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Designer: Der verlorene Sohn

Er schneidert aus der Reihe: Der C&A-Spross Alexander Brenninkmeijer verließ die mächtige Familie, um ganz eigene Mode zu schaffen.

München Neuhausen, Donnersberger Brücke. Oben der sechsspurige Mittlere Ring, unten Intercity und S-Bahn. Ein seltsamer Treffpunkt. Aber tatsächlich, da steht er im größten Verkehrsgetümmel: Alexander Brenninkmeijer. Sehr groß, sehr schlank, sehr freundlich, die Haare nach hinten gegelt. Er, ganz Gentleman, hatte darauf bestanden, seinen Gast vom S-Bahnhof abzuholen.

Natürlich trägt er Brenninkmeijer-Jeans, Brenninkmeijer-Hemd, Brenninkmeijer-Mantel - alles aus seiner eigenen Kollektion. Denn Alexander Brenninkmeijer, 38, Spross eines der größten Textilimperien der Welt mit mehr als 800 Kaufhäusern und unzähligen Immobilien, ist ausgesteigen aus der "Firma", wie er das Stammhaus C&A nennt. Seit drei Jahren betreibt er ein eigenes Label, sein Name: "Clemens en August".

Über einer ehemaligen Citroën-Werkstatt hat Brenninkmeijer sich sein Atelier eingerichtet: klare Loft-Räume mit Estrichboden und großen Oberlichtern. Hier sitzt er mit Ehefrau und Ex-Model Micheline und ein paar Mitarbeitern, und keiner ist sich zu schade, auch mal schnell einen Rock aufzubügeln. Brenninkmeijer kocht Tee für seinen Gast, schüttet nebenbei Entkalker in die Spülmaschine. Bescheiden sein, "das ist bei mir ein großes Thema", sagt er und meint eigentlich den Stil seiner Kollektion.

Hier hängen sie, die schlichten und eleganten Stücke aus der Winterkollektion. Wer genau hinschaut, erkennt die edlen Materialien und feinen Schnitte. "So ein dreiteiliger, klassischer Anzug müsste eigentlich 1150 Euro kosten. Bei uns sind es 380 Euro plus Mehrwertsteuer", sagt Brenninkmeijer und reibt den dunkelblauen Wollstoff zwischen den Fingern. Dass "ein halbes Monatsgehalt weggeht für einen guten Anzug", findet er "einfach nicht mehr zeitgemäß".

Clou der neuen Kollektion

ist ein ungewöhnlicher Stepp-Mantel. Grundmaterial: eine Bettdecke. Die Idee dazu kam der Designerin Birgit Rehm. Weil sie oft friert bei der Arbeit im kühlen Loft, wickelt sie sich gern in eine Steppdecke ein. Eines Tages fragte sie sich: Warum nicht gleich einen Mantel nähen aus dem gemütlichen Teil?

In einem gewöhnlichen Laden kann man das Prachtstück nicht erwerben. Nur auf zwei Verkaufstouren im Jahr bietet Brenninkmeijer seine Kollektion an, immer an Orten, die mit Kunst zu tun haben: im Museum für Angewandte Kunst (MAK) in Wien etwa, in der Produzentengalerie Hamburg, in den Berliner Kunstwerken. Wer den jeweils drei Tage dauernden Verkauf verpasst, muss ein halbes Jahr lang auf den nächsten warten.

Oft findet sich draußen

auf der Straße gar kein Hinweis auf die Mode, die an diesen Stätten gehandelt wird; nur Insider wissen Bescheid, alles läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda. Die Kunden finden's gut. Viele sind Fotografen, Künstler, Architekten, "Menschen, die nichts Alltägliches anziehen wollen", wie Brenninkmeijer behauptet. "Und nie wird die Ware reduziert, niemals gibt es einen Schlussverkauf." Der Preis sei so gut, dass er auf keinen Fall runtergehen könne.

Noch muss der Designer für jede Kollektion kämpfen. "Wenn ich 200 Mäntel produziere, bekomme ich Bauchschmerzen, und wenn ich nichts verkaufen würde, hätte ich ein Problem", sagt er. "Ich bin nicht so vermögend, wie alle immer denken. Wenn man aus der 'Firma' aussteigt, ist man wirklich draußen."

Dabei hätte doch alles so einfach sein können, wenn er nur weiterhin das getan hätte, was die Familie von ihm erwartete: Bei C&A hatte er schon reingeschnuppert in Verkauf, Marketing und Einkauf, hatte ein Betriebswirtschaftsstudium draufgesetzt und Erfahrungen in Brüssel, London und Düsseldorf gesammelt.

Aber dann überkam ihn der Zweifel: "Ist das wirklich mein Ding, für Kaufhäuser zu leben?" Die Familie, das war immer auch "unausgesprochener Druck", sagt Brenninkmeijer. "Kinokarten hab ich meist auf den Namen Meier bestellt, weil ich nicht auffallen wollte." Insgeheim träumte er davon, Tierarzt zu werden. Oder Künstler. Wie sein Cousin Philipp, der es nur zwei Monate bei C&A aushielt, danach Schauspieler wurde und unter anderem in der Serie "Girlfriends" auftrat.

Details über die weit verzweigte Familie

mag keiner der Brenninkmeyers erzählen. 40 bis 60 Personen, so wird geschätzt, sitzen an den Schalthebeln des Konzerns, alle besitzen sie einen niederländischen Pass, viele noch einen zweiten dazu. Wenn man weiß, dass die beiden Günderväter Clemens und August Brenninkmeyer 45 Enkel hatten, dann kann man sich ungefähr ausrechnen, wie viele Nachfolger es nun gibt, in der fünften und sechsten Generation.

Um Abstand von C&A zu gewinnen, stürzte sich Alexander Brenninkmeijer erst mal auf eine Trekkingtour in den Himalaya. "Vorher war ich als Einkäufer in den besten Hotels unterwegs, jetzt zog ich mit Rucksack und Lonely-Planet-Reiseführer durch die Welt", sagt er. Auch heute noch genießt er es, allein mit dem Lastwagen nach Österreich und Ungarn zu fahren, um Stoffe einzukaufen oder fertige Ware abzuholen.

Zurück aus den Bergen des Himalaya tat er sich mit dem Designer Kostas Murkudis zusammen. Nach dessen Wegzug nach Berlin machte Brenninkmeijer allein weiter in München, mit einem kleinen Team und Präsentationen im eigenen Atelier. "Das war nicht viel mehr als eine Insidersache im Freundeskreis." Und plötzlich war eine Idee geboren: Warum nicht immer so verkaufen? In kleinen, für ein paar Tage angemieteten Räumen, für eingeladene Gäste, ohne große Miet- und Personalkosten.

Nun brauchte er nur noch einen Namen für sein Label. Brenninkmeijer ging nicht, das war zu sehr mit C&A verwoben. Aber "Clemens en August", die Vornamen der beiden C&A-Gründer, klangen gut und waren nicht geschützt. Die Familie, so gibt er zu, war anfangs "extrem überrascht und skeptisch" und "auch ein wenig besorgt", dass Alexander den guten Namen beschädigen oder dem Stammhaus Konkurrenz machen könnte. Inzwischen finden viele seiner Verwandten "das Label klasse". Nur ganz inoffiziell natürlich, öffentlich würde sich niemand aus der Familie dazu äußern.

Alexander Brenninkmeijer hat sich von "der Firma" C&A getrennt, aber so richtig lösen von ihr konnte er sich doch nicht. Schließlich ist der Name seines Labels auch eine Verneigung vor der Verwandtschaft: Die Vorfahren besaßen nämlich - genau wie er - keine festen Läden, sondern reisten im 19. Jahrhundert mit den Kleidern im Gepäck zu ihren Kunden. Brenninkmeijer: "Ich bin heute in derselben Situation wie Clemens und August damals." Mal sehen, was er daraus macht.

Anja Lösel / print