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Heiligabend 1968: Obdachlos an Weihnachten: Frédéric von Anhalts traurige Familiengeschichte

Bislang hat er nie darüber gesprochen: Heiligabend 1968 wurde Frédéric von Anhalt von seiner Familie abgewiesen - und musste die Nacht auf der Straße verbringen. Nach 50 Jahren sucht er nun Versöhnung.

Frédéric von Anhalt

Frédéric von Anhalt hält sich derzeit für fünf Wochen in Deutschland auf - und will auch das Weihnachtsfest hier verbringen.

DPA

Er ist wieder da: Nachdem er Jahrzehnte lang ein glamouröses Leben in Bel Air an der Seite von Hollywood-Ikone Zsa Zsa Gabor geführt hatte, ist Frédéric von Anhalt wieder in Deutschland. Erst mal nur für fünf Wochen. Aber wenn es nach ihm geht, wird daraus ein Dauerzustand: 34 Jahre Kalifornien sind genug, jetzt zieht es ihn zurück in seine alte Heimat. Hier will er noch einmal neu durchstarten. Dafür sei Deutschland genau das richtige Land. "Wo immer ich hingehe, kommen die Leute zu mir und sprechen mich an. Ich habe das Gefühl, die Deutschen mögen mich. Und dann will man was zurückgeben", sagte er dem stern Anfang Dezember beim Treffen in Hamburg. 

Doch nicht nur die Zukunft treibt ihn zurück nach Deutschland. Es ist auch die eigene Vergangenheit. Bevor er 1984 auswanderte, lebte er hier fast 40 Jahre. Er verließ das Land nicht nur im Guten. Mit seiner Familie hatte er da schon länger keinen Kontakt. Nach Jahrzehnten der Funkstille möchte er jetzt das Verhältnis wieder kitten, sich versöhnen. Das ist einer der Gründe, weshalb er gekommen ist: Er möchte Weihnachten in Deutschland verbringen, am liebsten im Kreis seiner Familie. Und endlich mit einer Geschichte abschließen, die er seit 50 Jahren mit sich herumschleppt, und über die er nun mit dem stern erstmals spricht.

Es geschah an Weihnachten 1968

Es ist die Geschichte einer grausamen Abweisung. Sie spielt Heiligabend 1968. Hans-Robert Lichtenberg, wie von Anhalt damals noch hieß, ist auf dem Weg nach Wallhausen, seinem am Rand des Hunsrück gelegenen Heimatort. 1943 wurde er hier als Sohn des Kriminalrats geboren. Als er am 24. Dezember ankommt, ist er drei Jahre nicht mehr hier gewesen. Der 25-Jährige möchte nichts anderes als zusammen mit seiner Familie das Weihnachtsfest zu verbringen.

Es ist schon dunkel, gegen 18 Uhr klopft er an die Tür seines Elternhauses. Ein Bekannter hatte ihn mit dem Auto mitgenommen, Busse und Bahnen fuhren nicht mehr. Seine Mutter öffnete die Tür - und reagiert erschrocken. "Was machst du denn hier?", sagt sie. "Das gibt doch nur Streit." Anhalt war nicht auf Zwietracht aus und fügte sich dem Willen der Familie. 

So stand er am Heiligen Abend mutterseelenallein in dem kleinen Örtchen. Es war kalt, dunkel und die nächste Stadt Bad Kreuznach 10 Kilometer entfernt. Der junge Mann machte sich auf den Weg. "Ich hatte mich so gefreut auf das Weihnachtsfest. Ich war so einsam und wollte mit der Familie zusammen sein. Ich hätte im Traum nie daran gedacht, dass die Familie mich Weihnachten vor dir Tür setzt“, erzählt von Anhalt, der diese Grausamkeit noch immer nicht recht begreifen kann. "Ich war obdachlos in dieser Nacht. Es ist mir noch nie passiert, dass ich kein warmes Bett hatte. Meine Familie verweigert mir das Haus bei null Grad", erinnert er sich. Geschlafen habe er schließlich auf einer Baustelle. "Ich hatte ja keine Decke. Ich habe gefroren wie ein Schneider."

Mit Zsa Zsa Gabor engagierte er sich für Obdachlose

Viele Jahre später wird er sich in Los Angeles zusammen mit seiner Ehefrau Zsa Zsa Gabor für Obdachlose einsetzen. Schlagzeilen produziert er damit nicht, die Medien berichten lieber über seine vielen Skandale. Doch als Gabor 2017 stirbt, gibt es kaum einen Nachruf, der das großherzige Engagement unerwähnt lässt. Auch nach dem Tod seiner Frau engagiert sich Frédéric von Anhalt weiter: "Ich tue viel, weil ich weiß, wie es auf der Straße ist. Dabei habe ich nur eine Nacht erlebt. Diese Nacht war der Horror."

Diese eine Nacht nagt noch heute an ihm. "Meine Geschwister haben sich nie bei mir entschuldigt. Deshalb hatte ich über die Jahre keinen Kontakt, mit meinen Eltern schon gar nicht." All die Jahre in Amerika hat ihn keiner aus seiner Familie besucht. 

Schwierig war es mit der Familie schon vor diesem Weihnachtsabend. "Wir waren fünf Kinder. Ich war das schwarze Schaf. Alles blieb an mir hängen. Wenn irgendwas im Dorf passiert war, hat man mir die Schuld zugeschoben, weil ich sowieso meine Schläge jede Woche bekam. Wenn die Kinder irgendwas gemacht haben, hat man mir die Schuld gegeben. Ich habe keine gute Kindheit gehabt", erinnert sich der heute 75-Jährige. Eigentlich wollte er Automechaniker werden, doch sein Vater hatte andere Pläne: "Ich hatte drei Brüder, einer musste Metzger lernen mich hat mein Vater dazu gezwungen, Bäcker zu werden." Damals war man erst mit 21 volljährig, bis dahin musste er sich fügen. 

Frédéric von Anhalt möchte sich versöhnen

Sein Vater hörte nicht auf, ihn zu prügeln, auch nicht als er zu einem Mann heranwuchs. "Nach meinem 21. Geburtstag saß ich im Wohnzimmer. Mein Vater kam herein und wollte mich angreifen. Da bin ich aufgestanden und hab gesagt: 'Es ist vorbei. Nie mehr wieder.' Das konnte er gar nicht glauben. Da hat er Angst gehabt. Weil er dachte, der meint es ernst. Ich war kräftig, ich hätte mich gewehrt." Zu der Zeit verbrachte er nur noch an die Wochenenden im Elternhaus, unter der Woche arbeitete er in der Backstube. 

Kurz darauf bekam er ein Einschreiben. Er dürfe nicht mehr nach Hause. "Den Brief habe ich heute noch", sagt er. Drei Jahre hielt er sich daran. Weihnachten 1968 war die Sehnsucht nach der Familie zu groß. "Einschreibebrief hin und her, aber wenn du Weihnachten kommst, bist du doch willkommen", so dachte der damals 25-Jährige. Dass man ihn in dieser Nacht vor die Tür setzt - damit hätte er niemals gerechnet.

50 Jahre ist das nun her. Das bevorstehende Weihnachtsfest scheint eine gute Gelegenheit, die alten Gräben zu schließen, sich die Hand zu reichen. Zwar strahlt Frédéric von Anhalt mit seinen 75 Jahren noch eine große Vitalität aus - doch auch er weiß, dass sein Leben nicht unendlich ist. Auf seinem letzten Lebensabschnitt möchte er Frieden schließen. Trotz seiner schlimmen Erfahrungen ist er dazu bereit. Weihnachten im Kreis der Familie zu verbringen - das ist derzeit der größte Wunsch Frédéric von Anhalts: "Jetzt will ich in Deutschland wieder Fuß fassen. Und ich hab gedacht, das Erste, was ich hier mache, ist mich mit der Familie zu versöhnen."

Zsa Zsa Gabor ist tot: Die ewige Diva
Zsa Zsa Gabor

Die im Februar 1917 in Budapest geborene Gabor, die 1936 bei einem Schönheitswettbewerb zur "Miss Ungarn" gekürt wurde, verbrachte ihre Jugend in der Schweiz. Nach einer Ausbildung an der Wiener Musikakademie gab Richard Tauber ihr eine Rolle in der Operette "Der singende Traum".