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Interview: Der Vorkämpfer für gutes Design

Er entwirft Flugzeuge, Autos und Kugelschreiber: Luigi Colani. Ein Interview mit dem Design-Guru über seine Vorbilder, Träume und natürlich über gutes Design.

Herr Colani, was ist für Sie gutes Design? Die Frage ist sehr einfach und volksnah zu beantworten: Wenn derjenige, der 3,50 Euro hinlegt, um einen Colani-Kugelschreiber zu kaufen, ein Lächeln auf den Lippen hat und er gut in die Hand passt, dann bin ich ein guter Designer. Das geht vom Überschallflugzeug bis zur Damenunterwäsche.

Wobei man das Überschallflugzeug ja nicht nur so mal kurz im Kaufhaus kauft...

Da ist aber auch ein Lächeln auf den Lippen, wenn da 170 Millionen Dollar für die erste Rate hingeblättert werden.

Wie würden Sie Ihr Design in kurzen Worten beschreiben?

Ein Wort: Naturnähe. Unsere große Lehrmeisterin ist die Natur, zum Beispiel das Scharnier einer Tür, das Sie in der Krebsschere wiederfinden können. Die Natur hat sämtliche Fragen aerodynamischer oder hydrodynamischer Unterwasserformen beantwortet, die wir Menschen gar nicht begreifen werden.

Sie waren anfangs in Berlin auf der Kunstakademie. Warum haben Sie sich dann für die Physik, speziell für die Aerodynamik entschieden?

Ich wollte mit diesem Wissen um die dritte Dimension, um Bildhauerei, Automobile bauen. Mit meinen ersten Autos bin ich kräftig auf die Schnauze gefallen: die haben mehr verbraucht, schlingerten und fuhren nicht so, wie ein aerodynamisches Fahrzeug es sollte. Für einen Künstler kein Wunder.

Dann ging es von der Sorbonne in Paris weiter zu Douglas...

In Kalifornien wurde ich in das Highspeed-Research und die new materials eingeführt. Nach einem Jahr leitete ich schon 400 junge Ingenieure, die ganze Flugzeugteile aus Kunststoff bauten. Das erste Mal auf der Welt. Danach bin ich wieder nach Frankreich zurückgeholt worden und war erstaunt, dass in Europa so wenig über Kunststoffe bekannt war.

Gab es zur Wirtschaftswunderzeit Mitte der 50er Jahre in Europa oder Deutschland überhaupt Interesse an Design?

Kein Mensch wusste, was Design ist. Ich habe zu der Zeit immer wieder darauf aufmerksam gemacht und ihm den Weg gebahnt, im Sinne einer Formgestaltung. Da war ich der erste, der darum gekämpft hat. In vielen europäischen Zeitungen wurde über mich berichtet und man nannte mich den ‚Leonardo da Vinci des Kunststoffzeitalters’.

Könnte man Sie als den Erfinder des Designs betrachten?

Nein, ganz und gar nicht. Da gibt es sehr viele gute Leute, die in der ganzen Welt darum gekämpft haben. Ich bin allenfalls der Erfinder des Bio-Designs, des konsequenten Anlehnens an die Natur. Seit elf Jahren bin ich Mitarbeiter der NASA und deren Ideengeber. Für die haben wir zum Beispiel Flugzeuge gebaut, die wie Delphine, Haie oder exotische Vögel aussehen.

Sie waren ja auch im Automobilbau sehr erfolgreich...

Ja. Mit dem Fiat 1100 TV gewann ich 1954 die Goldene Rose auf dem Genfer Autosalon. Das war mein erster internationaler Erfolg. Die Urväter des italienischen Fiatstils waren die aerodynamischen Colani-Autos aus Berlin!

Wenn Sie sich das heutige Automobildesign anschauen, was denken Sie darüber?

Es ist bedauerlich, aber vor 30 Jahren konnte man auf einen Kilometer Entfernung einen italienischen von einem deutschen und einen japanischen von einem französischen unterscheiden. Da waren die Automobile noch Persönlichkeiten. Heute sehen die Fahrzeuge sich so ähnlich, dass man die Abzeichen vertauschen könnte. Den Unterschied würde man nicht bemerken.

Viele Autobauer versuchen sich ja durch Provokation abzuheben, zum Beispiel der Z4 und der neue 8er von BMW. Muss Design provozieren? BMW hatte früher mal Sportwagen gebaut, die immer sportlicher waren als die von Mercedes. Aber heute sind sie konservativer, wider jedes physikalische Gesetz der Aerodynamik. Das ist der falsche Weg: Die Erdölvorräte sind begrenzt und wir täten gut daran, nicht immer 400 PS-Autos zu bauen, sondern wieder Volksautos, die wenig verbrauchen. Die VW-Leute sind da wesentlich besser.

Sprittechnisch ist ja schon einiges möglich, zum Beispiel Erdgas oder Biodiesel. Wo legen Sie da Wert drauf?

Ja, da gibt es die verschiedensten intelligenten Ideen, die aber nicht genutzt werden, weil die Verkaufspsychologie der Automobilfirmen völlig verdreht ist. Meine Mitarbeiter und ich bauen Autos nach dem Motto „4 mal l“: langsam, leise, lustig, leicht. Ganz Europa fährt 130 km/h, nur Deutschland fährt 400 km/h!

Wir hatten gerade schon über Höchstgeschwindigkeiten gesprochen. Aerodynamik spielt ja auch in der Formel 1 eine große Rolle. Haben Sie schon mal für die Formel 1 gearbeitet oder würde das Sie einmal reizen?

Hab’ ich schon. Ich habe den schnellsten Formel-Wagen gebaut: Wir haben damals das Auto von Rolf Stomelin, der mehrmals Le Mans gewonnen hat, innerhalb von 14 Tage aerodynamisch verbessert. Wir sind dann ohne jeden Test mal eine halbe Stunde gefahren, ob das überhaupt läuft, und haben dann in Südafrika alle verbraten. Demnächst will ich mal Willi Weber anrufen und fragen, ob man dem Ralf Schuhmacher irgendwie helfen kann. Dreimal wehe für die Branche, wenn ich da reinkomme, dann tanzen die Puppen. Die machen einen Stapel Fehler: Wenn man die heutigen Wagen ansieht, ein Durcheinander von Formen, falsche Kühlerlufteinläufe, grundsätzliche falsche Aerodynamik! Da sind physikalisch grundsätzlich ein paar kleine Fehlerchen gemacht worden, aber solche, die am Endprodukt dann zu Tage treten.

Warum der immer wiederkehrende Bezug zur Natur?

Ich bin ja eigentlich gelernter Bildhauer. Aus einer gewissen Unsicherheit heraus, was Design überhaupt ist, lehnte ich mich deshalb an die große ‚Lehrmeisterin Natur’ an. Man schaue sich nur einen kleinen Falken an: Der wiegt 300 Gramm und fliegt neben einem Ferrari her.

Gibt es für Sie, abgesehen von der Natur, sonst noch Vorbilder?

Ja. Einmal der große Architekt Antonio Gaudi in Barcelona, der von der Architektur wie ein krebsartiges Geschwür behandelt wird, damit man sich nicht mit ihm auseinandersetzen muss. Und dann Hieronymus Bosch, der große niederländische Maler. Ein Superphantast, der ganz neue Betrachtungsweisen für unsere Umwelt gezeigt hat.

Es gibt seit mehreren Jahren einen Design-Boom, zum Beispiel Philipp Stark, Leonardo usw.. Ist das nur ein Boom oder hält das dauerhaft an?

Ich mache ja nun seit 50 Jahren Design, aber die Philipp Starks kommen und gehen. Die richtigen Designer bleiben. Philipp Stark ist ein hervorragender Architekt, aber kein guter Designer. Er hat ein paar sehr freche Architekturen in aller Welt gemacht und gemerkt, dass beim Design ein paar Mark zu verdienen sind.

Warum sind Sie nach Karlsruhe gekommen?

Das hat einen ganz klaren Grund. Hier in der Nähe sitzt Daimler-Chrysler. Mit denen zusammen habe ich meinen letzten LKW gebaut.

Haben Sie, vom Design her gesehen, noch einen Traum?

Bei dem Fundus an exotischen Materialien, die es uns ermöglichen, jede auch nur erdenkliche Form ultraleicht herzustellen, würde ich meine ganze Arbeit noch Mal von vorne anfangen.

Das Interview führten Jens Kemle und David Wolf