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Interview

Gutes Streiten, schlechtes Streiten: "Ich glaube, dass mein Zustand einem Burn-out gleichkommt"

Nicht die Liebe entscheidet, ob die Beziehung hält - sondern wie man sich streitet. Vier Paare und ein Kind erzählen, wie sie mit Zoff klarkommen. Oder auch nicht. Bei Marc, 37, und Romi, 32, stehen manchmal Job, Finanzen, Kinder und Haushalt zwischen den beiden.

Von Lisa Frieda Cossham

Gutes Streiten, schlechtes Streiten: XXX

Ein gemeinsamer Moment der Ruhe. Seit 2012 sind Marc und Romi verheiratet. Job, Finanzen, Kinder und Haushalt stehen manchmal zwischen den beiden - wie bei vielen

Die Studentin und der Banker geben ihr Bestes, aber stoßen immer wieder an ihre Grenzen. Mit den drei Töchtern im Alter zwischen ein und fünf Jahren teilen sie sich eine Vierzimmerwohnung in München-Bogenhausen. Während des Gesprächs mit Marc, 37, und Romi, 32, kommen die Jüngsten immer wieder herein – sie wollen partout nicht schlafen.

Wer kümmert sich in Ihrer Familie um was?

Marc: Ich arbeite von Montag bis Freitag, unter der Woche kümmert sich also Romi um die und den Haushalt. Ich bringe die Kinder morgens in den Kindergarten, und wenn ich abends rechtzeitig zurück bin, lese ich ihnen noch etwas vor. Aber oft komme ich erst um halb acht, und dann sind sie schon im Bett.

Romi: Das ändert sich gerade. Seit Januar kann ich wieder studieren oder abends ausgehen, weil ich fast abgestillt habe. Seitdem kümmerst du dich mehr um die Kinder. Die letzten fünf Jahre hattest du quasi keine Verantwortung zu tragen.

Marc: Ich habe eine andere Verantwortung getragen.

Romi: Ich habe fünfeinhalb Jahre nicht einen Tag alleine verbracht. Ich glaube, dass mein Zustand einem Burn-out gleichkommt.


"Wir streiten nicht"

Sicher eine anstrengende Zeit, in der sich der eigene Blick verengt. Wie gehen Sie miteinander um?

Romi: Wir streiten nicht. Wenn ich wütend bin, werde ich laut und sage, was mich stört. Marc sagt immer: Du hast ja recht. Ich antworte dann, du musst mir nicht recht geben. Sag es mir bitte, wenn du die Dinge anders siehst, denn das tust du offensichtlich. Sonst würdest du ja anders handeln. Es ist schwierig für mich, so ohne Widerstand. Wir haben darüber oft geredet. Ich kann mir gut vorstellen, dass das mit familiären Streitmustern zu tun hat.

Marc: Romi wirft mir vor, dass ich nicht konsequent bin mit den Kindern. Sie tanzen mir viel mehr auf der Nase herum. Deshalb kann ich ihr nur recht geben. Ich bin schon harmoniesüchtig. Ob das mit dem Streitmuster meiner Eltern zu tun hat, weiß ich nicht. Die haben jedenfalls lautstark gestritten. Streit belastet mich schon.

Romi: Meine Eltern haben sich nie gestritten. Ich bin ein Adoptivkind, habe zwei größere Geschwister. Wir haben unsere Eltern nie laut erlebt.

Sie scheinen da sehr verschieden zu sein.

Romi: Ich sage es, wenn mir etwas nicht passt. Wenn du dich unfair behandelt fühlst, schweigst du und schaust in dein Handy.

Marc: Darum geht es doch jetzt gar nicht. Ich wüsste gar nicht, was ich von dir fordern sollte. Ich fresse keinen Ärger in mich hinein. Es sind Arbeitsthemen, die mich mal beschäftigen. Und ja, manchmal überfordern mich die Kinder.

Romi: Aber das ist besser geworden, seit du mehr Zeit mit ihnen verbringst. Du denkst inzwischen selber daran, beim Rausgehen mal eine Windel mitzunehmen. Oder was zu trinken.


Wie erleben Sie sich im Vergleich zu anderen Elternpaaren?

Romi: Meine Freundinnen haben dieselben Probleme. Aber sie haben schneller Aufgaben abgegeben. Für sie ist es seit Jahren normal, dass sie abends weggehen. Ich frage mich, weshalb ich das nicht auch getan habe. Wohl wegen des Stillens, die haben kürzer oder gar nicht gestillt.

Marc: Ich vergleiche mich nicht. Mit Männern rede ich meist über andere Themen.

Romi: Wir kennen Väter, die öfter die Initiative ergreifen – wenn ich dich nicht explizit um etwas bitte, passiert auch nichts.

Marc: Mir fehlt der ordnende Blick, das stimmt.

"Ich wünsche mir, dass du weniger aufbrausend bist"

Würden Sie sich weniger streiten, wenn Sie beide arbeiten würden?

Marc: Das würde mehr Streit geben. Und wir bräuchten eine Putzfrau.

Romi: Die könnten wir uns gar nicht leisten. Ich müsste abends arbeiten, denn die Kita-Kosten sind erhöht worden.

Was wünschen Sie sich voneinander?

Romi: Dass du konsequenter bist. Ich brauche immer den Montag, um die Kinder zu erden nach einem Wochenende mit dir.

Marc: Ich wünsche mir, dass du weniger aufbrausend bist.

Romi: Das nennt man temperamentvoll.

Marc: Das klingt positiver, ja. Aber manchmal fände ich es gut, wenn wir die Dinge ruhiger klären könnten. Sachlicher.

Und wofür bewundern Sie sich?

Romi: Für dein Selbstbewusstsein. Ich glaube, vieles wäre einfacher, wenn ich so ein Selbstbewusstsein hätte.

Marc: Ich bewundere deine konsequente Erziehung. Diese Kombination aus Hingabe und Strenge, die schaffst du gut.

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