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Antisemitismus: "Muslime werden mit dem europäischen Antisemitismus aufgeladen"

Brennende Israelfahnen und Hetze gegen Juden haben den Antisemitismus unter Muslimen ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Die Historikerin Juliane Wetzel warnt im Interview jedoch davor, die Vorurteile in der Mitte der Mehrheitsgesellschaft zu unterschätzen.

In Berlin-Neukölln zünden Demonstranten eine selbst gemachte Flagge mit Davidstern an

In Berlin-Neukölln zünden Demonstranten eine selbst gemachte Flagge mit Davidstern an

Frau Dr. Wetzel, die Philosophin Hannah Arendt schrieb einst: "Vor ist man nur noch auf dem Monde sicher." Hat sie übertrieben?

Nicht wirklich. Laut einer vor zwei Jahren durchgeführten Umfrage in 102 Ländern gibt es wohl nur in und auf den Philippinen keinen Antisemitismus.

schrieb diesen Satz als Warnung an alle Juden, die dachten, die Schaffung eines jüdischen Staats würde sie vor Anfeindungen schützen.

Tatsächlich hat die Gründung des Staats eine weitere Begründungsebene geschaffen, sich antisemitisch zu äußern. Dieser israelbezogene Antisemitismus ist heute in Europa weitverbreitet.

Haben wir das nicht kommen sehen?

Natürlich haben wir es kommen sehen. Anfang der 2000er Jahre gab die damalige europäische Beobachtungsstelle für Rassismus und Xenophobie bei meinem Kollegen und mir eine Studie zum Antisemitismus in den EU-Ländern in Auftrag. Wir kamen zum Schluss, dass es in unter Muslimen einen Antisemitismus gibt, der einen anderen Hintergrund hat als der europäische und der sehr israelbezogen ist. Die Stelle warf uns daraufhin Unwissenschaftlichkeit vor und ließ die Studie unveröffentlicht.

Waren Sie die Keplers der Antisemitismusforschung – indem Sie etwas benannt haben, das nicht sein durfte?

Man hatte diesen Eindruck. Damals war Antirassismus eines der zentralen Themen der Stelle. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Der Vorwurf an uns wurde schließlich auch widerlegt.

Waren Sie überrascht, dass nach Donald Trumps Jerusalem-Entscheidung Demonstranten durch europäische Straßen zogen, die "Tod Israel" riefen?

Nein. Ich beobachte propalästinensische Demonstrationen seit vielen Jahren. Demonstranten, die aus Ländern wie Syrien oder dem Iran stammen, sind anderes sozialisiert, wenn es um Antisemitismus geht. In ihrer Heimat wird Israelhass offen gezeigt. Die Sprechchöre gab es schon vor zehn Jahren. Dass jetzt auch in Deutschland Fahnen verbrannt werden, ist neu. Neu ist aber auch die öffentliche Empörung.


Ist es denn falsch, sich aufzuregen?

Es ist sogar sehr wichtig. Wir müssen aber genauer hinsehen. Der Schock über brennende Israelfahnen hat mit unserer Geschichte zu tun. Weil es eine besondere Verantwortung in diesem Land gibt, und so etwas hier einfach nicht geht. Der Antisemitismus in Deutschland ist aber nicht weniger problematisch, wo er subtiler daherkommt.

Sie meinen also, die Deutschen stört nicht der Antisemitismus an sich, sondern die Art, in der er sich in den vergangenen Tagen Bahn gebrochen hat?

Das ist sehr hart formuliert. Aber tatsächlich gibt es auch in der Mitte der Gesellschaft antisemitische Töne, die im Gewand der "Israelkritik" daherkommen. Und wenn einmal zu einer Solidaritätsdemonstration gegen Antisemitismus aufgerufen wird wie 2014 in Berlin, dann stehen da fast ausschließlich die Mitglieder jüdischer Gemeinden. Die Juden in Deutschland fühlen sich von Vertretern bestimmter Minderheiten bedroht, ja. Aber sie fühlen sich auch von der Mehrheit im Stich gelassen.

Vor zwei Wochen wurde in der Berliner U-Bahn ein Mann mit jüdischer Kopfbedeckung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beschimpft und bedroht.

Und niemand ist eingeschritten. Solche Situationen gibt es immer wieder.

Gibt es antisemitische Straftaten, die typisch für die verschiedenen Tätergruppen sind?

Die Fahnenverbrennung ist eine in muslimischen Gruppen auftretende Handlung. Auch Brandsätze auf Gebäude, Graffitis, verbale und tätliche Angriffe. Täter aus dem linken Spektrum üben meist verbale Gewalt. Die Schändung von Friedhöfen ist dagegen eine typisch rechtsextreme Tat.

Kam es 2017 zu mehr antisemitischen Straftaten als zuvor?

Es waren – soweit wir das im Moment beurteilen können - mehr als 2016. Die höchste Zahl gab es 2006 während des sogenannten Zweiten Libanonkriegs mit 1800 Straf- und Gewalttaten – wobei da viele Propagandadelikte dabei waren, also Volksverhetzung. Vieles kommt allerdings nie an die Öffentlichkeit, weil die Betroffenen sich scheuen, zur Polizei zu gehen.

Warum?

Unter anderem, weil sie fürchten müssen, dass Straftaten als "politischer Protest" und nicht als antisemitischer Übergriff eingeordnet werden. 2014 wurde auf eine Synagoge in Wuppertal ein Brandanschlag verübt. Das Oberlandesgericht Düsseldorf befand Anfang 2017, dass diese Tat nicht als antisemitisch zu bewerten sei, weil sie während des Gaza-Kriegs verübt wurde und deshalb als politisch motiviert gilt. Da fragt man sich, was mit manchen Richtern los ist.

Warum tut sich die deutsche Justiz  so schwer in der Beurteilung antisemitischer Taten?

Im besten Fall herrscht Uneinigkeit und auch Unwissen darüber, was wir heute unter Antisemitismus verstehen. Zu viele, auch in der Bevölkerung, sehen darin immer noch ausschließlich den rassistischen, nationalsozialistisch geprägten Judenhass, der zum Holocaust geführt hat – nicht aber die subtileren Formen und nicht die Formen, die den israelbezogenen Antisemitismus ausmachen.

Wie wird wohl das Verbrennen einer Israel-Fahne geahndet werden?

Es wird abzuwarten sein, ob es überhaupt geahndet wird, denn verboten ist es nicht, vielleicht wird es immerhin zur Ordnungswidrigkeit erklärt. Und wir werden auch abwarten müssen, wie der Ruf "Tod Israel " bewertet wird, oder "Israel, Kindermörder!"

Gerade dieser Spruch liegt doch in bester antisemitischer Tradition.

Ja, er schließt an die mittelalterliche Mär von den Ritualmorden der Juden an Kindern an. Auch die Verschwörungsfantasie, Israelis würden Organhandel mit toten Palästinenserkindern betreiben, bedient sich bei diesem Bild. Das gehört alles in diesen Bereich der Kindermordlegende und kommt stets in immer neuem Gewand daher.

Vorsteher jüdischer Gemeinden raten ihren Mitgliedern, nicht mehr als Juden kenntlich in die Öffentlichkeit zu gehen.

Das ist eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme. Zwischen 70 und 80 Prozent der jüdischen Bevölkerung fühlt sich bedroht. Ob das mit der offiziellen Kriminalstatistik korreliert, ist unerheblich. Die Leute sehen ja, was in Frankreich passiert, dort gab es ja bereits Tote. Jetzt hat man Angst, dass das auch hier geschehen kann. In Deutschland hat man lange das Problem nicht ernst genug genommen. Das schließt die Medien übrigens mit ein.

Touché.

Trotz der drastischen aktuellen Bilder muss ich hier aber davor warnen, das gesamte Problem bei muslimischen Flüchtlingen oder überhaupt bei Muslimen zu verorten. 90 Prozent der antisemitischen Delikte werden in Deutschland von Rechtsextremen verübt.

Sie haben im April gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern den neuen Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus vorgestellt. Wurden die darin gestellten Forderungen erfüllt?

Noch nicht, wir warten auf die neue Regierung. Wir forderten unter anderem die Einsetzung eines Antisemitismusbeauftragten

Das fordert Innenminister De Maizière nun auch.

Das ist ein wichtiger erster Schritt. Und wir brauchen dringend wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Antisemitismus unter Muslimen und Flüchtlingen, damit wir in Situationen wie diesen nicht ohne aktuelle Zahlen dastehen.

Aber dass es auch Antisemitismus bei Zuwanderern gibt, ist ja offensichtlich.

Das stimmt. Aber wir haben bislang kaum empirische Daten, über die Verbreitung des Antisemitismus unter Flüchtlingen. Ich habe auch ein Problem mit dem Begriff "muslimischer Antisemitismus". Es ist vielmehr ein Antisemitismus unter Muslimen. Eine Pilotstudie, die wir 2015 in Auftrag gegeben haben, zeigt schon einmal, dass es weniger auf die Religion ankommt als auf die Region, aus der jemand kommt. Trotzdem fragt sich bis jetzt kaum jemand, ob es etwa auch unter Jesiden Antisemitismus gibt. Und was ist mit all denen, die aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion kommen, oder aus Polen? Da haben wir auch einen importierten Antisemitismus, der bloß niemanden interessiert.

Der Begriff "importierter Antisemitismus" …

… führt mitunter auch in die Irre. Die Ursprünge des neuen Antisemitismus liegen eher in Europa, nicht im arabischen Raum. In arabischen Ländern bekommen Sie bei Straßenhändlern Hitlers "Mein Kampf" auf Arabisch angeboten. Die Hamas nimmt Bezug auf die im Internet kursierenden sogenannten "Protokolle der Weisen von Zion" ...

… das Pamphlet aus dem zaristischen Russland, das "den Juden" eine Weltverschwörung unterstellt.

Es gibt genug Vorlagen aus dem europäischen Antisemitismus, bei denen sich auch Muslime bedienen. Das zeigt sich schon bei Befragungen von jugendlichen Muslimen. Das Stereotyp, dem sie am häufigsten zustimmen, ist: "Juden sind geldgierig und mächtig." Das haben sie nicht aus dem Maghreb, wo ihre Familien oft mit Juden Tür an Tür gewohnt haben. Die werden mit unserem eigenen, hausgemachten Antisemitismus aufgeladen.

Welche ist die neueste Verschwörungsfantasie aus dem arabischen Raum?

Dass "die Juden" den IS erfunden hätten, um dem Islam zu schaden. Zeitgleich erzählen dir Rechtsextreme aus Deutschland, "sie" hätten den Islam erfunden, um Europa zu zerstören.

Es scheint, als sehen wir ständig neue Varianten der immer gleichen Verschwörungsfantasien.

Für komplizierte Sachverhalte, für Naturkatastrophen, schwer zu erklärende Phänomene …

… hat man früher Hexen oder böse Geister verantwortlich gemacht. Das Bild vom "bösen Juden" scheint nach tausend Jahren der christlichen, antijüdischen Propaganda fast schon ein Archetyp.

Und das macht das Besondere am Antisemitismus aus, solche Fantasien gibt es in dieser Form nicht über Muslime oder irgendeine andere Gruppe. Das Problem ist, dass dieser gefährliche Unsinn sich durchs Internet immer weiter ausbreitet. Vor allem im Zuge des Ablehnung der USA. Amerika-Hass geht sehr oft und sehr schnell Hand in Hand mit Israel-Hass.

Warum äußern sich immer mehr türkischstämmige Deutsche antisemitisch? Die Türkei hat ja seinerzeit den Staat Israel als erstes mehrheitlich muslimisches Land offiziell anerkannt.

Da erleben wir einerseits eine Opfersolidarisierung mit Palästinensern. Was bei den türkischen Communitys außerdem eine Rolle spielt, ist, dass der jetzige Machthaber Erdoğan diese ganzen Verschwörungsfantasien, in denen auch Juden als negative Kraft gezeigt werden, ausnutzt, um Stimmung für sich und gegen alle "Feinde der Türkei" zu machen. Das hat natürlich Folgen.

Ist Antisemitismus der Kitt, der verschiedene Gruppen verbindet?

Der israelbezogene Antisemitismus sicher. Das ist eine Solidarisierung, weil sie auf der Seite der als Opfer wahrgenommenen Palästinenser stehen wollen. Hier sehen wir eine Parallele zu linksextremen Kreisen, die ja ebenfalls dazu neigen, sich stark mit Opfern zu solidarisieren. Da sehen wir dann diese merkwürdige Allianz aus extremen Linken und Islamisten, die Seite an Seite auf einer propalästinensischen Demo marschieren, auf der gegen Israel und Juden agitiert wird.

Ihnen gegenüber steht die Allianz der europäischen Rechten mit den Siedlern im Westjordanland, die nun ebenfalls gemeinsame Werte beschwören, …

… deren einziger Zweck jedoch die Solidarisierung gegen die Muslime ist. Sonst ist da nämlich keine Gemeinsamkeit.

Hat der Antisemitismus in Deutschland allgemein zugenommen?

Das kommt darauf an, welchen Zeitraum Sie betrachten. 1949 lag der Anteil der Bürger mit antisemitischen Ressentiments bei 49 Prozent, heute sind wir bei acht bis zehn Prozent.

Angesichts der aktuellen Bilder hat man einen anderen Eindruck.

Weil der Antisemitismus unter Muslimen besonders laut ist. Vor Jahren machte ein Kollege eine Studie über Antisemitismus bei Jugendlichen türkischer, arabischer und russlanddeutscher Herkunft. Es stellte sich heraus, dass die Russlanddeutschen weit antisemitischer waren als die anderen. Dann fragte man die Lehrer, und die sagten unisono: Die muslimischen Schüler sind am antisemitischsten.

Vielleicht, weil wir vom Judenhass bei Russlanddeutschen nichts mitbekommen.

Aber wer weiß denn, ob der Mangel an Solidarität, den Juden erfahren, der Grund, warum sie bei Solidaritäts- und Gegendemos oft alleine dastehen, warum ein voller U-Bahnwagen schweigt, wenn ein Jude angegriffen wird – ob das alles nicht auch daran liegt, dass sich antisemitische Ressentiments unter dem Deckmantel der sogenannten "Israelkritik" überall breitgemacht haben? Dieser Frage stellen wir uns nicht.

Bundesjustizminister Heiko Maas sieht jedenfalls Handlungsbedarf. Er fordert unter anderem, dass in Integrationskursen der Besuch von Gedenkstätten Pflicht wird und bei Prüfungen auch der Holocaust abgefragt wird.

Die Vorstellung, dass man mit historisch-politischer Bildung insbesondere den israelbezogenen Antisemitismus irgendwie einfangen kann, ist schwierig. Immer, wenn es auf dem Schulhof zu antisemitischen Anfeindungen kommt, ist die erste Reaktion der Schulleitungen: Dann gehen wir mal in die nächste Gedenkstätte.

Aber was ist daran schlecht?

Die Frage ist, was mache ich damit, abgesehen davon, dass die deutschen Gedenkstätten alle keine Gedenkstätten des ­Holocaust sind? Die Jugendlichen stellen keine Verbindung zu dem her, was sie wahrnehmen. Im schlimmsten Fall sagen sie: Israel macht ja nichts anderes. Da setzt man dann Mechanismen in Gang, die man eigentlich vermeiden wollte.

Wie könnte es gehen?

Wir haben hier eine Opferkonkurrenz. Auch Muslime werden angepöbelt, ihre Kopftücher werden ihnen vom Kopf gerissen, tote Schweine vor den Moscheen abgelegt, sie erleben Hasstiraden im Internet und eine Dämonisierung infolge des islamistischen Terrors. Es ist in der pädagogischen Arbeit mit jungen Leuten zentral, mit deren eigenen Diskriminierungserfahrungen zu arbeiten, bevor man den Antisemitismus behandelt.

Welche Organisationen können Sie für die Arbeit mit Schülern empfehlen?

Es gibt Organisationen, die das seit Jahren sehr gut machen. In Berlin sind das zum Beispiel das Anne Frank Zentrum in Berlin, die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, kurz KIGA, oder auch der von Muslimen und Juden zusammen geführte Verein Salam Schalom.

Und was lässt sich gegen den Antisemitismus in der Mitte der Mehrheitsgesellschaft tun? Die Sache der Palästinenser ist vielen Menschen ein Anliegen. Wie kann man als Deutscher Kritik an der Politik der israelischen Regierung äußern, ohne antisemitische Stereotype zu verwenden?

Indem man sich einmal die Begriffe vergegenwärtigt, die wir verwenden. Wir üben zum Beispiel immer "Israelkritik", nie aber "Russlandkritik" oder "Türkeikritik". Indem wir keine Vergleiche zwischen den Zuständen in Israel mit dem Holocaust ziehen, denn das ist absurd.

Indem man überhaupt alles, was nach Aufrechnen klingt, …

bleiben lässt. Indem man nicht in jedem Juden den offiziellen israelischen Botschafter sieht, noch dazu, wo viele Israelis ihre Regierung sehr kritisch beurteilen. Indem man das Existenzrecht Israels nicht infrage stellt. Das tun wir ja bei Russland auch nicht, weil Putin die Krim besetzt hat. Indem man nicht bei Israel andere Standards anlegt als eben bei Russland oder der Türkei oder China. Indem wir nicht ständig glauben, Israel sei der einzige Grund für den Nahostkonflikt. Indem wir uns nicht einreden, wenn es nur einen Staat Palästina gäbe, würde Israel nicht mehr angefeindet. Und indem wir uns vergegenwärtigen, dass wir als Deutsche eine Geschichte haben, die uns dazu ermahnt, uns in verantwortungsvoller und umfassender Weise mit den Folgen auseinanderzusetzen. Das ist doch eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, ich verstehe nicht, warum sich so viele Menschen dagegen sträuben.

Bemerken Sie persönlich diesen "Antisemitismus der Mitte"?

Ständig. Egal, wo ich in hinkomme, zum Arzt, zum Gespräch mit Lehrern, dauert es nicht lange, bis es entweder heißt: Aha, Sie forschen zum Antisemitismus, aber was sagen Sie denn jetzt zu Israel? Oder es heißt sofort: Brauchen wir das denn immer noch?

Ist das, salopp formuliert, ein deutsches Ding?

Ich denke schon. In anderen Ländern muss ich nicht ständig über Israel reden, sobald ich sage, was ich beruflich mache.

Welche Rolle spielt in Deutschland die BDS-Initiative, die unter dem Motto "Boycott, Divest and Sanction" dazu aufruft, israelische Unternehmen zu boykottieren, solange der Staat die besetzten Gebiete nicht zurückgibt?

Die Deutschen erinnert dieser Boykottaufruf an das "Deutsche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden!" der Nazizeit, das ist vielen unheimlich. Die BDS-Kampagne spielt hier auch deshalb nicht so eine große Rolle wie beispielsweise in Großbritannien, dort geht das hin bis zu Universitäten, die keine israelischen Wissenschaftler einladen. So etwas ist bisher bei uns nicht vorgekommen. Trotzdem ist die Kampagne ein Problem. Denn gerade in evangelischen Kreisen gibt es viele Unterstützer.


Haben das die Kirchenoberen denn im Blick?

Ich habe schon Vorträge vor Superintendenten gehalten. Die sprechen sich alle gegen Antisemitismus aus, berichten aber, welche Diskussionen es in kirchlichen Kreisen gibt. Ein evangelischer Pfarrer, den ich aus meiner Jugendzeit kannte, hat ein Konvolut verfasst, vordergründig eine Palästina-Solidaritätsschrift, das jedoch von jüdischen Stereotypen und abstrusen Verschwörungsfantasien durchsetzt war.

Das kursiert dann in der Gemeinde?

Genau. Und da muss man dann etwas sagen. Der subtile, gärende Antisemitismus in der Mitte unserer Gesellschaft ist ein Problem, das wir nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten. Wir haben noch viel zu tun. Mit dem Finger auf Muslime zu zeigen wird nicht reichen.