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Corona-Epizentrum New York: Mediziner berichten von Schlaganfällen bei jungen Covid-19-Patienten

Schlaganfälle bei jungen Covid-19-Patienten stellen Mediziner vor ein Rätsel. Die Fallzahlen sind zwar gering, doch die Folgen für die Patienten mitunter dramatisch. 

Coronavirus New York: Eine Frau wird ins Krankenhaus gebracht

New York, USA: Eine Patientin wird ins Krankenhaus gebracht. Später gibt es Entwarnung: Die Frau hatte eine Panikattacke, da sie fürchtete, am Coronavirus erkrankt zu sein.

Die Frau, 33 Jahre jung, hatte eine Woche lang über Husten, Kopfschmerzen und Schüttelfrost geklagt. Schließlich verschlechterte sich ihr Zustand rapide: Sie bekam Schwierigkeiten beim Sprechen und ihre linke Körperhälfte fühlte sich taub und schwach an. Aus Angst vor einer Ansteckung mit Sars-CoV-2 nahm die Frau zunächst keine medizinische Hilfe in Anspruch. Eine gravierende Fehleinschätzung, wie sich herausstellen sollte: Tatsächlich schwebte sie in Lebensgefahr. Sie hatte einen Schlaganfall erlitten und war längst an Covid-19 erkrankt - ebenso wie vier weitere jüngere Patienten, über die ein New Yorker Ärzteteam diese Woche im Fachblatt "The New England Journal of Medicine" (NEJM) berichtet.

Schlaganfälle sind nicht immer, aber oft eine Krankheit des Alters. Das Durchschnittsalter der Betroffenen ist relativ hoch und liegt in Deutschland etwa bei 75 Jahren für Frauen und 68 Jahren für Männer. Die New Yorker Patienten, über die das Team um Thomas Oxlay vom Mount Sinai Krankenhaus schreibt, sind dagegen zwischen 33 und 49 Jahre alt. Sie alle waren nur leicht an Covid-19 erkrankt, zeigten keine oder kaum Symptome.

Vor dem Schlaganfall waren die meisten von ihnen in guter Gesundheit: Zwei Patienten, darunter auch die Frau, hatten keinerlei Vorerkrankungen. Ein Mann mittleren Alters hatte Bluthochdruck, ein weiterer Diabetes, wenn auch nicht diagnostiziert. Der älteste von ihnen, ein 49-jähriger Mann, litt ebenfalls an Diabetes und hatte in der Vergangenheit bereits einen leichten Schlaganfall erlitten. Um erneuten Gerinnseln vorzubeugen, nahm er Aspirin und einen Cholesterin-Senker.

Üblicherweise behandeln die Mediziner im Verlauf von zwei Wochen im Schnitt weniger als einen Schlaganfall-Patienten, der jünger als 50 Jahre ist, schreiben sie im "NEJM". Nun waren es im Verlauf von zwei Wochen bereits fünf - ein merklicher Anstieg, wenn auch auf niedrigem Niveau. Könnte dabei die Infektion mit dem Coronavirus eine Rolle spielen?

Laut Professor Peter Berlit sind die Meldungen aus New York keine Einzelfälle. "Es gibt ähnliche Fallberichte auch aus China und Italien", so der Neurologe und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). In Deutschland seien dagegen bislang keine vergleichbaren Fälle bei jungen Covid-Patienten bekannt.

Eine kürzlich erschienene Studie aus Wuhan deutet in eine ähnliche Richtung: Fünf von 88 Patienten mit schweren Verläufen hatten einen Schlaganfall erlitten; 40 von ihnen zeigten neurologische Symptome. Ob diese jedoch eine direkte Folge der Infektion waren - oder vielmehr Ausdruck von schweren Begleiterkrankungen, die zu schweren Covid-19-Verläufen führen können - ist aktuell unklar. 

Bestimmte Infektionen erhöhen Schlaganfall-Risiko

Das Phänomen, dass Infektionen mit bestimmten Erregern das Schlaganfall-Risiko erhöhen können, ist grundsätzlich nicht neu. Es wird auch bei anderen viralen oder bakteriellen Erkrankungen beobachtet: So gab es auch bei dem ersten Sars-Virus einen Zusammenhang mit Schlaganfällen. Bekannt sei auch, dass unter anderem der Tuberkulose- und Syphilis-Erreger sowie das Varizella-Zoster-Virus (Erreger der Windpocken) zu einem Schlaganfall führen können, so Berlit. "Ursächlich ist eine Entzündung der Gefäßwand, eine sogenannte Vaskulitis", sagt der Neurologe.

Aufgrund der bisherigen Publikationen könnte das Risiko auch bei Covid-19 erhöht sein, so Berlit. Ein Problem der bisherigen Covid-19-Fallserien sei jedoch, dass die Daten bereits vor Beginn der Studie erhoben wurden, in sogenannten retrospektiven Studien. Die Ergebnisse müssten erst noch in eigens dafür konzipierten, sogenannten prospektiven Studien bestätigt werden. Hinzu kommt: Bezogen auf die Gesamtzahl an Infektionen, sind die Meldungen bislang sehr gering.

Unklar ist bislang auch, worauf das wahrscheinlich erhöhte Risiko zurückzuführen ist. Als mögliche Ursachen werden aktuell eine erhöhte Thromboseneigung oder eine Schädigung des Endothels diskutiert, so Berlit - entweder durch das Virus selbst oder eine Entzündungsreaktion.

Das Endothel ist die Zellschicht, die unter anderem Blutgefäße auskleidet. Sie sei bei Covid-19-Patienten "massiv involviert", berichtete Stefan Schreiber, Professor für Innere Medizin am Universitätsklinikum Kiel kürzlich in einem Interview mit dem stern. "Covid-19 galt zu Beginn als reine Lungenkrankheit. Heute weiß man aber, dass die Lunge vermutlich nur Hauptsymptomträger der Infektion ist und es sich eher um eine Systemerkrankung handelt", so der Mediziner. Auch gebe es Hinweise, dass sich Covid-19 auf die Blutgerinnung auswirke, sowie auf Herz und Leber. 

Die meisten Schlaganfälle gehen auf das Konto von Blutgerinnseln

In Deutschland gibt es jedes Jahr rund 270.000 Schlaganfälle. Die häufigste Ursache eines Schlaganfalls ist ein Gefäßverschluss, der zu einer Durchblutungsstörung im Hirn führt - ein sogenannter Hirninfarkt. An einem solchen waren auch die New Yorker Patienten erkrankt. Hirnblutungen infolge eines geplatzten Gefäßes werden ebenfalls zu den Schlaganfällen gezählt. Sie sind für etwa 15 Prozent aller Schlaganfälle verantwortlich. Zu den Risikofaktoren zählen unter anderem Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen, Fehlernährung, zu wenig Bewegung und Herzerkrankungen, insbesondere Vorhofflimmern.

Schlaganfälle sind zwar grundsätzlich gut zu behandeln - im Kampf gegen Blutgerinnsel ist Zeit jedoch ein wichtiger Faktor. "Gefäßverschlüsse müssen innerhalb von längstens sechs Stunden wiedereröffnet werden", sagt Peter Berlit. Dies sei entweder mit Medikamenten möglich oder mechanischen Verfahren. "Danach geht es auf der Stroke Unit um das Verhindern von Komplikationen und die frühe Rehabilitation."

Eine linke Hand in blauem Labor-Handschuh hält ein Fläschchen mit Covid-19-Impfstoff, in dem eine Spritze steckt

Ein Problem in der aktuellen Corona-Pandemie sei jedoch, dass sich Schlaganfall-Patienten zu viel Zeit lassen, ehe sie den Notarzt rufen. "Aus Angst vor Ansteckung rufen Betroffene mit leichten Schlaganfällen oder flüchtigen Warnsymptomen nicht mehr die 112 beziehungsweise gehen nicht mehr in die Notambulanz oder Praxis", warnt der Neurologe.

Bei Symptomen umgehend 112 anrufen

Ein Problem, über das auch die New Yorker Ärzte berichten: "Zwei Patienten in unserer Fallserie haben nicht sofort einen Krankenwagen gerufen, weil sei Angst davor hatten, während der Pandemie in ein Krankenhaus zu gehen." Ob das den Krankheitsausgang negativ beeinflusst hat, schreiben die Mediziner nicht. Dennoch gebe es eine wichtige Botschaft: "Wir versuchen den Leuten da draußen zu vermitteln: Wenn Sie Symptome eines Schlaganfalls haben, müssen Sie umgehend den Notarzt rufen", sagte Oxley im Gespräch mit der "Washington Post".  (Eine ausführliche Symptom-Beschreibung finden Sie hier.)

Wie es den fünf jungen Schlaganfall-Patienten nun ergeht, darüber gibt es wenige Informationen. Laut "Washington Post" starb einer der Patienten, zwei weitere befänden sich noch im Krankenhaus, ein weiterer sei auf Reha und der fünfte in häusliche Pflege entlassen worden.

Einzig ein Patient - die 33-jährige Frau - sei derzeit in der Lage zu sprechen. 

Quelle: "The New England Journal of Medicine" / "Washington Post"

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