Hoffnungsfunke inmitten des Chaos New Yorker Ärzte und Pfleger halten bewegende Nachtwache für verstorbene Kollegen ab


Sie kämpfen an vorderster Front gegen das Coronavirus. Doch wegen mangelnder Schutzausrüstung werden New Yorker Ärzte und Pfleger immer häufiger selbst Opfer der Krankheit. Am Freitag erinnerten Krankenhausmitarbeiter in einer bewegenden Nachtwache an ihre verstorbenen Kollegen.

Der Times Square - nahezu verwaist. Die berühmte Brooklyn Bridge, die sich knapp 1,8 Kilometer über den East River erstreckt - menschenleer. New York, sonst der Inbegriff des hektischen Trubels, ist seit Wochen lahmgelegt. Denn die Ostküstenmetropole ist zum Epizentrum der weltweiten Coronakrise geworden: Allein in der Stadt New York City gibt es fast 95.000 Infektionsfälle, mehr als 5800 Menschen starben an Covid-19, jener Krankheit, die durch das Coronavirus ausgelöst wird. Insgesamt steigen die Zahlen in den USA rapide an: Mehr als eine halbe Million Menschen sind bestätigt mit dem Coronavirus infiziert, rund 18.000 Menschen haben bislang infolge der Erkrankung ihr Leben verloren.

Einer von ihnen war der Krankenpfleger Kious Kelly, der als vermutlich erster Krankenhaus-Mitarbeiter Ende März einer Coronavirus-Infektion erlegen war. Seiner und weiterer Pfleger, Ärzte und anderer Krankenhausmitarbeiter, die an Covid-19 gestorben sind, gedachten am Freitagabend mehrere Kollegen im Rahmen einer Nachtwache vor der Zentrale der Krankenhaus-Kette Mount Sinai.

New Yorker Krankenhausmitarbeiter erinnerten in einer Nachtwache an ihre verstorbenen Kolleginnen und Kollegen.
New Yorker Krankenhausmitarbeiter erinnerten in einer Nachtwache an ihre verstorbenen Kolleginnen und Kollegen.
© Johannes Eisele / AFP

"Wir sind hier, um unsere gefallenen Helden zu ehren, für sie zu beten und an sie zu erinnern", sagte die Krankenschwester Joanne Mee Wah Loo vor den Teilnehmern, die sich trotz winterlicher Temperaturen im Stadtteil Manhattan versammelten. Mit Kapuze und Mundschutz standen sie vor den Stufen des Krankenhauses, in den Händen hielten sie Fotos der Verstorbenen, vor ihnen lag ein Herz aus leuchtenden, elektrischen Kerzen. In Großbuchstaben war ein Wort zu lesen: "Hope", Hoffnung.

"Er hat geliebt, was er gemacht hat"

Der 48-jährige Krankenpfleger Kious Kelly wurde zum Symbol der Krise des Gesundheitssystems, über ihn wurden Artikel in der "New York Times" und "Washington Post" verfasst. "Er war ein guter Mensch, ein harter Arbeiter, er hat geliebt, was er gemacht hat", sagte die Krankenschwester Lenore Leiba während der Nachtwache. Kelly und weitere gestorbene Krankenhaus-Mitarbeiter hätten "sich nicht um ihre Leben gesorgt, sie haben an andere gedacht".

In den Krankenhäusern der Millionenstadt herrscht derweil Chaos. Das Personal ist überlastet, es mangelt an geeigneter Schutzausrüstung, Krankenhausbetten und Beatmungsgeräten. Im Central Park und in Kongresszentren entstanden provisorische Krankenhäuser.

Und der Höhepunkt der Krise scheint noch nicht erreicht zu sein: Nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore wurden landesweit bis Freitag 2108 weitere Todesfälle binnen 24 Stunden registriert - so viele waren es bislang noch nie.

Die Zahl der Toten überfordert New York

Die massive Anzahl von Toten überfordert auch die Leichenhäuser der Stadt. Statt der normalerweise rund 25 Toten muss New York City nun mehrere Hundert Todesfälle pro Tag beklagen. Dadurch ist es nicht mehr möglich, alle Menschen wie gewohnt zu beerdigen. Die Stadt hat deshalb begonnen, auf der Insel Hart Island Massengräber für die Bestattung von Corona-Toten anzulegen.

Die Insel zählt zum Stadtgebiet von New York und liegt nördlich der Bronx. Mehr als eine Million Tote wurden in 150 Jahren auf der New Yorker Insel begraben, gestorben seit dem US-Bürgerkrieg bis heute. Nun werden dort auch Coronavirus-Opfer beigesetzt.

Die Beerdigungen auf Hart Island sollen nur eine vorübergehende Lösung sein, erklärte der New Yorker Bürgermeister Bill De Blasio. "Wenn wir zwischenzeitlich die Menschen beerdigen müssen, bis die Krise überstanden ist, und danach mit jeder Familie die eigentliche Beerdigung besprechen, so haben wir hiermit die Möglichkeit, das zu tun."

Gesundheitssystem am Limit

"Dieses Gesundheitssystem ist völlig unvorbereitet auf dieses Desaster", sagte vor wenigen Wochen Judy Sheridan-Gonzalez, die Chefin des New Yorker Pflegerverbands NYSNA, gegenüber dem TV-Sender CNN.

Daran erinnerte am Freitagabend auch die Chirurgin Tirzah Caraballo. Sie kam nach Manhattan, um der Rezeptionistin Christine Hunt zu gedenken, die mehr als 35 Jahre als Angestellte in einem Krankenhaus in der Bronx gearbeitet hatte und vergangene Woche an den Folgen ihrer Coronavirus-Infektion gestorben war. "Sie war unsere Mutter, unsere Freundin, unsere Schwester", erinnerte Caraballo. Hunt habe als Rezeptionistin keine Atemschutzmaske bekommen. "Das ist der Grund, warum sie nicht mehr bei uns ist", sagte Caraballo.


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