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Mickie Krause, Tim Toupet & Co.: "Joana, du geile Sau" - Warum Deutsche auf Party-Hits abfahren

Ihr Ruf ist schlecht, das Geld schwer verdient und dennoch ist sie ein Multi-Millionen-Geschäft: Party-Musik für Malle, Après-Ski und Karneval. Worauf die Deutschen abfahren und wie man als Künstler ticken muss.

Von Lars Peters

Für den Schlagermove in Hamburg ziehen sich Hunderttausende Schrill und Bunt an.

Deutsche stehen auf Schlager. Für den "Schlagermove" in Hamburg werfen sich die Fans in Kostüme, die zu den Texten rund um Liebe, Glück und gute Laune passen.

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Anfang Mai begann auf Mallorca die Ballermann-Saison. Wie in jedem Jahr zu dieser Zeit war der Musikproduzent Mike Rötgens vor Ort und machte sich Notizen: Wie ist die Stimmung? Welche Lieder laufen gut? Welche neuen Trends gibt es? Zurück in Köln formen Rötgens und sein Kompagnon Hartmut Wessling in ihrem Studio Xtreme Sound aus diesen Notizen die nächsten Party-Hits. Nicht nur für den Ballermann, sondern auch für das Oktoberfest, Après-Ski-Partys, den Karneval und unendliche viele weitere Feste. Ohne die Songs von Xtreme Sound hätten die Deutschen viel weniger zu feiern, denn das Studio allein steht für etwa dreiviertel aller Stimmungs-Hits. Wer als Künstler hier Erfolg haben will, braucht solche professionellen Macher im Hintergrund, sowie starke Nerven und Disziplin. Denn das Publikum akzeptiert nur eins: Spaß, Spaß, Spaß.

Ohne "Xtreme" herrschte auf deutschen Partys Stille

Mike Rötgens kommt eigentlich aus der elektronischen Musik. In den 1990er Jahren war er mit Mirja Boes Mitglied der Cover-Band „Die fabulösen Thekenschlampen“. Eine Auftragsarbeit brachte ihn zur Party-Musik: Für ein großes Label sollte er ein weibliches Gegenstück zu Mickie Krause entwickeln. Zur Inspiration hörte er sich eine Ballermann-CD an und schrieb dann "(Das sind nicht) 20 Zentimeter", mit dem Mirja Boes unter dem Name Möhre ihren ersten Party-Hit hatte. Mittlerweile hat Xtreme Sound jede Menge Stimmungs-Songs veröffentlicht. Knapp 130 davon konnten sich in den offiziellen deutschen Top 100 Single Charts platzieren. Die Vorschläge für neue Lieder erhalten die Kölner meist von Produktionsstudios und Songwritern.

Einer dieser Songwriter ist Alexander Pfeil. Eigentlich arbeitet er bei einer Werbeagentur und berät Banken und Versicherungen. In den letzten zwei Jahren hat sich sein Hobby Musik aber verselbstständigt. Als Kunstfigur Alexander hatte er mit dem Song "Ich hab gute Laune" einen Youtube-Hit. Die Kölner Karnevalsband Rabaue stieß darauf, coverte das Lied und spielt es heute noch bei ihren Auftritten. Es wurde Pfeils erster großer Party-Hit. Nur zwei Jahre später sind Kompositionen und Texte von ihm auf 100 verschiedenen Samplern veröffentlicht. Nicht wenige davon entstanden in Zusammenarbeit mit Xtreme Sound.  

Schlager geht anders

Mit seinem neusten Titel "Licht meines Lebens" könnte der Quereinsteiger sogar zu höheren Schlager-Weihen gelangen: der Song wird von Carolina Gorun gesungen. In ihrer Heimat Moldavien ist die attraktive 28-jährige bereits ein Star und nach Auftritten in Polen, Russland und Griechenland will sie nun auch im deutschen Schlagergeschäft mitmischen. Die Chancen stehen gut, denn im Gegensatz zu manchem Ballermann-Star verfügt sie über eine entscheidende Gabe: eine hervorragende Gesangsstimme. Nun muss nur noch der Text beim Publikum ankommen.

Die Leute müssen sich das auf Shirt drucken wollen!

Pfeil, der sowohl Schlager- als auch Ballermann-Titel schreibt: "Beim Schlager ist die Melodie wichtiger und die Texte drehen sich mehr um die Themen Partnerschaft und Liebe. Bei Ballermann-Liedern ähneln sich viele Songs und haben einen schnellen Beat. Dafür kommt’s hier mehr auf den Text an." Gerade der Refrain muss so sein, dass die Leute sich wiedererkennen und damit identifizieren können. "Am besten ist er so geil, dass sie sich ihn aufs T-Shirt drucken lassen würden", so Pfeil. Obwohl er selbst schon seit zehn Jahren nicht mehr am Ballermann war, hat er keinen Mangel an Ideen. Die fliegen ihm zu oder er hat sie, wenn er das macht, was die Leute auf Mallorca auch tun: feiern.

Texter Alexander Pfeil, Produzent Hartmut Wessling von Xtreme Sound, Sängerin Carolina Gorun und Produzent Mike Röttgens.

Die Macher hinter den Schlagerhits: (von links) Komponist und Texter Alexander Pfeil, Produzent Hartmut Wessling von Xtreme Sound, Sängerin Carolina Gorun und Produzent Mike Röttgens. 

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Seine Kompositionen reicht Pfeil mal unaufgefordert bei Tonstudios ein, mal wird er für Auftragsproduktionen für konkrete Künstler angefragt. Im Durchschnitt erreichen Xtreme Sound so Woche für Woche 20 neue Titel, von denen die allermeisten jedoch mangels Aussicht auf Erfolg nicht veröffentlicht werden. Um die 70 Songs produziert das Studio pro Jahr, wobei den Machern mit ihrer jahrelangen Erfahrung und dem Wissen um aktuelle Trends oft die optimale Kombination aus Künstler, Song und Produktion gelingt. Ein Riesenmarkt im nationalen Musikgeschäft. Mit ganz eigenen Regeln.

Ballermann: Es gibt keine härtere Jury

"Das Urlaubspublikum auf Mallorca ist zugleich das dankbarste, aber auch das kritischste. Es will auf dem Punkt Spaß haben und nicht seine Urlaubszeit mit ‚schlechter’ Party vergeuden", weiß der Ballermann-Star Peter Wackel aus Erfahrung.  Auch er ist eher durch Zufall in die Partymusik-Branche gerutscht: Bei der Schulabschlussfahrt nach Mallorca Mitte der 1990er gab er allabendlich seine Lieblingsschlager auf dem Hotelbalkon zum Besten. Zu seiner Überraschung erfreute er damit nicht nur seine Freunde. Auch andere Urlauber kamen Abend für Abend wieder.

Mit diesem Unterhaltungstalent und seinem Gespür für die richtigen Songs hat Wackel über die Jahre etliche Party-Hits landen können. "Joana (Du geile Sau)" und „Scheiß drauf (Mallorca ist nur einmal im Jahr)“ platzierten sich sogar hoch in den deutschen Charts. Seine Titel sucht sich Wackel dabei immer selbst aus und gestaltet sie mit Wort- und Musikideen so mit, dass sie ihm gefallen und zu ihm passen.

Das ist wichtig, denn bei der Party-Musik herrscht ein ganz eigener Erfolgsdruck: Während im "normalen" Pop-Business die Acts über ihre Alben funktionieren und da auch mal schwächere Songs dabei sein können, haben Ballermann-Sänger meist nur zwei Versuche im Jahr: einen im Sommer und einen im Winter. Wenn einer kein Hit wird, hat der Künstler ein Problem, da er in der folgenden Saison weniger gebucht wird. Denn weil die Lieder im Radio und Fernsehen kaum stattfinden und auch die Einnahmen über die CD-Verkäufe bzw. -Downloads gering sind, verdienen Ballermann-Künstler ihr Geld fast ausschließlich über die Gagen von Auftritten.

Party-Musiker sind Schwerstarbeiter

In der obersten Liga befinden sich dabei DJ Ötzi, Jürgen Drews oder Mickie Krause, die 10.000 bis 20.000 Euro pro Auftritt nehmen können. Die meisten anderen müssen sich hingegen mit 1.000 bis 3.000 Euro begnügen. Doch im Gegensatz zu anderen Popkünstlern, die auch montags oder dienstags Konzerte geben können, werden die Ballermann-Acts nur dann gebucht, wenn die Leute feiern wollen: in Deutschland also freitags, samstags und vor Feiertagen. In der Woche geht es für Auftritte dann nach Mallorca oder im Winter zum Après Ski.

Entsprechend anstrengend ist der Job. Peter Wackel kennt das nur zu gut: "Das ist viel Arbeit, Selbstdisziplin, Engagement, wenig Freizeit und braucht einen gut funktionierenden Background, sprich eine Familie, die hinter dir steht, sowie professionelle Partner, auf die man sich verlassen kann." Einen Feierabend um 18 Uhr gibt es nicht, dafür ständig neue Menschen und Auftritte vor zum Teil stark alkoholisierten Leuten. Daran muss man Spaß haben und das auch körperlich aushalten. Womöglich ist das ein Grund, warum es so wenig Frauen in der Branche gibt.

Sex nein, Saufen immer

An den stark sexualisierten Texten à la "Zehn nackte Friseusen", die lange Zeit das Image der Ballermann-Musik prägten, dürfte es hingegen weniger liegen. Diese hört man heute kaum noch. Søren Jansen, der der früher selbst Mallorca-Musik produziert hat und heute Künstler coacht, erklärt das damit, dass die Lieder die Leute animieren sollen etwas zu tun und gern auch einen Flirtfaktor haben dürfen: "So kann man nicht nur mit-, sondern sich auch ansingen, was dann womöglich zu mehr führt. Das geht mit versauten Texten nicht." Ansonsten funktionieren auf allen zünftigen Festen jene Lieder am besten, in denen es um den Urlaub, das Feiern und dabei natürlich ums Saufen geht – so wie beim aktuellen Ballermann-Favoriten "Aua im Kopf" von Tobee. "Die Hookline muss kurz sein, dazu Scha-la-las und Ei-ei-eis, damit's nach vorne gehen kann. Die Leute wollen Spaß haben und den Alltag vergessen", so Janssen.

Obwohl auf Mallorca darüber entschieden wird, welche Lieder zum Hit werden, werden dort nicht die höchsten Gagen gezahlt. Aufgrund des großen Durchlaufs an Menschen sind die Riesendiscos aber optimale Promotion-Flächen für neue Titel, die die Besucher dann als Urlaubshits mit nach Deutschland nehmen.

Solche Regeln müssen die Künstler der Szene akzeptieren, wenn sie Geld verdienen wollen. Schließlich gibt es genügend Newcomer in diesem Geschäft. Und nicht jeder mit einer Chance setzt diese dann auch um. So gelang Robert Haag 2014 mit dem "I Promise Myself"-Cover "Pommes mit Senf" ein Überraschungserfolg. Doch seitdem hat man vom ihm nichts mehr gehört. Womöglich fehlte es ihm am notwendigen Spaß, der Disziplin oder den richtigen professionellen Machern im Hintergrund.