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Diana-Untersuchung: Und wer war nicht schuld an Dianas Tod?

MI5, MI6, die CIA, der DGSE als französischer Geheimdienst, die französische Krankenwagen-Besatzung, Scotland Yard und selbst Dianas Schwester sollen nach Meinung Mohammed al-Fayeds Schuld an der Ermordung Dianas und Dodis tragen. Der oberste Spion des MI6 äußerte sich nun persönlich zu diesen Anschuldigungen.

Von Cornelia Fuchs, London

Wenn es bei dem Untersuchungsausschuss im Saal Nummer 73 der königlichen Gerichtsbarkeit Großbritanniens nicht um den Tod zweier Menschen gehen würde, dann könnte man sagen, dass dort einfach gute Unterhaltung geboten wird. Seit Oktober vergangenen Jahres traten hier schon weit über 170 Zeugen auf, um die Umstände des Todes von Diana, der Prinzessin von Wales, und Dodi Fayed zu klären, die vor mehr als zehn Jahren in einem Tunnel in Paris in einem schnell fahrenden Mercedes verunglückten.

Monatelang war das Zuschauerzelt mit den Videomonitoren, die jeden Satz aus dem Gericht nach draußen tragen und die extra aufgestellt worden waren für die erwartete Zuschauermenge, leer geblieben. Doch wie in einem guten Hollywood-Drehbuch werden die Sitzungen der Untersuchungskommission mit jeder Woche interessanter. Und die Ränge der Bänke vor den Videoschirmen immer voller.

So wand sich vergangene Woche der ehemalige Butler der Prinzessin unter den Fragen der Anwälte. Stück für Stück zerbröselte vor den Augen der Geschworenen und der Zuschauer der letzte Rest von Glaubwürdigkeit dieses Mannes, der immer wieder von sich behauptet hat, ein Felsen für Diana gewesen zu sein. Ex-Butler Paul Burrell erzählte dem Gericht, dass Diana ihm wichtige Geheimnisse angetragen habe. Auf Nachfrage konnte er sich erst nicht mehr richtig erinnern, was genau diese Geheimnisse waren, dann wollte er wichtige Papiere holen, die er in England oder in Florida habe. Dann konnte er sich wieder nicht richtig erinnern und musste endlich zugeben, dass er den Mund zu voll genommen hatte und die Geheimnisse der ganzen Welt schon längst in einem seiner vielen Bücher mitgeteilt hatte - zum Beispiel die Tatsache, dass Diana überlegte, nach Amerika zu ziehen. "Kann es sein, dass sie tatsächlich ein Fels mit vielen Löchern sind?", wurde er daraufhin gefragt.

Viele Verdächtige

Doch der Butler war nur der Vorgeschmack auf das, was in dieser Woche kommen sollte. Den Anfang machte der Mann, der seit zehn Jahren auf diese Untersuchung gedrängt hatte: Mohammed al-Fayed ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, während seines Tages als Zeuge vor der Kommission alle, aber wirklich alle Aspekte seiner Mordtheorien darzulegen. Richard Horwell, Vertreter für Scotland Yard, fasste die nach Meinung al-Fayeds an der Ermordung von Diana und seinem Sohn Dodi beteiligten Kräfte mit einem leichten Unverständnis in der Stimme zusammen: "Also, das sind MI5, MI6, die CIA, der DGSE als französischer Geheimdienst, der französischer Richter Stephan, die französische Krankenwagen-Besatzung, Lord Condon und Lord Stevens von Scotland Yard, der zuständige Untersuchungsrichter und Dianas Schwester Sarah McCorquodale?" Mohammed al-Fayed antwortete stets: "Selbstverständlich."

Die Liste der Schuldigen in den Mordtheorien al-Fayeds lässt sich darüber hinaus noch verlängern: zwei Bodyguards, die französischen Pathologen, der Fotograf James Andanson, der den weißen Fiat gefahren haben soll, der gegen den Mercedes des Paares stieß auf der tödlichen Fahrt in den Alma-Tunnel, der Fahrer Henri Paul, der britische Botschafter in Paris im Jahr 1997, der Privatsekretär der Queen, Dianas Anwalt Lord Mishcon, der damalige britische Premier Tony Blair und - natürlich - Prinz Philip und Prinz Charles. Prinz Philip ist, so al-Fayed, sowieso derjenige, der das Land leitet, hinter dem Rücken der Queen und über alle demokratischen Kräfte hinweg. Und er ist, auch das sagte al-Fayed, aufgrund seiner deutschen Herkunft "ein Nazi, ein Rassist. Es ist Zeit, ihn nach Deutschland zu schicken, wo er herkommt. Wollen Sie seinen wirklichen Namen hören? Er endet mit Frankenstein." (Tatsächlich stammt Prinz Philip aus der Familie Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Und auch, wenn alle vier seiner älteren Schwestern deutsche Adelige heirateten, kämpfte Prinz Philip während des zweiten Weltkriegs auf Seite der Alliierten im Mittelmeer, weit entfernt davon, von einem Nazi erzogen worden zu sein, wie al-Fayed behauptete.)

Die Aussage des Mister "C"

Sechs Stunden lang wurden alle Aussagen von Mohammed al-Fayed, alle seine Antworten auf die Fragen der Anwälte und Kommissions-Vertreter sorgsam protokolliert und sind nun im Internet nachzulesen. Niemand, aber auch wirklich niemand soll diesmal behaupten können, dass irgendwo irgendetwas vertuscht worden sei.

Gestern schließlich gab es nach den Einlassungen al-Fayeds die zweite kleine Sensation im Saal Nummer 73: Dort stand ein Mann Rede und Antwort, den jahrzehntelang niemand im Königreich und darüber hinaus überhaupt kennen sollte. Sein Name war "C", und er war der Kopf des britischen Geheimdienstes MI6. Der Mann mit dem schönen Namen Sir Richard Dearlove leitete am 31. August 1997, dem Tag des tödlichen Unfalls von Diana und Dodi, alle Auslandsaktionen britischer Agenten, zwei Jahre später wurde er der Chef von MI6. Insgesamt hat er 38 Jahre im Geheimen gearbeitet.

Und kein einziges Mal, so Dearlove, sei es in diesen ganzen 38 Jahren seiner Zeit bei MI6 zu einem Auftragsmord britischer Agenten gekommen. Er gab zwar an, dass theoretisch die Möglichkeit bestehe, einen solchen Auftrag zu erteilen. Doch geschehe dies nur bei einer äußersten Gefährdung der britischen Sicherheit und nur mit spezieller Genehmigung aus dem Außenministerium. Sogar für die Überwachung einzelner Personen brauche es stets Genehmigungen, und, nein, sie haben die Prinzessin und ihren Begleiter nicht überwacht. Sir Dearlove ließ wenig Zweifel daran, dass es sehr viel wichtigere Dinge für britische Geheimdienstler gegeben hat, als die Überwachung einer geschiedenen Ex-Thronfolgerin.

Der Ex-Geheimdienstchef nimmt die Anschuldigungen um eine Verwicklung britischer Agenten in den Tod Dianas sehr persönlich: "Das ist absolut unvorstellbar!" Und zu den Vorwürfen al-Fayeds, Prinz Philip und er, der Chef des Geheimdienstes, seien die wirklichen Machthaber im Lande Großbritannien antwortete Dearlove nur: "Das ist eine so lächerliche Anschuldigung, dass es problematisch ist, damit umzugehen. Das ist völlig absurd, ganz unvorstellbar."

Nach dem Chef wird nun eine Phalanx von Geheimdienstlern die Zeugenbank im Saal Nummer 73 bevölkern. Sie alle arbeiten noch als Agenten und erscheinen daher anonym und als Buchstaben von A bis F. Sehen werden sie nur die Geschworenen und der Richter. Ihre Aussagen werden jedoch weiter für die Öffentlichkeit im Zelt vor dem Gerichtsgebäude übertragenl, und sie können nachgelesen werden, jeden Tag.