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"Stacks, Drugs & Rock'n'Roll": Haiyti, die Zufallsgröße - unterwegs mit dem Deutschrap-Hype der Stunde

Haiyti macht Rap mit den Mitteln des Punk und verschreckt so Fans von Oldschool-Hip-Hop. Als eine der wenigen Frauen in der deutschen Rapszene verwischt sie Rollenbilder, rappt über Bitches, stellt sich aber auch als Pimp dar. Was soll das?

Haiyti an der Bushaltestelle

Wer ist Haiyti? Jemand, der das Unvorhersehbare mag, solange es sich irgendwie kontrollieren lässt.

Als der Beat losgeht, betritt sie die Bühne und zeigt dem Publikum den Rücken. Die Rapperin läuft zum Mischpult, da steht ihr DJ. Die Bässe verschlucken, was sie ihm sagt. Für einen Augenblick sieht ihr Gesicht aus, als hätte sie in eine Limette gebissen.
Haiyti ist sauer. Ihr DJ hat mit dem falschen Song begonnen.

Sie dreht sich zurück zum Publikum, muss ja. Ihr Haar ist zerzaust, ihre Sonnenbrille von Ivanka Trump. Sie könnte von der Fashion Week oder aber vom Kotti aus auf die Bühne des Kreuzberger Clubs Prince Charles gelangt sein. "Seid ihr da?" , fragt sie jetzt durchs Mikro, und es klingt, als wäre sie selbst noch nicht angekommen.

Ein Zufall, für den Haiyti nichts kann

Wahrscheinlich war der Fehlstart ein Zufall. Stunden zuvor, in der Lobby eines Zweisternehotels am Moritzplatz, umgeben von Geschäftigen vor Macbooks und Touristen vor Berliner Pilsnern, unweit eines Kaminfeuers, das nicht wärmt, weil es von einem Samsung-Bildschirm strahlt, probten Haiyti und ihr DJ das Set ein letztes Mal, in Zimmerlautstärke. Sie diskutierten die Reihenfolge, einigten sich auf den ersten Song und schlugen darauf ein.
Und nun das. Ein Zufall, für den Haiyti nichts kann. Einer, über den sie keine Kontrolle hat. Der schlechte Zufall.

Diese Art von Zufall mag die Rapperin nicht, die in den vergangenen drei Jahren bereits sieben EPs, Mixtapes und Alben rausgebracht hat, teils selbst veröffentlicht, und seither nicht nur von RapBlog-Lesern, sondern auch von der Kulturelite ihrer Hamburger Heimat gefeiert wird: Fatih Akin und Udo Lindenberg sind Fans, die Wochenzeitung "Die Zeit" schrieb in ihrem Hamburg-Teil von einer "Pop-Revolution", die sich anbahne, und verglich Haiyti mit Nina Hagen und Falco. In der Hip-Hop-Szene polarisiert sie. Nun erscheint ihr Major-Debüt bei Universal Music. Wer ist Haiyti?

Jemand, der das Unvorhersehbare mag, solange es sich irgendwie kontrollieren lässt. "Den geilen Zufall", so nennt sie das. Einen, den sie im Gewimmel aus Momenten erspäht, einfängt und zu Kunst erklärt.

Kurz vor der Generalprobe in der Hotellobby konnte man ihr dabei zusehen, wie sie das macht, beim Fototermin mit NEON. Da lief sie, auf Absätzen, breitbeinig, die Prinzenstraße runter, bis ihr ein älterer Berliner entgegenschlich, der einen Pudel hinter sich herzog und aussah, als spreche er lieber mit Hunden als mit Menschen.

"Dürfen wir ein Foto mit dem Pudel machen?", fragte Haiyti sofort, und der Berliner kam ins Grübeln, bis er schließlich den Mund öffnete: "Der bellt wie sonst was." Dazu schwieg der Pudel, Schutz suchend im Schatten seines Herrchens. Haiyti verbuchte also den geilen Pudel-Zufall unter gescheitert, sah dann eine Bushaltestelle vor sich und rekelte sich schon auf den Sitzbänken, noch ehe man verstand, dass die Begegnung mit der Haltestelle ein neuer Zufall war, den sie just zu Kunst erkoren hatte.

Tracks als verwackelte Instagram-Storys

Man kann Haiyti vor allem dabei zuhören, wie sie die geilen Zufälle bändigt, in ihrer Musik. Wirken Songs alteingesessener Märchenonkel des Deutschrap wie den Beginnern oder Fantastischen Vier meist wie teuer produzierte Kinofilme, sind Haiytis Tracks eher verwackelte Instagram-Storys. Sie braucht oft bloß Minuten für ihre Zeilen, bleibt gern bei der ersten Idee. Telefoniert sie mit Produzenten, unterbricht sie auch mal mit dem Satz: "Diese technischen Sachen will ich nicht wissen."

Haiyti macht Rap mit den Mitteln des Punk. Ihr Feindbild besteht aus "Stasi-Hip-Hop-Fans" , die ein perfektes Produkt wollen. "Aber das geb ich denen nicht." Ihre Texte handeln häufig vom Gold und vom Rausch. "Viel Proll und Drogen", wie sie sagt. Haiyti, die, anders als viele in der Szene, mit Ekel reagiert, wenn sie Gras riecht, rappt über alle möglichen chemischen Verbindungen, über Ecstasy und Amphetamine, über "Kilos", Kokain, und "Para", Türkisch für Geld. Doch Haiytis Narrativ ist nicht nur das Feiern der Exzesse. In ihrer kürzlich veröffentlichten Single "100 000 Fans" rappt sie zwar vom "Johnny Walker in der Blutbahn", klang aber schon vor einem Jahr zweifelnd und zerbrechlich: "Ich hab Angst, ich zieh wieder durch die Nacht. Ich trink viel mehr, als ich kann." Das Youtube-Video zu "Angst" ist eines ihrer meistgeklickten, über 300 000-mal.

Haiyti

Haiyti: "Ich hab Angst, ich zieh wieder durch die Nacht. Ich trink viel mehr, als ich kann."

"Das hat nur so viele Klicks, weil ich darin das arme Mädchen bin, das besoffen durch die Straßen läuft." Als "Angst" aus den Boxen im Prince Charles dringt, der letzte Song von Haiytis Set, der ihr erster hätte sein sollen, ist sie angekommen. Sie, die auch schon Whisky im Blut hat, tapert von links nach rechts nach links nach rechts, hüpft, beugt sich vor, reißt die Arme in die Höhe und tapert. Man denkt abwechselnd an eine nimmermüde Raubkatze und an Kate Moss, nach der Haiyti einen Song benannt hat.

Die Ivanka-Trump-Sonnenbrille lässt nur ahnen, wohin sie guckt. Schaut sie ins Rampenlicht, könnte sie auf Gesichter unter Undercuts und umgedrehten Baseballcaps blicken. Die rosigen und verschwitzten Gesichter junger Menschen. So jung, dass sie vielleicht zur Welt kamen, als Fettes Brot sich nicht entscheiden konnten. So jung, dass sie vielleicht zur Grundschule gingen, als Sido seinen Block betrat. So jung, dass sie vielleicht lernten, was Herzschmerz bedeutet, als Cro ihnen "Easy" zuraunte. Menschen, für die es normal ist, Deutschrap ein Leben lang aus dem Lokalradio zu kennen. Für die Haiyti besonders ist, weil sie anders klingt. Unverbrauchter als der alte Kram und doch schön kaputt.

Nach dem Applaus schleicht Haiyti von der Bühne zur Backstage zur Bar, sie, die 1,55 Meter groß ist, taucht unter im Meer der glücklichen Gesichter.

Zwei Wochen später überqueren in Hamburg bärtige Männer den Steindamm, eben endete das Mittagsgebet in einer Moschee in der Parallelstraße. Einige von ihnen betreten das Lades, einen Hähnchengrill, der damit wirbt, halalzertifiziert zu sein, und nach 2001 durch die Medien ging, weil hier Leute aus dem Umfeld Mohammed Attas gegessen hatten.

In einer hinteren Ecke sitzt eine junge Frau. Ihr Haar ist zerzaust, ihre Brille von Marc Jacobs. Schuhe, Hose und Pulli sind von Nike, auf Höhe ihres Herzens steht "Just do it".

"Ich bin heute, glaub ich, wieder klar in der Birne", sagt Haiyti. Für sie ist noch nicht Mittag, es ist Morgen. Sie hat gerade Rührei gefrühstückt, kein normales, sondern türkisches, mit Oliven, Schafskäse und Peperoni.

Ronja Zschoche, so wird Haiyti später den Bewirtungsbeleg unterschreiben. Ihren Namen nennt sie eigentlich nicht, wie ihr Alter. Sie ist vielleicht Ende 20, legt man Daten eines ungepflegten Internetprofils zugrunde, auf dem ihr Name steht. Sie wuchs in Hamburgs Peripherien auf. In Langenhorn, Norden, freestylte sie zum ersten Mal und schrieb mit 14 ihre ersten Lines, nachdem ein neuer Mitschüler aus Berlin-Hellersdorf den Sound von Royal Bunker und Aggro Berlin importiert hatte. In Nettelnburg, Südosten, entstanden ihre ersten Aufnahmen. "Zwischen Polacken und Nafris" sei sie groß geworden, schrieb sie mal auf Instagram. Sie studiert Kunst an der Hochschule für bildende Künste, weil die Arbeitsagentur das für eine gute Idee hielt, sagt sie und lacht hoch und knarzig.

"Ein Leben am Rande der Deadline"

Ihre Mutter ist Ostdeutsche, früher Taxifahrerin, heute Erzieherin. Ihr Vater ist Kroate, früher Sänger, heute Produzent in Istrien, wo Haiyti fast jeden Sommer mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Urlaub macht und auch mal Material für Musikvideos dreht.

Am Tisch im Lades wiederholt sie, dass sie, ehrlich gesagt, keine Zeit habe. Sie müsse heute noch das Video zu ihrem neuen Song "Gold" schneiden. "Aus Angst davor, dass andere die besten Szenen übersehen", sitze sie beim Bearbeiten ihrer Videos daneben. Aus Angst vor dem schlechten Zufall. Nicht einmal zwei Wochen liegt der letzte Dreh zu einem anderen Video zurück, bei dem Haiyti sich erst zufrieden gab, nachdem das Drehbuch angepasst worden war, an eine Wohnung, die ihr gefiel, und eine Ferrari-Limousine, die im Hof stand. An "die geilen Zufälle".

Haiyti hat ADHS, sagt sie. Wenn sie erzählt, durchbrechen Gedankenblitze ihre Erzählung. Sie wird dann kurz zu einer Maschine, die im Shuffle-Modus Punchlines ausspuckt.

Stichwort gestiegener Zeitdruck: "Ein Leben am Rand der Deadline. Oder kann man das besser ausdrücken? Ich weiß: ein Leben an der Deadline. Muss ich twittern." Sie twittert.

Haiyti

Haiyti in Hamburg: Die Ivanka-Trump-Sonnenbrille lässt nur ahnen, wohin sie guckt

Stichwort gewachsenes Team: "Ich brauch eigentlich nur eine Buchhaltung. Schreib das: Sie braucht eigentlich nur eine Buchhaltung."

Stichwort gepredigter Lifestyle: "Stacks, Drugs and Rock ’n’ Roll. Stacks, gibt’s das?" Sie ruft einen Freund an, der gut Englisch kann.

"Peter, gibt es das Wort Stacks auf Englisch? Stacks. Oder irgendwie so was. Stacks sind gestapelte Dinge? Also Dollarbündel. Geil!"

Schon in der ersten Klasse sei sie sitzen geblieben, "weil ich immer in meiner Traumwelt war". Bücher lese sie nicht, eine Seite sei bereits zu viel. Eine der raren literarischen Referenzen in ihren Texten ist der französische Lyriker und spätere Sklaventreiber Arthur Rimbaud, der eben auch Gedichte schrieb, die keine Seite füllen.

Immer wieder spricht sie in ihr Handy.

"Nein, dan-ge-RUS! Ich sag dir eins: Wenn das heute nicht genau so klingt, fliegt der Song eiskalt runter." "Dustin? Wir haben doch über so einen Rapper aus Hamburg geredet. Wie heißt der?" "Ey, mein Leben ist vorbei. Und zwar: Ich hab ein Interview, und danach muss ich irgendwohin gehen. Soll ich dann mit dem Interviewtyp zu dir kommen?"

"Ich bin ein Girlbossgangster"

Wie Haiyti da am Handy hängt und Çay trinkt, in der Ecke des Lades, von der aus man alles im Blick hat, könnte man meinen, der Laden gehöre ihr. Unweigerlich drängt sich eine ihrer Zeilen auf, ein Gedankenblitz: "Ich bin ein Girlbossgangster. " Die Hip-Hop-Zeitschrift "Juice" titelte vor einem Jahr "Deutschraps Zukunft" und zeigte sieben Rapper auf dem Cover. Haiyti posierte unten im Bild. Als einzige Frau, den Männern zu Füßen.

Im Deutschrap sind Frauen, rund ein Vierteljahrhundert nach den ersten Veröffentlichungen, noch zu oft nur Backgroundsängerinnen oder Musikvideostatistinnen. Eine Auswahl der Ausnahmen liest sich so aktuell wie der Name "Bravo Hits": Cora E., Sabrina Setlur, Fiva MC, Tic Tac Toe vielleicht, wenn man kein Schamgefühl kennt.

"Soll ich mal was Knallhartes sagen?"

Bitte.

"Als Frau im Geschäft musst du besser sein als die Männer, besser aussehen, und auch dann wirst du nur akzeptiert. Drogen, Benzin und Red-Light District, das ist die Welt, die den Boys gehört. Da darf ich nicht eintauchen für die. Die wollen nicht, dass da ein Mädchen mitspielt. Und wenn ein Mädchen mitspielt, weißt du, welche Rolle sie hat. "

Welche?

"Die einzige Rapperin, die Erfolg hat, ist eine Nutte."

Sie meint die aus Polen stammende Frankfurter Rapperin und Ex-Prostituierte Schwesta Ewa, die im vergangenen Jahr wegen Steuerhinterziehung, sexueller Verführung Minderjähriger und Körperverletzung in 35 Fällen zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde. Trotz dieser Verbrechen ist Schwesta Ewa ein Vorbild für Haiyti. In ihrer Musik mischen sich Zeilen, in denen sie, wie Ewa, Frauen als "Bitches" adressiert, mit Stellen, in denen sie die weltläufige Lady gibt. Doch Haiyti geht weiter als ihr Vorbild, bezeichnet sich selbst auch mal als "Pimp" bislang ein in überdehnter Wortakrobatik ausgereiztes Ding unter Kollegen wie Kollegah ("V.I.P.I.M.P.") oder Kool Savas ("Pimplegionär").

In "Gothic Girl" rappt Haiyti über eine Frau, die "den Fuckboys" Angst einjagt, featured in ihrem Song "Schampustower" allerdings Joey Bargeld, der rappt: "Pussys kommen an, Joey macht sie nass." "Ich bin umgeben von Machos, aber die sind so erzogen. Die Tür halten sie dir trotzdem auf."

Haiyti ist ungreifbar, bleibt so halbwegs unangreifbar. Man kann es verstehen, in einem Business, das nicht an Testosteronmangel leidet; obgleich im englischsprachigen Rap männerfressende Gegenentwürfe längst Millionen verdienen, Nicki Minaj oder Iggy Azalea. Bei Haiyti ist es eher wie in ihrem Track "Kate Moss": "Ich verrate nicht, welches Spiel ich grad spiele. " Oder, wie sie jetzt am Tisch sagt: "Rap, das sind halt gewisse Codes, die man neu verknüpft. Früher war Rap silber, dann war er gold, jetzt ist er lila. Ich schimmer in allen Farben. "

"Unten rumdödeln ist auch kacke"

Haiyti verlässt das Lades, breitbeiniger Gang, auf zu dem Typen, der Videos für sie macht. Sie kennen sich aus der Mensa der Hochschule für bildende Künste, wo er sie ansprach, "der einzige Punk an der HFBK". Logisch. Geiler Zufall eben.

Sie hält an einem Leihhaus.

"Hier steh ich wöchentlich, weil ich mir die Goldpreise angucke. Das ist mein Hobby." Haiyti klebt an den Schaufenstern. Ein goldener Ring mit blauem Stein, mutmaßlichem Safir, gefällt ihr gut, 995 Euro, wer könnte das zahlen? Universal eher nicht, "die hab ich schon ausgenommen wie eine Weihnachtsgans" . Hohes Knarzen.

Haiytis Texte handeln häufig vom Gold und vom Rausch. "Viel Proll und Drogen"

Haiytis Texte handeln häufig vom Gold und vom Rausch. "Viel Proll und Drogen"


Haiytis erstes Album bei dem Major-Label heißt "Montenegro Zero". Der Titel kam ihr zufällig, aber die Null darin deutet schon einen Neustart an. Sie klingt darauf immer noch rau, rappt nun aber öfter über das eine Thema des Pop, die Liebe. Sie hat jetzt mehr "Industriefuzzis" um sich, einer ihrer Manager hatte selbst Angst, "dass er mir die Zufälle versaut". Sieht sie das auch so? "Nun ja", sagt Haiyti. "Unten rumdödeln ist auch kacke."

Ein WG-Zimmer in der Hafencity, in dem Kabel aus der Decke ragen, wo Lampen hängen könnten. Zu Hause beim Videopunk. Haiyti und er sitzen vor einem Bildschirm, sie ist sein Desktophintergrund, er startet die rohe Auswahl der Szenen für "Gold". Haiyti auf einem Boot, als Diva mit Kopftuch, Sophia-Loren-Style. Haiyti auf einem verlassenen Sportplatz, Booze in der Hand, ein Gang wie ein Fußballtrainer. "Cut", ruft Haiyti, "Schnitt", die Schnipsel laufen gerade mal ein paar Sekunden.

"Was soll das für eine Story sein?" , fragt Haiyti.

"Na ja. Ursprünglich war es ja so, dass wir einen Tag abbilden", sagt der Videopunk.

"Aber das versteht doch keiner", sagt Haiyti. "Außerdem war das doch eh alles Zufall."