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Interview

Ehemalige Schülerin in Florida: "Wir wissen: Ein Amoklauf kann immer passieren, genauso wie ein Feuer"

Nach dem Amoklauf in Florida kämpfen junge Erwachsene für ein schärferes Waffengesetz. Bei Madeline Gropman überwiegt Skepsis. Sie hat die Schule selbst besucht und sagt: "Meine Generation ist einfach abgestumpft."

Von Amelie Rolfs

"Fuck NRA": Junge Erwachsene protestieren nach dem Amoklauf gegen die Waffenlobby

"Fuck NRA": Junge Erwachsene protestieren nach dem Amoklauf gegen die Waffenlobby

Madeline Gropman ist eine von vielen, die persönlich vom Amoklauf an der Highschool in Parkland, Florida betroffen sind. Sie war selbst früher an dieser Schule und Ben, ihr kleiner Bruder, versteckte sich während der Attacke stundenlang in einem Abstellraum. "Da ist ein Schütze an der Schule", schrieb er seiner Familie via Messenger. Danach kam lange nichts. "Ich hatte solche Angst, dass ich eine Panikattacke bekam", erinnert sich seine Schwester. Die 20-jährige Madeline Gropman lebt und studiert seit 16 Monaten in Nordrhein-Westfalen. Vom Amoklauf an ihrer ehemaligen Schule erfuhr sie über ihre Eltern. Als sich Ben nach Stunden bangen Wartens endlich meldete, war die Erleichterung riesengroß. Gropmans Bruder verließ den Schulhof unverletzt. 14 Mitschüler und drei Erwachsene überlebten nicht.

Seit dem Amoklauf an der Marjory Stoneman Douglas High School bewegt eine mögliche Verschärfung des Waffengesetzes Amerika. Die Diskussion ist nicht neu, flammt sie doch nach jedem "School Shooting" kräftig auf - und dann wieder leise ab. "Es ist nicht so, das wir es akzeptieren, aber wir wissen, dass ein Amoklauf passieren kann, genauso wie ein Feuer an der Schule ausbrechen kann", sagt Madeline Gropman im Gespräch mit dem stern. "Das ist einfach so in Amerika."

Madeline Gropman hat die Marjory Stoneman Douglas High School zwei Jahre lang besucht

Madeline Gropman hat die Marjory Stoneman Douglas High School zwei Jahre lang besucht

Frau Gropman, über eine Woche nach dem Amoklauf kämpfen junge Erwachsene weiter für eine Verschärfung des Waffengesetzes. Woher kommt dieser starke Protest und kann er etwas ändern? 

Die Menschen glauben den Politikern einfach nicht mehr, dass sie das Waffengesetz verschärfen wollen. Es gab schon so viele Amokläufe und immer wurde danach gesagt: "Wir müssen etwas ändern." Aber das ist nie geschehen. Ich habe das Gefühl, es geschieht auch jetzt nichts. Das Parlament von Florida hat erst vor ein paar Tagen darüber abgestimmt, ob das Waffenrecht verschärft werden soll und die Abgeordneten stimmten dagegen. Es ist verrückt. Solange Politiker Geld von der NRA (National Rifle Association; Anm.d.Red.) bekommen, wird sich nichts ändern. Ein Schüler fragte bei einem Town Hall Meeting Senator Marco Rubio, ob er künftig weiter Geld von der NRA annehmen werde. Er hat es nicht verneint. 

Sie kennen die Marjory Stoneman Douglas High School, sind dort zur Schule gegangen. Hatten Sie Angst in der Schule? 

Es ist immer noch seltsam, mir vorzustellen, dass es tatsächlich einen Amoklauf an meiner Schule gab. Ich hätte nie gedacht, dass dort so etwas passieren würde. Das Viertel, in dem die Schule liegt, ist sehr sicher, die Schulen sind gut. Die Übungen für den Fall eines Amoklaufs habe ich immer einfach so hingenommen. Ein Feuer-Probealarm ist für mich dasselbe wie eine Amoklaufübung. Meine Generation ist einfach abgestumpft. Es ist nicht so, dass wir es akzeptieren, aber wir wissen, dass es passieren kann, genauso wie ein Feuer an der Schule ausbrechen kann. Das ist einfach so in Amerika.

Welche Sicherheitsvorkehrungen traf die Schule, um die Schüler vor einem Amoklauf zu schützen?

In Deutschland können die Schüler kommen und gehen, wie sie wollen, in Amerika ist das nicht so einfach: Es gibt nur einen Eingang, alles ist genau geregelt. Wenn man einen Arzttermin hat, kann man nicht einfach die Schule verlassen. Deine Eltern müssen dich abholen und ihre Ausweise vorzeigen, erst dann kannst du gehen. Wenn jemand die Schule besucht, muss er sich anmelden und seinen Ausweis zeigen. Deutsche Freunde, die meine Schule gesehen haben, meinten, sie sehe wie ein Gefängnis aus. Es gibt immer wieder Übungen, manche Highschools haben auch Metalldetektoren.

Wie laufen diese Übungen ab?

Es gibt drei Notfallübungen: Feuer, starker Wirbelsturm, Amoklauf. Der Amoklauf-Probealarm folgt immer demselben Muster: Man muss die Türen des Klassenraums abschließen, sich an die Wand stellen, das Licht ausmachen. Es soll so aussehen, als sei niemand im Raum. Wir haben zwei Mal im Jahr geübt. Ich hatte meine erste Übung in der Middle School (entspricht der Unterstufe einer weiterführenden Schule, Anm.d.Redaktion).

Waren Waffen bei Ihren Mitschülern ein Thema? 

Von meinen Freunden hatte niemand eine Waffe, aber es war immer ein Thema. Die Lehrer sagten: "Wenn du weißt, dass jemand eine Waffe hat, musst du sofort Bescheid geben." Der Typ, der nun Amok gelaufen ist, hatte Waffen und er hatte auch offen darüber gesprochen. Er wurde von der Schule geschmissen, aber danach ist nichts passiert. 

Ihr Bruder hat den Amoklauf miterlebt. Wie geht Ihre Familie mit dem Erlebten um?

Meine Eltern sind immer noch geschockt. Meine Mutter ist Lehrerin an einer benachbarten Highschool. Sie ist nach der Tat ein paar Tage zu Hause geblieben, damit sich auch ihre Schüler nicht die ganze Zeit damit beschäftigen mussten. Meinem Bruder geht es gut, aber er trauert natürlich auch. Er hatte bis jetzt auch noch keine Schule. Es gab eine Andacht mit Kerzen, an der meine Eltern und mein Bruder teilgenommen haben. Aber die ganze Gemeinde ist noch schockiert, niemand dachte, dass so etwas dort passieren würde.

Madeline Gropman (zweite von rechts) mit ihrem Vater, ihrem Bruder Ben und ihrem Bruder Mitchell (v.r.n.l)

Madeline Gropman (zweite von rechts) mit ihrem Vater, ihrem Bruder Ben und ihrem Bruder Mitchell (v.r.n.l)

Wie schätzen Sie die Reaktion von Präsident Trump ein?

Was Trump macht, ist nicht akzeptabel. Er hat es nicht geschafft, etwas Ehrliches zu den Teenagern und ihren Angehörigen zu sagen. Ich habe Fotos gesehen, auf denen er Parkland besucht und fröhlich mit hoch gereckten Daumen in die Kamera grinst. So etwas ist einfach nicht angemessen. Er hat sich nicht gegen Waffen ausgesprochen. Er kann das wahrscheinlich auch gar nicht, denn wer Geld von der NRA bekommt, kann nichts gegen Waffen sagen.

Die meisten Amerikaner, die Ahnung haben von der Welt, wissen, dass Trump einfach verrückt ist. Viele Deutsche denken, alle Amerikaner lieben Waffen und lieben Trump, das stimmt aber nicht, trotzdem werde ich ständig darauf angesprochen. Dabei besitzt nur eine kleine Minderheit Waffen: Drei Prozent der Amerikaner besitzen 50 Prozent der Waffen. Diese Leute haben dann zehn, 20, 30 Stück. Zum Glück geben jetzt einige ihre Waffen ab. Aber dass sich durch die Proteste viel ändert, glaube ich nicht.

Warum nicht?

Noch wird über den Amoklauf geredet, aber wie wird das in zwei Wochen sein? Interessiert sich dann wirklich noch jemand dafür? Die Menschen werden zwar weiter protestieren, aber ich bin eher skeptisch, dass diese Bewegung etwas ändern kann.  Ich würde es super finden, wenn es schärfere Waffengesetze gäbe. Aber durch das Zweikammersystem werden die Republikaner das immer blockieren. Hätten wir eine demokratische Mehrheit im Kongress, gäbe es neue Hoffnung. 

Mitarbeit: Petra Gasslitter