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Interview

Bayernwahl: Mit 25 in den Landtag?! Aber nach München ziehen, will diese Grünen-Politikerin trotzdem nicht

Eva Lettenbauer ist 25 Jahre alt, weiblich, Wirtschaftsingenieurin – und sitzt wahrscheinlich bald im bayerischen Landtag. Warum sie trotzdem nicht nach München zieht und bald erst einmal Wandern geht, erzählt sie NEON im Interview.

Eva Lettenbauer war Spitzenkandidatin der Grünen Jugend Schwaben für den Landtagswahlkampf in Bayern

Florian Siekmann und Eva Lettenbauer, das Spitzenduo der Grünen Jugend Bayern zur Landtagswahl, werden am Wahlabend in München von ihren Anhängern gefeiert

Hätten am Sonntag bei der Landtagswahl in Bayern nur Leute unter 30 Jahren ihre Stimme abgegeben, würde das Wahlergebnis ein bisschen anders aussehen. Zwar bekäme immer noch die CSU die meisten Stimmen, doch die Grünen finden bei den Jungen noch mehr Wähler als im Gesamtdurchschnitt. Mit 25 Prozent lägen sie knapp hinter der CSU. Ein Ergebnis, das die aktuelle Situation von Eva Lettenbauer perfekt widerspiegelt: Die 25-Jährige war Stimmkreiskandidatin im ländlichen Donau-Ries in Schwaben. Zwar gehen alle Direktmandate für den Wahlkreis Schwaben an die CSU, aber den Grünen gelingt auch in diesem Teil des Freistaates ein historisch gutes Ergebnis – und Eva Lettenbauer wird wahrscheinlich in den Landtag einziehen. Bis das amtliche Endergebnis feststeht, erreicht NEON sie in in München:

Eva, du wirst wahrscheinlich mit 25 Jahren als eine der jüngsten Abgeordneten in das bayerische Landesparlament einziehen. Wie fühlt sich das an?

Es ist einfach eine super Neuigkeit. Mit einem Mandat im Landtag kann man die eigenen politischen Ideen konkret umsetzen – das möchte natürlich jeder, der politisch aktiv ist. Aber ich weiß, dass das Ergebnis noch gar nicht sicher ist, weil Bayern ein kompliziertes Wahlsystem hat, bei dem die Erst- und Zweitstimmen eine große Rolle spielen. Aber ich konnte Stimmen von Menschen gewinnen, die vor ein paar Jahren sicher nicht Grün gewählt hätten.

Hast du damit gerechnet?

Bisher war ich ehrenamtlich Politikerin. Aber ich bin der Überzeugung, dass es auch in ländlichen Gebieten Leute geben muss, die sich in die erste Reihe stellen und kämpfen. Mit unseren Ideen haben das jetzt viele motivierte Politikerinnen und Politiker in Bayern geschafft. Ich würde mich auf jeden Fall sehr freuen, wenn es wirklich klappt.

Was machst du jetzt als erstes nach dem langen Wahlkampf?

Wahrscheinlich bleibt mir gar nicht so viel Freizeit. Es geht ja schon im Laufe der Woche los mit der Politik im Landtag. Aber ich hoffe, es gibt demnächst mal ein Wochenende, an dem ich einfach wandern gehen kann. Wo es keinen Handyempfang gibt und man eine gute Zeit hat.

Wo warst du am Wahlabend?

Ich war erst in meinem Stimmkreis in Donau-Ries im Landratsamt und auf der Grünen-Party. Später bin ich nach München gefahren, weil ich dort einen Auftritt auf der landesweiten Party hatte, als Spitzenkandidatin der Grünen Jugend. Es war ein historischer Abend für uns und da kann man sich auch ordentlich freuen. Wir wurden wirklich überschwänglich in München empfangen und es ist ein toller Abschluss, wenn man wochenlang im Wahlkampf alles gegeben hat. Die Freizeit investiert hat an den Wahlständen, um für eine andere Politik zu kämpfen. Da gilt der Dank natürlich allen Aktiven, die uns unterstützt haben.

Wie hast du den Wahlkampf in Bayern erlebt?

Es war einfach ein massiver Haltungswahlkampf – es ging darum, Menschlichkeit zu zeigen und eine klare Haltung einzunehmen. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen inhaltliche Vorschläge wollten und nicht nur Parolen hören oder einen Konflikt mit dem Bund beschwören. Inhalte statt Populismus, das kam an. Ich habe ganz massiv auf Inhalte gesetzt und konkrete Vorschläge gemacht, wie man die Klimakrise bekämpfen kann, wie man in Bayern Zusammenhalt fördert, statt Parolen zu dreschen  Das kam sehr gut an, da wir einen klaren Gegenentwurf zur Politik der CSU darstellen konnten.

Die Grünen haben ein historisches Ergebnis eingefahren mit 17,5 Prozent. Was habt ihr richtig gemacht?

Ich bin überzeugt, dass es wirklich um die Haltung ging und den Ansatz, konkret Probleme zu lösen: Für Freiheit statt Überwachungsstaat, für eine menschliche Asylpolitik, konkrete Ideen für eine Energiewende. Es war gut, dass wir uns nicht auf Diskussionen über nicht vorhandene Probleme eingelassen haben. Die CSU hat zum Beispiel von einem Massenansturm von Flüchtlingen auf die Grenze gesprochen, den es aktuell gar nicht gibt. Themen und Menschlichkeit statt interne Querelen – das kam an.

Deine Partei ist der Gewinner der Landtagswahl. Regieren werden die Grünen aber wahrscheinlich nicht, weil die CSU aktuell eine Koalition ablehnt. Wie siehst du das?

Ganz starke Grüne sind in jeder Hinsicht ein Gewinn für Bayern. Man wird unsere Stimme hören müssen, egal in welcher Rolle – und wir werden damit gestalten können. Es bräuchte generell eine neue Politik für Bayern, daher bin ich erst einmal froh, dass wir jetzt viel Redezeit und Öffentlichkeit im Landtag haben. Außerdem ist die AfD mit einem zweistelligen Ergebnis in den Landtag eingezogen. Daher ist es ganz wichtig, jetzt eine laute Stimme gegen den Rechtsruck zu bilden und das werden wir Grünen als zweitstärkste Kraft anpacken.

Die AfD war zwar nicht so stark wie erwartet, aber immer noch zweistellig.

Dieses Ergebnis der AfD ist immer noch viel zu hoch. Es hat sich gezeigt, dass die Strategie der CSU nicht aufgegangen ist. Sie haben versucht, die AfD klein zu halten, indem man ihr nach dem Mund redet. Ich bin überzeugt, dass wir uns jetzt ganz massiv darum kümmern müssen, deren rechtspopulistische und rassistische Politik inhaltlich zu stellen und aufzuzeigen, dass sie ganze Menschengruppen ausgrenzen und keine soziale Politik wollen.

Hat die Wahl Einfluss auf die Politik in Berlin?

Davon bin ich absolut überzeugt, denn die Wahl wird eine große Strahlkraft haben. Die Grünen im Bund werden gestärkt hervorgehen und wir hoffen natürlich auf ein gutes Ergebnis bei der Wahl in Hessen in zwei Wochen. Es zeigt sich, dass unsere Ideen immer mehr Zuspruch finden. Was die GroKo angeht, wird sich zeigen, wie es weitergeht. Aber viel wichtiger als Personalpolitik ist die Frage nach inhaltlichen Debatten: Wir müssen über die Klimakrise und die Soziale Frage reden. Wohnungsnot darf nicht nur ein Schlagwort bleiben.

Die Wahlbeteiligung war überdurchschnittlich hoch, viele junge Menschen haben gewählt. Hast du das Gefühl, dass es wieder mehr Interesse an Politik gibt?

Ich bin überzeugt, dass es die viel beschworene Politikverdrossenheit in der Jugend nicht gibt. Viele informieren sich laufend über Social Media und es wird diskutiert unter den jungen Leuten. Gerade in Bayern gibt es das Selbstverständnis nicht mehr, dass das Land nur der CSU gehören würde.

Wie geht es jetzt für dich weiter?

Wenn feststeht, ob ich wirklich im Landtag sitze, wird es schon am Mittwoch mit ersten Treffen der Fraktion losgehen. Dann geht es darum, die Zuständigkeit für ein mir wichtiges Themenfeld zu bekommen. Ich werde aber nicht nach München umziehen, denn der Landtag trifft sich drei Tage die Woche. In der anderen Zeit will ich auch in meinem Wahlkreis sein und mit den Leuten in Kontakt stehen. Ich komme ja aus einem ganz ländlichen Gebiet und gerade hier muss es noch viel mehr Diskussion geben.

Gibst du dann deinen Job auf?

Ja, Landespolitikerin ist ein Vollzeitjob und da sollte man sich drauf konzentrieren. Aktuell arbeite ich im Bereich Solarenergie und auch wenn das Team es sehr schade findet, kann ich so politisch für die Energiewende einstehen.

Was sind deine Themen für die kommenden fünf Jahre?

Definitiv die Energiepolitik. Windenergieprojekte scheitern in Bayern regelmäßig aufgrund der Regelungen, die die CSU eingeführt hat. Außerdem ist es mir wichtig, das Wahlsystem zu ändern. Es sollte ein paritätisches Wahlsystem geben, bei dem die Hälfte der Plätze verpflichtend an Frauen vergeben wird – das regeln bisher nur einige Parteien so. Der Landtag sollte nicht mehr so männlich dominiert sein. Ein drittes Projekt wäre eine nachhaltige Wirtschaftspolitik. Fördermittel sollten an nachhaltigen und ökologischen Kriterien orientiert werden und Frauen sollten in der Wirtschaft mehr unterstützt werden.

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