HOME

Politik: Der beste Job der Welt

Geld, Einfluss, Ansehen? Wer heute Karriere macht, will mehr: Verantwortung, Werte, Sinn. Die Flüchtlingskrise bietet Berufsanfängern genau solche Chancen. Vier Beispiele, was möglich ist.

Philip Bertram auf dem Weg zu seiner Arbeit. Er leistet Flüchtlingshilfe in einer Berliner Erstunterkunft.

Auf dem Weg zur Arbeit: Philip Bertram leistet Flüchtlingshilfe in einer Berliner Erstunterkunft.

Text: Johanna Roth | Fotos: Patrick Desbrosses

Eine Sporthalle am Rande von Erlangen, typische Waschbetonoptik aus den Sechzigern. Auch in einer fränkischen Stadt gibt es aufregendere Orte. In der Umkleide mit den grellgelb lackierten Wänden riecht es nicht mehr nach Muffigkeit und Schweiß, sondern nach Waschmittel und dem gekochten Gemüse, das es zum Mittagessen gab. Sebastian Voit, 28, sitzt an einem einfachen Holztisch in der Mitte des Raumes, vor ihm Computer, Drucker und ein Stapel Akten. Ein Zehnkilosack Waschpulver steht offen neben einer der Umkleidebänke. Ständig öffnet sich die Tür, junge Männer und Frauen mit kleinen Dosierbechern in der Hand fragen mal auf Englisch, mal auf Arabisch, ob sie sich ein bisschen Waschpulver nehmen dürfen.

Vor einem Jahr stand Sebastian im dunklen Anzug an einem Stehtisch in Hamburg und schüttelte Diplomatenhände bei Empfängen des Euro-Mediterran-Arabischen Ländervereins. Dort machte er damals ein Praktikum. Jetzt arbeitet er als Leiter der zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierten Turnhalle. Zusammen mit einem Kollegen verantwortet er hier die Organisation des täglichen Lebens: Er ist genauso Herr über das Waschmittel wie über Betten, Kleidung und Lebensmittel, vermittelt Sprachkurse und Wohnungen und hilft bei Behördengängen. Viel wichtiger aber: Mit seinem ausufernden Vollbart und fast fließenden Arabisch ist Sebastian die entscheidende Vertrauensperson für 170 Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak.

Heimleiter Sebastian Voit ist wichtigste Vertrauensperson für 170 Flüchtlinge – seine ruhige Art, der volle Bart und fließende Arabischkenntnisse helfen ihm dabei.

»Dass ich das hier mal machen würde, hätte ich nicht gedacht«, sagt er. Nach seinem Abschluss im letzten Jahr war er wieder in seine Heimatstadt München gezogen, um zu schauen, wo seine Karriere hingehen soll. Er schrieb an seiner Masterarbeit und dachte darüber nach, noch mal ins Ausland zu gehen. Dann rief ein Studienfreund aus Erlangen an: Der Arbeiter-Samariter-Bund suche dringend Unterkunftsleiter. Sebastian war unsicher: Konnte er das schaffen? Plötzlich Verantwortung für so viele Menschen zu tragen? Nach einem Tag Probearbeiten sagte er zu.

Für Flüchtlingshilfe braucht es Mut

Die ersten Monate waren nicht einfach. Leiten heißt hier, Entscheidungen zu treffen, die unmittelbare Konsequenzen für das Leben der Bewohner haben. Oft auch, den Bewohnern die Entscheidungen der Behörden beizubringen. »Dann steht man da und muss dem einen erklären, warum der andere nun eher eine Wohnung bekommt. Das war anfangs oft ein mieses Gefühl«, sagt Sebastian.

Ständig klingelt mindestens ein Telefon, Bewohner brauchen eine Übersetzung oder jemanden zum Reden. »Ich hab mir nach den ersten Wochen überlegt: Es gibt keine Probleme, sondern nur Herausforderungen«, sagt er und grinst. »Das klappt ganz gut.« Vor der Tür lassen ein paar Kinder aus Syrien einen Fußball durch die Gänge knallen. Das Schönste an seiner Arbeit seien Familienzusammenführungen, sagt Sebastian. »Schon dabei zu helfen, die nötigen Formulare auszufüllen, ist ein gutes Gefühl. Es gibt wenige Jobs, wo man so etwas erleben kann.«

Wer sich traut, als Berufsanfänger so viel Verantwortung wie Sebastian zu übernehmen, hat im Moment Chancen wie seit Jahren nicht. Allein der ASB betreibt bundesweit gut 200 Flüchtlingsunterkünfte, in denen 53.000 Menschen leben. Auf Suchportalen im Netz findet man Tausende solcher Stellenangebote: als Heimleiter und Ehrenamtskoordinator, aber auch in der Sozialberatung und als Erzieher für minderjährige Flüchtlinge, die ohne Familie nach Deutschland gekommen sind.

Mit 24 Jahren eine Erstunterkunft leiten

Manchmal muss man nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen sein. Dann braucht es nicht einmal ein abgeschlossenes Studium, um plötzlich eine ganze Einrichtung zu managen. Philipp Bertram ist so ein Fall. Mit gerade mal 24 Jahren wurde er 2015 stellvertretender Leiter einer der größten Erstunterkünfte in Berlin. An den Türen noch die alten Schilder des Rathauses: Raum 72, Materialverwaltung. Dort ist jetzt die Kleiderkammer. Hunderte Menschen wohnen hier, manchmal kommen über hundert am Tag. An einem Montagabend, es ist schon lange dunkel, schiebt Philipps schmale Gestalt sich ruhig durch die Menschentraube, die sich vor seinem Büro drängelt. Er kümmert sich als Erstes um eine syrische Familie, die nächtelang vor dem Sozialamt auf ihre Registrierung als Asylbewerber gewartet hat. Sie sitzen scheu auf den Stühlen, während er für sie Betten, Kleidung und Essen organisiert. Philipp war in Wilmersdorf von Anfang an dabei. Als er hörte, dass Flüchtlinge dort einziehen sollten, gründete er ein Freiwilligennetzwerk, half Tag und Nacht im ehemaligen Rathaus. Sein VWL- und Politikstudium ließ er schleifen, genauso seinen Nebenjob im Eventmanagement. Es gab plötzlich Wichtigeres zu tun. Nach ein paar Wochen bekam er einen Arbeitsvertrag. Sein Studium mache er irgendwann bestimmt fertig, sagt er.

Letzten Herbst gründeten Franziska Birnbach und Sarah Rosenthal »Start with a Friend«. Jetzt richten sie ihr eigenes Büro ein und ­haben eine Festanstellung im eigenen Verein.

Eine winzige Kneipe in Berlin-Wedding, Franziska Birnbach steht mit einem Bier in der Hand in einer Menschenmenge. Würde sie nicht über laute Musik hinweg zum wiederholten Mal versuchen, ihrem Gegenüber den Ablauf eines Asylverfahrens zu erklären, könnte man sich auch auf einer WG-Party wähnen. Aber es geht hier um geflüchtete Menschen, genauer: um Freundschaften mit ihnen. Ein typisches Treffen der Initiative »Start with a Friend«. Franziska hat den Verein zusammen mit Freunden gegründet. »Freundschaftliche Flüchtlingshilfe« lautet ihr Slogan. Ausgangspunkt ihrer Idee: Viele Bekannte wollten sich für Flüchtlinge einsetzen, aber zeitlich flexibel bleiben. Ihre Lösung: Tandempartnerschaften zwischen Geflüchteten und Berlinern vermitteln. Gesagt, getan. Homepage entworfen, Crowdfunding-Aufruf gestartet und vor allem: weitererzählt. Innerhalb weniger Monate entstanden über 200 Tandems.

Endlich auch über andere Themen sprechen

Auf Facebook kann man die ersten Erfolgsgeschichten lesen: Da ist Antonia mit Ramy aus Damaskus, der glücklich ist, endlich nicht mehr über Krieg und Flucht reden zu müssen. Da ist Birgit, die gleich mehrere Tandempartner hat, und dann ist da noch Fahed, der syrische Blogger, der sich so gut mit Franziska und den anderen versteht, dass er mittlerweile zum Team gehört.

Franziska ist 26 Jahre alt und mitten im zweiten juristischen Staatsexamen. Ihre Idee hilft nicht nur Flüchtlingen, sondern sie half auch ihr, das Studium zu Ende zu bringen. »Ich habe mit Jura eigentlich immer gehadert«, sagt sie. Die Paragrafen kamen ihr lange abstrakt und sinnlos vor bis sie das Asylrecht für sich entdeckte. »Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass hinter den Gesetzen Menschen stehen.« In der ersten Zeit finanzierte sich die Initiative über Spenden. Im November letzten Jahres dann die Chance: Das Bundesfamilienministerium stellt insgesamt zehn Millionen Euro für Projekte zur Verfügung, die Tandems und Patenschaften für Flüchtlinge vermitteln. »Die Ausschreibung war wie für uns gemacht«, sagt Franziska. Sie bewarben sich sofort, brüteten über Konzeptpapieren und Kostenaufstellungen. Zu diesem Zeitpunkt standen auf ihrer Warteliste knapp 1500 potenzielle Unterstützer.

Aus einer Idee wird ein festes Gehalt

Keine zwei Monate später bekam »Start with a Friend« die Zusage. Franziska macht jetzt ihre letzte Prüfung. Ihre Freundin Sarah Rosenthal, 31 und Volkswirtin, hat ihre unbefristete Festanstellung als Projektleiterin in einem Verlag gekündigt. Beide werden demnächst Vollzeit für ihren Verein »Start with a Friend« arbeiten mit festem Gehalt, Büroräumen und Visitenkarten.

Nicht nur Vereine, auch Start-ups sind aus der Flüchtlingshilfe entstanden. »Workeer.de« vermittelt Jobs für Geflüchtete und ging aus der Bachelorarbeit zweier Kommunikationsdesigner hervor. »More than Shelters« baut stabile Raumeinheiten für Flüchtlingsunterkünfte auf der ganzen Welt. Organisationen wie »Startsocial« unterstützen Gründer, die Flüchtlingen bei ihrem Weg nach oben mit Kontakten in die Wirtschaft helfen wollen, und geben Tipps, wie sie ihre Idee gut verkaufen können. Auch »Start with a Friend« hat davon profitiert.

Hochschulbildung für Geflüchtete weltweit

Markus Kreßler braucht in solchen Dingen keine Hilfe mehr. Man merkt sofort, dass ihm sein Studienjahr in Kalifornien gefallen hat: Statt die Hand zu geben, umarmt er einen lieber. Mit einem Coffee-to-go in der Hand führt er in sein »Büro«, einen Coworking-Space in Berlin-Schöneberg. Auf seinem Kopf wippen dunkle Locken, er trägt ein leicht geöffnetes Hemd und eine lederne Umhängetasche. Der Fahrstuhl passiert Büros, Praxen, die somalische Botschaft im dritten Stock. Oben unterm Dach heben Kleingruppen mit Laptops auf den Knien den Kopf zu einem gemurmelten »Hi«. Nur ein Blatt Papier an der Eingangstür verrät: Hier wird die Bildung der Zukunft gemacht. Ein großes K steht für »Kiron«, so heißt das Start-up, das Markus und sein Geschäftspartner Vincent Zimmer 2015 gegründet haben. Sie vermitteln Onlinehochschulbildung für Geflüchtete weltweit. Statt in Camps und Unterkünften in Lethargie zu verfallen, können alle, die sich als Flüchtlinge ausweisen, Kurse belegen, zum Beispiel in Wirtschafts- oder Ingenieurwissenschaften. Sie brauchen dazu weder Geld noch Schulabschluss.

Markus Kreßler hat ein Social-Start-up gegründet. Die Verant­wortung, die er trägt, ist groß. Die ­Rendite größer: das Gefühl, etwas Sinnvolles geschaffen zu haben.

Mit dieser Idee ist Markus innerhalb weniger Monate Geschäftsführer eines Social-Startups mit fünfzehn Angestellten geworden. Bald wird er nach Jordanien fliegen, um Kiron dem Königshaus vorzustellen. Er trägt Verantwortung für Hunderte Lebensläufe und für viel Geld: Kiron hat Partnerschaften mit Unternehmen wie Google und BMW. Insgesamt bewegt das Start-up ungefähr eine Million Euro, die hauptsächlich für Personal und IT draufgehen.

Innovationen, die wirkliche Probleme lösen

Markus hat wenig Zeit zwischen zwei Terminen, sein iPhone pingt ununterbrochen. »Young Professionals« nennen Personaler Menschen wie ihn: jung, gut ausgebildet, etwas Berufserfahrung, potenzielle Führungskraft. Er hat Psychologie und Wirtschaft studiert, nebenher in einer Unternehmensberatung gejobbt. Das Prinzip Social Entrepreneurship kennt er aus seinem Auslandssemester in San Diego. Markus und Vincent haben gut investiert: Rund 1250 Flüchtlinge sind eingeschrieben. Sie haben nicht nur Zugang zu Onlineseminaren, sondern auch zu Sprachkursen, zu Mentoringprogrammen und zu einer Codingakademie, in der sie programmieren lernen können.

Markus Kreßler und seine Mitarbeiterin ­Katharina Dermühl ermöglichen Geflüchteten mit dem Start-up Kiron Onlinehochschul­bildung.

Eigentlich wollten Vincent und er ein neues Konzept einer Online-Uni entwerfen und ihre Idee als digitale Bildungsrevolution verkaufen. Dann kam die Frage nach dem Sinn: Was, wenn sie das Konzept nutzten, um speziell geflüchteten Männern und Frauen ein Studium zu ermöglichen? Doch die eigentliche Frage, die nicht nur Markus antreibt: »Warum Innovationen nur für großes Geld machen, wenn man damit doch auch die wirklich wichtigen Probleme lösen kann?«


Dieser Text ist in der Ausgabe 04/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

Vorurteil: Frauenfeindlichkeit