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Ein Abend mit Charlie Sheen Wahrheits-Torpedo außer Kontrolle


Charlie Sheen tourt durch die USA und erzählt über Kokain und Prostituierte. Wahnsinn? Nein, ganz normale Geschichten aus der Branche, in der er arbeitet.
Von Jochen Siemens, New York

Wer demnächst durch amerikanische Buchläden spaziert, wird gleich am Eingang über eine Neuerscheinung stolpern, die einen seltsamen Titel hat. "Geschichten, die ich nur meinen Freunden erzähle" steht da, und es sind die Memoiren des Schauspielers Rob Lowe, dem bis heute unfassbar gut aussehenden Beau-Boy Hollywoods. Nun, es ist kein aufregendes Buch, sondern eher die etwas mehlig erzählte Geschichte Lowes, der es auf der Leinwand nie ganz nach vorne schaffte, dafür aber in die Betten von Demi Moore oder Stephanie von Monaco, wie es Lowe auf den Seiten durchtropfen lässt. Nur an einer Stelle bleibt man sofort hängen, und da geht es nicht um den Autor, sondern um seine Schauspielfreunde aus den 80er Jahren, dem jungen, schon damals vom Ehrgeiz besoffenen Tom Cruise oder dem schon immer gelassenen Emilio Estevez, der ja der Bruder von - und jetzt kommt's - Charlie Sheen ist.

Das war Anfang der 80er Jahre, und Lowe erzählt von einem schon damals eigenartigen Sonderling, dessen ganzes Weltbild sich aus Verschwörungstheorien zusammensetzte. Leicht irr' habe sich Sheen, der eigentlich Carlos Irwin Estevez heißt und damals 18 war, darüber ausgelassen, dass die Amerikaner niemals auf dem Mond, sondern nur in einem Filmstudio gelandet seien und dass John F. Kennedy von einem Verschwörerteam ermordet worden sei und sowieso, bald seien auch sie in Hollywood an der Reihe. Es gab Tage, an denen Sheen nur mit einer kugelsicheren Weste in der Schule herumlief, auch bei 30 Grad.

Willkommen beim "Rockstar vom Mars"

Man muss diese kleinen Notizen aus dem jungen Leben des Charlie Sheen wissen und man muss sich erinnern, wie Sheen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zum Wortführer allerlei abstruser Theorien und Gerüchte um die Anschläge wurde, um zu verstehen, wer da neulich in New York mit seiner "Torpedo der Wahrheit"-Show auf die Bühne der Radio City Music Hall stieg. Torpedo der Wahrheit, allein der Titel lässt ahnen, wie sehr sich da einer in der Lügenwelt gefangen fühlt. Auf der Straße vor dem Theater stand ein Mann mit einem großen Pappschild "Die Juden kontrollieren die Medien! Fragt Charlie Sheen!", und wenn man den Mann fragte, was er damit meine, kam aus seinem Mund ein Wortschwall über Clans, dunkle Mächte und dass alles noch ein böses Ende nehmen würde. Willkommen im Keller der Verschwörungsabenteurer, willkommen beim "Rockstar vom Mars", wie Sheen sich selbst nennt.

Oder auch der "mit dem Tigerblut", so jedenfalls sagt es der Mann, der dann vor 6000 Zuschauern die Bühne betritt. Es ist ein bizarrer Abend, es ist keine Show, es ist kein Theater, nicht einmal eine Satire, es ist vielmehr die Innenansicht einer über Jahre verdrehten und verknoteten Psyche des einstigen Hollywood-Teenagers Sheen. Schon seine Stimme ist Eigenwelt, tief und brüchig, verlebt und am Ende seiner halben oder dreiviertel Sätze immer so, als würde sie einen Abhang herunterstürzen. Er sitzt ganz an der Kante der Bühne in einem Sessel, das Publikum nimmt er zur Kenntnis, mehr nicht.

Stattdessen liest Sheen offensichtlich erfundene Briefe von Hotelmanagern vor, die ihn einladen, in ihrem Haus zu wohnen, dort könne er auch rauchen und trinken. Dann bricht er ab, zündet sich eine Zigarette an und ballert Wahrheiten, seine Wahrheiten in den Saal. "Wall Street", der Film, mit dem Sheen einst berühmt wurde, habe ja eine Fortsetzung, und die sei "richtig Scheiße", also "fucking Scheiße". Und "wollt ihr wissen, ob ich diese Mexikanerin im achten Monat gefickt habe? Ja. Und wollt ihr wissen, ob ich großartig war? Ja, war ich. Alles andere sind Lügen." Und so geht das weiter, nein, er habe in New York keine Prostituierte in einen Hotelschrank gesperrt, "ich wollte bloß meine Uhr wiederhaben, die kostet immerhin 63.000 Dollar".

"Gut verdienende Midlife-Krise auf CNN"

Es hat einerseits etwas Autistisches, wie Sheen da auf der Bühne in seiner Eigenwelt taumelt, wie er berichtet, sich einmal einen Batzen Kokain in der Hose versteckt zu haben, "aber dann fingen meine Eier an zu schwitzen" und so weiter. Es hat aber andererseits auch etwas sehr Wahrhaftiges und seltsam Aufklärendes. Charlie Sheen, dieses immer verwöhnte Hollywood-Kind, ist 47 und hat sich in seinen besten Jahren auf dem Jahrmarkt Sex und Drogen so ausführlich bedient wie andere auch. Man mag noch soviel über seine Drogen und seine Pornosucht besorgt sein, in Hollywood sind etliche denselben Weg gegangen, sie waren nur kein Skandalthema. Michael Douglas, Dennis Quaid, Nick Nolte, die Liste ist lang. Und erinnert man sich an River Phoenix oder Michael Jackson, waren die Ausstiege auch tödlich. Sheen lebt und führt zurzeit eine "gut verdienende Midlifekrise auf CNN statt auf der Couch irgendeines Therapeuten vor", wie es der Autor Bret Easton Ellis beschreibt.

Dass die Entertainment-Presse, all die glossy und glamourösen Blätter und TV-Sender das nicht mögen und Sorge heucheln, hat ganz andere Gründe. "Sheen scheint gefährlich, weil er Illusionen über die Natur von Stars zerstört (und auch bestätigt)", wie Easton Ellis feststellt. Und Charlie Sheen seine wirre und beleidigende Show oder was es auch sein mag anzukreiden, ist dann verlogen, wenn man die ebenso großartig beleidigende Ansprache des Entertainers Rick Gervais bei den Golden Globes als erfrischend feiert. Dass sich in der Show-Biz-Welt ein ziemlicher Haufen sich schlecht benehmender Arschlöcher herumtreibt, ist nichts Neues. Auch Charlie Chaplin war eins. Und fangen wir gar nicht von Mel Gibson an.

Am Tag nach der New Yorker Sheen-Show schrieben die Zeitungen, wie grauenhaft es angeblich war; dass Sheen auf der Bühne Kette geraucht habe und viele empört den Saal verlassen hätten. Da konnte man auf einmal ein bisschen den Wahrheits-Torpedo verstehen, denn das stimmte nicht. Er hat in einer Stunde zwei Zigaretten geraucht, eine davon nur zu einem Viertel. Und die Zuschauer, die den Saal verließen, kamen meistens sofort wieder, sie hatten sich Drinks an der Bar geholt.


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