Made in Italy Tote Hose in Bella Italia?


Steuerskandal, Lohnsklaverei und betagte Modemeister: Dem Gütesiegel Made in Italy ist der Glanz abhandengekommen. Nachwuchsdesigner wie das Duo "6267" wollen dies ändern.
Von Dirk van Versendaal

Der Mann, der die italienische Luxusindustrie retten soll, fährt auf einem klapprigen Rad zur Arbeit, das er aus dem Sperrmüll hervorgezogen hat. Tommaso Aquilano legt keinen Wert auf die Statussymbole seiner Branche. Stattdessen pflegt er zusammen mit seinem Kreativpartner Roberto Rimondi die Kunst der Untertreibung.

Die Aufgabe, die den beiden Designern, die in der Stadt Mantua in der Lombardei arbeiten, gestellt wurde, ist schon groß genug: Um nicht weniger als die Rettung des "Made in Italy" geht es. Erreichen sollen sie das Ziel mit ihrem eigenen Label "6267" sowie in ihrer Funktion als die neuen kreativen Anführer der Marke Ferré.

Die Situation der Branche ist schwierig: Der italienische Modeverband rechnet für 2008 mit einem Wachstum zwischen null und einem Prozent. Die Steuerbehörden ermitteln gegen die Modehäuser von Ferragamo und Dolce & Gabbana. Anfang April gestattete ein Gericht in Livorno einem toskanischen Unternehmer, seine in Tunesien geschneiderten Kleider mit "Made in Italy" zu etikettieren - solange nur der Stoff und die Modelle aus heimischer Herstellung kommen. Schwere Imageschäden hat außerdem der Skandal um chinesische Lohnsklaven verursacht, die zu Tausenden unter unwürdigen Bedingungen in den Textilhochburgen von Prato und Neapel arbeiten.

"Jede Saison taucht ein neuer Name auf"

Jene, die einst das Etikett "Made in Italy" zum Glänzen brachten, wird man nicht mehr allzu lange nach ihrer erfolgreichen Rezeptur befragen können. Valentino Garavani, Jahrgang 1932, gab im Januar seinen Ausstand, Giorgio Armani, mittlerweile 73, holt sich ein Familienmitglied nach dem anderen in sein Direktorium, hat es aber versäumt, einen Nachfolger an seiner Seite großzuziehen. Und Gianfranco Ferré starb im Juni 2007.

Giorgio Armani verweist darauf, Alter habe mit Kreativität und Leistung nichts zu tun: "Auf dem Markt hilft Jugend nicht weiter. So ist es ja schon lange: Jede Saison taucht ein neuer Name auf, wird gefeiert und verschwindet gleich wieder."

Die Namen Roberto Rimondi und Tommaso Aquilano aber dürften bleiben. Die beiden lernten sich bereits 1998 im Konfektionsunternehmen Max Mara kennen, wo sie in der zweiten Reihe dienten. Um dem Schicksal der ewigen Assistenten zu entrinnen, nahmen sie ihren Mut und ihr Erspartes zusammen und gründeten ein eigenes Label. Sie nannten es "6267", eine Zahlenkombination, die vielleicht ihren Geburtsjahren entspricht - was beide beharrlich bestreiten. Im Frühjahr 2006 präsentierten sie ihre erste und in höchsten Tönen gelobte Laufstegkollektion in Mailand. Worauf der italienische Bekleidungskonzern IT Holding sie im Juni 2006 damit beauftragte, eine der renommiertesten Marken der Luxusmode wiederzubeleben: Malo. Mit klaren Silhouetten und präzisen Schnitten aus hochwertiger Cashmere- Qualität zeigten Rimondi und Aquilano, wie auch ein klassisches Haus in der Moderne bestehen und zu einer Lifestyle-Marke aufgepeppt werden kann.

"Der plötzliche Erfolg hat mich wie ein Schock getroffen", gibt Rimondi heute zu. Und der sensationelle Aufstieg der Jungs aus der zweiten Reihe war damit keineswegs beendet: Anfang April dieses Jahres wurden Aquilano und Rimondi berufen, die kreative Führung im Hause des verstorbenen Meisters Gianfranco Ferré zu übernehmen. Damit haben die beiden eine Blitzkarriere hingelegt, die an jene von Dolce & Gabbana erinnert. Die hatten 1985 mit ihrem ersten Auftritt Berühmtheit erlangt und als bis dato letzte italienische Jungtalente den Durchbruch zu Weltruhm geschafft. "Man sieht es sofort, wenn da jemand kommt, der Neues zu sagen hat", lobt Stefano Gabbana. "Ich kann mir vorstellen, dass Rimondi und Aquilano noch sehr weit kommen werden. Es ist fast schon komisch, wie sehr sie mich an unsere eigenen Anfänge erinnern."

Schwierigkeiten in der Modewelt

Dem Designerpaar kommt zugute, dass sich in Italien die Überzeugung durchsetzt, dass "die Dinge sich ändern müssen" und angesichts altersbedingter Strukturprobleme "bald auch ändern werden", wie Tonino Perna sagt, der Vorstandschef der IT-Holding, zu deren Portfolio neben Gianfranco Ferré, Malo und Exté auch Lizenzen für John Galliano und Versace gehören. "Roberto und Tommaso haben bewiesen, dass es hier echte Talente gibt."

"Unsere Industrie war jahrelang so aufs Business fixiert, dass nichts mehr riskiert wurde, schon gar nicht beim Nachwuchs", kritisiert Roberto Rimondi seine Branche. "Eine dumme wie feige Angst", fügt Aquilano hinzu, "denn Talente gibt es zuhauf. Ihr Problem ist, Investoren zu finden. Die investieren nur, wenn sie todsicher sind, dass ihre Einsätze sich auszahlen werden."

Ihre Rolle als Erbprinzen der in Ehren ergrauten "stilisti" sehen die beiden ohne die der Branche eigene Aufgeregtheit. Die Zeiten sind vorbei, in denen sich die Stars der Modewelt dumm und dämlich verdienten, jede Kollektion den Kauf einer Villa, jedes Parfüm eine Mittelmeeryacht finanzierte. "Es wartet jede Menge Arbeit auf uns", prophezeit Aquilano. Es werde "ein harter Kampf ", das Erbe Gianfranco Ferrés in die Zukunft zu führen.

Nachwuchs

Italien könnte vor einer neuen kreativen Blütezeit stehen, denn auch in anderen Traditionshäusern wird das Misstrauen gegen den eigenen Nachwuchs nach und nach überwunden: Alessandra Facchinetti hat, von viel Lob begleitet, im römischen Modehaus Valentino die Nachfolge angetreten, und Giambattista Valli entwirft für die Mailänder Sportswearmarke Moncler. Auch die voraussichtliche Berufung des angesehenen Neapolitaners Alessandro Dell'Acqua zum neuen Designchef bei Malo wirkt als Signal für die Branche.

Tommaso Aquilano und Roberto Rimondi wollen ihren Kampf um die Zukunft der italienischen Mode so lang wie möglich in Mantua und fernab des Moderummels ausfechten. An einen Umzug nach Mailand ist nicht gedacht. Schon gar nicht, um sich - dem Status entsprechend - hinter den verdunkelten Scheiben einer Limousine durch den Berufsverkehr Mailands zu quälen. Die Zukunft des "Made in Italy" fährt Rad.

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker