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Deutsche Produktion: Fast so düster wie ihre Serie: Das sind die Macher vom Netflix-Hit "Dark"

Die Mystery-Serie „Dark“ ist in den Köpfen des Regisseurs Baran Bo Odar und der Drehbuchautorin Jantje Friese entstanden. Wie viel von ihnen steckt in ihrem Werk? Eine Begegnung im Wald.

Baran Bo Odar und Jantje Friese

Baran Bo Odar und Jantje Friese sind die Köpfe hinter der ersten deutschen Netflix-Serie "Dark"

Ein aufstrebender deutscher Regisseur, nennen wir ihn Mr. X., bringt vor drei Jahren einen Film in unsere Kinos, der sowohl Rekorde bricht, was die Zuschauerzahlen betrifft, als auch mit mehreren Preisen ausgezeichnet wird: "Who Am I" . Ein respektabler Erfolg, aber nicht außergewöhnlich.

Außergewöhnlich ist das, was folgt: Hollywood ruft an, für viele ein unerfüllter Traum. Normalerweise interessieren sich die großen Studios heute eher nicht für deutsche Regisseure. Mit Mr. X dagegen will sich der Schauspieler Jamie Foxx treffen und ihn als Regisseur für seinen nächsten Film gewinnen, daraus entsteht der Blockbuster "Sleepless". Auch Reed Hastings, der Chef des Seriengiganten Netflix, hat die deutsche Produktion "Who Am I" gesehen und will mit Mr. X zusammenarbeiten.

Baran Bo Odar: "Baran Who Odar?"

Mr. X heißt Baran Bo Odar und ist einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure der vergangenen Jahre. Doch nennt man seinen Namen, ist oft zu hören: "Baran Who Odar?" Auf Twitter folgen ihm nicht mal 700 Menschen. Bisher gibt es kaum Zeitungsartikel über ihn. Googelt man ihn, findet man wenig.

Wie kann das sein?

Baran Bo Odar stapft durch einen Wald in Brandenburg. Hier hat er "Dark" gedreht, eine Mystery-Serie und die erste deutsche Netflix-Produktion, seit diesem Monat ist sie zu sehen. Odars Frau Jantje Friese läuft mit durch den Wald, sie hat das Drehbuch geschrieben, er hat Regie geführt.

Odar und Friese haben selbst vorgeschlagen, uns hier im Wald zu treffen, sie wollen Drehorte zeigen, die wichtig für die Serie sind, eine Höhle, eine Hütte. Wir laufen durch einen dichten Forst aus Fichten, vom Dreh aus dem vergangenen Winter flattern noch rot-weiße Absperrbänder an den Bäumen. Der Wald liegt rund eine Stunde von Berlin-Mitte entfernt, wo Odar und Friese mit ihrer gemeinsamen Tochter leben.

Der Zehnteiler beginnt im Jahr 2019 in einer fiktiven Kleinstadt namens Winden. Dort verschwinden Kinder, Vögel fallen tot vom Himmel. Vier Familien machen sich auf die Suche nach den Vermissten und den Ursachen der unheimlichen Vorfälle. Hat das nahe gelegene Atomkraftwerk etwas damit zu tun? Oder die Höhle in dem Wald, der Winden umgibt? Wirkt eine unheimliche Macht in ihr? Und warum ist 33 Jahre zuvor schon einmal Ähnliches passiert?

Der Plot der Serie klingt mysteriös wie seine Schöpfer selbst. Eigentlich wollten wir Baran Bo Odar schon beim Dreh begleiten war nicht erwünscht. Insgesamt drei Jahre lang haben wir versucht, ihn zu treffen, kein Interesse. Zu Beginn des Gesprächs entschuldigen sich beide höflich für die Jahre des Schweigens. "Wir geben nicht gerne Interviews, drängen uns nicht in den Vordergrund. Für einen Filmemacher ist das, was man macht, das, was man sagen will." Friese spricht solche Sätze und schreitet dabei über das Herbstlaub, kühl wie eine Figur aus einem Roman von Christian Kracht.

Geht es nur darum? Die Künstler wollen lieber ihr Werk für sich sprechen lassen? Bevor Odar und Friese diesem Treffen zustimmten, ließen sie sich Texte des Autors schicken, um zu sehen, mit wem sie es zu tun haben ungewöhnlich argwöhnisch, oder?

"Wir sind einfach misstrauisch", sagt Odar, auf dessen schwarzem Pulli der Schriftzug "Blackdays some days are darker" steht.

"Du bist ein Misanthrop, und ich bin ein theoretischer Philanthrop" , sagt Friese, an ihren Mann gerichtet. Soll heißen: Eigentlich mögen sie Menschen, aber nur eigentlich.

Erstaunliche Sätze, und womöglich ein erster Hinweis darauf, weswegen die Serie "Dark" ist, wie sie ist: kühl, düster, manchmal befremdlich.

Wie es zu "Dark" kam: "ES IST NETFLIX, Bo!"

Selbst für Giganten des Filmgeschäfts sind Odar und Friese schwer zugänglich, störrische Charaktere. Der Eindruck verstärkt sich, als Odar erzählt, wie es zu dem Netflix-Projekt "Dark" kam: Er war gerade mit den Vorbereitungen zu "Sleepless" beschäftigt, dem Film mit Foxx. Er ignorierte Mails und Anrufe. Wenn er arbeitet, dann richtig. Irgendwann kam sein Agent auf ihn zu und sagte: "Es wäre gut, mit denen zu sprechen. ES IST NETFLIX, Bo. "

"Dann habe ich halt mit denen gesprochen", sagt Odar und klingt, als hätte ein Staubsauger-Vertreter bei ihm geklingelt. Dabei waren es führende Mitarbeiter der Firma, die in den vergangenen Jahren Sehgewohnheiten verändert hat über Kinofilme redet man kaum noch, dafür ständig über Serien.

Boran Bo Odar ist keiner, der um jeden Preis gefallen möchte. Einer, der lieber "nein" als "ja" , sagt. Einer, der das Versteck lieber mag als die Öffentlichkeit. Ein Zögerer und Verweigerer. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass er einem Mr. X gleicht, einem Unauffindbaren? Vielleicht ist er aber auch einfach ein Künstler, der keinen Applaus braucht?

In der Höhle, zu der Odar und Friese nun führen, geht in der Serie ein seelisch wie körperlich vernarbter Charakter ein und aus. "Dark" beschreibt die Provinz als einen Ort der Lüge und Geheimnisse, die Figuren wirken resigniert, als hätte das Leben sie enttäuscht. Der Wald verstärkt in der Serie das Düstere der Geschichte, ein Schreckensort des Menschen, Ursprung der Angst.

Je tiefer man in den Wald läuft, desto mehr öffnen sich Odar und Friese. Begonnen hat ihre Beziehung vor rund 15 Jahren, an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Dort traf Friese, geboren 1977 in Marburg, auf Odar, aufgewachsen in Erlangen. Sie, die als Kind schon ein Film-Nerd war, wie sie sagt, sozialisiert zwischen "Twin Peaks" und "Beverly Hills, 90210" . Und er, der sich erst spät für den Film begeisterte. Sie, die dreimal die Woche ins Kino ging und bereits als Teenager wusste, dass sie unbedingt zum Film muss. Er, der eigentlich Maler werden wollte, sich aber mangels Aussicht auf Erfolg fragte, welcher Beruf noch mit Bildern zu tun hat. Erst aus dieser eher rationalen Überlegung heraus entwickelte sich seine Leidenschaft für den Film.

Seit ihrer Münchner Zeit haben Friese und Odar an mehreren Filmen zusammengearbeitet. Sie sind ein Team, der Regisseur und die Drehbuchautorin. In Deutschland stehe, anders als in den USA, immer der Regisseur im Vordergrund. "Doch für uns war sowohl ,Who Am I‘ als auch ,Dark‘ eine kollaborative Arbeit", sagt Odar. Tatsächlich achtet er darauf, dass ihre Arbeit die gleiche Aufmerksamkeit bekommt wie seine. Eine weitere Bedingung gab es deswegen vor diesem Treffen: Odar gehe nur mit uns in den Wald, wenn die Frau mitkommen dürfe, die die Bücher für seine Filme schreibt.

"Da ist der Höhleneingang" , sagt er, der sich nach seinen Initialien Bo nennt, und zeigt auf eine Senke, ein Fluss muss sie früher einmal in den Waldboden gegraben haben. Die Höhle, in deren Tiefen sich das Geheimnis des Dorfs Winden Episode für Episode lüftet, ist aber nirgends zu sehen. Sie wurde vor dem Dreh in den Graben eingearbeitet und danach wieder abgebaut, nun lagert sie in Berlin, vielleicht braucht man sie ja noch mal für eine zweite Staffel.

Auf unserem Spaziergang wirkt der Wald etwas freundlicher als in den Bildern, die man noch im Kopf hat. In der Serie ist die Höhle immerzu in dichten Nebel gehüllt, der kam jedoch aus Schläuchen. Heute ist der Wald sonnenklar, und die rot-weißen Absperrbänder vom Dreh wirken so praktisch-alltäglich, dass sie der Geschichte das Beklemmende nehmen. So versöhnt einen der Spaziergang mit dem Wald, diesem Ort des Bösen.

Für den Dreh ließ Odar eine Höhle in diese Senke bauen. Der Spaziergang wirkt da wie eine Erlösung: Der Wald ist sonnig, und der gruselige Nebel kam aus Schläuchen.

Für den Dreh ließ Odar eine Höhle in diese Senke bauen. Der Spaziergang wirkt da wie eine Erlösung: Der Wald ist sonnig, und der gruselige Nebel kam aus Schläuchen.


Plötzlich steht ein gewaltiger Satz im Raum: "In ,Dark‘ stecken viele Bilder aus unserer Kindheit" , sagt Odar. Sein Vater arbeitete damals als Chemiker für die Atomindustrie, fuhr von Meiler zu Meiler. Monatelang war er in der Schweiz beschäftigt, weswegen Baran Bo Odar dort geboren ist. Schweizer ist er nicht, sondern Deutscher. Seine Mutter hat türkische Wurzeln, daher der Name. Dem jungen Odar war der Beruf des Vaters peinlich; in Zeiten der AKW-Nein-Danke-Pins verleugnete er ihn, sagte nur, der Vater sei Manager.

In einer Episode muss sich ein Junge vor seiner Mutter bis auf die Unterhose ausziehen, jedes Mal, wenn er das Haus betritt. Im echten Leben habe seine Mutter das auch von ihm verlangt, erzählt Odar, er habe das als erniedrigend empfunden. "Ich mache meine Filme auch, damit meine Eltern sie sehen und was begreifen", sagt er.

In einer anderen Folge wird ein Mädchen nachts an einen Baum gefesselt und sich selbst überlassen. Inspiriert ist die Szene von Frieses Vater. Er band seinen Bruder einst an einen Baum. In Odars und Frieses Kindheit war manches kompliziert.

Woher kommt die Faszination für solche Charaktere?

Nach knapp zwei Stunden Waldspaziergang, die Herbstkälte zieht langsam in die Glieder, erreichen wir die Hütte. Dort lebt in der Serie der abgeschiedene Geist, der ihr Geheimnis kennt. Woher kommt diese Faszination für solche Charaktere?

"Ich habe in der Pubertät entschieden, mich auf die düstere Seite zu begeben. Sie erklärt mir mehr als die gute Seite", sagt Odar. Mit zwölf habe er Dostojewskis "Schuld und Sühne" gelesen. "Das hat in meinem Kopf was kaputt gemacht." Er habe sich gefragt, wie das möglich sei, dass wie in dem Roman ein normaler Student Menschen umbringt und daran Gefallen findet. "Für uns sind solche Geschichten eben auch Realität" , sagt Friese, wieder kommt das kühle Menschenbild durch: "Menschen, die nur gut sind, gibt es nicht, jeder hat seine Schattenseiten."

Dass Odar und Friese ihre Erfahrungen in einer mehrteiligen Serie verarbeiten können, liegt auch daran, dass die veränderten Sehgewohnheiten einen neuen Markt geschaffen haben: Netflix-Serien finden ihr Publikum weltweit, deshalb können die Macher auch Nischen bedienen in einem einzelnen Land mag es nur wenige Fans schräger und anspruchsvoller Formate geben, doch global addieren sie sich zu einer Masse, einem Markt.

So können Odar und Friese es sich leisten, den Zuschauer zu fordern. Der Plot streckt sich über drei Zeitebenen und etliche Charaktere schwer, den Überblick zu behalten. "Die Serie braucht einen aufmerksamen Zuschauer" , sagt Friese. "Wir überfordern lieber, als dass wir unterfordern." Wieder: Sie wollen nicht gefallen. "Ich freue mich mehr über 10 000 koreanische als über 10 000 Tatort-Zuschauer", sagt Odar.

"Wir hatten die Freiheit, unser Ding zu machen"

Wenn ohnehin für ein Nischenpublikum produziert wird, lassen die Firmen den Machern mehr Freiheit, Odar hat den direkten Kontrast erlebt. Als er "Sleepless" drehte, hatte er diese Möglichkeit nicht, auf den finalen Schnitt hatte er kaum Einfluss. Unter diesen Voraussetzungen würde er den Film nicht wieder drehen. Über "Dark" sagt er dagegen: "Wir hatten die Freiheit, unser Ding zu machen." "Dark" könnte eine Kultserie wie "Stranger Things" werden. Die Titel ähneln sich: Kinder, die in der Provinz verschwinden, eine geheimnisvolle Kraft im Hintergrund, jede Menge 80er-Referenzen.

Nach einem langen Spaziergang geht es zurück nach Berlin, die Tochter aus der Schule holen. Als Odar selbst zwölf Jahre alt war, hatte sein Vater ein Jobangebot in Frankreich. Er wollte zusagen, fragte aber seine Kinder, sie heulten, der Vater lehnte ab. "Finde ich noch heute toll" , sagt der Sohn. "Es kann ja nicht immer ums Ego gehen. "

Seine Frau und ihn kann man sich gut als sorgende Eltern vorstellen, sie haben ähnlich entschieden wie einst Odars Vater: Beim Dreh der Serie "Dark" war es ihnen wichtig, dass die Drehorte nah an Berlin liegen, aus Rücksicht auf ihre Tochter.

Dennoch, Odar bleibt eher der Typ Glas halb leer. Als er Reed Hastings, den CEO von Netflix und wohl einflussreichsten Filmschaffenden derzeit, erstmals traf, schwärmte der von "Who Am I" . Er habe den Film im Flugzeug auf dem Handy gesehen, what a great movie! Odar hätte sich einfach freuen können, er dachte aber nur: "Oh Mann, auf dem Handy."