Amtsjubiläum Das "Abenteuer Wojtyla"


"Habemus papam Carolum Wojtyla", verkündete Rom der Welt, als der erste Slawe auf dem Stuhl Petri Platz nahm. "Ich hatte Angst, die Wahl anzunehmen", sagte der Pontifex später, der wie kaum ein anderer vor ihm die Kirche geprägt hat.

Ein Schatten liegt über den Feiern. Kein ausgelassener Jubel wird über den Petersplatz verhallen. Dazu ist der Papst viel zu krank. 25 Jahre ist Johannes Paul II. am 16. Oktober im Amt, kaum ein Papst der Neuzeit hat die Kirche so sehr geprägt wie der Pole. Doch wenn jetzt zum großen Fest Kardinäle und Pilger aus allen Erdteilen nach Rom kommen, liegt eine Dämmerstimmung über dem Kirchenstaat. "Endzeit eines Pontifikats", nennt die Kirche solche Zeiten.

Der Mann, der mithalf, den Kommunismus zu stürzen, der an der Klagemauer in Jerusalem betete, das "Mea Culpa" für die Sünden der Kirche sprach und weltweit gegen die "Kultur des Todes" wetterte - er ist ein hinfälliger Greis geworden. "Ein Mann, der die Kirche wachrütteln und aus ihrem Minderwertigkeitskomplex befreien wollte", meinte ein Biograf schon vor Jahren, und das trifft vielleicht am besten die Absichten des Polen.

"Politik interessiert mich nicht"

"Politik interessiert mich nicht", sagte Karol Wojtyla einmal. Doch ob es um den Irak-Krieg geht oder um das Thema Abtreibung, ob um die Armut in der Dritten Welt, die Todesstrafe in den USA oder um moderne Formen der Euthanasie - die 2000 Jahre alte Institution der Kirche soll nicht am Rand stehen, soll beim Gang der Welt ein Wort mitzureden haben.

"Eine Welt ohne Gott ist eine Welt gegen den Menschen", sagt der einstige Kardinal von Krakau. Seine Schreckensvision ist der Mensch ohne Religion und ohne Blick nach oben, reduziert auf seine bloße Funktion im Getriebe der Welt, einsetzbar nach Belieben der Mächtigen. "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein", erst durch seinen Sinn für Transzendenz und Glauben wird der Mensch wirklich zum Menschen.

Das "Abenteuer Wojtyla" begann am 16. Oktober 1978. "Habemus papam Carolum Wojtyla", verkündete Rom der staunenden Welt. Der 264. Papst war auch der erste Slawe auf dem Stuhl Petri. "Strippenzieher", der die Mehrheit zusammenführte, war damals auch Kardinal Joseph Ratzinger. "Ich hatte Angst, die Wahl anzunehmen", sagte der mit 58 Jahren junge Pontifex später.

Wagnis und Provokation

Heute, nach dem Fall des Kommunismus, ist die Ungeheuerlichkeit der Entscheidung kaum noch nachzuvollziehen - ein Papst aus dem Machtbereich der Sowjetunion bedeutete damals Wagnis und Provokation zugleich. Johannes Paul II. machte nicht einmal den Versuch, seine Aversion gegen den Kommunismus zu verbergen. "Von nun an werde ich alles genau verfolgen, was Bedrohung, Schaden, Nachteile und Krisen für meine Heimat bedeutet", rief er bei einem Besuch in Polen.

Karol Wojtyla stammt aus kleinbürgerlichen, tiefreligiösen Verhältnissen. Am 18. Mai 1920 als Sohn eines Unteroffiziers in der 7000-Seelen-Gemeinde Wadowice in der Nähe von Auschwitz geboren, traf ihn früh das Schicksal: Der Neunjährige verlor seine Mutter, wenig später starb der Bruder, dann der Vater. Er studierte in Krakau Philosophie und Sprachen. 1942 trat er in ein verbotenes Priesterseminar in Krakau ein. Um nicht deportiert zu werden, arbeitete er in einem Steinbruch, später in einer chemischen Fabrik. Nach der Priesterweihe 1946 folgte ein Studium in Rom, 1958 wurde er Weihbischof in Krakau, 1963 Kardinal.

"Er ist immer bereit zuzuhören, aber Zuhören ist nicht das Gleiche wie wirkliche Toleranz", urteilten die Biografen Carl Bernstein und Marco Politi. Die Kluft zu Teilen des europäischen Kirchenvolks ist tief. "Halbgott in Weiß", "religiöser Multi", spottete der Tübinger Theologe Hans Küng. Eugen Drewermann bezeichnete gar einige päpstliche Positionen schlicht als "unchristlich". Beiden hatte der Vatikan die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.

Hoch im Kurs als "Friedenspapst"

Erst unlängst stand der Papst hoch im Kurs, als "Friedenspapst". Selbst die Deutschen, die ansonsten die Kirche höchst kritisch beäugen, erwärmten sich für seinen Kreuzzug gegen den Irak-Krieg. Das war der "fortschrittliche Papst", wie Gläubige und Laien ihn beschreiben. Der gegen ungebremste Globalisierung und wilden Kapitalismus wettert, gegen "Verwestlichung" und "Konsumismus".

Doch kaum war der Irak-Krieg beendet, veröffentlichte der Kirchenstaat die 14. Enzyklika des Papstes, eine schneidende Absage an alle Hoffnungen von Katholiken und Protestanten auf ein gemeinsames Abendmahl. Das war das "andere Gesicht des Papstes", das des "Fundamentalisten" in Glaubensfragen - gegen Frauenpriester und verheiratete Pfarrer, gegen künstliche Geburtenkontrolle und Sex vor der Ehe.

"Der letzte große Konservative ist zugleich der letzte große Rebell gegen die herrschenden Verhältnisse", schreibt der deutsche Autor Jan Roß. Die Theorie der "zwei Seelen in seiner Brust" ist fast zur Einheits-Stimme der Medien geworden. Doch der alte Mann im Vatikan hat zu diesem Papstbild einmal kritisch Stellung bezogen. Man versuche ihn immer "von außen zu sehen", bemängelte er. "Aber ich kann nur von innen verstanden werden."

Peer Meinert DPA

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