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Justizministerin Rachida Dati: Das heitere Paparaten

"Er reist gern" - mehr will die schöne französische Justizministerin Rachida Dati über den Vater ihrer frisch geborenen Tochter nicht preisgeben. Und beflügelt damit die Fantasie der Bürger. Ein Verdächtiger hat bereits heftig dementiert.

Von Claus Lutterbeck

Sie ist sehr schön, ein bisschen arrogant, überaus elegant, äußerst extravagant und erst ein einziges Mal geschieden, nach kurzer Ehe. Eine Französin aus dem Bilderbuch. Nun ist Rachida Dati im stolzen Alter von 43 Jahren auch noch Mutter geworden. Und ganz Frankreich macht mit beim heiteren Wer-ist-Papa-Raten. Denn die ehrgeizige Juristin ist nicht nur "Bewahrer der Siegel", wie der Titel der Justizminister in Frankreich lautet, sie ist auch seit vielen Jahren eine der engsten Vertrauten von Nicolas Sarkozy. Die streitbare Ministerin sagt kein Wort, nur einmal seufzte sie öffentlich, sie habe "ein kompliziertes Privatleben".

Je beharrlicher sie schweigt, umso wilder wuchern die Gerüchte. Früher wäre es undenkbar gewesen, dass in der franzö- sischen Presse offen über das Privatleben der Politiker berichtet worden wäre. Anders als im übrigen Europa klatschte man nur hinter vorgehaltener Hand, dafür ausdauernd und hemmungslos.

Die kleinen Geheimnisse, die tout Paris immer kannte, wurden nie öffentlich breitgetreten: dass zum Beispiel der damalige Präsident François Mitterrand neben seiner First Lady noch eine inoffizielle hatte - und mit ihr auch ein Kind.

Die Republik als Klatschbörse

Doch seit der geniale Selbstinszenierer Sarkozy seine Politik als Spektakel verkauft und die Grenzen zwischen Show und Staat gelegentlich verschwimmen, ist aus der verschwiegenen Republik eine Klatschbörse geworden. Kein Wunder, man hat Jahrzehnte Nachholbedarf.

Natürlich stand das ehemalige Model Carla Bruni, das der Präsident nach ein paar Wochen Flirt heiratete, immer im Mittelpunkt der Ondits. Aber gleich danach kam die auffällige Rachida Dati, die einen kometenhaften Aufstieg hinter sich hat. Noch nie hat ein Einwandererkind solch eine hohe Position in der französischen Politik erklommen.

Die emanzipierte Muslimin kam als zweites von zwölf Kindern einer armen maghrebinischen Einwandererfamilie in Burgund auf die Welt, weder Vater noch Mutter konnten lesen und schreiben, als sie nach Frankreich kamen. Sie ging auf eine katholische Privatschule, studierte Jura und wurde Richterin. Nicht alle in der Familie waren so erfolgreich wie sie, zwei Brüder landeten wegen Drogendelikten vor Gericht. Im Jahr 2002 holte Sarkozy sie als juristische Beraterin in sein Team, im Wahlkampf 2007 war sie seine Sprecherin - niemand hat den Chef so genial verkauft wie die aparte Dati.

Dati ließ keinen Streit aus

Zum Dank machte Sarkozy sie zur Justizministerin, wohl auch als Signal an die ewig unruhige muslimische Jugend im Land: Wir sind weltoffen, ihr könnt es in Frankreich bis in die höchsten Ämter bringen. Die Fachwelt war weniger berauscht. Eine kleine Richterin der ersten Instanz als oberste Chefin der überaus selbstbewussten und mächtigen Richter und Staatsanwälte? Die furchtlose Dati wiederum ließ keinen Streit mit den Juristen aus, schaffte kleine Gerichte und ein paar Privilegien ab und kündigte große Reformen an. Die Richter schäumten. Viele waren fassungslos, als sie öffentlich bekannte, sie finde es "normal", dass auch zwölfjährige Kinder ins Gefängnis kämen, wenn sie eine Straftat begingen.

Die Macht ist ihr wohl etwas zu Kopf gestiegen. Das Arbeitspensum im Ministerium war "unmenschlich", wie ein Mitarbeiter später klagte, ihr Führungsstil herrisch. In einem Jahr verschliss sie fast die gesamte oberste Riege des Justizministeriums, viele warfen genervt hin, weil sie ihre Familien "nur noch zwischen zwölf Uhr nachts und fünf Uhr morgens" zu Gesicht bekamen. "Sie hat eine Art, die Leute fertigzumachen, die menschlich nicht haltbar ist", zitierte das Magazin "Le Point" einen ehemaligen Mitarbeiter. Vollends genervt waren die französischen Diplomaten in Washington, als sie von ihnen verlangte, sie sollten ihr die Handynummer von Barack Obama besorgen - ein Privileg, das nur Staatsoberhäuptern zusteht.

Im Februar 2008 enthüllte das Satireblatt "Le Canard enchaîné", dass sie Kleidung für 39.000 Euro vom Modehaus Yves-Saint-Laurent geborgt, aber wohl "vergessen" hatte, sie wieder zurückzugeben. Die Modefirma beschwerte sich, Madame war verstimmt, sie wechselte zu Dior und tappte prompt in die Scharping-Falle. Während sie im Land Richterstellen streichen ließ, posierte sie in einem Pariser Luxushotel für das Magazin "Paris Match", gekleidet in ein teures Dior-Kleid, mit Netzstrümpfen und hochhackigen Stiefeln.

Späte Reue

Sie verteidigte sich: Schon als kleines Kind habe sie sich gern gut angezogen, das sei auch "eine Art, dem Gegenüber Respekt zu zeigen". Später bereute sie den pompösen Auftritt. Eigentlich trage sie lieber T-Shirts aus dem Kaufhaus "Monoprix", und schon ihre Mutter habe immer gesagt, nicht das Kleid müsse teuer sein, "nur der Gürtel".

Doch während die einfachen Franzosen ihre Gürtel immer enger schnallen sollten, überzog Madame Dati den Etat ihres Ministeriums für "Repräsentationszwecke" um 30 Prozent. Im Amtssitz an der schicken Place Vendôme wurden nun dauernd Empfänge gegeben, "hier tanzt ein Feinkosthändler nach dem anderen an", mokierte sich ein Richter.

Die Ministerin geriet dabei immer mehr in die Kritik. Lange hielt ihr Chef Sarkozy seine Hand über sie und verteidigte seine "petite beurette", seine kleine Nordafrikanerin. Aber irgendwann war es sogar ihm zu viel: "Man steigt schnell auf, man steigt aber ebenso schnell wieder ab", schnappte er neulich. Er sei von der "Arroganz" seines früheren Lieblings enttäuscht, melden französische Zeitungen, schon wird offen spekuliert, dass Dati wohl bald mehr Zeit habe, sich ihrer Tochter zu widmen. Noch genieße sie eine Art "politischen Mutterschutz", aber schon bald werde sie "nach Europa" geschickt.

Wer war's?

Bis dahin vergnügen sich die Franzosen mit dem beliebtesten Fragespiel aller Partys und Diners: Wer war's? Wer ist der Vater der kleinen Zohra, die am 2. Januar in einer feinen Privatklinik auf die Welt kam? Dati selbst hat nur einmal einen Tipp gegeben, was für ein Mann es sein könnte: "Er reist viel." Deshalb findet sich auch Präsident Sarkozy auf der langen Liste der möglichen Väter wieder, allerdings nicht weit oben, denn er hat im Februar 2008 seine Carla geheiratet, und es ist wohl nur in französischen Filmen so, dass die Männer schon in den Flitterwochen eine neue Affäre beginnen. Genüsslich erzählt man sich in Paris aber folgende Anekdote: Als das Präsidentenpaar Sarkozy/ Bruni der Ministerin Dati den Élysée-Palast zeigte, soll Carla Bruni im Schlafzimmer gezischelt haben: "Stimmt's? Da hättest du auch gern gelegen …"

Auch der Bruder des Präsidenten, François Sarkozy, wird genannt. Wahrscheinlichkeit: gering. Immer wieder taucht der Name des ehemaligen spanischen Ministerpräsidenten José Maria Aznar auf, angeblich weiß der marokkanische Geheimdienst da Genaueres. Aber der verheiratete Aznar hat schon vor Monaten energisch dementiert: "Total und völlig falsch." Gegen einen TV-Sender, der verbreitete, die Eheleute Aznar hätten sich getrennt, zog er vor Gericht und erwirkte eine Entschädigung von 240.000 Euro.

Der ehemalige Rugby-Profi und jetzige Sportstaatssekretär Bernard Laporte will es nicht gewesen sein, ebenso wenig Arthur, ein populärer TV-Star, den Rachida Dati vermutlich erst einmal im Leben getroffen hat. Henri Proglio, ein Milliardär, kommt vermutlich nicht infrage, weil die Freundschaft schon beendet war.

Eine pikante Liaison

Bleibt ein heißer Kandidat: Dominique Desseigne, ein Milliardär und Freund von Sarkozy, mit dem sie die Weihnachtsferien 2007 auf der Insel Mauritius verbrachte. Es wäre eine pikante Liaison: Der 64-jährige, gut aussehende Geschäftsmann ist Chef des größten Kasino- und Hotel-Konzerns Europas (16 Luxushotels, 39 Spielbanken und 90 Restaurants). Eine heikle Branche für eine Justizministerin.

Der 1,91 Meter große Desseigne, stets gebräunt, heiratete 1984 in das Glücksspielimperium Barrière ein. 1995 stürzte seine Frau Diane mit dem Flugzeug ab, sie überlebte schwer verletzt und starb nach einem sechs Jahre währenden Martyrium 2001, weil das Beatmungsgerät versagte. Der als Geschäftsmann unerfahrene Jurist Desseigne steigerte den Umsatz beträchtlich.

Doch derzeit geht es der Pokerbranche miserabel, weil das in Frankreich bisher verbotene Internetglücksspiel den Gewinn vermasselt. Desseigne ist nun für Gesetzesänderungen, um auch Online-Kasinos in Frankreich betreiben zu können. Wäre er wirklich der Vater, dann ginge nichts mehr für Rachida Dati in ihrem Ministerium. Vielleicht schweigt sie deshalb so eisern über die Vaterschaft ihrer Tochter Zohra, denn sonst hieße es für sie: Rien ne va plus.

Mitarbeit: Jörg Zipprick

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