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VERONICA FERRES: »Jetzt bin ich reif«

Vier Monate nach der Geburt ihrer Tochter Lilly spricht Veronica Ferres zum ersten Mal über ihr Leben als Mutter, ihre Ängste, die nächsten Projekte - und Käsestullen im Kreißsaal.

Veronica Ferres, 36, zählt nach Erfolgen wie »Schtonk!« und »Rossini« zu Deutschlands beliebtesten Schauspielerinnen. Im Mai heiratete sie den Werbemanager Martin Krug, vier Wochen später kam Lilly Katharina zur Welt.

Sie kommt ein wenig zu spät. »Das Stillen hat länger gedauert«, entschuldigt sich Veronica Ferres. Erstaunlich schlank ist sie wieder, vier Monate nach der Geburt ihrer Tochter Lilly, voller Energie. »Wir haben Zeit bis um sechs.« Der nächste Stilltermin steht an.

Für die Fotografin Gabo haben Sie eine Taube in die Hand genommen...

Das soll als Signal verstanden werden. Wir haben uns sowieso gefragt, ob man in diesen Tagen noch unbeschwerte Fotos machen kann. Und dann dachten wir an das Motiv mit der Friedenstaube.

Reagieren Frauen besonders emotional auf Bedrohungen?

Ich denke, mit mehr Sorge. Im Moment blickt die Welt ja eigentlich nur auf Männer. Das Geschick der Erde ist von Männern beherrscht. Die einzigen Frauen, die mir, neben den Leidtragenden der Anschläge, in den letzten Wochen durch Berichterstattung ins Bewusstsein kamen, sind die verschleierten Taliban-Frauen, die im Fußballstadion erschossen werden, wenn sie für sich um ein bisschen Freiheit und Gleichberechtigung kämpfen. Dabei heißt es doch »Mutter Erde« - aber ich sehe uns Frauen im Moment völlig außen vor. Das ist etwas, was einen sehr nachdenklich stimmt. Vor allem als Mutter, wenn man Kinder in die Welt setzt, sie großzieht, auf ein Morgen baut und irgendeine Hoffnung haben möchte.

Im Juni wurde Ihre Tochter Lilly geboren. Noch Anfang vergangenen Jahres war ein eigenes Kind für Sie höchstens ein Traum. Was ist passiert?

Ich habe einen Mann gefunden, den ich liebe. Und damit war ich auch so weit zu sagen, ja, jetzt schaffe ich das, jetzt bin ich reif, jetzt kann ich wirklich Verantwortung übernehmen für ein Menschenwesen, das total abhängig ist. Es hat mir keine Sekunde Angst gemacht, auch nicht nach der Geburt. Es wird ja oft beschrieben, dass es nach der Niederkunft solche Heul- und Weintage gibt. Hatte ich überhaupt nicht.

Also war alles ganz unkompliziert, auch die Geburt?

In dreieinhalb Stunden war die Lilly auf der Welt. Das war ein bisschen schnell. Bei dem, was da passiert ist, bin ich seelisch und körperlich kaum mitgekommen. Es hat mich einfach überwältigt. Als es so weit war, konnte der Arzt es gar nicht glauben. Er dachte wohl, das kann gar nicht sein. Ich wollte immer etwas sagen, habe aber eigentlich nur geschrien vor Schmerzen. Und dann kam die Kleine auch schon.

Also ein Kinderspiel?

Na ja, es war schon ein wahnsinniger Kraftakt. Ich habe das auf meine Weise verarbeitet: Fünf Minuten nachdem Lilly auf der Welt war, habe ich ein Käsebrot gegessen, im Kreißsaal.

Gehören Sie zu den jungen Müttern, die ihr Kind immer und bei allem dabeihaben wollen? Zum Beispiel, wenn Sie im nächsten Jahr sechs Wochen am Stück einen Film in Lettland drehen?

Das Kind ist immer bei mir. Und möglichst auch mein Mann, entweder ist er die ganze Zeit dabei oder aber wenigstens am Wochenende. Denn auf der anderen Seite begleite ich ihn auch, wann immer es mir möglich ist, bei seinen beruflichen Terminen, und er muss als Werbemanager auch sehr viel reisen. Wir versuchen, so weit wie möglich, zusammen zu sein. Für mich heißt Liebe auch, gelebtes Leben miteinander zu teilen.

Die neue Liebe scheint Ihnen gut zu tun.

Ich fühle mich viel jünger, viel frischer, viel mehr mitten im Leben, aber auch viel verrückter. Wenn Sie mir heute als ersten Satz sagten: »Sie sehen ja viel jünger aus als im Film«, dann sage ich: »Danke. Ich sehe nicht jünger aus als im Film, ich sehe jünger aus als früher.«

Und vielleicht auch ein bisschen sportlicher...

Ich treibe jetzt wieder richtig Ausdauersport, gehe jeden Morgen laufen, mache Gymnastik, gehe reiten und werde im nächsten Sommer auch wieder tauchen und Wasserski fahren. Außerdem bin ich eine leidenschaftliche Golferin. Übrigens hat mein Mann mir Skifahren beigebracht, was ich ja nie konnte. Das war im Januar in Lech - und ich war ich im fünften Monat schwanger. Ich dachte, mit dem Airbag kann mir ja nichts passieren. Am ersten Tag waren wir am Babylift, und dann ging es gleich die rote Piste runter.

Bei Ihnen passiert offenbar alles gern schnell: Nach der Trennung von Helmut Dietl, mit dem Sie neun Jahre zusammenlebten...

Zu Dietl und mir möchte ich nichts sagen.

Es folgten Ihre Liebe mit Martin Krug, eine bürgerliche Hochzeit und die Ehe. Da kann man nur Thomas Mann zitieren: »Wirre, blühende Logik der Liebe.«

Ja, super. Ein wunderschöner Satz. Aber wirr war nichts, außer dass wir geheiratet haben, als ich im neunten Monat schwanger war.

Die Trennung von Dietl verwirrte Sie nicht weiter?

Zu Helmut Dietl und mir sage ich nichts!

Aber jede Trennung nach so langer Zeit bringt doch Unordnung in ein Leben.

Generell: Eine Trennung nach vielen Jahren wirft erst mal alles aus der Bahn. Aber das bringt einen auch erst mal wieder zurück auf einen ganz nackten, kalten Boden, wo man sich berappeln muss. Aber wirr würde ich das nicht nennen, sondern existenziell. Das halbe Jahr Alleinsein hat mir dann sehr gut getan. Man entdeckt sich neu.

Keine Gedanken mehr an Männer?

In dieser Zeit habe ich überhaupt nichts versucht, und mir war auch klar, dass ich kein Interesse daran hatte, mit jemandem zusammen zu sein oder gar zusammenzuleben. Ich wollte erst mal allein sein, vielleicht sogar für viele Jahre, und schauen, wo führt das Leben so hin. Ich hatte sogar schon in Paris eine Wohnung gemietet, denn zu der Zeit hatte ich zwei Filme in Frankreich gedreht. Und lernte dann in Monaco meinen Mann kennen, und plötzlich war der ganze Plan...

...futsch.

Ja.

Hätten Sie sich früher je vorstellen können, einmal in Salzburg in einer weißen Kutsche zu heiraten?

Warum nicht? Es war so wahnsinnig schön - ein Traumtag! Überall in Europa hat es an diesem Tag gegossen, nur in Salzburg nicht, wo doch zu einer Hochzeit ein paar Tropfen Regen gehören. Ich hatte dieses dünne Kleidchen an und Sandaletten. Als wir mit unserer Kolonne von 14 Kutschen über den Domplatz fuhren, zog sich der Himmel schwarz zu. Wir blieben kurz dort stehen. Es donnerte, und es fielen fünf richtig fette Tropfen. Eine Viertelstunde später waren die Wolken wieder weg. Das war gigantisch.

In Salzburg spielen Sie im nächsten Jahr die Buhlschaft im »Jedermann«, unter Jürgen Flimm. Zunächst aber werden Sie in dem Dreiteiler »Die Manns« von Heinrich Breloer zu sehen sein.

Ich spiele die Ehefrau von Heinrich Mann, die Nelly Kröger-Mann.

Die Thomas Mann eine »schreckliche Trulle« nannte, die eine unglückliche Frau und Trinkerin war.

Sie zu spielen war eine ganz große Herausforderung, wenn nicht gar die schwierigste, die ich mir bisher zugetraut habe. Die Nelly wurde von der ganzen Familie Mann verstoßen, weil sie in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, ungebildet war und in einer Bar in Berlin kellnerte. Heinrich Mann hatte sie aufgegriffen. Als dann die Verfolgung durch die Nazis kam, verlor sie immer mehr den Boden unter den Füßen und fing an zu trinken. Sie benahm sich oft vollkommen daneben. Sie starb nach mehreren Selbstmordversuchen im kalifornischen Exil. Das war schon eine ganz tragische Gestalt. Da gab es im Film Situationen, die mir sehr viel abverlangt haben.

Nach Nellys Selbstmord schrieb Thomas Mann in einem Brief: »Ein nicht nur, ja, fast nicht beklagenswertes Ereignis.«

Nelly hatte sich seiner unheimlichen Macht, die er auszuüben verstand, nicht unterworfen. Sie unterbrach ihn bei gesellschaftlichen Anlässen gern, verhielt sich so, wie sie es wollte. Sie akzeptierte seine Gesetze nicht für sich. Bei der Interpretation dieser Rolle sagte ich mir, du musst dieser Frau Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Während der Dreharbeiten ist Ihre Mutter gestorben.

Ja, ganz unerwartet. Sie war erst 66 Jahre und kerngesund, kam gerade aus dem Urlaub auf Sardinien wieder. Das ist für mich heute noch nicht wirklich begreiflich. Man sagt immer, die Zeit heilt alle Wunden. Das ist aber nicht so.

Sie starb an einem Schlaganfall?

Ja. Sie konnte zunächst noch sprechen, dann aber bekam sie, während sie in meinen Armen lag, eine Gehirnblutung. Sie lag noch zwei Tage und zwei Nächte auf der Intensivstation im Koma. Ich bin sehr dankbar, dass ich da sein konnte, und auch, dass ich diese zwei Tage und zwei Nächte noch bei ihr sein durfte. Aber es war schon ein fürchterliches Gefühl, zwei Wochen später wieder aufs Filmset zu gehen und zu spielen. So ein Tod verändert alles, es ist nichts mehr, wie es war.

Derzeit beschäftigen Sie sich mit Marlene Dietrich, moderieren eine Retrospektive zum 100. Geburtstag der Diva.

Es ist fantastisch, was diese Frau in ihrem Leben gelebt hat, was sie geleistet hat, welche Freiheiten sie sich genommen hat, wie sie mitten im Leben stand und trotzdem so sehr Künstlerin war.

Verglichen mit Marlene sind heute Schauspielerinnen und Stars geradezu brav.

Ich bin nicht brav. Ich bin das Gegenteil von brav. Ich bin eine rotzfreche Göre, wenn Sie mich näher kennen lernen? Aber dass die Dietrich mit der Garbo ein lesbisches Verhältnis gehabt haben soll und jede Menge Affären - das ist für mich nicht etwas, was zum kreativen Leben dazugehört. Jeder muss sich selbst erforschen und erkunden, und jeder ist sich selber Abenteuer genug.

Sie reichen sich völlig?

Wenn Sie sich anschauen, wie ich durch die Lande ziehe, mit dem Balg an meinem Busen, das ist wahres Abenteuer- und Zigeunerleben. Du lieber Himmel, was ich seit der Schwangerschaft alles gemacht habe, das machen andere in 18 Jahren nicht.

Interview: Siegfried Schober Fotos: Gabo