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Oktoberfest 2014: Wiesn, i mog di!

Es wird gesoffen und gegrölt: Einem Nicht-Bayern die Faszination des Oktoberfests zu erklären, ist schwierig. stern-Redakteur Jens Maier versucht es. Eine Liebeserklärung an die Wiesn.

Von Jens Maier

Keine Feier ohne Maier: stern-Redakteur Jens Maier bei der Fischer-Vroni

Keine Feier ohne Maier: stern-Redakteur Jens Maier bei der Fischer-Vroni

Die Hamburger Reeperbahn ist nicht meine Lieblingsgegend. Vor allem nicht an einem frühen Sonntagmorgen. Als Überbleibsel Tausender feierwütiger Besucher steigt Uringestank die Hauswände empor und am Straßenrand türmen sich Berge von Müll. Solche Momente sind es, in denen ich mich wehmütig nach meiner badischen Heimat sehne. Wo am Samstag das Trottoir blitzblank gefegt und der Benz, ob dreckig oder nicht, zum Waschen aus der Garage geholt wird. Es kommt schon mal vor, dass ich über die sogenannte Kehrwoche ins Schwärmen gerate. Bei meinen Hamburger Freunden stößt das allerdings auf wenig Gegenliebe. Ich sei ein kleiner Spießbürger, behaupten sie dann.

Dass ich jedes Jahr zum Münchner Oktoberfest fahre, ist noch so eine Sache, die sie nicht verstehen. Erstens, weil der Hanseat an sich nichts mit der Wiesn anzufangen weiß, und zweitens, weil sie die Bilder aus dem Fernsehen kennen. In zahlreichen RTL-2-Reportagen wird das komplette Grauen dokumentiert: Da wird gehoben, gegrabscht, gegrölt, gepöbelt und verprügelt. Es wird gezeigt, wie die Theresienhöhe im Laufe des Abends zum Pissoir umfunktioniert wird und die bayrische Ordnungsmacht ob der Flut der Notdürftigen nur ohnmächtig zuschauen kann. Dazwischen: Ahnungslose, die im Grün an der Bavaria ein Nickerchen machen und hinterher denken, es habe geregnet. "Na, da bist du ja genau richtig aufgehoben", meinen meine Hamburger Freunde kopfschüttelnd, während ich mich frage, wer hier eigentlich der Spießer ist. Es ist wohl höchste Zeit, die Nordlichter aufzuklären.

Die Wiesn erscheint für Außenstehende wie ein Monster

Ja, es stimmt. Auf dem Oktoberfest sieht es nicht nur aus wie Sau, sondern es geht auch genauso zu! Auch mich nerven die Betrunkenen, die nicht wissen, wann sie genug haben und von Sanitätern abgeholt werden müssen. Auch mich nerven die Wildpinkler, die die Theresienhöhe in einen Urinsee verwandeln. Und auch mich nerven die Feierwütigen, die das Oktoberfest als Freifahrtsschein fürs Danebenbenehmen missbrauchen. Für Außenstehende erscheint die Wiesn wie ein Monster. Doch wer einmal mittendrin war, wird sie für immer lieben. So wie ich.

Ich liebe es, einmal im Jahr schon vor 12 Uhr das erste Bier zu trinken. Ich liebe es, mit Freunden auf der Bierbank zu stehen und zur Blasmusik mitzugrölen. Ich liebe die aufwendig und liebevoll gestalteten Festhallen, die endlich mal nicht so aussehen wie die immer gleichen und langweiligen Volksfestzelte zwischen Flensburg und Oberammergau. Ich liebe die Traditionen, die sich die Wiesn bis heute bewahrt hat. Dass nur Münchner Bier ausgeschenkt wird, ist so eine - Beck's, Veltins, Krombacher und Co. haben keine Chance, Gott vergelts! Ich liebe die unprätentiöse Atmosphäre, in der jeder mit jedem ins Gespräch kommt - ganz egal, ob Vorstand oder Gärtner. Ein klassenloses Revier der Gemütlichkeit.

Statt Merkel und Westerwelle regieren Glücksseligkeit und Zufriedenheit

Und vor allem liebe ich es, mit Tausenden Menschen in einem Zelt zu sitzen, die alle das gleiche im Sinn haben: gute Laune! All die Alltagssorgen, sie sind für einen Tag vergessen. Statt Merkel und Westerwelle regieren Glückseligkeit und Zufriedenheit das Geschehen. Ein tolles Gefühl! Es wird gelacht, gescherzt und ja, es wird auch getrunken. Bier ist an diesem Tag für viele der Treibstoff der guten Laune. Doch der Wiesn-Rausch, er besteht bei mir aus so viel mehr als nur aus Alkohol. Ich mache Pausen, trinke zwischendurch Wasser und genieße jede Maß mit einem Prosit der Gemütlichkeit. So wird die Wiesn zur Gaudi statt zum Besäufnis.

"Wie, du fährst da hin, und dann bist du am Abend nicht mal richtig betrunken? Da haben wir auf der Reeperbahn am Samstagabend mehr Spaß", sagen meine Hamburger Freunde. Sie verstehen es nicht. Die Wiesn, man kann sie offenbar nicht erklären. Man muss dabei gewesen sein.