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Attacken auf Sinai-Soldaten Ägyptisches Militär beschuldigt Dschihadisten aus Gaza


Wer hat 16 ägyptische Soldaten auf dem Sinai getötet? Die Armee zeigt auf den palästinensischen Gazastreifen. Hinter der Beschuldigung könnten aber auch innenpolitische Motive stecken.

Ägyptische Sicherheitskreise machen palästinensische Extremisten für die jüngsten Angriffe auf der Halbinsel Sinai mit 16 Toten verantwortlich. Angehörige der sogenannten Dschaldschala-Armee aus dem Gazastreifen hätten sich schon seit längerem darauf vorbereitet, das ägyptische Militär anzugreifen, um auf dem Sinai ein "islamistisches Emirat" zu errichten, schrieb die regierungsnahe Kairoer Tageszeitung "Al Ahram" am Samstag. Nach dieser Darstellung soll die Gruppe 1500 Mann in ihren Reihen haben, unter ihnen Dschihadisten (Religionskrieger) aus Ägypten und anderen arabischen Ländern.

Am vergangenen Sonntag hatten Extremisten auf dem Sinai 16 ägyptische Soldaten getötet und die Grenze zu Israel durchbrochen. Das ägyptische Militär geht seitdem mit massivem Truppenaufgebot, Panzern und Kampfflugzeugen gegen die Verstecke der Extremisten vor. Militante Islamisten hatten sich in den letzten Monaten das Sicherheitsvakuum zunutze gemacht, das nach dem Sturz des Langzeitherrschers Husni Mubarak im Februar 2011 auf dem Sinai entstanden war. Ihren Umtrieben kommt auch das unwegsame, gebirgige Terrain im Inneren der Halbinsel zugute.

Die Dschaldschala-Armee wird dem dschihadistischen Untergrund im Gazastreifen zugerechnet. Diese und ähnliche Gruppen stellen den Herrschaftsanspruch der radikal-islamischen Hamas in Frage, die seit 2007 die alleinige Macht im Gazastreifen ausübt. Häufig sind es sektiererische Abspaltungen der Hamas, die die Al-Kaida-Ideologie aufgreifen. Manchmal wird auch die Gesamtheit der Dschihadisten-Netzwerke in Gaza unter dem Begriff Dschaldschala zusammengefasst. Das arabische Wort umschreibt ein lautes, donnerndes Echo oder auch den Ton von Kriegstrompeten.

Unabhängige Experten und Sozialarbeiter auf dem Sinai halten allerdings die jüngste Gewaltwelle für hausgemacht. Junge Beduinen, aber auch Ägypter aus dem verarmten Süden oder den Slums der Großstädte würden ihr Heil in einem extremistischen Islam suchen. Die Beduinen auf dem Sinai sind Staatsbürger zweiter Klasse, oft sogar ohne staatliche Dokumente. Vom boomenden Fremdenverkehr im Süden der Halbinsel haben sie nichts.

Die Betonung der palästinensischen Herkunft der Extremisten sei zudem Teil des inner-ägyptischen Machtkampfs, meint der US-Experte Elliott Abrams vom Council on Foreign Relations. Das Militär, früher eine Stütze des Mubarak-Regimes, ringt mit der islamistischen Muslimbruderschaft, aus der der gewählte Präsident Mohammed Mursi kommt, um die Vorherrschaft im Nach-Mubarak-Staat. Das Militär kooperiere bestens mit Israel, während die Muslimbrüder eine tiefe Feindschaft zum jüdischen Staat hegten, zitierte der US-Sender CNN den Experten. So wie die Gewalt eskaliert, habe das Militär noch mehr Gründe, mit Israel zusammenzuarbeiten. "Dies treibt einen Keil zwischen die Armee und die Muslimbruderschaft", sagte Abrams.

Bewaffnete Extremisten provozierten jedenfalls auch in der Vergangenheit immer wieder Gefechte mit den ägyptischen Sicherheitskräften. Auch verübten sie seit dem Mubarak-Sturz 15 Sprengstoffanschläge auf die Pipeline, die Israel mit ägyptischem Erdgas versorgte. Der Zwischenfall vor einer Woche war allerdings der schwerste seiner Art.

Gregor Mayer, DPA DPA

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