HOME

Harald Schmidt: "Ich bin die Nackte aus dem Pudding!"

Deutschlands Entertainer Nummer eins ist wieder ganz bei sich: Harald Schmidt über das Ende mit Oliver Pocher, Michelle Obamas Oberarme, Kinderbücher, die angebliche Finanzkrise und seine Rollen als Chefzyniker und als Hofnarr.

Ein Vorfrühlingssamstag in Stuttgart. #link;http://www.stern.de/kultur/tv/harald-schmidt-90294321t.html;Harald Schmidt,# 51, sitzt im "Hotel am Schlossgarten" und beobachtet die Gäste am Frühstücksbüfett. Schmidt ist Schmidt. Die Frühstücksgäste sind seine Statisten. Er weiß es, die Gäste wissen es nicht. Ein alter Mann mit Prinz-Heinrich-Mütze und Rührei-Teller passiert den Tisch des Fernsehunterhalters. "Der Helmut-Schmidt-Look-alike-Wettbewerb findet übrigens im zweiten Stock statt", sagt Harald Schmidt und grinst.

Er hat blendende Laune. Mit feinen, langen Händen fegt er eine Anekdote für die nächste vom Tisch. Seine Augen flitzen hinter den Brillengläsern durch den Saal. Grauweiß meliert spielen die Haare um den wuchtigen Kopf. Hose, Jacke - grau oder schwarz. Der Rest vom New Yorker Hemdenschneider Brooks Brothers.

Vor Tagen hat er einen Gastauftritt in der TV-Serie "Soko Stuttgart" abgedreht. Schmidt spielt dort den Chefarzt einer Psycho-Klinik. Einmal filmte er in der JVA Heimsheim. "Hey, Harald", ruft ihm da ein Knacki aus dem Zellenfenster zu, "deine Sendung mit dem Olli ist übrigens beschissen." Schmidt grinst. Kunstpause vor der Pointe: "Man glaubt gar nicht, wie viele ARD-Zuschauer im Gefängnis sitzen." Es ist zwölf Uhr. Das Gespräch mit dem stern kann beginnen.

Herr Schmidt, "Schmidt & Pocher" hatte ja auch sonst ziemlich miese Presse. Am Ende guckten donnerstags um 22.45 Uhr bloß noch 750.000 Zuschauer Ihre Sendung. Müssen wir befürchten, dass der Late-Night- König nach 30 Jahren langsam abdankt?

Nein, im Gegenteil. Ich hatte Müdigkeitsphasen, aber die muss man einfach vorbeiziehen lassen. Zahntaschen, Prostata - so weit alles okay. Ich würde es Ihnen wirklich sagen, wenn es anders wäre. Ich bin jetzt energiegeladen, und das Tolle ist: Ich weiß gar nicht, woher es kommt.

Vielleicht beflügelt Sie, dass Ihre Zusammenarbeit mit Oliver Pocher am 16. April nach 18 Monaten endlich zu Ende geht?

Ich glaube eher, ich bin durch die Überbrückungszeit mit Pocher wieder völlig neu auf dem Gleis. Pocher brachte Sachen rein wie "Bauer sucht Frau", Podolski oder Sarah Connor, die bloß für ihn ein Thema waren. Das funktionierte. Ich finde, dass Pocher immer besser geworden ist.

Vermutlich sind Sie ein autoritärer Erzieher.

Nein, gar nicht. Pocher ist extrem gut im Beobachten und Adaptieren. Man lernt am schnellsten, wenn man Dinge, die man gut findet, kopiert. So hab ich's auch gemacht. Zwei- oder dreimal bin ich ihm auch richtig übers Maul gefahren.

Wir erinnern uns an die Sendung, als Sie Lady Bitch Ray zu Gast hatten. Die Rapperin überreichte Oliver Pocher Vagina-Sekret als Geschenk. Worauf Pocher die Dame nicht zitierfähig abfahren ließ.

Ja. Ich habe ihm dann hinterher gesagt: "In der Champions League schreit man sich auch mal auf dem Platz an", das war für ihn dann völlig okay.

"Auf dem Platz" hatten Sie ihn so abgewatscht: "Das ist völlig uncharmant für so eine kleine miese Type, die, wenn sie Fotzensekret überreicht kriegt, erst mal ganz klein mit Hut ist und dann einem ausländischen Gast, der kein Deutsch versteht, so reinsemmelt, das ist uncool. Oliver Pocher! Nächstes Mal hat er's begriffen."

Das musste sein. Wenn er zu sehr störte in einer Redaktionskonferenz, dann habe ich ihm auch schon mal direkt gesagt: "Halt die Fresse." Damit war es geregelt. Auf Zwischentöne zu setzen, dazu ist das Geschäft zu schnelllebig, finde ich. Aber prinzipiell verstehen wir uns sehr gut. Und privat - null Kontakt.

Bevor Sie im Oktober 2007 gemeinsam starteten, gab Pocher zu Protokoll: "Harald braucht Hilfe. Der alte Sack ist ausgebrannt."

Das lässt man so stehen. Der Vatikan dementiert nicht. Jeder hat so ein Kontingent von Frechheiten, die er sagen darf, unkommentiert.

Ihr Produzent und Freund Fred Kogel verkündete Ende vergangenen Jahres, Sie würden demnächst wieder allein eine Show machen - auf altem Harald-Schmidt-Niveau.

Ich musste doch noch mal für mich ein neues Format finden, das über ein paar Jahre trägt und ausschließlich mit Themen, die mir liegen. Zum Beispiel: Thomas Bernhard liest aus dem Kalkwerk vor Zuschauern aus Österreich, wo alle in Tracht unten sitzen. Das ist etwas, das funktioniert nur mit mir. Da sehe ich für mich in Zukunft enorme Möglichkeiten. Meine Klientel erwartet so etwas von mir.

Ihr Publikum, haben Sie einmal gesagt, das sei "eine klar umrissene Million: schwerreiche Supermodels, Nobelpreisträger, ältere Herren, die zum Wasserlassen während der Sportschau nicht mehr unbedingt die Couch verlassen …"

Alles. Bücherleser, stern-Leser, "Zeit"-Leser. Und potenzielle Helg-Sgarbi-Opfer. Die, bevor sie sich in der Tiefgarage abzocken lassen, noch mal bei mir reinschauen. Ich sehe da große Parallelen in der Klientel und bewundere Helg Sgarbi übrigens zutiefst.

Oh! Erklären Sie uns das bitte detaillierter.

Er hat so etwas Filigranes in der Ausstrahlung. Er hat Manieren. Er hört mit Sicherheit stundenlang den Frauen zu. Das ist, glaube ich, die Grundregel bei erfolgreichen Womanizern: sich zuquatschen lassen. Ich bin überzeugt davon, dass jetzt viele Frauen zu Hause in die Kissen weinen. Weil, die Kohle hätten sie gehabt, und Helg wäre mal einer gewesen, der zugehört und sich gekümmert hätte und angerufen. Und wenn es stimmt, dass er unangekündigt am Urlaubsort aufgetaucht ist …(lacht) Also, so eine Erpressernummer fasziniert mich total. Ich sehe es auch eigentlich nicht als kriminell, sondern als eine Kunstform.

Vielleicht lag es bei Frau Klatten ja auch an der Mayr-Kur.

Die Mayr-Kur kenne ich. Man entgiftet. Man isst trockene Brötchen, Bullrichsalz, um den pH-Wert zu regulieren, man trinkt keinen Alkohol und hat drei Tage lang flüssigen Stuhl. Man fühlt sich sehr leicht und frei, da öffnet man sich auch psychisch. Und genau in diese Bresche springt der Erpresser.

Am 17. September startet "Harald Schmidt", Ihre neue Sendung. Wen laden Sie ein?

Politiker, Manager und Autoren, Leute, die in der "Tagesschau" vorkommen. Und immer nur ein Gast, die klassische Late- Night-Situation.

Josef Ackermann zum Beispiel.

Ja, oder Klaus Zumwinkel, wenn er sich wieder in die Öffentlichkeit begibt.

Weil Sie unlängst feststellten, dass Sie ihm immer ähnlicher sehen?

Ja, deswegen und weil er mal mein Nachbar war in Köln. Ich bog morgens kurz nach acht um die Ecke auf dem Weg zum Kindergarten und sah plötzlich, dass 20 Kamerateams am Zaun von Zumwinkel hingen. Ekelhaft.

Leistet man sich das, wenn man jenseits der 50 ist, dass man Prügelknaben wie Klaus Zumwinkel und Hartmut Mehdorn plötzlich gut findet?

Definitiv. Es gibt Lebensphasen in unserem wunderbaren Staat, in denen die Demokratie ein Päuschen machen muss.

Es spricht der Zyniker Harald Schmidt.

Nein, das wird Ihnen auch jeder stern- Chefredakteur bestätigen. Zumwinkel hat doch eigentlich einen erstklassigen Job gemacht als Postchef.

Sagen die Postler …

… und sage ich als früherer Post-Aktionär. Nur, was ich wirklich nicht verstehe, ist, dass jemand, der von Haus aus so reich ist, der einen Superjob und ein Eins-a-Renommee hat, warum der überhaupt einen Gedanken an so etwas wie Steuersparen verschwendet. Für einen Betrag von knapp einer Million Euro! Das begreife ich nicht. Nicht moralisch, das würde ich mir nie anmaßen. Ich verstehe es rein businessmäßig nicht. Momentan ist es ohnehin so ein bisschen hektisch durch die angebliche Wirtschaftskrise.

Das "angeblich" müssen Sie uns jetzt erklären.

Merken Sie etwas von der Wirtschaftskrise? Ich kenne nur Leute, die davon gar nichts mitkriegen. Wenn Sie hier in Stuttgart in den Media Markt gehen, dann kriegen Sie heute Mittag keinen Stehplatz mehr. Reisen: ausgebucht. Nur acht Prozent der Deutschen haben Aktien, 92 Prozent sind also vom Dax-Sturz gar nicht betroffen.

Sie gehören zu den acht Prozent. Wie viele Milliarden haben Sie verloren?

Nichts. Weil ich nichts verkauft habe. So etwas nennt man Milchmädchenrechnung. Ich kann Ihnen noch eine viel bessere Rechnung sagen.

Das Geld ist gar nicht weg, es haben jetzt nur andere?

Nein, der aktuelle Satz heißt: Das Geld ist gar nicht weg, weil es nie da war. Es ist eine virtuelle Sache. Was sollen die Leute sagen, die den Zweiten Weltkrieg überstanden haben? Irgendwann ist eben die Kohle mal weg. Was soll ich mich darüber aufregen? Jetzt ist sie schon 60 Jahre da. Die meisten kaufen sich doch eh nur hässliche Turnschuhe davon.

Was haben Sie denn so in Ihrem Portfolio?

Vor einem halben Jahr hätte ich es Ihnen noch gesagt. Heute weiß ich, dass es uncool ist, über seine Aktien zu reden. Nur der Neureiche schreit sofort heraus, was er für Wertpapiere hat, was er verdient und wo er irgendwo das Doppelte gekriegt hat. Alter Reichtum sagt immer nur: "Wir kommen zurecht."

Schon das Auto abgewrackt?

Null. Ich habe gestern einen neuen Multivan bekommen. Ansonsten weigere ich mich, den Handel zu unterstützen. Ich habe im Abiturjahr Aufsätze gegen den Konsumterror geschrieben! Mein Fernseher ist 15 Jahre alt, ich habe 30 Hemden, 15 Anzüge, fünf Paar Schuhe. Warum sollte ich mir etwas kaufen?

Wie bescheiden! Sie sprechen wie der Bundespräsident, der sagt, Sparsamkeit muss wieder eine Tugend werden.

Das wird auch passieren. Aber nur bis zum nächsten Hype, dann vergisst man alles wieder. Viele sagen jetzt, es geht doch auch einfacher. Cocooning ist das Wort der Stunde. Das ist, wie wenn man sich das Knie mal aufgeschlagen hat, dann fährt man ein bisschen vorsichtiger Fahrrad. Wenn es verheilt ist, kommen die neuen Modelle, dann wird wieder Gas gegeben. Die Gier ist nun mal die Triebfeder Nummer eins.

Sind Angela Merkel und Peer Steinbrück eigentlich gute Krisenmanager?

Ich glaube, es geht nicht besser. Mir gefällt die abwartende Art von Merkel und wie sie sich den Medien verweigert. Ihre Karriere ist ja eigentlich bloß mit der von Ratzinger zu vergleichen. Ratzinger ist Weltkarriere: ein Polizeibeamtensohn aus Marktl am Inn an der Spitze von zwei Milliarden Katholiken. Plus Superdenker. Und wir alle kennen doch noch die Fotos von Angie am Riesenmobiltelefon, als sie aus der Zone rüberkam mit diesem Pott-Haarschnitt - und in 15 Jahren Bundeskanzlerin! Nein, ich bin überzeugt, sie macht ihren Job sehr gut. Der Rest ist Wahlkampfgeschrei und Medienhysterie.

Viele Deutsche würden sich aber lieber von Obama regieren lassen.

Ich nicht. Ich will keinen Obama. Weil ich die trainierten Keulenarme seiner Frau nicht sehen will. Ich will auch nicht jemanden sehen, der permanent so gut drauf ist, und ich will auch nicht lesen müssen, dass ich hier eine Mode-Ikone vor mir habe. Weil nach allem, was ich von Mode weiß im Bereich Rollkragen und Jeans, verstehe ich entweder die Welt nicht mehr, oder meine Netzhaut ist getrübt.

Wer ist für Sie eine Mode-Ikone?

Jackie O. Oder Carla Bruni. Aber Michelle Obama ist eine hyperaktive Super-Mom. Entweder ist sie im aprikosenfarbenen Pulli in einer Suppenküche, oder sie gräbt im Garten Gemüse um.

Da ist Ihnen Professor Sauer, der Mann der Kanzlerin, schon näher?

Dem habe ich nur eines übel genommen: sein grünes Sakko beim Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle.

Als er die Obamas in Baden-Baden begrüßte, trug er auch Grün. Vielleicht wollte er auch mal auffallen?

Glaube ich nicht. Der hat das Sakko, und das ist prima, und das zieht er an. Das ist sein gutes Sakko.

Ihr Oberhaupt ist der Papst, Sie verweigern sich dem Mainstream und dem Hype. Sie geben sich gern frei und unerschrocken. Richtig?

Ja. Wovor sollte ich auch Angst haben?

Vor Misserfolg, zum Beispiel.

Den kann man überstehen. Es erwischt ja immer nur die Leute, die die Nerven verlieren. Michel Glos zum Beispiel mit der Nummer "Jetzt bin ich Privatmensch". Wer will das schon? Zehn Minuten in der Presse, dann ist er vergessen. Dann kommt nämlich schon unser neuer Powertyp und Superstar.

Sie meinen den neuen Wirtschaftsminister Freiherr zu Guttenberg.

Finde ich super. Weil endlich mal neues Personal auf der Bühne ist, untypisch. Klamotten, Gel, top educated, englisch, Adel. Bringt schon mal diese ganze Schicht mit rein. Für mich ein Geschenk des Himmels.

Sie haben einen neuen Vertrag bei der ARD und jede Menge Nebenjobs: "Traumschiff", "Soko Stuttgart", und Sie sind Ensemblemitglied am hiesigen Theater …

Außerdem mache ich manchmal auch die Nackte, die aus dem Pudding springt. Neulich hatte mich Fürstin Gloria eingeladen, da sollte ich auf Schloss Emmeram ein Abendessen mit sechs Bischöfen und dem Bruder des Papstes auflockern.

Ist es Ihnen gelungen?

Ich glaube schon. Hinterher haben sie allerdings dem Kardinal Meisner den Ring geküsst - Hardcore-Katholizismus. Aber faszinierend: Mir wurde klar, dass es in Deutschland Zirkel gibt, die einfach ihr Ding durchziehen, egal, was gerade gedacht oder gewählt wird.

Geben Sie öfter mal bei Hof den Narren?

Ja, da ist die Rolle klar. Man darf nur nicht glauben, man gehöre dazu und würde auf Augenhöhe akzeptiert. Es ist einfach so, der Zoochef kommt mit 'nem Lkw und lässt den Schimpansen für eine halbe Stunde raus. Wenn man das einmal kapiert hat, bewegt man sich freier.

Wir gehen davon aus, dass Sie trotzdem immer noch lieber Hamlets Vater spielen möchten.

Definitiv. Ich wollte immer Schauspieler werden. Schon mit 14 träumte ich davon, hier im "Hotel am Schlossgarten" zu wohnen und da drüben im Theater zu spielen. Aber ich habe 30 Jahre gebraucht, bis ich mich hierher getraut habe. Ich musste tierisch rackern dafür.

Weil Sie kein guter Schauspieler sind?

Ich bin kein Verwandlungskünstler. Man muss schon Harald Schmidt sehen wollen.

So ähnlich wie Jack Nicholson immer Jack Nicholson ist?

Würde ich so sehen. Ist ja auch die Größenordnung, die in etwa trifft. Robert De Niro würde ich auch noch durchgehen lassen.

Sie haben gesagt, Sie brauchten ein halbes Jahr, um vom Fernsehen zu entgiften.

Den Satz hat man mir sehr übel genommen. Ich habe oft die Empfindlichkeiten und Eitelkeiten der Fernsehoberen unterschätzt. Jetzt haue ich in jedem Interview fünf Hammerstatements für das Fernsehen raus: erstklassiger Arbeitgeber, sensationelle Programmangebote. Theaterkanal, Wissenschaftssendungen, Tiersendungen, "Die Krupps". Ich selbst bin zu viel unterwegs, um mich damit zu beschäftigen, ich möchte ja auch den neuen Sloterdijk zumindest einmal quergelesen haben.

Dürfen Ihre Kinder fernsehen?

Wenig. Aber wenn sie gucken, dann das, was sie wollen. Meine 14-jährige Tochter guckt "Hannah Montana" und "Germany's Next Topmodel". Und wenn Vati nicht so schlau wäre zu sagen: "Ihr lasst euch da nicht von Leuten wie ein Stück Scheiße behandeln, die intellektuell nur eine Stufe über einer Amöbe sind" - dann würde sie sich da auch anmelden.

Sie haben fünf Kinder, das jüngste ist eineinhalb.

Ja, ein Sohn. Und den fährt Trottel-Daddy im Bugaboo artig durch die Kölner Südstadt.

Oft kann das nicht sein.

Doch. Von Montag bis Donnerstag bin ich in der Regel zu Hause, manchmal unterbrochen, wenn ich nach Stuttgart muss.

Nicht gerade viel für eine Großfamilie.

Nicht viel? Fragen Sie mal Familien, wo Vati Chefarzt ist. Um sechs Uhr morgens aus dem Haus, um Mitternacht zurück. Burnout Endstufe, Laptop, Kongresse in Dallas und Denver plus tierischem Druck: Wo ist meine nächste Karriereleiter? Ich bin ja da, definitiv präsent. Und mein großes Hobby ist Spülen und Spülmaschineeinräumen, aber vorher noch mal säubern, damit der Dreck nicht so ankrustet. Spülen finde ich sensationell. Hat aber wahrscheinlich mit meinem inneren Schmutz zu tun. Habe ich mal gelesen.

Wie dürfen wir uns Harald Schmidt als Vater vorstellen?

Ganz einfach. Kinder brauchen eigentlich nur eine kleine Welt. Das Wichtigste ist Präsenz. Und vorlesen, vorlesen, vorlesen.

Was zum Beispiel?

Astrid Lindgren, "Die Kinder aus der Krachmacherstraße", Bobo Siebenschläfer, Wimmelbücher. Kinderbücher müssen klar sein, da kann auch mal ein Neger spülen, wenn Mutti einen Neuen hat, aber die Familie muss erkennbar bleiben. Die schlimmsten Kinderbücher werden übrigens von Schauspielerinnen geschrieben. Die denken: Ich kann nicht schreiben, meine Schwester kann nicht malen, also machen wir ein Kinderbuch. 80 Prozent sind grauenhafter Mist. ✸ Es regnet jetzt leicht. Harald Schmidt will uns das Restaurant "Cube" im neuen Kunstmuseum zeigen. Und ganz nebenbei in der Fußgängerzone seinen Marktwert testen. Ein guter Tag! Sogleich wird er von einem Damenkränzchen aus Memmingen umzingelt, von jungen Porsche- Praktikanten aus Köln und von Touristen. Leutselig malt er Autogramme. Im "Cube" dann: Sülzchen, Zander, Mousse au Chocolat - und Stauner am Nebentisch. Der Entertainer kennt die Rituale. Wie die Leute unauffällig tun. Wie sie ihn begucken, ohne hinzusehen. Er liebt es, sie bei dieser Anstrengung zu beobachten. Die Fans, die Feinde. Und weil er ein chronischer Belustiger ist, zeigefreudig und menschenlieb, gibt er auch beim Interview im Restaurant den Kammerspieler für alle: "Ich falle beim Fernsehen übrigens manchmal in so einen Sekundenschlaf, ungefähr so …" Wirft den Kopf in den Nacken, schnarcht, laut und schrecklich. ✸

Stört es Sie eigentlich gar nicht, dass Sie hier beim Essen noch von den fernsten Tischen aus mit dem Handy fotografiert werden?

Unvergessliche Momente werden eben festgehalten. Normalerweise tut man so, als würde man die Blume hinter mir fotografieren. Weil Sie mir ein Mikrofon angesteckt haben, glauben die Leute jetzt vielleicht auch, ich mache gerade ein Langzeit-EKG oder muss hier mit einem Herzschrittmacher in Begleitung von zwei Kardiologinnen sitzen. Die Leute sagen jetzt: "Du, der Schmidt, der isch krank. Hat der nicht Krebs? Du, die testen den jetzt!"

Werden Sie deswegen so gut bezahlt? Man liest von acht Millionen Euro im Jahr.

Das ist ja der eigentliche Job, nicht die Stunde Fernsehen. Wenn ich das Haus verlasse, geht es los. Man guckt, man starrt, man spricht mich an, man will ein Autogramm, ein Foto, einen Kommentar - und das rund um die Uhr. Ich bin als permanenter Staubsaugervertreter im Dienst der ARD unterwegs und muss die Leute gut behandeln. ✸ Es ist sechs Uhr. Die Sonne taucht Stuttgarts Dächer jetzt in goldenes Licht. Schmidt hat mit der Familie in Köln telefoniert. Kein umgestoßener Kakao, keine sonstigen Katastrophen. Gleich wird er auf seinem Hotelbett liegen und "Sportschau" gucken. Dann wird er die drei Schritte hinüber ins Schauspielhaus schlendern, zur Premiere von "Kabale und Liebe". Wir vereinbaren, dass wir uns wiedertreffen - zum Beispiel wenn er mal so richtig gescheitert ist. Aber das, sagt Schmidt und lacht noch einmal ungemein sonnig, "führt bei mir eigentlich auch immer bloß zu einem neuen Vertrag".

Interview: Christine Claussen und Ulrike Posche / print