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Uschi Obermaier: "Ich bereue nichts!"

Sie war das Postergirl der Beatgeneration, und ihre Ausschweifungen fesseln die Deutschen seit 40 Jahren: Sex, Drogen und Rock 'n' Roll. Ein neuer Film und eine Autobiografie feiern ihr wildes Leben. Jetzt ist Uschi Obermaier 60, trinkt Pfefferminztee, hält einigermaßen Distanz zu den Kerlen - und lässt für den stern noch einmal alle Hüllen fallen.

Von Claus Lutterbeck

Die Sonntage waren am schlimmsten. Da starrte sie aus dem Fenster und war überzeugt, mit 15 sei das Leben zu Ende: "Es passiert einfach nix, und es wird nie was passieren." Damit überhaupt mal "ein bisschen Action" war, wünschte sie sich einen "Flugzeugabsturz", irgendwo in Sendling. Überlebt hat sie die "ewigen Totensonntage" in Adenauers langweiliger Republik nur, weil sie abends einen irrsinnig kurzen Rock anzog, Nerzwimpern anklebte, ein paar Captagon einpfiff und bis in den Morgen tanzte. Im Big Apple in der Münchner Leopoldstraße spielten damals die Rattles, die Lords und ein unbekannter Junge namens Jimi Hendrix. Die Mutter war machtlos, wenn ihre aufgetakelte Ursula wieder nach Schwabing abrauschte. "Geh doch dahin, wo der Pfeffer wächst!", schrie sie ihr hinterher.

Ein atemloses Leben später sind die Röcke länger, die falschen Wimpern und die Rattles außer Mode. Uschi Obermaier trägt ein silbernes Kleid, das in der Sonne funkelt wie eine Disco-Kugel, und sagt: "Ich wollte einfach etwas glitzern, jetzt mit 60." Sie brüht sich einen Kräutertee und schaut zurück: "Ich war so ein Braten damals, ich war so garstig! Aber ich hab mich längst tausendmal bei meiner Mutter entschuldigt." Vom Balkon ihres kalifornischen Hauses schaut sie hinunter in den Garten, wo die Pfefferbüsche voll hängen mit harten, scharfen Körnern in rosaroter Schale. "Ja mei", sagt sie mit ihrer tiefen, bayerisch gefärbten Stimme, "wenn das meine Mama sehen würd, dass da unten Pfeffer wächst! Dass ich ordentlich g'worden bin! Dass ich eine Küche hab mit einem nagelneuen Gasherd! Und dass mir plötzlich Wasserhähne wichtig sind!" Sie kann es selbst kaum fassen: "I hab doch nie was kocht. In meiner letzten Wohnung standen im Küchenschrank noch die Manolo Blahniks."

Die Geliebte von Jimi Hendrix, Mick Jagger und Keith Richards

In einem Alter, in dem andere sich langsam das Essen auf Rädern kommen lassen, stand sie neulich am Herd und hat gekocht, zum ersten Mal in ihrem Leben. Das muss man sich vorstellen: Die Geliebte von Jimi Hendrix, Mick Jagger und Keith Richards, eine Frau, die niemals einen Finger im Haushalt krumm gemacht hat, schmort plötzlich Hirschragout mit Blaukraut, nach einem Rezept ihrer Cousine. Ob sie mit 60 nun langsam so werde, wie sie mit 20 nie sein wollte? "Um Himmels willen, nein", sagt sie entrüstet, "ich bin nicht gezähmt, ich hab nur Spaß an anderen Sachen!"

Es war ein kurvenreicher Weg, endlich dort zu landen, wo der Pfeffer wächst. Ganz allein wohnt sie heute ein paar Meilen nördlich von Los Angeles, hoch im Topanga Canyon, ohne Mann und Internet, nicht mal das Handy funktioniert da oben. Nur Razzo passt auf sie auf, ein gut genährter, zugelaufener Straßenköter. Wenn sie nachts vor die Tür geht, spielen da nicht die Rolling Stones, sondern plündern heulende Kojoten die Mülltonnen an der Landstraße. Manchmal füttert sie die Eichhörnchen mit Mehlwürmern, die sie extra dafür im Kühlschrank aufbewahrt. Die Männer - "diese Idioten, die ich so liebe" - hält sie lieber auf Distanz. In ihrem Adlernest am steilen Berg will sie nicht mal ihren Freund um sich haben: "Ich bin nicht gemacht für den Alltag. Wenn ich ihn seh, muss ich das Feuer spüren, muss ich Herzklopfen haben." Deshalb wohnt er auf einem anderen Kontinent.

"I'm a Bavarian barbarian"

Die Ausschweifungen der Uschi O. fesseln die Deutschen seit fast 40 Jahren, und so ist es eigentlich ein Wunder, dass erst jetzt ein Film über ihr wildes Leben in die Kinos kommt. Dafür erscheint demnächst schon die zweite Autobiografie. Das neue Buch ist genauso bayerisch deftig und ungeschminkt, wie sie auch im Alltag spricht - und wie man es von einer so schlanken, sich raubkatzenhaft bewegenden Frau nicht erwartet: "Ich bin aber so: I'm a Bavarian barbarian." Freilich geht die brutale Offenheit, mit der sie 272 Seiten lang über ihren absurden Koks-, Heroin und Haschischkonsum redet, einem irgendwann auf den Keks.

Sie ist immer in Bewegung, sitzt keine Sekunde still, rekelt sich auf dem Sofa, dreht an dem Silberring, den sie um einen Zeh trägt, rollt mit ihren dunklen, großen Augen, wenn sie erzählt, und reißt ihren riesigen Mund weit auf, wenn sie lacht. Zum Beispiel über all die Typen, "die in mich ihre unerfüllten Wunschträume projizieren". Die auch gern so wild und zügellos gelebt hätten wie sie damals in der Berliner Kommune 1, sich aber nie getraut haben.

Die Fotos aus jenen Tagen haben sie zum Sexsymbol der deutschen Sixties gemacht. Früher nervte sie das, "denn da wurde mein Leben auf knappe zwei Jahre reduziert". Heute ist ihr das "eh egal. Wer so oft am Arsch war wie ich und es immer wieder geschafft hat rauszukommen", sieht das gelassener: "Es klingt triefig, aber ich bin wirklich dankbar. Morgens geh ich auf den Balkon, bedanke und verneige mich in alle vier Himmelsrichtungen." Das sind dann auch gleich noch die Dehnübungen für den Tag.

Wir machen, was wir wollen!

Sie war das schönste Gesicht der kopflastigen deutschen Rebellion; sie und ihr damaliger Freund, der langmähnige Psychologiestudent Rainer Langhans, haben das Lebensgefühl jener Aufbruchzeit verkörpert: Wir machen, was wir wollen! Es wird heute kaum jemand glauben, aber vor 37 Jahren gab es einen Aufschrei, als die Obermaier ihre Brüste im stern herzeigte. Ein Leser aus Wuppertal empörte sich damals in einem Leserbrief, wie weit es doch "mit unserer Zivilisation" gekommen sei.

Fotograf Werner Bokelberg, der die Fotos damals schoss, erinnert sich: "Sie war einmalig hübsch, sie hatte ein animalisches Gefühl für die Kamera und bewegte sich völlig natürlich." Anders als bei den Models später, "als es nur um Geld ging und man mit einem Rechtsanwalt darüber verhandeln musste, wie weit offen die Bluse von Claudia Schiffer sein durfte", war es mit der Obermaier "ganz einfach, der ging es nicht um Geld. Sie hatte Spaß an sich selbst".

Sie freut sich heute noch darüber, legt ihre Hände in Brusthöhe an und sticht mit zwei Zeigefingern in die Luft: "Die standen ja raus wie Pfeile, meine Brustspitzen." Vorsichtshalber geht sie zum Spiegel, schaut sich prüfend an und sagt: "Geht noch."

Mit 50 zog sie sich für eine Fotostrecke im "Playboy" aus und schwor: "Jetzt langt's! Mit 60 werd ich mich garantiert nicht mehr nackt zeigen." Aber Fotograf Marc Hom musste bei den Aufnahmen für den stern gar nicht lang bitten, und sie ließ wieder alle Hüllen fallen: "Ich kann's selber kaum fassen", sagte sie später,"aber nun steh ich wieder splitterfasernackt da, nur mit einem Piratenhut." Sie sieht noch immer knackig aus, was die Frage nahelegt, was sie denn alles habe richten und liften lassen. "Ich lass mir helfen, aber was genau, ist meine Privatsache."

Das Mädchen Ursula war eine Frühgeburt und kam mit einem Hüftschaden auf die Welt. Jahrelang musste sie eine Schiene tragen, die ihr zu kurzes Bein streckte. Die Eltern trennten sich. Ihr Vater Max, "dieser Hundling", war "wild, ein blonder, gut aussehender Mann mit Tolle, ein Schlagzeuger und echter Lebemann". Sie himmelte ihn an, er wollte nichts von ihr wissen: "Ich hab immer gedacht, ich muss eine schöne Frau werden, damit er mich wahrnimmt." Mit der Mutter, die sich ständig sorgte, was wohl die Nachbarn von ihrer ausgeflippten Uschi hielten, war sie permanent über Kreuz. Mit 13 ging sie von der Schule ab, landete in einer Retuschierlehre, wo sie vor allem Bierholen und Kehren lernte, aber eigentlich interessierte sie sich nur noch für das eine: Kerle, die so aussahen wie ihr Vater, groß, blond und blauäugig.

Einmal hat sie's auch in einer Kirche gemacht

Eddy war so einer, der Dekorateur stieg nachts in ihr Kinderzimmer. Er war ihre erste große Liebe: "Eddy nahm mich das erste Mal mit in eine Bar zum Whisky-Sour-Trinken, aber als wir nach Hause kamen, waren wir zu betrunken, um über die Leiter in mein Zimmer zu klettern, da haben wir's dann in seiner Isetta gemacht, einem winzigen Dreirad-Auto." Einmal auch in der Kirche am Sendlinger-Tor-Platz.

Es war Mitte der 60er Jahre, als sex and drugs and rock 'n' roll die wichtigsten Dinge auf der Welt wurden, und das Fräulein Obermaier war wild entschlossen, alle drei bis zur Neige auszukosten. Die Mengen von Haschisch, LSD, Heroin, Kokain, Tranquilizern und Aufputschpillen, die sie konsumierte, hätten jeden normalen Menschen ins Grab gebracht. Sie hat sie weggesteckt. Sie glaubt, dass es ihre "guten Gene" waren, die sie davor bewahrten, wie so viele andere im Sumpf unterzugehen.

Statt sieben Nächte in die Disco zweimal die Woche zum Yoga

Um die Nächte durchfeiern zu können, nahm sie Aufputschpillen, bald schon "zum Aufstehen", und warf mittags eine nach. Und nachmittags noch eine zur Unterstützung. Spätnachmittags wieder zwei und zum Weggehen abends noch mal drei Captagon. Bis sie überall schwarze Spinnen sah. Zur Beruhigung rauchte sie Joints. Später warf sie LSD-Trips ein, bis sie "ein Nahtoderlebnis" hatte. Heute nimmt sie keine Drogen mehr, "höchstens mal ein Pfeifchen, abends, wenn ich Musik höre". Und statt sieben Nächte in die Disco geht sie zweimal in der Woche zum Yoga. Sagt's und brüht einen Pfefferminztee.

Bis sie 1969 in Berlin landete, hat Politik sie "null interessiert." Gelangweilt hörte sie den Kerlen zu, die auf dem Matratzenlager der Kommune 1 versuchten, ihr den Unterschied zwischen Kapitalismus und Kommunismus zu erklären: "Das waren reine Hirnwäscheveranstaltungen", schreibt sie in ihrer Autobiografie, "wer eine Cola getrunken hatte, war konterrevolutionär. Dass ich Mentholzigaretten rauchte, spielte in die Hände der Imperialisten. Mein größtes Vergehen bestand in den Augen der K1 darin, dass ich während der endlosen Gesprächssessions immer wieder einschlief." Besonders der damalige Chefideologe Dieter Kunzelmann, der seine Orgasmusschwierigkeiten gern öffentlich diskutierte, verhöhnte sie, lebte aber, wie der Rest der K1, von den üppigen Honoraren, die das damals höchstbezahlte deutsche Fotomodell anschleppte. In ihrem Buch räumt sie auch mit der Illusion auf, in der Kommune 1 sei der Sex etwas Besonderes, gar etwas Befreiendes gewesen: "Es gab definitiv keine großen Orgien in der K1. Die Typen waren fast alle vollkommen unterentwickelte, hilflose, emotionale Krüppel. Aber das waren die meisten Menschen damals."

Jimi Hendrix war "der schönste aller meiner Männer"

Nur die Obermaier nicht. Sie nahm sich, wen sie wollte, und sie kriegte jeden. Jimi Hendrix nahm sie nach einem Berliner Konzert mit ins Hotel Kempinski. Er war "der schönste aller meiner Männer", sagt sie, "mit Jimi Liebe zu machen war eines der tiefsten Erlebnisse für mich. Unsere Affäre dauerte ein paar Tage, bis er weiterfuhr".

Die Dreiecksgeschichte mit Keith Richards und Mick Jagger von den Rolling Stones war kompliziert, weil sie sich manchmal nicht entscheiden konnte, mit wem sie die Nacht verbringen wollte. Einmal saßen beide in ihrer Schwabinger Wohnung und beschimpften sich. Jagger gewann, aber der Mann ihres Herzens war eigentlich Keith, mit dem sie eine jahrelange Beziehung hatte. Oder was man so Beziehung nennt bei den Stones: "Frühstück bestand immer aus Kaviar und Champagner - in meinem Fall aus Apfelsaft, einer Linie Heroin und einem Joint." Vor dem Hotel kreischten die Frauen in der Hoffnung, von einem Rolling Stone abgeschleppt zu werden: "Aber Keith und ich hingen nur Arm in Arm herum, auf der anderen Schulter hielt er einen Ghettoblaster, während sich die Frauen die Kleider runterrissen oder sich vor ihm zu Boden warfen. Keith ließ das kalt." Der Sohn eines Fabrikarbeiters "stammte aus einfachen Verhältnissen wie ich", und weil er "die weibliche Anatomie wie kaum ein anderer kannte", war sie über beide Ohren in ihn verliebt: "Er war der ehrenwerteste von allen bösen Buben, die ich kannte - und ich habe einige gekannt." Am Ende ist trotzdem nichts aus den beiden geworden, denn bei "den Stones kam an erster Stelle die Musik, an zweiter ebenfalls und an dritter auch, und dann kamen die Frauen". Das passte ihr nicht, sie wollte die erste Geige spielen.

Das durfte sie bei Dieter Bockhorn, einer schillernden Hamburger Kiez-Größe mit einem großen Hunnen-Schnauzer und einem noch gewaltigeren Ego. Was für ein Kontrastprogramm: Nach dem Sensibelchen Rainer Langhans, das keinen Orgasmus bekam ("Was habe ich mich mit dem angestrengt! Ich hab ihn bedient, bis er total weg war!"), kam nun ein Macho mit Rolex, der eine Hure bestellte, um Uschi in der "Kunst des Schwanzlutschens" zu unterrichten: "Mit ihm wurde ich zur Barbarin.

Heute macht sie Silberschmuck

Sein Geld machte Bockhorn mit Spelunken wie L' Amour, "wo Mädchen die Leute mit gepanschtem Zeug besoffen machten und dann ausnahmen". Sie war fasziniert von der Hamburger Luden- und Nuttenszene, wo sie als "geile Torte" empfangen wurde, aber gewundert hat sie sich schon, "wie schnell die Mädchen in Hamburg auf den Strich gehen. Selbst die aus guten Häusern - einmal keine Kohle, schon stehen sie an der Wand. Es gibt anscheinend nichts anderes. In München ist man zum Film gegangen". In Bockhorns Café Adler besorgte sich die Hanse-Schickeria ihre Drogen, "auch Prominente wie Rudolf Augstein, dem Bockhorn einen Joint in der Rechnung über den Tisch schob. Klose war auch da, hat aber nichts geraucht. Die SPD war überhaupt ziemlich gut vertreten bei uns".

Zehn Jahre zog sie mit Bockhorn durch die Welt, oft in einem komfortablen Bus. Nach einem Streit setzte er sich am Neujahrsmorgen 1984 in Baja California, Mexiko, auf sein Motorrad und fuhr sich zu Tode. Sie hat zehn Jahre gebraucht, um aus den Depressionen herauszukommen. Heute macht sie Silberschmuck.

Gelassen schaut sie auf die Achterbahn zurück, die ihr Leben war. Nein, sagt sie, ich bereue gar nix. Damals in der Kommune 1 wurde ihr vorgeworfen: "Du willst nur deinen Spaß haben." Freudestrahlend sagt sie heute: "Da hatten sie völlig recht, ich wollte nie die Welt verändern, ich wollte immer nur machen, was ich will."

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