen ganz außen am Rand der Legalität durch, sie klauen, schwindeln und bescheißen, ihr Dasein ein fortwährender Mundraub.

"Slumdog Millionär" ist nur eine "gut gemachte Karikatur eines Landes", schimpft der Wirtschafts-Guru Arindam Chaudhuri. Spricht da etwa das schlechte Gewissen der "comfortable class", der Leute, denen es gut geht in Indien? "Heutzutage wird jede Erwähnung von Armut als Verrat angesehen", schreibt ein Kolumnist der "Times of India". "Es herrscht eine unausgesprochene Übereinkunft, über die Lebensbedingungen der Mehrheit in unseren Städten zu schweigen."

Der Weg nach oben

Realistisch ist Boyles Film natürlich auch nicht: Im wahren Leben führt kaum ein Weg vom "Slumdog" zum Millionär. Rubiana, die der heimischen Presse schon versicherte, sie wolle "keinesfalls" zurück in ihr altes Leben, wird demnächst ihren zweiten Film drehen. Eine Bollywood-Produktion mit viel Action und Liebe. Boyle und Colson haben Rubiana und Azharuddin auf eine Schule geschickt und einen Fonds für sie eingerichtet, der den Lebensunterhalt ihrer Familien und ihre Ausbildung sichern soll. An ihrem 18. Geburtstag würde eine "größere Summe" ausgezahlt, den Betrag wollten die Filmemacher nicht nennen, um die Kinder zu schützen. Nicht zuletzt vor ihren Eltern: Azharuddins Vater klagt, später mache "das Geld keinen Sinn. Ich will es jetzt. Herr Boyle soll sich um meinen Sohn kümmern!" Und Rubiana muss sich ihrer plötzlich wieder aufgetauchten Mutter erwehren, die ihre Familie vor Jahren im Stich ließ, um anderswo ihr Glück zu suchen, und sich nun an die Seite der wohlhabenden Tochter drängt. Die Stadtverwaltung hat Rubianas und Azharuddins Familie "freies Wohnen" in kleinen Apartments am Stadtrand von Mumbai versprochen. Die Kinder indes werden immer seltener in der Schule gesehen.

Niemand konnte ahnen, dass "Slumdog Millionär" - mit einem Budget von zwölf Millionen Euro ein eher bescheidenes Unternehmen - sich eines Tages zu einer solchen Sensation entwickeln würde, die alle Beteiligten aus ihren Bahnen wirft. Als Boyle Anfang vergangenen Jahres von den Dreharbeiten in Mumbai zurückkehrte, war gerade die Produktionsfirma pleitegegangen, die seinen Film in den USA vertreiben sollte. Deren Mutterschiff Warner Brothers zeigte wenig Begeisterung für den kuriosen Stoff - in Indien mit unbekannten Indern gedreht? Eine Romanze unter bitterarmen Leuten, und die Rahmenhandlung ist eine olle Fernsehsendung? Nö, danke. Höchstens als DVD hätte dieses Hollywood- Bollywood-Potpourri eine Chance, befand man. Erst als das Konkurrenzunternehmen Fox Interesse zeigte, ließen sich die Warner-Chefs auf einen Handel ein und teilten sich mit dem anderen Studio Vertriebs- und Werbekosten. Fox präsentierte "Slumdog" auf renommierten Filmfestivals, wo der Underdog nach und nach die Gunst der Kritiker und Zuschauer gewann. Dies sei der Film zur Wirtschaftsmisere, hieß es: Hurra, wir leben noch! Die richtige Mischung aus Eskapismus und Trost; stehe nicht der "Slumdog" für ein einziges schallendes "Yes, we can"? Gegen Ende des vergangenen Jahres war schließlich überall von diesem netten indischen Film die Rede, herzzerreißend und originell, aufrichtig und magisch und ach, diese süßen Kinder.

Wie das Schicksal von Jamal Welten verbindet, die sich in Wahrheit nicht mal berühren, so lebt und sprüht der Film von seinen Gegensätzen und Widersprüchen: Er ist ein Märchen, erzählt mit harschem Realismus. Ein Rührstück - Jamal liebt tief und ewiglich seine Latika -, in dem kleine Kinder gefoltert werden. Ein eleganter Bilderrausch, unterbrochen von irritierendem Fäkalhumor - eines der Kinder ist in einem Plumpsklo eingeschlossen, und der Ausgang geht nur ab durch die Mitte, igitt und vielen Dank. Danny Boyle orientiert sich eng am Bollywood-Kino, das von der ersten bis zur letzten Szene aus gellenden Kontrasten komponiert ist: tiefe Dramen, in denen die Damen eruptiv in Tänze ausbrechen, brutale Ganovenfilme mit den süßlichsten Liebesszenen, Currys aus Kitsch und Kabale und Kampfsport. Und so vermählt "Slumdog" Bollywood mit europäischem Anspruchskino. Wenn das nicht einen Freudentanz wert ist.

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