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Bill Gates: Wenn die Reichen stiften geh'n

Bill und Melinda Gates setzten ein Vermögen ein, um zu helfen. Mit der größten Spende der Geschichte hat der 75-jährige Milliardär Warren Buffett nun ihr Stiftungskapital verdoppelt. Ein Imperium der Wohltätigkeit entsteht.

Von Katja Gloger

Wie es ist, die Welt zu retten? Bei solchen Fragen rümpft Bill Gates, 50, reichster Mann des Planeten, meist die sommersprossige Nase, wuschelt sich durchs brav geschnittene Haar: "Es ist ein bisschen wie Robin Hood. Man könnte es auch Reichtum-Recycling nennen."

Und wie fühlt es sich an, als Erzkapitalist mal eben 32 Milliarden Dollar zu verschenken? Warren Buffett, 75, zweitreichster Mann dieser Erde, lehnt sich zurück und erklärt: "Der freie Markt ist ein gutes System für dieses Land. Es hat auch für mich gut funktioniert. Für die Armen in der Welt aber funktioniert dieser freie Markt nicht." Der alte Mann lächelt. Als ob er etwas Unanständiges gesagt hätte.

Wie ist es, einem Imperium der Wohltätigkeit vorzustehen? Da rechnet Melinda Gates, 41, Ehefrau des reichsten Manns der Welt, grundvernünftig wie stets: "Das Stiftungskapital verdoppelt sich. Damit werden wir unsere Wirkung verdoppeln."

"Sind Sie krank?"

Selbst im Mutterland der Superlative war das Erstaunen gewaltig, als der Multimilliardär Warren Buffett verkündete, er werde 85 Prozent seines Aktienvermögens verschenken, in diesem Jahr 1,5 Milliarden Dollar und dann weiter jedes Jahr fünf Prozent, die Auszahlung der letzten Rate wird er vielleicht nicht mehr erleben. Das Geld geht an eine Stiftung, die noch nicht einmal seinen Namen trägt - sondern den von Bill und Melinda Gates. Für "die Philanthropie", so Buffetts Überzeugung, gelten die gleichen Regeln wie für "das Business": Arbeitsteilung und Gewinn-Maximierung. "Es ist vernünftig, wenn Leute mir ihr Geld anvertrauen, um es zu vermehren. Ich habe nun für mein Vermögen Leute gefunden, die besser sind als ich, es zu verteilen." Die Stiftung, die den Namen seiner verstorbenen Frau trägt, bekommt drei Milliarden Dollar, die seiner drei Kinder müssen sich mit je einer Milliarde Dollar begnügen.

So überraschend, so ungewöhnlich ist die Geste, dass eine Reporterin fragte: "Sind Sie krank?"

Ist die größte Schenkung der Geschichte nun der endgültige Beweis, dass der "Kapitalismus gut ist", wie das "Wall Street Journal" triumphiert? Oder doch nur die "humanitäre Maske" des Ausbeuterkapitalismus, wie Kritiker warnen? Oder will da ein Superreichen-Trio einmal Gott spielen?

Jedenfalls entsteht die mächtigste Stiftung aller Zeiten. Sie soll nichts weniger als die größten Probleme der Menschheit lösen - Hunger, Armut, Krankheiten. Das Stiftungskapital wird auf mindestens 60 Milliarden Dollar wachsen, eine Summe, höher als das Bruttosozialprodukt von Kenia und Nigeria zusammen.

Organisationen wie Unicef, WHO, Rotes Kreuz? Hilfszwerge. Regierungen mit ihren pompösen Hilfsversprechen? Werden sich noch mehr schämen müssen. Allein das Jahresbudget der Gates-Stiftung könnte bald den deutschen Entwicklungshilfe-Etat überschreiten.

"Mischung aus Unschuld, Arroganz und dem festen Glauben an das Richtige"

Es begann, so heißt es, mit einem Brief. Damals, vor zwölf Jahren. Bill Gates scheffelte Milliarden, kämpfte um Microsofts Vorherrschaft in der Welt. "Eine verwirrende Mischung aus Unschuld, Arroganz und dem festen Glauben an das Richtige", beschreiben ihn Beobachter. Ein Kontroll-Freak, leidenschaftlich neugierig. Er stand kurz vor der Hochzeit mit Melinda Ann French, Tochter aus anständiger texanischer Familie, erfolgreiche Microsoft-Managerin und wie er gepolt auf die Machbarkeit aller Dinge.

Der Vater übernahm zunächst die Spenden

Seine Mutter, die ehemalige Lehrerin Mary Gates, war da schon bei vielen Wohltätigkeitsorganisationen engagiert. Und so schrieb sie ihrem Sohn, dass großer Reichtum große Verantwortung für die Gesellschaft mit sich bringe. "Es wird viel erwartet von denen, denen viel gegeben wurde." Wenige Monate später starb Mary Gates an Brustkrebs.

Bill beherzigte die Mahnung seiner Mutter und bat zunächst seinen Vater, in seinem Auftrag Gutes zu tun. Den Wunsch soll er vorgetragen haben, als beide für Kinokarten anstanden. Der Senior richtete im Fitness-Raum seines Hauses ein Büro ein. Erst als sich der Postbote über das Gewicht der Bittbriefe beschwerte, zog er um. Die erste Spende, 1,5 Millionen Dollar, ging an eine Aids-Initiative in New York. Später stiftete Gates Computer für 11000 öffentliche Bibliotheken.

Von dem Elend in der Welt waren sie dennoch so weit entfernt, wie man nur sein kann. Bill und Melinda bekamen drei Kinder, sie bauten ihr Haus am See, eine 100-Millionen-Dollar-Zitadelle mit Porsche-Sammlung und Unterwassermusik im Pool. Sie gehörten zum Club der Superreichen. Sie konnten sich kaum vorstellen, dass jedes Jahr Millionen Kinder an Keuchhusten und Tuberkulose sterben, nur weil sie nicht geimpft werden. Dass für 90 Prozent der Weltbevölkerung gerade mal zehn Prozent der Forschungsgelder aufgewandt werden. "Wir wollten einfach nicht wahrhaben, wie schlimm es wirklich war", sagt Melinda Gates.

Ab Mitte der 90er Jahre aber begannen sie, durch Afrika und Asien zu reisen. Sie sahen jede Menge Probleme. Und die, meinten sie, seien zu lösen. Mit guten Ideen und viel Geld. Bill Gates bat William Foege um Rat, einen der bekanntesten Gesundheitsexperten der USA. "Die Reichen wollen ständig Gutes tun", sagte Foege der Zeitschrift "New Yorker". "Ich gab Gates eine Liste mit 82 Büchern. Einige Monate später traf ich ihn wieder. Er habe nur 19 geschafft, entschuldigte er sich. Sein Favorit? Der Jahresbericht der Weltbank von 1993. Ich traute meinen Ohren nicht." Bis heute wühlt sich Bill Gates durch Statistiken, liest Dutzende Fachbücher über Mikrobiologie, Biochemie, Immunologie, Malaria.

Buffett kaufte seine ersten Aktien mit elf

Immer wieder traf sich Gates auch mit Warren Buffett, dem "Orakel von Omaha", jenem legendären Firmenaufkäufer, der bis heute keinen Computer benutzt und sein Milliardenreich mit 17 Angestellten lenkt. Sie verstanden sich, denn wie Gates ist auch Buffett ein Selfmademan, eine amerikanische Legende. Er werde reich werden, hatte Warren Buffett seine Frau Susan vor der Hochzeit gewarnt, dafür habe er eben Talent. Und der Sohn eines Brokers wurde reich. Kaufte seine ersten Aktien mit elf, gründete nach dem Studium eine Anlagefirma. Er hält Anteile an American Express und Coca-Cola, seine 42 Tochterunternehmen bieten Versicherungen an und Milchprodukte, Unterwäsche und Ziegelsteine. Den Namen Berkshire Hathaway hat sein Industriekonglomerat von einer Teppichfirma. Buffett investiert langfristig, wählt Anlageobjekte nach der Substanz der Firmen. Wer vor 40 Jahren für 1000 Dollar Berkshire-Anteile kaufte, dem gehört heute ein Aktienpaket im Wert von 5,5 Millionen.

Buffett blieb bescheiden, am liebsten isst er Hamburger, dazu trinkt er Cherry Coke. "Geizig", steht auf dem Nummernschild seines Autos. In seinem alten Haus spielte er mit Bill Gates Bridge und Poker, Höchsteinsatz ein Dollar. Und Buffett wetterte dann gern über die Superreichen und ihre Kinder, ihre unverdienten Erbschaften. "Nur weil sie zufällig das Glück haben, Mitglied im Club der richtigen Spermien zu sein?" Wie einst Stahlmagnat Andrew Carnegie, der befand: "Wer reich stirbt, stirbt in Schande."

Seit ihrer offiziellen Gründung vor sechs Jahren hat die "Bill & Melinda Gates Stiftung" 10,5 Milliarden Dollar gespendet. Eine Milliarde wurde für die Ausbildung benachteiligter schwarzer Kinder in den USA bereitgestellt. Vor allem aber finanzieren sie den Kampf gegen globale Armut und Krankheiten. Sie wollen Geschichte schreiben. "Zum ersten Mal besteht die Möglichkeit der drastischen Reduzierung einiger schwerer Krankheiten wie etwa Kinderlähmung", sagt Bill Gates.

Sie glauben, die Welt stehe an einem Wendepunkt. Auf ihrem Kreuzzug suchen sie die Entscheidungsschlacht. Sie wollen Resultate sehen, noch zu ihren Lebzeiten. Mit 1,5 Milliarden Dollar legten sie "Gavi" auf, eines der größten Impfprogramme bislang, gegen Kinderlähmung, Keuchhusten, Masern, Tuberkulose. Sie vervielfachten die Gelder für Malariaforschung. Ließen 275 der weltbesten Forscher zu einer Zukunfts-Olympiade antreten und finanzieren jetzt die Züchtung einer besonders vitaminhaltigen Banane.

Sie bündeln weltweite Aids-Forschung, schaffen Netzwerke. An ihrem Präventionsprojekt in Indien nehmen 200 000 Prostituierte teil. Im südafrikanischen Botswana werden alle HIV-Infizierten des Landes mit Medikamenten versorgt - ihr Leben lang. "Es geht um das Prinzip der Gleichheit", sagt Melinda Gates. "Denn jedes Leben ist gleichviel wert."

Viele Spender denken, mit einer einmaligen Aktion sei schon alles getan

Kritik an der Konzentration auf High-Tech-Forschung ficht sie nicht an. Wie ihr Mann glaubt sie an den Fortschritt der Menschheit, die Lösbarkeit aller Probleme. In der Stiftungszentrale in Seattle sortieren 241 Mitarbeiter rund 50 000 Anfragen pro Jahr, suchen nach Forschern, verrückten Ideen, nach "Investitionen". "Ein gerettetes Kinderleben? Eine wunderbare Investitionsrendite", sagt Melinda Gates.

Mittlerweile fördern Bill und Melinda auch nachhaltige Projekte in der Landwirtschaft. So wandten sie sich an das "Internationale Institut für Ernährungspolitik" in Washington, geleitet von Joachim von Braun, einem Verwandten des berühmten deutschen Raketenforschers. Die Gates-Leute interessierten sich für sein Programm "ErntePlus": Zwei Milliarden Menschen leiden unter Mangel an Nährstoffen wie Vitamin A, Eisen und Zink. Dies führt bei Kindern oft zur Unterentwicklung des Gehirns. Speziell gezüchtete Nutzpflanzen, beispielsweise Süßkartoffeln oder Reis mit hohem Vitaminanteil, könnten das Problem in Afrika und Asien langfristig lösen. "Ihre Experten wollten jedes Detail sehen", sagt Joachim von Braun. "Dann prüfte Gates persönlich. Schließlich sagten sie 25 Millionen Dollar zu, unsere größte Einzelspende. Vor allem wollen sie langfristig zusammenarbeiten. Das erleben wir sonst kaum. Viele Spender denken, mit einer einmaligen Aktion sei schon alles getan."

Nur ein Tropfen auf dem heißen Stein

Erste Feldversuche des Programms waren erfolgreich. "Vielleicht können wir Millionen Menschen gesünder machen", sagt Joachim von Braun. "Und mit Hilfe solcher Erfolge wird die Gates-Stiftung immer mehr Druck auf Regierungen ausüben. Das ist das Revolutionäre an dieser Stiftung."

Einmal im Jahr bricht das Ehepaar Gates zu "Lern-Reisen" auf. Im vergangenen Dezember waren Indien und Bangladesch an der Reihe. Dann fliegen die "Stifter", wie sie bei den Mitarbeitern heißen, im Privatjet ein, marschieren durch Slums und Krankenhäuser, informieren sich über Kleinkredite und über die Killerkrankheit Durchfall, Melinda hält Babys im Arm, Bill steht etwas linkisch dahinter.

Inzwischen spricht sie über die Benutzung von Vaginal-Gels zum Schutz vor HIV so selbstverständlich wie übers Wetter; detailgenau diskutiert sie mit Prostituierten über Kunden, die kein Kondom benutzen. Das macht sie pragmatisch und blitzgescheit, sie hat keine Zeit für Ideologien oder Globalisierungskritik: "Angesichts des Problems sind wir nur ein Tropfen auf den heißen Stein."

Freundlich und gnadenlos nutzt das Ehepaar Gates seinen Superstar-Status, um Spenden einzusammeln, um Pharmakonzerne zur preiswerten Medikamentenproduktion zu drängen. Sie absolvieren Auftritte mit Charity-Profi Bono, treffen mal Außenministerin Rice und Großbritanniens Premier Blair oder Kanzler Schröder, verpflichten Staaten zur Teilnahme an ihren Programmen. Sie nennen es den "Multiplikatoren-Effekt". Allein durch ihr Impfprogramm wurden bislang 1,7 Millionen Menschenleben gerettet, rechnen sie vor. "Und in den kommenden fünf bis zehn Jahren werden wir wahrscheinlich auch Lösungen für die schlimmsten Krankheiten finden", sagte Bill Gates vergangene Woche. "Dann könnten wir zehn Millionen Kindern das Leben retten."

Wozu der Turbo-Kapitalismus so alles gut sein kann.

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