HOME

Eine amerikanische Tragödie: Als läge ein Fluch über ihnen

John F. Kennedy jr., der schöne und erfolgreiche Sohn des ermordeten Präsidenten, stürzte mit dem Flugzeug ab und nahm Frau und Schwägerin mit in den Tod. Die Geschichte des Clans ist eine Kette von Triumph und Verhängnis

Vielleicht flog sie wirklich nicht gern mit ihrem Mann. Vielleicht hat sie wirklich mit ihm gestritten, als sie sich gegen acht Uhr abends am vergangenen Freitag auf dem Flughafen in New Jersey trafen. Vielleicht hat Carolyn Bessette, 33, gemeinsam mit ihrer Schwester Lauren, 35, wirklich versucht, John Kennedy davon abzubringen, mit dem Privatflugzeug zur Hochzeit seiner Cousine Rory im Familiensitz in Hyannisport zu fliegen. Und vielleicht hatte er wirklich etwas getrunken vor dem Start. Vieles wird ein Rätsel bleiben.

Sicher ist vorerst, daß die beiden jungen Frauen zu einem Mann ins Cockpit stiegen, der kein erfahrener Pilot war. Der eine Beinverletzung hatte, der diese Maschine, eine Piper Saratoga, erst seit drei Monaten flog, der sich offenbar alles zutraute - zuviel? Und sicher ist, daß sie niemals am Ziel ankamen. Mit Schaudern, mit ungläubigem Entsetzen verfolgte die Welt am vergangenen Wochenende eine neue Tragödie im Leben der Kennedys, Amerikas fast mythischem Polit-Clan. 'Als läge ein Fluch über der Familie', sagten kopfschüttelnd Urlauber auf der Insel Martha's Vineyard, wo im Lauf des Samstags nach einer Nacht der vergeblichen Hoffnungen Treibgut von der Maschine angeschwemmt wurde. Ein schwarzer Damenschuh, ein Fahrwerkrad, ein Koffer. Am Gepäck ein Namensschild - Lauren Bessette. Eine Arzneiflasche, ausgestellt für Carolyn Bessette. Und da begann man vorsichtig darüber zu debattieren, ob der 38jährige seine Fähigkeiten nicht maßlos überschätzt habe. Ob ausgerechnet der Kennedy, der in seinem Leben nicht ein einziges Mal Schande über die Familie brachte, zwei Frauen und sich selbst leichtsinnig in den Tod gerissen hat. John F. Kennedy jr., studierter Jurist und seit vier Jahren Journalist, hat sich selbst immer als 'verhinderten Piloten' bezeichnet. Seine Liebe zum Fliegen rühre 'wohl von den Hubschraubern her, die immer auf der Wiese vor dem Weißen Haus gelandet sind'. Damals, als er noch Prinz war in Camelot.

John wurde am 25. November 1960 geboren, drei Wochen nachdem sein Vater zum 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden war. Von klein auf führte er ein öffentliches Leben: Kein Amerikaner wird je das Foto vergessen, auf dem ein verschmitzter John-John - so hatte ihn die Presse genannt - unter dem Schreibtisch im Oval Office saß. So menschlich hatte sich die Zentrale der Weltmacht nie präsentiert. Und alle erinnern sich an die Szene, wie der Dreijährige - im kurzen blauen Mantel, in roten Schuhen und hängenden Socken - dem toten Vater die letzte Ehre erwies. Von Mutter Jackie wispernd angewiesen, hob der Knirps den Arm und grüßte militärisch, als der Sarg im November 1963 durch Washington gefahren wurde. Bis zu seinem Ende hofften die Amerikaner, John jr. werde etwas von dem Glanz zurück in die Politik bringen, mit dem seine Eltern und sein Onkel Robert einst das Land bezaubert hatten. Jede Kleinigkeit im Leben des Kindes wurde begierig wahrgenommen: von der ersten Zahnlücke bis zum ersten Friseurbesuch - verärgerte Wähler hatten Jackie Kennedy Dollarnoten geschickt, mit der Aufforderung, dem Jungen endlich mal die Haare schneiden zu lassen. Jackie erzog den Sohn zum kleinen Gentleman. Er hatte seine Bodyguards mit 'Mister' anzusprechen, und als er schon größer war und einmal einem Fotografen die Kamera ins Wasser schmiß, entschuldigte er sich und bot an, eine neue zu kaufen. Seine drei Jahre ältere Schwester Caroline, schrieb eine Zeitung, 'ist die Schlaue, er ist der Nette'.

Zoff mit der von ihm vergötterten Jackie gab es nur, als er verkündete, er wolle Schauspieler werden. An seiner Uni in Providence trat er in Theaterstücken auf. Einmal spielte er die Titelrolle in 'Playboy of the Western World', ein andermal einen Jungen, der mit seiner Freundin ertrinkt. Als er ernsthaft erwog, in einem Film seinen Vater zu spielen, tobte Jackie - und er lehnte ab. Er war dermaßen kameratauglich, daß er schon Anlaß zu Witzen bot. Als in der Erfolgsserie 'Seinfeld' die vier Hauptdarsteller sich zur Keuschheit verpflichten, bricht als erstes die Frau im Bund ihr Gelübde - nachdem sie John Kennedy jr. im Fitneß-Studio gesehen hat. Und als der im wahren Leben zum zweiten Mal durchs Jura-Examen fiel, spottete eine Tageszeitung: 'Hunk Flunks', etwa: Schöner Mann fällt durch. Wenn er durch die Straßen von New York ging - immer ohne Leibwächter -, strahlten ihm die Frauen entgegen.

Das Klatschblatt 'People' wählte ihn 1988 zum 'Sexiest Man Alive', und bis zu seiner Heirat am 21. September 1996 galt er als begehrtester Junggeselle Amerikas. Mit einer Schwäche für Schauspielerinnen: In den Klatschspalten tauchte er auf mit Julia Roberts, Madonna, Sarah Jessica Parker und der blonden Darryl Hannah. Wie sein Vater schien er der Meinung zu huldigen, Langeweile sei die schlimmste aller Sünden. Er war stets in Bewegung, probierte immer etwas Neues aus. Skifahren, Radfahren, Paragliding, Football, Bergsteigen - Kennedy forderte seinen Körper. Und war stolz auf ihn. Ein Schulkamerad erinnert sich, John jr. habe seine gesamte College-Zeit hindurch 'praktisch mit einem Handtuch um die Hüften' verbracht. Unermüdlich jagte er dem Leben nach - so daß eine Autorin hinter all dem Aktivismus unbewältigte Todesangst vermutet, das Trauma des verlassenen Sohnes. 'Er hatte eine sehr leichtsinnige Seite', orakelte Lauren Lawrence am Unglücks-Wochenende, 'vielleicht hatte er den geheimen Wunsch, seinem Vater zu folgen.' Tatsache ist, daß der Junior es vermied, am Vater gemessen zu werden: Aus der Politik hielt er sich raus. Gegen den Bazillus Macht, der seinen Vater angetrieben hatte, war er resistent. Und so erfand er, nach vier Jahren Arbeit im Büro eines New Yorker Staatsanwalts, die Illustrierte 'George', ein Konglomerat aus Politik und Showbiz - oder, wie das 'Wall Street Journal' spottete, 'ein eitles Vehikel für Stars, die sich gern als Intellektuelle verpackt sehen'. Fast unnötig zu sagen, daß die Ausgabe, in der sich der Chefredakteur nackt ablichten ließ, zu den bestverkauften gehört. Massenwirksam vereinte Kennedy alten Ruhm und neuen Glamour, war zugleich Gentleman und Abenteurer, Hoffnungsträger einer politischen Elite und Mann von der Straße. Beinahe verzweifelt versuchte er, ein 'ganz normaler Mensch' zu sein, geschafft hat er es nie. Er wohnte nicht am Central Park wie einst seine Mutter, sondern im In-Viertel TriBeCa in einem Loft. Er fuhr manchmal U-Bahn und brachte den Müll runter wie andere Leute auch - nur daß sich, kaum war er wieder im Haus, Paparazzi über den Abfall hermachten. Als er, nach einem seiner seltenen Interviews, mit dem Journalisten Steven Brill auf die Straße trat und zwei Frauen entzückt aufkreischten, fragte Brill, ob das immer so sei. 'Ja', sagte Kennedy achselzuckend, 'nur nicht immer so laut.'

Carolyn Bessette wurde am Tag ihrer Heirat mit John in eine Welt geschubst, die sie nur als Zaungast gekannt hatte. Als Verkäuferin und später als PR- Dame des Modedesigners Calvin Klein war ihr der Starrummel durchaus vertraut. Aber bei öffentlichen Auftritten mit ihrem Mann hielt sie lieber ganz fest seine Hand. Die 33jährige gelernte Erzieherin aus Connecticut war 1,80 Meter groß, fast so groß wie ihr Mann - und jeder Zentimeter von kühler Eleganz. Schon auf der High School bekam sie den Titel 'Die Schönste'. Mit ihrer Hochzeit - und dem Seidenkleid von Narciso Rodriguez - wurde sie zur amerikanischen Stil-Ikone. Wie Jackie, raunten die Hofberichterstatter. Der Prinz hatte endlich eine passende Prinzessin gefunden. Denn die Kennedy-Familie ist das heimliche Königshaus der zutiefst unari-stokratischen Amerikaner. 'Wenn das Land einen Shakespeare hätte', kommentierte die 'Washington Post' den jüngsten Unglücksfall, 'würde er die Geschichte der Kennedys schreiben.'

Die Abkömmlinge armer irischer Einwanderer stiegen auf aus dem Nichts. Der Bauer Patrick Kennedy landete 1848 mit leeren Händen an der Ostküste, sein Sohn schlug sich als Kneipenwirt in Boston durch. Doch mit dessen Sohn Joseph Patrick begann ein atemberaubender Aufstieg des Clans. Auf dem Höhepunkt war John F. Kennedy als Präsident der mächtigste Mann der Welt, Vater Joe galt mit 300 bis 500 Millionen Dollar Privatvermögen als einer ihrer reichsten Männer. Genießen konnte der Dynastie-Chef den Triumph nicht: Als der Sohn ins Weiße Haus einzog, lähmte ein Schlaganfall den Vater. Bis zu seinem Tod 1969 blieb Joe stumm. Sein Geld hatte er auf die amerikanische Art gemacht: mit gutem Riecher, schnell und rücksichtslos. Als er 25 war, übernahm er im Handstreich eine Bank und machte beim Insider-Handel und mit Spekulationen an der Börse Millionen. Beim illegalen Alkohol-Import knüpfte er die guten Beziehungen zur Mafia, die ihm später halfen, seinen Sohn als Präsidenten zu installieren. Fast ohne Eigenkapital erwarb Joe sen. riesige Immobilien. Eine davon war der Merchandise Mart in Chicago, nach dem Pentagon das zweitgrößte Gebäude der Welt. Mit nur 800 000 Dollar Eigenkapital hatte er das 12,5 Millionen Dollar teure Art-Deco-Monstrum 1945 gekauft. Mehr als 50 Jahre lang hielt es mit seinen Mieteinnahmen den Clan bei Kasse, im vorigen Jahr verkauften es die Erben für 625 Millionen Dollar. Mit großzügigen Wahlkampfspenden hatte Joe sich Ende der Dreißiger den Job als US-Botschafter in London gesichert. Sein Fehlurteil über Hitler und den Antisemitismus der Deutschen war grotesk - er hielt sie für harmlos. Drei Jahre lang versuchte sich Joe als Studio-Boß in Hollywood. Seine Filme sind vergessen, sein langjähriges Verhältnis mit Gloria Swanson, dem größten Star der Zeit, bis heute nicht. Ganz offen hielt sich der fromme Katholik einen Harem von Geliebten. Ehefrau Rose litt still und gebar ihm neun Kinder. Sie starb 1995, 104 Jahre alt. Die älteste Tochter, Rosemary, war leicht schwachsinnig und brach immer wieder aus dem Heim aus, in dem sie heimlich untergebracht worden war. In einer gewagten Operation ließ man sie 1941 operieren, um sie sexuell ruhigzustellen. Jahrzehntelang wurde die danach schwer Hirngeschädigte verschwiegen.

Kranke paßten nicht ins Weltbild der Supermänner aus Boston. Die zweite Tochter, Kathleen, starb 1948 bei einem Flugzeugunglück. Sie hatte die Eltern in Verzweiflung gestürzt, als sie einen geschiedenen Protestanten heiratete. Eigentlich hätte Joe jr., der älteste Sohn, Präsident werden sollen. Doch er starb 1944, als sein Flugzeug über dem Ärmelkanal explodierte. Trotz Warnungen war er mit einem defekten Bomber gestartet, um eine geheime Mission gegen deutsche V1-Stellungen zu fliegen. Sohn John Fitzgerald, den die Nation nur Jack nannte, erlitt als Marineoffizier im Südpazifik schwere Verletzungen, als sein Torpedoboot von Japanern beschossen wurde. Zeitlebens mußte er ein Stützkorsett gegen die quälenden Rückenschmerzen tragen. Er wurde 1963 in Dallas von Lee Harvey Oswald erschossen, den viele bis heute für einen Auftrags-Killer halten.

Aber wer stand hinter dem Mörder? Und wer hinter dem zwielichtigen Nachtclubbesitzer Jack Ruby, der den Attentäter erschoß? Bis heute wuchern wilde Verschwörungstheorien, wer den Hoffnungsträger einer ganzen Generation auf dem Gewissen hat. Bis zu den Schüssen von Dallas glaubte die Nation an Ideale in der Politik, träumte von Gerechtigkeit und Frieden. Seither, so meinen viele, sei Politik nur noch ein Drecksgeschäft. Robert Kennedy, genannt Bobby, war der intellektuelle, brillante Justizminister im Kabinett seines Bruders. Er hätte gute Chancen gehabt, der zweite Kennedy im Weißen Haus zu werden. 1968 wurde er in Los Angeles von dem wirren Palästinenser Sirhan Sirhan vor laufenden Fernsehkameras erschossen. Mit Bobby verstand sich Jack so gut, daß sich die Brüder nicht nur die Geliebte - Marilyn Monroe -, sondern auch die Ehefrau Jackie teilten. Bobbys Frau Ethel, die ihm in 17 Jahren elf Kinder geboren hatte, haßte Jackie deswegen voller Inbrunst. Doch nach alter Familientradition schwieg sie und litt.

Auch der vierte Sohn, Edward, hätte das Zeug zum Präsidenten gehabt. Doch er ruinierte seine Karriere, als er 1969 bei Chappaquiddick in Neu-England mit seinem Auto nach einer wilden Party in den Atlantik raste. Er selber konnte sich retten, seine Mitarbeiterin und Geliebte Marie Jo Kopechne nicht. Warum er keine Hilfe organisierte und sie acht Stunden in dem Wrack eingeklemmt ließ, bevor er die Polizei informierte, ist bis heute sein Geheimnis. In Chappaquiddick ist mehr abgesoffen als der gute Ruf von Edward Kennedy. Im Wasser vor Martha's Vineyard versank damals auch die Hoffnung, die Kennedys könnten mit ihrer legendären Energie und ihrem Charme wieder eine führende Rolle im mächtigsten Land der Erde spielen. Seither machen sie eher mit Affären und Tragödien von sich reden. Der liberale, bullige Ted ist zwar bis heute ein mächtiger demokratischer Senator für Massachusetts, der sich unermüdlich für die Armen Amerikas einsetzt. Aber er ist ein von Skandalen gezeichneter Mann. Seine offen eingestandene Kokainsucht, seine Trunksucht und seine vielen Sex-Abenteuer hat Amerika bis heute nicht vergessen. Teds ehemaliger Assistent kam sich gelegentlich vor 'wie ein Zuhälter. Mein Job war es, ihm die Mädchen in sein Senatsbüro, ins Hotel oder nach Hause zu bringen. Einmal war es eine 17jährige. Er ließ sie Kokain schnupfen und schlief dann wild mit ihr'. Teds Frau Joan wurde darüber zur Alkoholikerin, 1983 ließ sie sich scheiden.

Auf dem Familiensitz von Palm Beach, Florida, kam es 1991 zu einer der trübsten Episoden der Kennedy-Saga. Senator Ted war mit seinem Sohn Patrick, heute demokratischer Kongreßabgeordneter für Rhode Island, und dem Neffen William Smith Kennedy zu einer Sauftour gestartet, 'um der toten Kennedys zu gedenken'. Später wurde William von einem Mädchen beschuldigt, er habe es vergewaltigt. Obwohl die Polizei bei ihr zahlreiche Verletzungen und eine gebrochene Rippe feststellte, wurde er freigesprochen. Hätte ein junger Schwarzer auch so viel Glück gehabt? fragte sich damals eine angewiderte Öffentlichkeit. Oder siegten wieder einmal das große Geld und die raffinierten Anwälte über die Gerechtigkeit? Williams Mutter, heute Botschafterin in Irland, hatte seinerzeit nur Gutes über ihren Sohn ausgesagt. Aber auch Jean Kennedy Smith kannte das Gebot der Kennedy-Frauen: Leide und schweige. Frauen waren im Universum der Kennedys oft nur Spielzeuge. Man nahm sie, und wenn man keine Lust mehr hatte, warf man sie weg. 'Wenn ich eine Frau erobert habe, ist mein Interesse vorbei', seufzte John F. Kennedy einmal. Das hat er vom Papa gelernt. Patriarch Joe hatte die Söhne nach dem Motto erzogen: 'Das Leben ist ein Spiel, das man mit allen Mitteln gewinnen muß, denn nur der Sieger bekommt alles - in der Politik und im Bett.' Die Söhne hielten sich daran. Der Enthüllungsjournalist Seymour Hersh hat in seinem Buch 'The Dark Side of Camelot' die Sex-Besessenheit der Gebrüder Kennedy schonungslos ausgebreitet. Jack brauchte jeden Tag Sex mit einer neuen Frau, 'weil ich sonst Migräne kriege'. Gegen seine Orgien im Weißen Haus waren Bill Clintons Affären eine Lappalie. Bei einem Besuch auf Kuba brachte Jack das Kunststück fertig, sowohl mit der Frau des amerikanischen als auch mit der Frau des italienischen Botschafters zu schlafen. Und mit Mafia-Boß Sam Giancana teilte er sich eine Geliebte. Doch selbst Hershs Enthüllungen haben das Bild der Kennedy-Brüder nicht trüben können. Bis heute stehen sie als Vorbilder auf dem Podest der Nation.

Amerika läßt sich seine beiden ermordeten Helden von ein paar Skandälchen nicht nehmen. Auf den großen Rest der Familie trifft das nicht so ganz zu. Roberts Sohn David starb 1984 an einer Überdosis Drogen. Der Junge hatte als Zwölfjähriger im Fernsehen mit ansehen müssen, wie sein Vater erschossen wurde. FBI-Beamte fanden ihn später, allein und weinend, im Hotelzimmer. Erholt hat er sich von dem Schock nie. Roberts Sohn Michael galt immer als eines der großen politischen Talente in der Familie. Voller Geschick organisierte er die Wahlkampagnen seines Onkels Ted und des Bruders Joseph jr. Bis 1997 bekannt wurde, daß er seit fünf Jahren ein Verhältnis mit der Babysitterin hatte. Angeblich hatte die Liebschaft begonnen, als das Mädchen erst 14 war. Einer sicheren Verurteilung wegen Vergewaltigung entging er nur, weil das Mädchen und seine Eltern nicht gegen ihn aussagten. Silvester 1997 fuhr Michael beim Skifahren in Aspen, Colorado, gegen einen Baum. Vergebens versuchte seine Schwester Rory, ihn mit Mund-zu-Mund-Beatmung zu retten - der Lieblingsbruder starb in ihren Armen. Am vergangenen Wochenende hatte sich der große Clan - fast 250 Personen - zu Rorys Hochzeit im Ferienhaus in Hyannisport versammelt. Es sollte, endlich wieder einmal, ein fröhliches Fest werden. Am Samstag wurde die Hochzeit auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Dynastie der starken Männer, die Joseph mit seinen Söhnen aufbauen wollte, gibt es nicht mehr. Alle Hoffnungen ruhen heute auf den Frauen des Clans. Kathleen Kennedy Townsend, die älteste Tochter von Robert, hat gute Chancen, zur nächsten Gouverneurin des Bundesstaats Maryland gewählt zu werden. Die Mutter von vier Kindern hat nicht nur das Matterhorn im Schneesturm bezwungen. Sie könnte auch die erste Frau sein, die von den Demokraten für das Amt des US-Präsidenten nominiert wird.

CHRISTINE KRUTTSCHNITT CLAUS LUTTERBECK SIEGFRIED SCHOBER