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Juliette: "Sie kann nicht normal sein"

Deutschland suchte den Superstar - und sie wurde Zweite. Nun will Juliette zeigen, was sie ohne Bohlen kann - getrieben von unbändigem Ehrgeiz und Selbstvertrauen.

Ganz blöd gelaufen, diese Sache mit den zu dünnen Klamotten beim Freiluft-Auftritt in Gütersloh: Arschkalt war der Wind, und die Klimaanlage im Flieger zurück nach Köln gab ihr den Rest. "Wenn es dir innerlich gut geht, wirst du auch nicht krank", sagt Juliette Schoppmann und putzt sich die Nase. So gesehen, müsste es ihr heute innerlich zie mlich schlecht gehen. "Besorg mir irgendeinen Schleimhautzerfetzer", bittet Juliette. In ein paar Minuten soll sie bei der RTL-Show "Top of the Pops" ihre Single präsentieren, heute zum Glück im Vollplayback. "Ich will endlich wieder live singen", sagt sie, zündet sich eine Zigarette an und erklärt ihre Erkältung für beendet. "Ich hasse das. Ich bin nie krank."

Sie braucht alle Kraft, jetzt wo "Calling you" auf dem Markt ist. Die Erwartungen an das Solodebüt der 23-Jährigen waren riesig - und dann kam sie mit dieser etwas sperrigen, 15 Jahre alten Coverversion aus dem Film "Out of Rosenheim", die selbst Juliettes Management als "wenig sommertauglich" einstufte. Mutig war das, zweifellos. Platz zehn der deutschen Charts in der ersten Woche, Platz 33 in der zweiten - in "Superstar"-Dimensionen ein Fiasko. Der pflegeleichte Alexander Klaws war mit seiner ersten eigenen Single Nummer eins, ebenso wie der dauerpubertierende Daniel Küblböck, und Produzent Dieter Bohlen machte zufrieden sein "Der Dieter ist eben doch der Beste"-Gesicht.

Statt auf Bohlen

vertraut Juliette auf ihr Gefühl. "Als ich zum ersten Mal meine CD in den Händen hielt, war ich vor Freude fertig mit der Welt", sagt sie, "ich war auf Platz zehn mit einem Song, der mir sehr am Herzen lag. Was will ich mehr?" Weniger euphorisch ist das Urteil mancher Plattenkäufer im Internet: "Von Juliette hätte ich etwas Eigenes erwartet", schreibt "kleinekim", und "baklaus2" hofft: "Drücken wir Juliette die Daumen, dass es wenigstens nicht der Megaabsturz wird."

Megaabsturz? Juliette war die mit Abstand Erfahrenste aller Teilnehmer bei "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS), die beste Sängerin und Tänzerin, und dennoch steht sie jetzt wieder ganz am Anfang. Jetzt steht sie allein im Rampenlicht, wird noch kritischer betrachtet. Und reiben kann man sich an ihr wahrlich. Juliette liebt die große Pose. Sie sei zickig und arrogant, sagt man, benehme sich wie eine Diva. Es ist einfach, Juliette so zu sehen. Es genügt, sie bei der Aufzeichnung zu "Top of the Pops" zu beobachten, beim Gang von der Garderobe zur Bühne.

Sobald ihr Menschen zuschauen, beginnt der Auftritt: Juliette stöckelt auf ihren Gucci-Highheels über den Flur, wackelt mit den Hüften, wirft den Kopf in den Nacken, lacht, zieht Grimassen, zeigt die blitzenden Zähne. "Ich kann nichts anderes machen", sagt sie, "ich gehöre auf eine Bühne, muss rausgehen, mich darstellen, mich ausdrücken." Dafür erwartet sie Respekt, Anerkennung. Vielleicht sogar etwas wie Liebe.

Sie hat von klein auf versucht, sich die Liebe ihres Publikums hart zu erarbeiten. In der Grundschule spielte sie immer wieder den Clown und flog aus dem Unterricht, bis ihre Eltern an ihrer Intelligenz zweifelten und sie zu einer Psychologin schickten. Die stellte, sagt die Mutter, einen IQ von 162 fest - damit dürfte Juliette in der Liga Albert Einsteins spielen. Der Psychologin vertraute Juliette an, was sie ihren Eltern nicht zu sagen wagte: Sie wolle tanzen, in Hamburg an der Oper.

Und so ging Juliette mit zehn Jahren aus Stade nach Hamburg ins Ballettinternat von John Neumeier. "Je näher der Tag der Trennung kam, desto beschissener ging es uns", sagt ihre Mutter Brigitte, "aber sie wollte unbedingt fort. Sie war schon damals perfektionistisch."

Irgendwann aber waren Juliettes Füße vom Tanzen ruiniert, das Selbstbewusstsein angeknackst, und mit 15 lag sie an Weihnachten ihrer Mutter weinend im Schoß. Mama schenkte ihr einen Musical-Workshop, und Juliette lieferte die große Show. Dachte: Das ist es. Aber ich muss noch besser werden, mich mehr anstrengen.

Mit 19 bekam sie ein Engagement in Köln im Musical "Saturday Night Fever", sie ging nach Hamburg zurück, landete im "Delphi Showpalast" und sang in der Nummernrevue "Time after Time". Ende 2001 erlebte Juliette ihren Tiefpunkt: "Im Beruf wurde ich ausgenutzt, nicht ernst genommen. Das konnte ich nicht ertragen. Und privat stand ich völlig allein da, badete in Selbstmitleid."

Die Wende kam

, als eine Freundin ihre Unterlagen zu "Deutschland sucht den Superstar" schickte - der Rest ist bekannt. "Vielleicht kann ich jetzt die Höhen so genießen, weil ich vorher so weit unten war", sagt Juliette. Sie ist zufriedener mit sich als je zuvor. "Alles klar, ich liebe mich! Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich das sagen! Das ist der Wahnsinn!"

Auch das klingt ein wenig glatt - und wer einmal ihren Hang zur Dramatik erlebt hat, gerät in die Gefahr, alles an ihr für Show zu halten: Bei einem Talkshow-Auftritt spricht sie über ihre Eltern und darüber, welche "unglaubliche Kraft" die ihr gegeben hätten. Da bricht ihr die Stimme weg, und sie verdrückt ein paar Tränen. Aber hat sich ein Profi wie sie nicht immer hundertprozentig unter Kontrolle? Ach, wäre das schön, bei ihr mal ganz sicher zu sein.

Veronika de Angelis, 23, eine Schulfreundin aus Stade, sagt: "Sie kann nicht normal sein, sie war schon als Kind die Star-Ballerina." Und Juliettes Exfreund Lars Mika, 28: "Man muss mit ihrer Kraft umgehen können. Ich konnte es nicht. Liebe ist Juliette wichtig, wenn sie in ihr Leben passt."

Kraft brauchte Juliette auch

, je näher das DSDS-Finale rückte. Die Rollen unter den Kandidaten waren verteilt: Alexander war der Nette, Daniel der Schräge - und Juliette die Diva. "Dabei hatte ich mich eher als Mutter der Kompanie gesehen, habe die anderen getröstet, mich gekümmert", sagt Juliette. "Öffentlich bekam ich aber immer erst mal einen drauf." Und das verstörte sie.

Da wurde von den Boulevardzeitungen genüsslich ihre Brustvergrößerung hervorgekramt und ihre inzwischen beendete Liaison mit Daniel Lopes zerpflückt. Es hieß, sie sei zu erfahren für die Show und müsse disqualifiziert werden. Sie habe sich dem "Playboy" für Nacktfotos angedient. Und - Sünde! - sie wolle nicht mit Dieter Bohlen zusammenarbeiten. Ein Missverständnis, sagt sie heute. Bohlen sei ja noch voll mit Alexander und Daniel Küblböck beschäftigt gewesen, als sie ein Angebot des früheren Produzenten von Annie Lennox bekommen habe. "Ist sie größenwahnsinnig geworden?", kreischte "Bild" prompt, "Superstar Juliette träumt plötzlich von einer Weltkarriere, sagt sich von Pop-Titan Dieter Bohlen los. Der warnt vor dem Super-Absturz."

Superabsturz? "Natürlich zweifel ich manchmal an mir, aber ich habe immer das sichere Gefühl, dass alles gut wird. Seit 13 Jahren arbeite ich wie eine Sau, und nur weil man jetzt mein Gesicht kennt, meinen die Leute, sich ein Urteil bilden zu können." Sie raucht ihre Zigarette und sagt trotzig: "Ich entschuldige mich nicht dafür, dass ich weiß, was ich will."

Wären da nicht gute Freunde

und ihre Mutter gewesen, Juliette hätte zwischendurch vielleicht aufgegeben: "Mama ist so ein Peng-boing-Energiebündel. Sie scheint auf alles eine Antwort zu wissen." Mama holt sie auch immer wieder auf den Boden zurück oder tröstet. "Es ist nicht immer schön, ein öffentliches Kind zu haben", sagt Brigitte Schoppmann. Aber sie sagt auch: "Ich hasse Menschen, die kein Ziel im Leben haben. Juliette hat eins." Ihr Rat an die Tochter: "Les mouches changent d'ane", "Die Fliegen wechseln den Esel". Warte ab, bis die Fliegen weitergezogen sind.

Und Juliette? Sie stöckelt über den Flur, wirft den Kopf zur Seite und wackelt mit dem Hintern. Juliette lacht die Fliegen einfach aus - und konzentriert sich auf den nächsten Schritt, auf ihr Album, das Mitte September erscheint. Sie hat sich abgesichert, innerlich, für den Fall, dass es ein Flop werden sollte. "Ich kann mit Niederlagen umgehen", sagt Juliette, "wenn ich das nicht könnte, wäre ich im falschen Beruf. Da hätte ich mich schon lange umgebracht."

Kurz bevor sie aufgebrezelt und geschminkt Richtung Bühne geht, singt sie leise, ganz in sich versunken Pippi Langstrumpf: "Zwei mal vier macht vier, widde widde witt und drei macht neune. Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt."

Tobias Schmitz