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Trumps Tochter: Ivanka, die Erste

Ivanka Trump gilt als Geheimwaffe des neuen US-Präsidenten. Wo er spaltet, versöhnt sie. Wo er pöbelt, bleibt sie höflich. Wird die Tochter die wahre First Lady der Trump-Dynastie?

Absolut vorzeigbar und eine Dame der Gesellschaft: Ivanka hat die rüpelige Art ihres Vaters nicht geerbt.

Absolut vorzeigbar und eine Dame der Gesellschaft: Ivanka hat die rüpelige Art ihres Vaters nicht geerbt.

Zum Ende des Wahlkampfs bekam auch Ivanka Trumps strahlendes Image ein paar Flecken ab. Gut eine Woche nachdem das skandalöse Video aufgetaucht war, in dem ihr Vater prahlte, wie er Frauen begrapschen kann. Auf dem "Frauen-Gipfel" des Magazins "Fortune" in Laguna Niguel, Kalifornien, sagte Ivanka dazu: "Das ist nicht die Sprache, die ich von ihm kenne." Und: "Es war mir unangenehm, das zu hören." Eine Autostunde entfernt, auf dem Flughafen von Burbank, verfolgte Jonah Peretti, Gründer der Website Buzzfeed, das Interview und erinnerte sich an eine Begegnung mit Ivanka Trump einige Jahre zuvor in einer Bar in Manhattan. Da hatte sie auf ihn weniger zimperlich gewirkt. Er twitterte: "Bin überrascht, dass Ivanka so schockiert tut. Habe sie einmal getroffen. Da sagte sie: 'Ich habe noch nie einen Mulatten-Schwanz gesehen. Würde ich aber gerne.'"

Es war das rassistische Wort "Mulatte", das für Empörung sorgte. Ivanka Trump dementierte umgehend, "eine komplette Lüge". Doch dann bestätigte Perettis Frau Andrea das Zitat. Seitdem schweigt der Trump Tower zu dem Thema.

Der Vorfall ist angesichts der zurückliegenden Wahlschlacht nun nicht von allzu großer Bedeutung. Und die Bar, in der die Worte fielen, ist berüchtigt für harte Drinks. Eines aber offenbart die Anekdote: Auch Ivanka Trump ist nicht jene Heilige, zu der sie in Amerika derzeit gemacht wird.

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Ivanka Trump: Blond, schlank, fröhlich

Fast hat man das Gefühl, als sei die 35-Jährige der einzige Mensch, dem es gelingen könnte, die entzweite Nation hinter dem neuen Präsidenten zu vereinen. Ivanka Trump verkörpert das "All American Girl": groß, blond, schlank, in Interviews stets höflich. Eine dreifache Mutter, die nebenbei Karriere macht. Wann immer man sie mit ihrer Familie sieht, strahlt sie entspannte Fröhlichkeit aus. Ihrem Mann Jared Kushner zuliebe ist sie zum jüdischen Glauben übergetreten. Sie geht regelmäßig in die Synagoge und kocht am Wochenende. Die Website Business Insider bezeichnet Ivanka als "Trumps Geheimwaffe". Und die "Washington Post" vermutet, dass Trump ohne Ivanka kaum die Wahl gewonnen hätte. Ihretwegen hätten viele Frauen für den Macho-Milliardär gestimmt, bei den weißen ganze 62 Prozent von jenen ohne College-Abschluss.

Am Sonntag, als Trump in der CBS-Show "60 Minutes" zu seinem ersten Interview als gewählter Präsident auftrat, saß Ivanka neben ihm und seiner Frau Melania. Die Brüder Eric, 32, und Donald junior, 38, sowie Halbschwester Tiffany, 23, mussten in zweiter Reihe Platz nehmen. Ivanka trug ein elegantes Kleid aus ihrer eigenen Modekollektion. "Es ist schwer, die Gefühle zu beschreiben, wenn der Vater Präsident wird" , sagte sie mit ihrer angenehmen tiefen Stimme. "Wir sind so stolz." Der lange Wahlkampf, die vielen Eindrücke, hätten ihren Vater zu einem besseren Menschen gemacht. Auf die Frage, ob sie die Firma verlassen und ins Weiße Haus gehen werde, schüttelte sie den Kopf und sagte dann: "Aber es gibt viele Dinge, für die ich eintreten werde." Experten gehen davon aus, dass Ivanka die Rolle der inoffiziellen First Lady übernehmen wird. Weil ihre elf Jahre ältere Stiefmutter mit der Position überfordert sein könnte. Die gebürtige Slowenin Melania war angeblich immer gegen die Kandidatur ihres Mannes. Bei öffentlichen Auftritten spürt man ihr Unbehagen.

Auf dem Laufsteg: Ivanka Trump modelte als junge Frau

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Ivanka und ihre Brüder wurden offiziell ins Übergangsteam berufen, das bis zum 20. Januar den Wechsel der Präsidentschaft von Obama zu Trump vorbereiten soll. Zuvor kündigte Ivanka an, dass sie Kinderbetreuung zu ihrem Thema machen werde. Ansonsten, so beteuerte sie, wolle sie sich nicht in die Politik ihres Vaters einmischen. Zu heiklen Themen wie Homo-Ehe oder Abtreibung bezog sie nie Stellung. Dazu ist sie zu vorsichtig, es könnte dem Geschäft schaden.

Wie ihr Vater hat Ivanka das eigene Image zur Marke gemacht. Auf ihrer Instagram-Seite stellt sie sich als "amerikanische Ehefrau, Mutter und Unternehmerin" vor – die Reihenfolge ihrer Prioritäten. Röcke, Blusen, Schuhe aus ihrer Kollektion sind auch schon für unter 100 Dollar zu haben. Nach ihrem Auftritt beim Parteitag der Republikaner postete sie auf Twitter: "Das ist der Link zum Ivanka-Look." Das rosa Kleid für 138 Dollar war im Nu vergriffen. 250 Millionen Dollar soll das Ivanka-Modelabel 2013 umgesetzt haben. Der Hype um ihre Person gipfelt darin, dass ein Schönheitschirurg aus Houston damit wirbt, dass er Frauen so aussehen lässt wie Ivanka.

Zu den erstaunlichen Details aus ihrem Privatleben gehört, dass sie mit Hillary Clintons Tochter Chelsea befreundet ist. Beide leben in New York, beide haben berühmte Eltern, beide sind im gleichen Alter. Kennengelernt haben sie sich durch ihre Ehemänner. Auf dem Höhepunkt der schmutzigen Wahlschlacht mutmaßten die Medien, mit der Freundschaft könnte es nun vorbei sein. Da verkündete Ivanka zuckersüß: "Chelsea ist eine tolle Freundin. Wir sind die Kinder, nicht die Kandidaten." Chelsea zögerte eine Weile und erwiderte: "Ich würde nie jemanden dafür verantwortlich machen, was die Eltern tun. Ivanka ist Ivanka." Bedenkt man, dass Donald Trump die Sippenhaft zur Strategie erkoren hatte, war es eigentlich zynisch, wie Ivanka die Clinton-Tochter zu Großmut nötigte. Doch das Lachen schien ehrlich. Der Punkt ging an Trump.

Ivanka liebt Donald Trump auf rührende Art

Das Verhältnis zwischen Ivanka und ihrem Vater ist so innig, dass es zuweilen bizarr wirkt. 1996, sie war 15, posierte sie bei einem Foto-Shoot für "Vanity Fair" im Minirock auf seinem Schoß. Dabei streichelte sie ihm das Kinn, als wollte sie ihn verführen. 2004 schwärmte Donald Trump in einem Radiointerview über Ivankas "hübschen Arsch" . Ein anderes Mal sagte er: "Ich würde mit ihr ausgehen, wäre sie nicht meine Tochter." Trumps Biograf, Pulitzer-Preis-Träger Michael D'Antonio, hat Ivanka mehrfach interviewt. Er meint: "Sie liebt ihn auf rührende Art. Ivanka ist besonders verletzt, wenn man sich über ihn lustig macht."

Ivanka und Donald Trump

Schon als Kind begleitete Ivanka ihren Vater zu offiziellen Anlässen


Sie wurde 1981 als zweites Kind von Ivana und Donald Trump geboren. Während der Trennung der beiden war sie acht. In der Scheidungsschlacht ging es um Betrug, Sex, Millionen. "Eines Tages kam ich aus der Schule nach Hause, da wartete schon eine Horde Reporter" , hat Ivanka einmal erzählt. "Kaum zu fassen, dass wir die nächsten acht Jahre nicht in Therapie verbrachten." Nach der Trennung lebten die Kinder zunächst bei der Mutter, dann kamen sie ins Internat. Die New Yorker Klatschpresse lauerte schon auf Skandalgeschichten über Partyexzesse. Doch überraschenderweise passierte: nichts.

Ein ehemaliger Schulfreund von Ivanka sagt: "Die Trumps haben ihre Kinder nicht ins Internat abgeschoben, um sie loszuwerden. Sie wollten sie beschützt wissen." Vor allem in einem waren sich Donald und seine geschiedene Gattin einig: dass die Kinder für ihr Taschengeld arbeiten sollten. Und so jobbte Donald junior am Bootsanleger eines Trump-Hotels, und Ivanka begann zu modeln. Eine Nasen- und Kinnkorrektur half dem Erfolg nach.

Heute kümmert sich Ivanka um ihre Modelinie und um die Trump-Hotels, zwischenzeitlich war sie Jurymitglied in der Trump-TV-Show "The Apprentice". Sie trägt den Titel "Executive Vice President" und hat wie ihre Brüder ein Büro im 25. Stock des Trump Towers an der Fifth Avenue. Eine Etage unter ihrem Vater. Fast jeden Mittag, so berichtet eine ehemalige Angestellte, würden die Geschwister gemeinsam essen gehen. "Die Familie hält zusammen wie hermetisch abgeriegelt."

Im Schatten des Präsidenten

Ivankas Rolle im Familienclan ist noch gewichtiger, seit sie mit Jared Kushner verheiratet ist. Der 35-Jährige entstammt einer Immobiliendynastie aus New Jersey auf der anderen Seite des Hudson River. Seine Großeltern waren Überlebende des Holocaust und flüchteten aus Polen in die USA. Auch Kushner wurde in Trumps Übergangsteam berufen und begleitete seinen Schwiegervater am vergangenen Donnerstag sogar nach Washington. Er fotografierte das Treffen mit Obama mit dem iPhone, später wurde er an der Seite von Obamas Chief of Staff, Denis McDonough, im Garten des Weißen Hauses gesehen. CNN mutmaßte, er könnte einen wichtigen Posten im West Wing, dem Präsidentenflügel, übernehmen.

Eine Position im Schatten des Präsidenten würde zu Kushner passen. Er meidet die Öffentlichkeit, twittert nicht, doch Donald Trump zog ihn während des Wahlkampfs immer wieder auf die Bühne und lobpreiste ihn: "Er hat großes politisches Talent. Er liebt Politik." Kushner hat mit seinem adretten Seitenscheitel die Ausstrahlung eines Finanzbeamten. Vielen gilt er als klügster Kopf im Trump-Team. Über weite Phasen organisierte er den Wahlkampf, während andere im Team wegen diverser Skandale gehen mussten. Er soll großen Einfluss auf die Wahl des Vizepräsidenten genommen haben.

Seit Jahren schon leitet Jared Kushner das milliardenschwere Unternehmen seiner Familie und gibt nebenbei die New Yorker Wochenzeitung "The Observer" heraus. Er lernte Ivanka 2007 bei einem Business-Lunch kennen, das Freunde eingefädelt hatten, weil sie fanden, die beiden könnten zueinander passen. Später erzählte Ivanka beeindruckt, wie Jared sie eines Tages auf das Dach eines Hauses geführt und ihr ein riesiges Areal in Brooklyn gezeigt hatte – er hatte es gerade frisch gekauft. "Er denkt eben immer ans Geschäft." 2009 heirateten sie. Kushners Familie bestand darauf, dass Ivanka zum jüdischen Glauben übertrat. Sie besuchte für Tora-Studien die "Modern Orthodox Ramaz School" in Manhattan und nahm in einer feierlichen Zeremonie den hebräischen Namen Yael an. Als Donald Trump seine Tochter zur Vermählung im Trump-Golfklub von Bedminster führte, thronte auf seiner Haarpracht eine Kippa. Wann immer es möglich ist, wird bei den Kushners Schabbat eingehalten, dann beantwortet Ivanka nicht einmal die Anrufe ihres Vaters. Der sagt: "Dass ich eine jüdische Tochter habe, war nicht der Plan, aber ich freue mich."

Ivanka und Jared - wie Barbie und Ken

Ivanka und Jared haben zwei mächtige Clans zusammengeführt. Es herrscht das unbedingte Gesetz der Loyalität, persönliche Interessen stehen dem Familienwohl hintan, Gegner werden ohne Nachsicht verfolgt. Die Kushners sind in New Jersey so etwas wie die Trumps in Manhattan. Jareds Vater Charles ist ein Patriarch, der Disziplin predigt. Jared, sein Ältester, musste zuschauen, wenn der Vater Mitarbeiter zusammenstauchte, um ihm beizubringen, wie man durchgreift.

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Doch dann, Jared war gerade 24, stand das FBI bei den Kushners vor der Tür. Der Vater wurde abgeführt. 18 Straftaten warf man ihm vor. Darunter Steuerhinterziehung, illegale Parteispenden und Zeugenbeeinflussung. Außerdem hatte er sich auf perfide Art an seiner Schwester gerächt, die er verdächtigte, ihn bei den Finanzbehörden angeschwärzt zu haben. Er ließ eine Prostituierte anheuern, auf dass sie den Mann der Schwester verführe. Das Zimmer im Hotel "Red Bull Inn" war mit einer Kamera in einem Radiowecker präpariert, die aufnahm, wie der Schwager beim Blowjob stöhnt: "Ich fühle mich wie im Film." Das Video ließ Charles Kushner an seine Schwester schicken. Er wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Damit war sein Sohn Jared gezwungen, die Firma zu übernehmen. Seinen Vater besuchte er am Wochenende. Der sagte später: "Er war der beste Sohn für einen Vater im Gefängnis."

Seit Ivanka im März ihr drittes Kind gebar, postet sie regelmäßig Bilder und Filmchen aus ihrem perfekten Familienleben. Die Teppiche sind strahlend weiß, die Kleinen immer sauber. Sie und Jared sind nun das Vorzeigepaar der Nation. Glücklich, leistungsorientiert, konservativ. Sie stehen als Blickfang im Schaufenster zur schönen neuen Trump-Welt. Eine Welt, wie sie der künftige Präsident seinen Wählern versprochen hat. Dabei wirken sie ein wenig wie Barbie und Ken. Wie Prinz und Prinzessin. Zwei Figuren aus einem Märchen. Man betrachtet sie und weiß: Die Realität sieht eben doch ganz anders aus.

Mitarbeit: Anuschka Tomat