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78. Oscar-Verleihung: Goldrausch mit leichtem Kater

Der Glamour spielte sich diesmal vorwiegend auf dem roten Teppich ab. Denn die Gewinner der 78. Oscar-Verleihung waren meistens die großen Unbekannten. Rückblick auf einen seltsamen Hollywood-Abend.

Wenigstens für Zuhälter wurde alles ein bisschen leichter. Als der Song, der sich verständnisvoll den Härten des Rotlichtbezirks annimmt ("It's Hard Out Here For A Pimp"), am vergangenen Sonntag in Hollywoods Kodak Theater einen Oscar gewann und Kino-Größen wie Steven Spielberg derweil ohne ein einziges der begehrten Goldmännchen nach Hause fahren mussten, wurde offenbar, dass die Filmwelt in größeren Nöten steckt als so mancher Strizzi auf den Straßen von L. A. oder St. Pauli.

Die Herren Juicy J, Crunchy Black und DJ Paul von der Rap-Formation Three 6 Mafia, die sich wenig scherten um Dress-Codes und die viel zitierte "große Ehre", freuten sich, brabbelten was ins Mikro, lachten sich kaputt und zogen dabei nicht mal die Hosen hoch. Im Saal wurde mit Verblüffung, hinter der Bühne ausgelassen applaudiert.

Es war ein Moment, als hätte das hungrige Volk Versailles gestürmt: Hollywood bedankte sich rituell mal wieder bei sich selbst, der Glanz war groß, der Staub lag hoch, und plötzlich erinnerten diese Bubis aus Memphis, Tennessee, daran, dass die Zuschauer da draußen in der echten Welt sich längst von der historisch-weihevollen Zeremonie verabschiedet haben. Star ist, wer cool ist, nicht, wer so ein Ding abkriegt.

In einem Land, in dem die einheimische Superstar-Variante "American Idol" souverän sämtliche Quoten der Olympiaübertragung platt machte, bedeutet der Ritterschlag der 78 Jahre alten Oscar-Academy unwesentlich mehr als eine Höchstnote beim Curling. Amerikas Kids, absorbiert von Web-Phänomenen wie "myspace.com" und bessere Kunden bei "iTunes" als an jeder Kinokasse, lassen sich von Mediengroßereignissen wie den Oscars oder den Grammys kaum mehr beeindrucken; allen Preisgalas laufen die Zuschauer davon.

Kein Wunder also, dass in der diesjährigen Show ungewöhnlich viele Filmschnipselreigen an die "große" Zeit erinnerten, an Stars wie Humphrey Bogart, Lauren Bacall und Gregory Peck. Kein Wunder auch, dass der Chef der Oscar-Academy die "einzigartige Erfahrung" eines Kinobesuchs beschwor - vor einem Publikum wohlgemerkt, das einen gemütlichen DVD-Abend dem Gang zum Multiplex jederzeit vorzieht.

Dennoch will man weiterhin gern wissen, wer denn nun den Oscar als bester Hauptdarsteller bekommt (um es tags drauf gleich wieder zu vergessen - wer war noch mal dieser Philip Seymour Hoffman?). Aber drängender noch ist die Frage, wer J. Los neidgrüne Robe geschneidert hat und ob Nicole Kidman so starr lächelte vor lauter Aufregung oder Botox. Also, jetzt mal alle düsteren Kulturprognosen beiseite: So lange Curling nicht von Jon Stewart moderiert wird, sind die Oscars natürlich immer noch die schönste Peep-Show der Welt.

Als Marc Rothemund

("Sophie Scholl - Die letzten Tage") zwischen Fantribüne rechts und Kamerabataillon links aufs Kodak Theater zustratzte, zerbröselte seine vorgetragene Lässigkeit daher auch zusehends. Hände in den Hosentaschen wie ein echter Hollywood-Star, stand der 37-Jährige irgendwann unter dem gigantischen Vorhang, der das Eingangstor schmückte, und ließ mit nur ganz unauffällig heruntergeklapptem Unterkiefer die Blicke über die Menge schweifen. Dann ging der Mann in die Knie. "Ich könnte ein Stück roten Teppich mitnehmen als Souvenir", brummte er und zupfte am Stoffende unter einem Blumentopf.

Seine Hauptdarstellerin derweil gab sich keinerlei Mühe, ihr Entzücken wegzuschauspielern. Als Julia Jentsch knapp hinter sich im Gedränge den Johnny-Cash-Darsteller Joaquin Phoenix entdeckte, zupfte sie ihren Kollegen Alexander Held am Ärmel, zeigte strahlend auf den kaugummikauenden Phoenix und genoss es sichtlich, mal eben an Meryl Streep vorbeizuschubbern oder fast von Steven Spielbergs Entourage umgerannt zu werden.

Dabei sind die Größten - ungefährlich klein. Spielberg? Gerade mal 1,77 Meter. Reese Witherspoon und ihr Mann Ryan Phillippe gleichen Porzellanpüppchen; zwei zierliche Geschöpfchen, die erst unter dem scharfen Auge einer Filmkamera zu Erwachsenen werden. Dolly Parton ist, von zwei Stellen abgesehen, besorgniserregend ausgemergelt und petite. Und Zhang Ziyi sieht aus, als hätte man sie gerade aus den Bastelteilchen eines Überraschungseis zusammengebaut. Ziyi Zhang, David Strathairn, Heath Ledger, Terrence Howard ... bei einer Umfrage herrschte große Verwirrung, wer zum Teufel diese Leute eigentlich sind.

Und so war die Oscar-Verleihung 2006 die seltsamste seit langem - eine Verbeugung vor vielen Unbekannten, die glänzten in Filmen, die kaum einer gesehen hat. Die wiederum ganz Amerika hätte sehen müssen, ginge es nach George Clooney. Er sei stolz, dass die Academy so viele politisch relevante Filme ausgesucht habe, sagte er hinter der Bühne. Die politische Rechte möge das ärgern, aber darauf sei er noch stolzer.

Der Mann, dessen Anblick auf dem roten Teppich eine Art multiplen Orgasmus auf der Fantribüne auslöste, schaffte als Einziger den Spagat zwischen diesen beiden Welten, die am Sonntag aufeinander trafen: der des anspruchsvollen Nischenkinos mit seinen ernsthaften Akteuren und komplizierten Themen und der des fetten, veralteten Old-Hollywood-Glamours.

Gleich ins Schwarze zielte daher im Presseraum die erste Frage an den einzig wahren Star des Abends. "Sind Sie", fragte bohrend ein Journalist, "mit Teri Hatcher zusammen?"

Clooney ließ den Blick fallen auf die glänzende Statuette in seiner Linken, seufzte und sagte dann, dass er dazu nichts sage.

Zuhälter haben's schwer. Aber so gesehen, hat's George Clooney auch nicht leicht.

Christine Kruttschnitt / print