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Siegfired & Roy: Eine Liebe in Las Vegas

Die beiden hatten verdammt gute Gründe, der elenden kleinen Welt zu entfliehen, aus der sie kamen. Nur: Es gab so gut wie keinen Grund, weshalb die große weite Welt ausgerechnet auf Siegfried Fischbacher und Roy Uwe Ludwig Horn warten sollte.

Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Nicht zwischen Siegfried und Roy und erst recht nicht zwischen Siegfried und der Raubkatze. Ganz im Gegenteil. Als der 20-jährige Siegfried an einem stürmischen Tag im Frühjahr 1960 Roys Kabine auf dem Ozeandampfer "Bremen" betrat, erstarrte er vor Angst. In der Koje seines Steward-Kollegen lag ein wildes Tier. Ein Löwe oder Tiger, so genau war das im Halbdunkel nicht zu erkennen, jedenfalls fauchend und bereit zum Angriff. Er knallte die Tür wieder zu und flüchtete mit einem Satz in seine gegenüberliegende Kajüte. Er fürchtete sich schon vor Hunden, von Raubtieren ganz zu schweigen. Im Gesicht von Roy, 16 Jahre alt, hatte er ein fröhliches Grinsen gesehen. Ein Spinner war das. Kein Zweifel, er hatte sich mit einem Verrückten eingelassen.

Wie konnte Roy es wagen, ein so exotisches und gefährliches Biest auf das Schiff zu schmuggeln? Und auch noch vorschlagen, er, Siegfried, solle es in seine Zaubershow einbauen. Wenn der Kapitän davon Wind bekäme, würde er sie sofort rausschmeißen. Aus der Zauber. Die vielversprechende Karriere des Jung-Magiers Siegfried Fischbacher aus dem bayerischen Rosenheim - praktisch zu Ende, bevor sie richtig begonnen hatte. Seit Monaten unterhielt er die Passagiere auf dem Linienschiff zwischen Bremerhaven und New York mit einer kleinen abendlichen Zaubershow. Er hatte als Steward angefangen und mit seinen Tricks zunächst nur die Mannschaft amüsiert. Als der Kapitän ihn sah, beförderte er ihn zum Abendunterhalter. Ein paarmal durfte ihm Roy als Assistent helfen. Und jetzt machte der kaputt, worauf Siegfried jahrelang hingearbeitet hatte.

Roy versuchte ihn zu beruhigen. War doch gar kein Löwe oder Tiger, war doch nur Chico, sein Gepard, ganz zahm und überhaupt nicht gefährlich. Nicht mal Fliegen müssten Angst vor dem haben. Ehrenwort. Das Publikum wäre bestimmt begeistert, wenn statt des obligatorischen Kaninchens plötzlich eine exotische Wildkatze auf der Bühne erscheint und wieder verschwindet. Siegfried stutzte. Roy hatte das Zauberwort ausgesprochen, die magische "Siegfried, öffne dich"-Formel. Das Publikum! Die Zuschauer! Ihnen wollte Siegfried gefallen. Ihr Applaus, ihr Jubel, ihre Anerkennung waren es, wonach er sich sehnte. Wer weiß, vielleicht könnte diese Nervensäge samt Gepard wirklich hilfreich sein.

Sie konnte. Die Zuschauer feierten den Raubkatzentrick mit Beifallsstürmen. Nur der Kapitän war sauer. Er entließ Zauberer und Katze noch am selben Abend. Beim nächsten Stopp in Bremerhaven hätten sie das Schiff zu verlassen! Stunden später stellte der Eigentümer der Reederei sie wieder ein. Zu erhöhtem Lohn. Er hatte zufällig im Publikum gesessen, hellauf begeistert. Seit diesem Tag sind exotische Tiere das Markenzeichen von Siegfried & Roy.

Der Anfang des erfolgreichsten Entertainment-Duos

in der Geschichte der Unterhaltungsindustrie hätte zufälliger nicht sein können. Oder fällt einem am Ende immer nur das Fällige zu? "Ich glaube nicht an Zufälle. Alles im Leben hat eine Bestimmung", sagt Siegfried. Er sitzt im Wohnzimmer des "Dschungel Palastes", wo er mit Roy und einer wechselnden Zahl von weißen Tigern, Löwen und Leoparden lebt. Es ist ein angenehm kühler Herbsttag in Las Vegas. Die Meister der Magie sind auf der Höhe ihres Ruhmes. Der Tigerbiss, der ihre Karriere am 3. Oktober 2003 beenden wird, ist noch weit. Ihr zehn Millionen Dollar teures Haus- eine Mischung aus Märchenschloss und Fantasieland, das Herz der Welt von Siegfried und Roy. Eine Welt, in der sich Tatsachen und Träume, Wünsche und Wirklichkeit, Fakten und Fantasien nach fast 50 Jahren untrennbar miteinander verwoben haben. Sie leben darin wie zwei Märchenprinzen, umsorgt von mehr als zwei Dutzend Hausangestellten, umgeben von Geschenken und Andenken an Reisen rund um die Welt.

Im Fenster hängt ein Käfig mit zwei Nachtigallen - ein Präsent des Kaisers von Japan. Im Flur eine lebensgroße Buddha-Statue aus Birma, an den Wänden alte Zeichnungen aus China und Tibet. Die Decke schmücken Fresken, Repliken von Michelangelos Gemälde aus der Sixtinischen Kapelle. Ein Diener serviert Champagner und in Schokolade getunkte Erdbeeren. Dem Gast der beiden geht es wie den Besuchern ihrer Show: Er fragt sich fortwährend, wo die Wirklichkeit aufhört und die eigene, wundersame Welt der Zauberer beginnt. Wie konnten diese unbedarften Jungs, dieser Siegfried Fischbacher aus Rosenheim und dieser Roy Uwe Ludwig Horn aus Nordenham bei Bremen, die "Könige von Las Vegas" werden? Was hat sie aus der deutschen Provinz in die Wüste von Nevada getrieben? Welche magischen Tricks stecken dahinter? Siegfried schüttelt den Kopf. Kein Trick. Nur die Sehnsucht nach Anerkennung.

"Zu mir hat der Lehrer schon in der Volksschule gesagt: Aus dir wird nix."

Nicht einmal 50 Jahre später kann Siegfried darüber lachen. Da hilft kein Champagner und kein weißer Rolls-Royce vor der Tür. Eine Niete schimpften sie ihn, einen Taugenichts. Roy erging es kaum besser. Ihn nannten sie einen Träumer, einen Nichtsnutz. Die beiden Jungs, die sich damals auf dem Atlantik trafen, ahnten nicht, wie seelenverwandt sie waren. Beide Einzelgänger und Außenseiter, beide mit Vätern geschlagen, die nach dem Krieg das Saufen anfingen und ihre Familien tyrannisierten, beide unter Müttern leidend, denen die Zeit und die Kraft zur Liebe fehlten. "Das Einzige, was mir Sicherheit gab, war die Zauberei", sagt Siegfried und schaut durchdie großen Fenster in den Garten. Dort tollen zwei weiße Tiger auf dem Rasen, wie beim Nachbarn die Hauskatzen. Als Siegfried eines Tages vor den Augen seines Vaters ein Geldstück verschwinden ließ, schaute der seinen Sohn erstaunt an: "Mensch Junge, wie hast du das denn gemacht?", fragte er. "Ich glaube, das war das erste Mal, dass mein Vater mich wahrgenommen hat."

Siegfried übte wie ein Besessener. Er ließ Kaninchen aus Zylindern krabbeln, Spazierstöcke in der Luft tanzen, verschluckte Glühbirnen und Rasierklingen. In den Augen seiner Klassenkameraden und Nachbarn sah er zum ersten Mal nicht Hohn und Spott, sondern Staunen und Bewunderung. Er trat auf Volks- und Vereinsfesten auf. Der Beifall seiner Zuschauer war schon damals wie eine Droge für ihn, sie half ihm durch den tristen Alltag. Da saß der 14-Jährige nämlich in einer Fabrik und lernte Teppiche zu weben. "Nachts schlich ich mich manchmal in den Theatersaal des Kolpinghauses", erinnert er sich. "Ich schaltete die Scheinwerfer an, zog den schweren Samtvorhang auf und stellte mich vorn an die Rampe. Ich hörte die Musik. Ich sah mein Publikum. Ich sah es klatschen und jubeln - und war der glücklichste Mensch." Irgendwo, ahnte er, musste es noch eine andere Welt geben, eine, in der jeder eine Chance bekommt. Mit 17 stieg er im Hauptbahnhof allein in den Zug Richtung Weit-weg-von-Rosenheim. "Wenn du jetzt gehst, brauchst du nie mehr zurückkommen", waren die Abschiedsworte seiner Mutter.

Und Roy? Wie hat er die Prügel und den Suff zu Hause überlebt? Er zuckt mit den Schultern, zieht an seinem Zigarillo: "Ich weiß nicht, warum, aber mein Optimismus war schon immer unerschütterlich. Ich war fest davon überzeugt, dass es irgendwo da draußen ein anderes, besseres Leben gab." Dann erzählt er vom Trost und Schutz, den er bei seiner Wolfshündin fand. An ihr wagte sich der Vater nicht vorbei. "Sie war das einzige Lebewesen, dem ich hundert Prozent vertraute. Klingt vielleicht komisch, aber seitdem sind Tiere die große Liebe meines Lebens, unabhängig davon, waszwischen mir und Menschen vorgeht, die ich mag."

Bald wollte er nur noch weg von zu Hause.

Als 13-Jähriger heuerte er auf einem Passagierschiff an. Ohne die Eltern zu fragen. Fotos aus jener Zeit zeigen einen lachenden, kleinen Jungen mit schwarzer Fliege, weißem Hemd und einer Uniform voller Sterne und Streifen. So sehr die Bubenjahre von Siegfried und Roy sich ähneln, so unterschiedlich sind ihre Reaktionen darauf. Siegfried quälen bis heute Zweifel an seinen Fähigkeiten, er ist eher ängstlich und unsicher. Ohne seinen starken Willen und seine Sehnsucht nach Anerkennung säße er vermutlich immer noch in Rosenheim und würde Teppiche verkaufen. Roy dagegen behielt bei allem Familienterror einen ungebrochenen Glauben an sich selbst - und später an seinen Partner. "In Siegfrieds Gegenwart fühlte ich mich vom ersten Moment an sicher", sagt er. "Sicherer, als in der Gesellschaft jedes anderen Menschen. Er ist bis heute in gewisser Weise der einzige Held meines Lebens."

Aus der Bühnenpartnerschaft wurde mit der Zeit an Bord der "Bremen" eine Lebensgemeinschaft, und die beiden beschlossen, ihr Glück als Magier an Land zu versuchen. Siegfrieds Traum: einmal im Lido auftreten. Fast zwei Jahre tingelten sie durch Varietetheater, Strip-Bars und Nachtclubs. Zauberten vor angetrunkenen Geschäftsleuten, die mehr Interesse an den halb nackten Hostessen hatten, als an schwebenden Spazierstöcken oder verschwindenden Geparden. Sie stiegen in den billigsten Hotels und Pensionen ab, aßen Bratkartoffeln oder trockenes Brot, weil die spärlichen Gagen für Chicos Fleischportionen draufgingen.

Ein Engagement in Genf führte zu einem weiteren im Casino von Monte Carlo. Sie wurden für den jährlichen Rot-Kreuz-Ball geladen. Kurz vor der Show spähte Siegfried durch einen Spalt im Vorhang. Im Publikum: der Fürst und seine Frau Grace Kelly, etwas weiter Sophia Loren, daneben Cary Grant, Maria Callas, Elizabeth Taylor. Siegfried schwitzte und zitterte vor Angst. Wie sollte er, der Taugenichts aus Rosenheim, die Erwartungen dieser Weltprominenz erfüllen? Nie, nie, nie würde er das schaffen! Und wieder war es Roy, der ihm zuredete, ihn beruhigte. Trotzdem wäre ihr Auftritt fast zum Desaster geworden. Chico, der Gepard, sprang am Ende der Show von der Bühne in den Saal und lief schnurstracks in die Küche. Ihm auf den Fersen ein fröhlich winkender Roy, der ganz so tat, als gehöre der Abgang zum Programm. Das Publikum jubelte und bedankte sich mit stehenden Ovationen.

"Siegfried und Roy: die neuen Könige"

, schrieben die Zeitungen am nächsten Tag. Das war der Durchbruch. Das beste Revuetheater Europas, das Lido, machte ihnen ein Angebot. Dreieinhalb Jahre traten sie dort auf. Paris feierte sie. Siegfried war am Ziel seiner Träume, aber Roy wollte mehr. Er wollte nach Amerika, nach Las Vegas.

Das Spielerparadies war Ende der 60er Jahre die Welthauptstadt der Live-Unterhaltung. Auf zwei deutsche Zauberer mit ein paar exotischen Tieren hatte dort niemand gewartet. "Magie funktioniert in dieser Stadt nicht, Jungs", erklärte ihnen der erste Show-Veranstalter mit amerikanischer Direktheit. Siegfried mochte diesen "öden Flecken mitten in der Wüste" zunächst überhaupt nicht. Er wollte zurück nach Europa. Hatte Heimweh. Bekam Magengeschwüre. Roy dagegen war sofort fasziniert. Ihm gefielen die Amerikaner, ihr Credo "If you can dream it, you can do it" war auch sein Motto. Es fasste in Worte, was ihn das Leben bisher gelehrt hatte. Roy entdeckte in Amerika Möglichkeiten, wo Siegfried Schwierigkeiten sah. Er fühlte sich herausgefordert, wo Siegfried Angst bekam. In den ersten Jahren in Las Vegas drohte ihre Lebensfreundschaft zu zerbrechen. Das Duo war ein 15-minütiger Teil einer Revue, degradiert zu Meistern des Hokuspokus, nicht weiter ernst zu nehmen. Siegfried wurde zeitweise abhängig von Valium, Roy überlegte, ob er es nicht mit einer eigenen Show irgendwo anders versuchen sollte.

Sie blieben zusammen.

Aus der Lebensgemeinschaft war nach 20 Jahren eine Schicksalsgemeinschaft geworden. Erfolg, den Jubel des Publikums gab es nur gemeinsam, als Solisten wären sie austauschbar gewesen. Dann, knapp zwölf Jahre nach ihrer Ankunft in Las Vegas, hatten sie sich endlich ihre eigene, eineinhalbstündige Show erkämpft. Zweimal am Abend traten sie nun vor ausverkauftem Haus auf, an Wochenenden dreimal. Sieben Jahre ohne längere Pause, über 3500 Shows in Folge. Mit ihrem letzten Spektakel, das am 1. Februar 1990 im Mirage-Hotel Premiere hatte, erfanden sie das Showbusiness im Spielerparadies neu. Die Produktion kostete über 50 Millionen Dollar. Aus London und New York kamen die besten Choreografen, Bühnenbildner und Kostümdesigner. Das Ergebnis war eine einmalige Mischung aus Broadway-Show, Magie und großer Oper. Eine Inszenierung, die eine halbe Million Zuschauer im Jahr anzog und Las Vegas für eine neue Klientel attraktiv machte. Plötzlich kamen Familien mit Kindern, Yuppies und junge Paare für einen Kurzurlaub, um die Zauberer zu sehen. Die Zahl der jährlichen Vegas-Besucher verdoppelte sich seit Beginn der Siegfried & Roy Show 1990 von 18 auf 36 Millionen. Damit brachen die beiden alle Zuschauer-, Gagen- und Einnahmerekorde in der Geschichte der Stadt. Nur wenige Stars der Film- und Unterhaltungsindustrie in Amerika verdienen mehr. Geschätztes Jahreseinkommen von Siegfried & Roy 2003: rund 52 Millionen Dollar. Geschätztes Vermögen: mehrere hundert Millionen.

Und sie hatten keine Scheu, ihren Reichtum zu zeigen. Sollte die Welt ruhig sehen, was der Träumer aus Nordenham und der Nichtsnutz aus Rosenheim geschafft hatten: ein Leben voll Glitter und Glamour, in ihrer Exzentrik würdige Nachfolger von Liberace und Elvis. Siegfried & Roy fuhren ihre Tiger in weißen Rolls-Royce spazieren, waren Ehrengäste im Weißen Haus, auf Hochzeiten von Liz Taylor und dem 100. Geburtstag von Leni Riefenstahl. Kauften sich 40 Hektar Wüste, pflanzten darauf Tausende von Bäumen. Bauten eine bayerische Holzhütte mit Stoffen und Gardinen im blau-weißen Rautenmuster darauf, hängten Lautsprecher in die Palmen, aus denen "Schützenliesl" dröhnte und nannten das ganze "Little Bavaria".

In einer Ecke des Anwesens

ist ein künstlicher Teich angelegt. Am Ufer modert ein kleines Fischerboot, das Roy aus Friesland in die Wüste schaffen ließ. Der Anblick, sagt er, helfe ihm gegen das Heimweh nach der Nordseeküste. Ihr Refugium ist real und unwirklich zugleich, wie alles, was die beiden Magier umgibt. Es sieht aus wie eine Kulisse, in der der Film ihres Lebens gedreht wird. "Die Show ist unser Leben", sagt Siegfried, "unser Leben ist die Show."

Diese Symbiose beendete am Abend des 3. Oktober vergangenen Jahres ausgerechnet ein Tiger, Montecore. Er verletzte Roy - die gesamte Weltpresse berichtete darüber - während der Vorstellung lebensgefährlich. Die Folge: vier Schlaganfälle, Notoperation. Fast drei Monate lag Roy im Krankenhaus, am Tag vor Weihnachten kam er wieder nach Hause. Die Show ist vorbei - das Leben, immerhin, geht weiter. Es wird für die beiden ein ungewohntes Leben sein. Ohne Theater, ohne Jubelstürme und Publikum. Roy wird jetzt im Rollstuhl durch den Dschungel-Palast geschoben, durch die Gärten, zu den Gehegen seiner Freunde, der Tiger. Er kann wieder sprechen und mit Hilfe von Therapeuten und Krankengymnasten versucht er, wieder Herr über seinen Körper zu werden. Die Prognosen der Ärzte sind ungewiss. Gewiss ist nur: Siegfried ist bei ihm, Siegfried bleibt.

Jan-Philipp Sendker / print