Bijou Brigitte Klunker to go


In winzigen Ladenlokalen hat sich ein deutsches Wirtschaftswunder ereignet: Die Accessoire-Kette Bijou Brigitte verkauft mit enormem Erfolg billigen Modeschmuck - europaweit.

Männer haben Zutritt. Aber ein guter Rat: Bleiben Sie besser draußen! Sie könnten sich sonst überflüssig fühlen - oder ins Grübeln kommen. Was bitte ist das hier? Frauen auf Trophäenjagd! Mit glitzernden Augen und gierigem Blick auf der Suche nach Schnäppchen in einer Schatztruhe, deren Wände mit 9000 Teilen gepflastert sind. Hilfe, wie soll man sich da entscheiden? Also streifen sie hier ein Ringlein aus Rosenquarz über, drücken sich dort eine rubinrote Brosche mit Vogelfedern an den Busen, befühlen Perlenketten und stecken sich Blütenbänder ins Haar. Und schleppen zum Schluss alles an die Kasse: Das Haarband - 2,95 Euro. Der Ring - 7,95 Euro. Die Kette - 9,95 Euro.

Bijou Brigitte, das ist der schnelle Schmuck für zwischendurch. Bijou-Kundinnen sind zwischen sechs und sechzig. Sich zu schmücken ist ein weibliches Urbedürfnis, das kurz nach dem Windelalter beginnt und kurz davor wieder aufhört. Männer werden das nie verstehen. Auch Herr Werner nicht, der Chef von Bijou Brigitte.

Friedrich-Wilhelm Werner, 63, residiert in einem weißen Zweckbau in Hamburg-Poppenbüttel. Seine Gäste holt er persönlich am Empfang ab; eine Sekretärin leistet er sich nicht. Werner, Chef von fast 2000 Mitarbeitern, ist ein bescheidener Hanseat, ein freundlicher Graubart, dem man seinen Titel "König des Modeschmucks" nicht ansieht. Er verdiente ihn sich mit Perlmutt, Strass und Armbändern. Er könnte auch Dübel verkaufen. Aber "mich faszinieren Sachen, die wenig kosten und teuer aussehen", sagt er. Seit acht Jahren meldet sein Unternehmen Bijou Brigitte, benannt nach dem französischen Wort für "Juwel" und nach Ehefrau Brigitte, Rekordgewinne; der Wert der Aktien hat sich seit 1988 verdreißigfacht. "Dagobert Duck" wird er auch genannt.

Die Läden von Bijou Brigitte finden sich in jeder größeren Stadt, am Potsdamer Platz in Berlin, auf der Spitaler Straße in Hamburg und am Marienplatz in München, in schicken Einkaufszentren und in der Nachbarschaft von teuren Juwelieren und Modegeschäften. 350 Filia-len hat Friedrich-Wilhelm Werner inzwischen über Deutschland gestreut, immer mehr breitet er sich im Ausland aus: in Italien etwa, in Polen, Spanien, Österreich, Holland. Im Juni dieses Jahres eröffnete Werner die erste Filiale in Paris, im kommenden Frühjahr steht die erste Niederlassung in Amerika auf dem Programm.

In seinem schwarzen Ledersessel gibt Werner die nonchalante Unschuld. "Wir glauben es manchmal ja selbst nicht", sagt er. Die Gründe für seinen Erfolg? Seine Antwort gleicht einem Dreisatz: Die aktuelle Ware lande stets "punktgenau" in den Läden, die so trendig eingerichtet seien, dass sie "Kultstatus" bei jungen Frauen hätten, welche wiederum unersättlich zu sein scheinen. Werner: "Sie sparen eher an Klamotten oder echtem Schmuck, aber nicht an Accessoires - denn damit lassen sich auch ältere Klamotten aufwerten."

Accessoires haben Konjunktur, nicht nur bei Edelmarken wie Prada, Gucci und Hugo Boss. Mit Ketten und Ringen lassen sich Trends wie Ethno-, Boheme- oder Hippie-Look verstärken - auch davon profitiert Bijou Brigitte. Die noble Konkurrenz nennt Werners Unternehmen wahlweise "Billigheimer" und "Modeschmuck-Aldi". Das empfindet Werner als Beleidigung. Schließlich habe er auch Ketten für 150 Euro im Programm, so seine Entgegnung. Und er verarbeite außerdem Bernstein, Rosenquarz, Silber und sogar hauchdünnnes Gold. Billig sind nicht die Materialien, sondern die Löhne der Frauen, die sie verarbeiten.

Zum Beispiel im südchinesischen Dongguan, einer schnell wachsenden Industriestadt mit sechs Millionen Einwohnern, die junge Frauen vom Land zu Hunderttausenden anlockt. Nicht selten schuften sie sieben Tage in der Woche. Frei haben sie nur an den neun chinesischen Feiertagen, wenn die nicht auch noch für Überstunden draufgehen. In Fabriken wie Regent Deluxe verdienen sie umgerechnet 80 Euro im Monat - ein Vermögen im Vergleich zu dem, was sie für ihren Lebensunterhalt auf den Feldern zu Hause bekommen würden.

Am Eingang von Regent Deluxe salutieren die Wachen, als an einem Montagnachmittag Friedrich-Wilhelm Werner vorfährt. "Wo soll das einmal enden?", fragt er, peinlich berührt. Aber Europa sei "in vielen Bereichen einfach nicht mehr konkurrenzfähig". Mehr als 80 Prozent seiner Ware lässt er in China fertigen, der Rest kommt aus Südkorea und Indien. Er würde ja gern in Deutschland produzieren, behauptet er. Aber leider seien die Löhne 30-mal höher und die Vorschriften des Arbeitsschutzes manchmal unerträglich.

In China ist das anders. Als "schlicht, aber nicht menschenunwürdig" empfindet er die dortigen Arbeitsbedingungen. Auf seinen zwei Einkaufsreisen im Jahr macht er Halt bei jeweils 20 Lieferanten in der Volksrepublik. Meist bekommt er nur die Schauräume zu sehen. Seltener die Produktionshallen. "Mit wie wenig Schutz man dort die Tierfiguren schleift, da mag man nicht zugucken", erzählt er, "aus Angst, es könnten einem ein paar Finger um die Ohren fliegen."

"Wenigstens arbeiten hier keine Kinder", bemerkt Werner ohne erkennbare Emotion, als er die Produktionshallen bei Regent Deluxe inspiziert. In einem fensterlosen Raum sitzen 300 Arbeiter an zerkratzten Holzbänken, 200 davon sind junge Frauen. Ventilatoren surren, Neonlicht flackert.

Bis 1994 produzierte Bijou Brigitte noch in Deutschland. Hat es da so ähnlich ausgesehen? "Nein, nein, nein", schreit Werner in den Lärm der Maschinen. In Deutschland beschäftigte er damals Heimarbeiterinnen. Es gehe ihm aber nicht nur um Kosten, sondern auch um Qualität - und die sei in China besser, versichert er. Chinesische Arbeiterinnen polieren jede Perle einzeln. Fingerfertig setzt eine Kollegin den Stein in eine Broschenform. Eine andere bewegt geschickt mit Pinzette ein Steinchen für einen Ring. Es ist so klein, dass man es kaum sehen kann. "Welchen Aufwand die betreiben, um jedes einzelne Stück noch einmal nachzuarbeiten", lobt Werner. "Das wäre auch früher in Deutschland unmöglich gewesen."

Konzernchef Werner schuf im vergangenen Jahr 400 Arbeitsplätze, 22 in Deutschland, den Rest im Ausland. "Ein fairer Chef, sehr menschlich", sagt Helga Daniel, die in der Hamburger Zentrale die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat vertritt. Zu Weihnachten und nach der Hauptversammlung spendiert der Konzern eine Gewinnprämie - ein Privileg für die Angestellten in der Zentrale. Zwei Drittel der Verkäuferinnen in den Läden arbeiten auf 400-Euro-Basis, "das ist flexibler", so Werner. Einen Betriebsrat gibt es nicht. Die Gewerkschafter bei Verdi haben nichts Negatives über ihn zu sagen. Sie kennen Friedrich-Wilhelm Werner gar nicht.

Eingespart hat Bijou Brigitte in Deutschland

nicht nur die Heimarbeiterinnen, sondern auch die Designer. Jetzt gestalten Chinesen den Schmuck. Chiu Hong Yo, 55, sieht in seinem einfachen weißen Hemd wie ein Hausmeister aus, aber er ist Präsident und gleichzeitig Kreativdirektor von Regent Deluxe. Unterstützt wird er von jungen Designern, die seine Ideen am Computer aufzeichnen und weiterentwickeln. "Seit meinem 16. Lebensjahr entwerfe ich Schmuck für Chinesen, doch die stehen eher auf einfache Dinge", erzählt er. Seit zwölf Jahren arbeitet er für Europäer, "die haben viele spezielle Wünsche".

Bei Bijou Brigitte tragen die Einkäuferinnen aus Europa diese speziellen Wünsche vor. "Wir brauchen lange Ketten, die laufen schon seit einem Jahr sehr gut, die Nachfrage ist konstant", sagt die Einkaufsleiterin Silvia Sica. "Lang" bedeutet mitunter bis zu den Beinen, allerdings schlingt man sich die Kette mehrmals um den Hals. "Angesagt ist, was ein bisschen wie selbst gemacht wirkt. Steine etwa müssen so aussehen, als hätte man sie selbst aus dem Felsen geschlagen", erklärt Sica weiter.

Steine sind die Stärke von Regent Deluxe. Die chinesische Fabrik bietet 2000 Arten in 3000 verschiedenen Farbtönen. Doch nicht alle passen zu Bijou Brigitte. "Das hier geht für uns gar nicht, zu verschnörkelt", sagt Silvia Sica mit Blick auf einen Ohrring. Zustimmung findet dagegen eine Kette mit kleinen Schmetterlingen und Blümchen. "Was floral ist und rankig, wird hier sehr gut verarbeitet", stellt sie fest. "Die Steine sind schön geschliffen, auch die Fransen gefallen mir."

Ein anderes Problem der Einkäuferin:

Sie muss für Bijou Brigitte einen "globalen Geschmack" bedienen, zumindest einen europäischen. Denn Bijou-Kundinnen in Frankreich stehen vor dem gleichen Sortiment wie in Polen. Nur durch den Großeinkauf lässt sich der Preis so niedrig kalkulieren. Zweimal pro Jahr stellt Sica mit ihren Kolleginnen die neue Kollektion zusammen. Anregungen holt sich das Team auf Modenschauen in London, Mailand, Paris sowie beim "Store Check."

Ein bisschen abkupfern tun schließlich alle. Man mache eben Designerschmuck "tragbarer und bezahlbarer", sagt Silvia Sica. Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick in die Stadt Kaufbeuren. Dort hat sich eine Modeschmuckindustrie etabliert, die auch internationale Modelabels beliefert. "Wir kopieren keine Ketten von Christ, sondern fertigen Designschmuck, der für sich selbst steht", sagt Silke Gubo, die mit Familie und 16 Mitarbeitern Schmuck für Escada und Dior produziert. Ausschließlich in Deutschland. Das gehe, so Gubo, "aber nicht billig". Bei ihr kosten die einfachsten Armbänder 20 Euro.

Bei Bijou Brigitte: 30 Cent. Ein Reif aus Nylon. Den ignorieren sogar die Ladendiebe, obwohl vor denen nichts sicher ist. "Wir verlieren jeden Tag Schmuck für 100 000 Euro", klagt Werner - zehn Prozent des Umsatzes. Detektive zu beschäftigen ist ihm zu teuer. Herr Werner hat sich arrangiert. Dagobert Duck lebte ja schließlich auch ganz gut mit den Panzerknackern.

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