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Meinung

Eine Ode an das Idol der Stunde: Megan Rapinoe tut, was Messi und Ronaldo sich nie trauen würden – und wird zur Heldin

Rassismus, Sexismus und blanker Hass bahnen sich den Weg ins Fernsehen, in die Zeitungen und ins Internet. Und das jeden Tag. Es wäre leicht, da jegliche Hoffnung zu verlieren – gäbe es nicht die Superheldinnen der Stunde.

Megan Rapinoe

Megan Rapinoe schreibt die Heldengeschichte, die unsere Welt so dringend braucht

Picture Alliance

In einer Zeit, da mit Donald Trump ein intoleranter, rassistischer Frauenfeind im Weißen Haus sitzt, ein großer Teil der Briten mit der EU nichts mehr am Hut haben will und die AfD und ihre hässliche Fratze Einzug in die Gesellschaft gehalten haben, könnte man durchaus in eine mittelschwere Depression verfallen. Aber, Achtung vor voreiligen Schlüssen: Denn zu jedem Bösewicht gehört mindestens ein Superheld, der alles in seiner Macht Stehende unternimmt, um den Übeltäter auszulöschen. Das klingt jetzt womöglich martialischer als es gemeint ist und erinnert eher an Marvel als an westliche Demokratien im 21. Jahrhundert, aber die Gemüter sind ja nicht ohne Grund so erhitzt. Ein kurzer Blick auf Facebook reicht und man würde am liebsten das Smartphone an die Wand pfeffern, sodass es in tausend kleine Stücke zerplatzt und mit ihm der ganze Hass. Doch am Ende dieses langen, dunklen Tunnels schimmert ein Licht, wie eine Fackel, getragen von den Hoffnungsträgerinnen unserer Zeit.

Megan Rapinoe ist die Heldin der Stunde

Die Superheldin der Stunde heißt Megan Rapinoe. Die US-Amerikanerin hat gerade die Weltmeisterschaft im Frauenfußball gewonnen. Und ja, Rapinoe ist eine großartige Sportlerin, ist Torschützenkönigin und nicht umsonst das Idol vieler Fußballfans in den USA. Aber darüber hinaus ist sie, man kann es nicht anders formulieren, einfach eine unglaublich coole Socke. "Ihre Botschaft grenzt Menschen aus. Sie grenzen mich aus, Sie grenzen Menschen aus, die wie ich aussehen, Sie grenzen farbige Menschen aus, Sie grenzen Amerikaner aus, die Sie vielleicht unterstützen", sagte sie gerade erst im US-Fernsehen und blickte dabei frontal in die Kamera. Klug, unverblümt, direkt und auf den Punkt. Rapinoes Adressat, na klar, war US-Präsident Trump. Mit einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht, übt sie so pointiert Kritik am politischen System und den aktuellen Machthabern wie sonst nur wenige.

Ihre Motivation ist intrinsisch

Und auch wenn der ewige Vergleich von Fußballern und Fußballerinnen mittlerweile nur noch nervt, muss gesagt sein: Einen Messi, einen Ronaldo, einen Kroos oder auch einen Thomas Müller kann man sich in dieser Situation beim besten Willen nur schwer vorstellen. Mag daran liegen, dass Rapinoe als homosexuelle Frau mit deutlich mehr Ressentiments und Hindernissen aufgewachsen ist als ihre heterosexuellen, weißen, männlichen Kollegen.

Und vermutlich hat sie mit ihren Reden und ihren so eindrucksvollen Auftritten gerade deshalb so eine starke Wirkung: Denn sie handelt aus intrinsischer Motivation heraus. Sie ist selbst betroffen. Niemand hat ihr gesagt, dass sie die US-Hymne nicht mitsingen soll. Keiner hat sie beauftragt, gegen den US-Präsidenten zu sein. Im Gegenteil: Rapinoe erfährt am eigenen Leib, was es heißt, zu einer Minderheit zu gehören. Ungerechtigkeiten zu spüren. Die Reichweite, die sie sich mit ihrem Talent und ihrer Disziplin erarbeitet hat, zu nutzen, ist einzig und allein ihre Entscheidung gewesen.

Rapinoe wird von der jubelnden Masse geliebt

Zugegeben: Es ist schön zu erleben, wie sehr Donald Trump von der Fußballerin genervt ist. Als sie verkündete, nach einem möglichen Sieg ihrer Mannschaft nicht ins Weiße Haus gehen zu wollen, antwortete er beleidigt. Sie solle das Turnier erstmal gewinnen, bevor sie große Töne spucke. Jetzt, einen Tag nachdem sie ihn bei CNN aufgefordert hat, seine Politik zu ändern, pöbelte er auf Twitter mal wieder gegen den von ihm so verhassten TV-Sender, dessen Quoten immer schlechter würden.

Vermutlich ist Trumps überdimensioniertes Ego auch deshalb angekratzt, weil Rapinoe von der jubelnden Masse geliebt wird. Sie ist keine kleine Außenseiterin, über die er sich lustig machen und die er mit einem Tweet zerstören kann. Sie ist eine Heldin, und besonders die Amerikaner lieben Heldengeschichten.

Idole braucht die Welt

Aber sich nur darüber zu freuen, dass Rapinoe Trump den Kampf angesagt hat, würde ihr nicht gerecht werden. Denn das viel größere Pfund ist ihre Rolle als Idol für junge Mädchen und Jungs. Die Beflockung ihres Namens auf den Fußballtrikots der US-Frauennationalmannschaft war zwischenzeitlich so gefragt, dass einem Geschäft in Brooklyn, New York, kurzerhand die nötigen Buchstaben ausgingen. Und welches Bild könnte mehr Hoffnung schenken als das vieler kleiner Mädchen, die in einem Rapinoe-Jersey die Straße entlanglaufen? Die sich das Selbstbewusstsein des Superstars einverleiben, weil es ihnen gar nicht in den Sinn käme, dass über ihnen eine gläserne Decke sein könnte, die ihnen den Erfolg verwehrt.

Bei den ganzen Bösewichten und Fieslingen auf der Welt darf man die vielen aufstrebenden Superheldinnen nicht vergessen. Es wächst eine Generation heran, deren Vorbilder Rapinoe, Ocasio-Cortez, Gonzalez, Obama, Watson oder Thunberg heißen. Wenn man mal wieder kurz davor ist, dass Smartphone zu zerschmettern und auf eine einsame Insel auszuwandern, sollte man sich genau das ins Gedächtnis rufen.