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Guy Ritchie und sein "Sherlock Holmes" Was Madonna übrig ließ


Kaum ist Guy Ritchie Madonna los, geht es wieder aufwärts mit der Karriere. Mit seinem Film "Sherlock Holmes" scheint der ehemalige Maurer und "britische Tarantino" wieder bei sich selbst angekommen zu sein. Allerdings sieht er schon etwas mitgenommen aus.
Von Sophie Albers

Er weiß es. Er weiß, dass die Leute, die ihn so ausgiebig betrachten, nach Zeichen suchen. Zeichen, die die berühmteste Frau der Welt an, auf und sicher auch in ihm hinterlassen hat. Zehn Jahre war der britische Regisseur Guy Ritchie mit Madonna zusammen. Siebeneinhalb davon verheiratet. Einen gemeinsamen Sohn haben sie auch. Ritchie kennt die Blicke. Zulassen will er sie trotzdem nicht.

Der Mann ist fleischgewordene Defensive. Der bollerige Kopf ist kahlrasiert, und der massige Körper platzt fast aus dem edlen Anzug, den er angezogen hat, um in Berlin sein neues Werk "Sherlock Holmes" zu präsentieren. Der Film nach der Ehe. "Bitte keine Fragen zu Madonna" ist mittlerweile eine Standardansage, wenn es um Guy Ritchie und Journalisten geht. Fragen muss man aber gar nicht. Das fleischige Gesicht ist ein Buch. Also lesen wir ein bisschen.

Ritchie ist das, was man in Großbritannien einen "Lad" nennt. Ein "echter Kerl" mit viel Testosteron, einbetonierten, eher traditionellen Ansichten und Freude an kleinen Raufereien nach dem täglichen Besuch in der Stammkneipe. Ritchie hat sogar einen eigenen Pub - "The Punch Bowl" im Londoner Nobelviertel Mayfair - allerdings gekauft von seiner Ex. Eine der tieferen Falten auf der breiten Stirn des 41-Jährigen.

Party mit Folgen

Schlaksig-wilde 29 war Ritchie, als er nach Jahren des professionellen Bauarbeitens und Austestens seines Filmtalents in Musik- und Werbespots seinen ersten Spielfilm drehte. "Bube, Dame, König, Gras" war ein Hit. Die Gangstergeschichte mit dem noch unbekannten Jason Statham und dem wie immer furchteinflößenden Fußballstar Vinnie Jones hat bei einem Budget von gerade mal 1,5 Millionen Dollar rund 25 Millionen eingespielt. Ritchie wurde zu Großbritanniens Antwort auf Quentin Tarantino ernannt und nach Hollywood verschifft, damit seine Gangster amerikanischer würden, um auch dem US-Publikum in die Taschen zu greifen. "Snatch" hieß der zweite Film, für den sich Brad Pitt einen irischen Akzent zulegte.

In diese Zeit fällt auch das folgenschwere Abendessen im Hause Sting. Dessen Tantra-Sex-geprüfte Gattin Trudie Styler stellte den jungen Regisseur dem größten Popstar der Welt vor. Und angeblich waren Ritchie und Madonna nach dieser Party unzertrennlich. Auch wenn er nicht drüber reden wollte. Kerl eben. Als nächstes war zu hören, dass dieser vormalige Maurer aus London die härteste Frau im Showgeschäft geschwängert habe. Sohn Rocco John kam am 11. August 2000 zur Welt. Geheiratet wurde am 22. Dezember im schottischen Hochland auf einem Schloss. Ritchie trug Kilt in den Farben der Macintoshs. Traditionen eben.

Auch dem Anfang von Ritchie und Madonna wohnte ein Zauber inne. Sie waren ein Team, ein "power couple", machten sich gemeinsam über die aufgeregte Presse lustig, drehten das brillante Video zu Madonnas Song "What it feels like for a Girl", und laut Ritchie ging es nicht "glücklicher". Auch wenn Klatsch und Tratsch ihn manchmal nervten.

Das Ende von "glücklich"

Dann kam 2003 und "Stürmische Liebe - Swept away". Und ganz anders als der Titel versprach, läutete der Film das Ende von "glücklich" ein. Der "Lad" musste sich von nun an jeden verdammten Tag anhören, dass die Lady ihn unterm Pantoffel habe. "Swept away" war eine Low-Budget-Produktion. Ritchie inszenierte seine Gattin als reiche, verwöhnte Zicke auf einer Yacht, die sich in einen hemdsärmeligen Koch verliebt, aber erst nachdem sie auf einer Insel gestrandet sind, und er sie wortwörtlich unterwirft. Eine wunderbare Projektionsfläche für böswillige Spekulationen. "Mister Madonna" war geboren und blieb auf fünf Goldenen Himbeeren für die schlechteste Filmleistung des Jahres sitzen, während sich Madonna mit ihrer "Re-Invention Tour" feiern ließ. Von den zehn Millionen Dollar Budget spielte der Film - wenn es hoch kommt - 600.000 ein. In Großbritannien schaffte er es nicht mal ins Kino. Wen wundert's, dass Ritchie in der Zeit ein bisschen zulegte.

Er habe die Wirkung seiner Frau unterschätzt, verteidigte sich der Regisseur damals und versuchte 2005 ein Comeback auf sichererem Terrain: Doch auch das dritte Gangstermärchen "Revolver" wurde abgewatscht. Zeit zum Wunden lecken blieb Ritchie kaum: Madonna schleppte ihn erst ins Kabbala-Center, um sich esoterisch-mystischen Beistand zu holen, und dann nach Malawi, um 2006 unter lautem Mediengetöse das Waisenkind David zu adoptieren. Zu der Zeit wurden die Gerüchte über Krisen und Streit lauter, Ritchies Rücken breiter und die Falten tiefer.

50 Millionen Pfund Abfindung

Immerhin: Ein Bericht, nach dem Madonna sich schon mit Paul McCartneys Scheidungsanwalt getroffen habe, wurde umgehend dementiert. "Meiner Ehe geht's gut - soviel ich weiß", scherzte Ritchie und wich am 16. August 2008, Madonnas 50. Geburtstag, nicht von ihrer Seite. Wie in alten Zeiten. Und sie kam mit zur Premiere von "Rock'n'Rolla", seinem nächsten Versuch über "Swept away" hinwegzukommen. Kritiker ließen sich immerhin zu der Feststellung hinreißen, dass Ritchie mit seiner neuen Gangsternummer langsam zu alter Form zurückfinde. Ob seine Ehe seine Karriere verändert habe, fragte das "Wall Street Journal" den Regisseur damals. "Ich glaube, am Ende wäre es aufs Gleiche rausgekommen", antwortete Ritchie. Im Oktober 2008 folgte die offizielle Bekanntgabe der Trennung: Das Paar ertrage das Theater nicht länger.

Zwei Monate später kam die Meldung, dass Madonna und Ritchie sich das Sorgerecht für Rocco und David teilen und dass sie sich auf eine Abfindung geeinigt hätten: 50 bis 60 Millionen Pfund (rund 65 Millionen Euro) sollte er für die siebeneinhalb Jahre Ehe bekommen. Darin enthalten waren der Pub sowie zwei weitere Immobilien in England. "Es ging nie ums Geld", sagte Ritchie, der vor der Scheidung bereits mehr als 30 Millionen Euro schwer gewesen sein soll. Und auch: "Ich bereue nichts."

Vielleicht deshalb ist sein Sherlock Holmes so ein Kämpfer geworden. Ein schwitzender, prügelnder, besessener Kämpfer für Recht und Wahrheit. Ritchie zieht die Stirn kraus: Nein, sein Sherlock und Doktor Watson seien nicht schwul, weist er eine Interpretation zurück, die sich hartnäckig hält. Neben Robert Downey Jr., der den Detektiv spielt, sieht Ritchie aus wie ein Bodyguard. Nur passt er eben nicht auf Schauspieler auf, sondern auf sich selbst.

Seit 13 Jahren trainiert Ritchie brasilianisches Jiu-Jitsu, lässt sich vom Meister Roger Gracie unterweisen, vom berühmten Gracie-Clan. "Schach für den Kopf" nennt Ritchie den deftigen Kampfsport, der derzeit in den Schauturnieren der Ultimate Fighting Championship (UFC) populär ist. Eine Weisheit, nach der er kämpfe und wohl auch lebe, besage: "Mach es dir im Ungemütlichen gemütlich", verriet er jüngst dem Männermagazin "Esquire". Die Angst vor dem Schmerz sei immer größer als der Schmerz selbst, führte er aus. Deshalb müsse man es sich in der Vorstellung des Schmerzes bequem machen. Dazu hatte er ja nun zehn Jahre Zeit. Nein, für die Scheidung gelte das nicht, so Ritchie. "Ich habe es gefühlt, ich hab's durchgemacht."

"Sherlock Holmes" kommt am 28. Januar ins Kino


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