"Weekly World News" Bush spricht mit Außerirdischen! Ehrlich!


Die Zeitung ist für ihre grandiosen Lügengeschichten bekannt: "Elvis lebt!" schlagzeilte sie - und zeigte die Satansgrimasse über dem eingestürzten World Trade Center. Nun wird die "Weekly World News" nach 28 Jahren eingestellt - ein echter Schlag für die Pressefreiheit.
Von Jörg Isert

Es gibt ein Foto aus dem Jahre 2003, auf dem George W. Bush fröhlich einen Zeitungstitel in die Kameras hält. Darauf zu sehen ist der US-Präsident beim freundlichen Austausch der interplanetaren Art. Der Name des Außerirdischen: P'Lod. Der Name der Zeitung: Weekly World News. Ob das Foto Rückschlüsse auf die Lesegewohnheiten der beiden Präsidenten zulässt, ist nicht verbürgt. Sicher ist dagegen, dass der Zeitungs-E.T. für Arme nun den Abflug machen kann. Denn mit der Ausgabe vom Freitag werden die "Weekly World News" eingestellt, nach 28 Jahren. Schon in den vergangenen Tagen war in New York kein Redakteur mehr zu erreichen.

Zeitung für redaktionelle Ausschussware

Den Tabloids "National Enquirer" und "Star" hatte die Zeitung eines voraus - was bei den schundigen Schwesterblättern schwer genug war: Die "Weekly World News" waren komplett erstunken und erlogen. Nach eigenen Angaben freilich war das Blatt "die einzig zuverlässige Zeitung der Welt." Doch meistens glänzte die Zeitung mit Lügik statt Logik. Gegründet wurde die Wochenzeitung 1979. Das Promijournal "National Enquirer" war auf Farbdruck umgestellt worden, die schwarz-weiße Druckerpresse bei American Media stand still. Grund genug, eine neue Zeitung für redaktionelle Ausschussware ins Leben zu rufen. Doch statt über abgetakelte Stars zu berichten, wurden die Schreiber Jahr für Jahr kreativer, in Sachen unglaubliche Geschichten: Der Garten Eden wurde entdeckt - in einem US-Staat und inklusive Apfel! Mumie bringt Kind zur Welt! Menschen in Ameisengröße aufgetaucht! Katze wegen Mordes schuldig gesprochen! 160 Meter großer Jesus spricht bei der UN! Papst empfiehlt Mel Gibson als Nachfolger! Garniert waren die Schlagzeilen mit Fotomontagen, denen man die Manipulation jederzeit ansah.

Lügengeschichten im todernsten Tonfall

Die größte Stunde des Blatts schlug 1988. Als eine aufgeregte amerikanische Hausfrau bei der Redaktion anrief, und erzählte, dass sie den 1977 verstorbenen King of Rock bei sich im Ort gesehen habe, titelte die Zeitung wenig später: "Elvis lebt!". 1,2 Millionen verkaufte Exemplare, ein Rekord! Schlagzeilen in aller Welt und zahlreiche weitere Sichtungen Presleys waren die Folge - bis heute, auch wenn die "Weekly World News" vor einigen Jahren meldete, dass der King nun wirklich gestorben sei. Eine weitere Legende, die den Schreiberlingen des Lügenblatts zu verdanken ist: Kurz nach dem 11. September 2001 platzierte die Zeitung das Foto einer Staubwolke des eingestürzten World Trade Centers auf dem Cover. Montiert darin war das Gesicht eines ziemlich böse drein blickenden Wesens. Der Teufel höchstpersönlich natürlich! Vermutlich war der jederzeit todernste Tonfall der News der Grund, dass die Bildzeitung ab und zu ganz gerne auf ihre Stories zurückgriff - und diese als wahr verkaufte.

Als Schmankerl präsentierte die Zeitung die Kolumne eines Mannes namens Ed Anger. Der Franz Josef Wagner der USA textete immer schön populistisch und am Puls der Zeit. Hinter dem Pseudonym steckten tatsächlich mehrere Autoren. Da wurde viel über die Freiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung schwadroniert. "Sie wollen etwas für die nationale Sicherheit tun?", hieß es in einer Kolumne. "Dann initiieren Sie eine Spendenaktion, damit aggressive Wachhunde für Atomkraftwerke gekauft werden können. Und halten Sie Ausschau nach Leuten, die eine halbe Tonne Düngemittel kaufen, obwohl sie keine Farmer sind. Die wollen vielleicht eine Bombe bauen."

Apokalyptische Visionen aus den Ängsten der Leser

Oft genug griff die Zeitung Ängste der Leser auf, um sie zu apokalyptischen Dimensionen aufzublasen. Hacker könnten den heimischen Computer in eine Bombe verwandeln, Koreas Diktator plane eine Invasion Amerikas: Geschichten, die intellektuelle Großstädter vor allem als Satire empfanden, führten bei Lesern im mittleren und südlichen Amerika zu ernsthafter Sorge. Denn die nahmen die absolut humorfrei geschriebenen Nachrichten oft für bare Münze. Die Zeitung war häufig Kreatonisten-Pflichtlektüre: Mal ging es um den Fund der Arche Noah, dann hatte das Hubble-Teleskop den echten Himmel fotografiert.

Selbst bei solchen Geschichten wurde der seriöse News-Style durchgehalten. Was der Grund für das Ende der Zeitung sein dürfte. Das schmerzfreie Lügen war in den vergangenen Jahren nicht mehr gegeben. Plötzlich ließ das Blatt verstärkt Ironie durchschimmern - "Mutter Natur will Al Gore als Präsidenten" - und wies schon auf der zweiten Seite darauf hin, dass der Inhalt nicht ganz ernst zu nehmen sei. Und so wurde das Blatt immer komischer. Über eine Psychiatrie namens "Great Lakes" hieß zum Beispiel, dort seien ein Drittel aller Patienten homosexuell. Und deshalb - Achtung, komisch! - gebe es Zwangsjacken da nicht nur in weiß, sondern auch in Regenbogen-Farben.

Schlechte Zeiten für "Fake News"

Zu viel des Spaßes für die Leser: Die Verkaufszahlen gingen immer mehr zurück. Anfang 2004 war man bei etwa 150.000 abgesetzten Zeitungen pro Woche angekommen, 2006 bei gerade noch 83.000. Vom Verlagshauptsitz in Boca Raton, Florida, hieß es lediglich, "Herausforderungen auf dem amerikanischen Zeitschriftenmarkt" hätten eine Rolle bei dem Aus gespielt. Das Unternehmen, das insgesamt 16 Magazine, darunter auch das amerikanische Supermarkt-Tabloid "Star" herausgibt, ist in den vergangenen Jahren in schweres Fahrwasser geraten. Vor wenigen Wochen hatte American Media angekündigt, künftig wolle man verstärkt auf Magazine im Celebrity- und Lifestyle-Bereich setzen. Der Grund ist, dass diese in den USA auf dem Vormarsch sind. Schlechte Zeiten also für "Fake News".

Dass in vielen Journalisten verkappte Poeten stecken, zeigte sich nach der Einstellungs-Ankündigung vor wenigen Tagen. Fast sämtliche Kommentare in den US-Medien über das Ende der dichtenden Zeitung fielen wehmütig aus, auch in der seriösen Presse. Deutsche Amerika-Fans dürften das Blatt vor allem vom Schlangestehen im US-Supermarkt in Erinnerung behalten. Oder aus dem Film "Men in Black": Da lobte Tommy Lee Junes das Blatt 1997 als beste investigative Zeitung überhaupt - weil alle Alien-Geschichten stimmten. Was freilich bedeutet, dass Hillary Clinton eine Affäre mit dem Alien P'Lod hatte.


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