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SUSAN STAHNKE: Jetzt ohne Ansage

Von der »Tagesschau« direkt nach Hollywood: Für diesen Plan kassierte Susan Stahnke reichlich Spott. Doch sie geht ihren Weg weiter - unbeirrt, aber vorsichtiger.

Irgendwann war der Punkt gekommen, da war es egal, was sie sagte oder tat - niemand wollte sie mehr so recht ernst nehmen. Susan Stahnke hätte sogar mit den »Tagesschau«-Häuptlingen die Friedenspfeife rauchen und in gegenseitigem Einvernehmen auf ihren Vorleseplatz zurückkehren können - sie war gebrandmarkt. Gebrandmarkt als das naive Blondchen, das von Hollywood träumt.

Okay, welche junge Frau träumt nicht davon? Aber eine Sprecherin der seriösen Mutter aller Nachrichtensendungen? So sah das auch der NDR und rügte Stahnke, nachdem sie im Winter 1998 für das Society-Bulletin »Gala« unter anderem als bestrapster Blauer Engel posiert hatte. »Wer sich so darstellen möchte«, klagte damals Rundfunkrätin Katharina Weyandt, »sollte für einen anderen Sender arbeiten.« Im Februar 1999 verließ »das schönste ARD-Gesicht« (»Bild am Sonntag«) daraufhin nach sechseinhalb Jahren die »Tagesschau«. »Ich brauche für meine Arbeit ein Umfeld, in dem ich mich menschlich wohlfühle und mich künstlerisch weiterentwickeln kann«, erklärte sie damals. »Beides ist nach diversen Vorkommnissen in der letzten Zeit nicht mehr gegeben.« Es war der Beginn von zwölf traumatischen Monaten.

Fortan waren Spott und Häme Susan Stahnkes ständige Begleiter. Ob sie als ProSieben-Reporterin am Roten Teppich der Oscar-Verleihung stand oder bei Sat 1 das schnell gescheiterte Info-Format »News-maker« moderierte - die Medien-Republik juxte über jeden ihrer Schritte. Harald Schmidt kürte sie zum »Liebling des Monats« und prägte den legendären Rufnamen, der ihr bis heute anhängt: »Miss Stähnki«. Der Fall Stahnke war außer Kontrolle geraten. Man attestierte ihr Größenwahn, Naivität und völlige Weltfremdheit.

Sie hat Fehler gemacht

, das räumt sie heute ein. Der größte war wohl, dass sie in der »Johannes B. Kerner-Show« behauptete, sie habe eine erste Filmrolle bereits fest in der Tasche. Zwar hatte die Wahlhamburgerin tatsächlich einen Vorvertrag unterschrieben, doch der Film »The Populist«, in dem sie die erste Ehefrau der Nazigröße Hermann Göring spielen sollte, wurde bis heute nicht gedreht. Eineinhalb Jahre später sitzt Susan Stahnke mit Ehemann und Manager Thomas Gericke im Café Clafoutì's am Sunset Boulevard. »Ich will beweisen, dass es sich nicht nur um einen PR-Gag handelt«, betont sie streng und nippt an ihrem Cappuccino, »sondern um berufliche Perspektive mit Substanz.«

Grundkenntnisse hat sie immerhin. Insgesamt 13 Jahre lang nahm Stahnke Schauspielunterricht bei Privatlehrern der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Hamburg. »Darüber hat aber nie jemand geschrieben, weil sich das Bild von der größenwahnsinnigen Tagesschau-Sprecherin besser verkaufen ließ.« Das Paar Stahnke/ Gericke hat aus dem medialen GAU gelernt. »Die ganze Geschichte hat uns menschlich noch enger verbunden«, sagt Gericke. »Dennoch haben wir beschlossen, Privatleben und Beruf in Teilbereichen mehr zu trennen.« Er habe Fehler gemacht als ihr Manager. »Das unerwartete Angebot aus Amerika erwischte uns eiskalt. Wir hatten noch zu wenig Erfahrung von den Verstrickungen des Filmgeschäfts.«

Das hat sich gebessert. Gericke verschaffte der Gattin dank seiner Agenturkontakte Anfang des Jahres einen Part als Hotelmanagerin in einer Folge der NBC-Serie »Law & Order«. Inzwischen hat Stahnke einen Mitgliedsausweis der Schauspielergewerkschaft Screen Actors Guild, eine US-Sozialversicherungsnummer und ein Arbeitsvisum. Dokumente, ohne die kaum Chancen auf Rollen bestehen. Neben dem Hollywood-Agenten Dick Guttman, zu dessen Klienten unter anderem Barbra Streisand und Pierce Brosnan zählen, hat auch der Inhaber der Künstleragentur Diverse Talent Group, Chris Nassif, sie in seine Kartei aufgenommen.

Und dann gibt's da noch einen von berufener Seite, der Stahnke durchaus Talent attestiert: Martin Landau, Hollywood-Legende (»Der unsichtbare Dritte«), Oscarpreisträger (»Ed Wood«) und namhafter Schauspiellehrer. Seit einem Jahr erteilt er ihr Privatstunden in seinem Büro am Sunset Boulevard. Erstes Fazit: »Sie braucht sicher noch reichlich Training, ist aber bereits auf einem guten Niveau.«

Während sich Susan Stahnke mit passabel dotierten Moderationen von Galas und Auftritten in TV-Serien wie »Alphateam«, »Fabrixx« oder bald in »Hinter Gittern« den Lebensunterhalt verdient, hofft sie, dass sich kommendes Jahr die Investionen auszahlen, wenn geplante Filmprojekte tatsächlich realisiert werden. Welche, verrät sie allerdings nicht. »Ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Darüber spreche ich künftig erst, wenn wirklich alles unter Dach und Fach ist.« Was ja schon mal nicht verkehrt ist.

Andreas Renner