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Badeunfälle: Die Schattenseite des Sommers

Die beiden Hochs "Zoe" und "Xanthippe" bereiten den Lebensrettern an deutschen Küsten und Gewässern zurzeit viel Arbeit. Unbewachte Strandabschnitte können für Badende schnell zum Verhängnis werden.

Drei tödliche Badeunfälle in nur drei Tagen - die beiden Hochs "Zoe" und "Xanthippe" über Irland und Skandinavien bescheren Schleswig-Holstein zur Zeit nicht nur sommerliche Temperaturen: Die Lebensretter an den Badeplätzen von Nord- und Ostsee sowie den Binnenseen haben bei dieser heißen Witterung alle Hände voll zu tun. Vor allem idyllische, aber unbewachte Badestellen können für manchen Badenden zum Verhängnis werden. "Das Risiko, dort zu ertrinken, ist um vieles höher als an Bereichen, die von Rettungsschwimmern bewacht werden," warnt DLRG-Einsatzleiter Dietmar Frohberg.

Stolze Bilanz

Frohberg organisiert den zentralen Wasserrettungsdienst in Schleswig-Holstein. Jedes Jahr verteilt er rund 1800 seiner Helfer auf 54 Badeplätze an Nord- und Ostsee. Seine stolze Bilanz: In den 31 Jahren des Bestehens der Organisation retteten die Frauen und Männer mehr als 6530 Menschen aus Wassernot.

Wegen des kühlen und teilweise verregneten Sommers waren im vergangenen Jahr in Deutschland deutlich weniger Menschen ertrunken. Im Vergleich zum Jahr 2003 mit seinem Rekordsommer sank die Zahl der Todesfälle um 174 auf 470 im Jahr 2004. Die Binnengewässer waren wieder Unfallschwerpunkt Nummer eins. In Flüssen ertranken 193 und in Seen 147 Personen. 72 Prozent aller tödlichen Unfälle ereigneten sich 2004 an den zumeist unbewachten Gewässern. Allein im Rhein verloren 39, im Main 14 Menschen ihr Leben. Die Donau mit neun, die Weser mit acht und die Elbe mit sieben Opfern folgen auf den nächsten Plätzen. Unter den Seen rangiert der Bodensee mit sieben Todesfällen an erster Stelle. An Deutschlands Küsten ertranken hingegen nur 26 Badegäste und Wassersportler, 19 in der Ostsee und sieben in der Nordsee, und zwar außerhalb der bewachten Gebiete beziehungsweise zu Zeiten, in denen die Rettungswachen nicht besetzt sind.

Um das Risiko, in Binnengewässern zu ertrinken, zu verringern, fordert der DLRG-Präsident Klaus Wilkens Risikoanalysen und die Einrichtung von Wasserrettungsstationen und die Aufsicht durch Rettungsschwimmer an beliebten Stellen. "Badeverbotsschilder sind wirkungslos", so Wilkens. In Kanälen und Hafenbecken ertranken 30 und in Schwimmbädern 17 Menschen. Die Polizei warnt neben den Gefahren des Schwimmens in Flüssen vor großen Temperaturunterschieden in Baggerseen. Zwar erwärme sich die Wasseroberfläche relativ schnell, doch schon in einer Tiefe von rund einem Meter bleibe es kalt, so dass beim Sprung ins Wasser die Gefahr eines Kreislaufkollapses bestehe. Kopfsprünge seien ohnehin gefährlich, weil unter der Wasseroberfläche Fels-, Betonbrocken oder ähnliche Hindernisse vorhanden sein könnten. Kinder sollten nach dem Rat der Polizei niemals ohne sichere Schwimmhilfen ins Wasser, anstelle von Schwimmringen sollten sie Mehrkammer-Armflügel tragen und ständig beaufsichtigt werden.

Immer mehr ältere Menschen ertrinken

Die DLRG-Statistik bestätigte auch für das Jahr 2004 den Trend, dass immer mehr ältere Menschen ertrinken, weil sie nicht gut schwimmen können. 46 Prozent der Opfer waren älter als 50 Jahre; 2003 lag der Anteil noch bei 41 Prozent. 113 Männer und Frauen waren zwischen 61 und 75 Jahre alt, als sie ertranken, und selbst bei den 81- bis 85-Jährigen verzeichnete die DLRG 18 Todesfälle. Lediglich 44 Prozent der über 60-Jährigen können laut einer repräsentativen Umfrage, dem DLRG-Barometer, schwimmen. Demgegenüber gehen die Ertrinkungsfälle bei den Kindern bis fünf Jahren weiter zurück, wie die DLRG mitteilte. 2004 starben 25 Mädchen und Jungen im Vorschulalter, neun weniger als im Jahr zuvor.

"Grundsätzlich sind die Gemeinden zuständig für die Sicherheit an ihren Badeplätzen", erläutert Frohberg. In Dithmarschen zum Beispiel überprüft das Gesundheitsamt vor Beginn der Saison an zehn Nordsee-Stränden und drei Binnengewässern die Wasserqualität - darunter auch die Badestelle in Nordermeldorf. Doch dies ersetzt keinen Rettungsdienst, weiß Frohberg. Den hatte die kleine Gemeinde bislang in eigener Regie organisiert, bis Bürgermeister Peter Maaßen in diesem Frühjahr Alarm schlug: Er habe niemand für diesen Job finden können. Auch Frohberg konnte ihm zu diesem Zeitpunkt mit keinem seiner Leute mehr aushelfen. So weisen jetzt in Nordermeldorf nur noch Hinweistafeln alle Schwimmer darauf hin, dass sie auf eigene Gefahr ins Wasser gehen.

"Übertriebener sportlicher Ehrgeiz gepaart mit Herz-Kreislauf-Problemen ist eine gefährliche Mischung," sagt Wilkens. Für eine 58 Jahre alte Frau aus Nordermeldorf bedeutete dies den Tod. Sie starb zwei Tage nach ihrem Badeunfall im Krankenhaus an den Folgen ihrer Verletzungen. Nur einen Tag später und wenige Kilometer entfernt wurde einem 71-Jährigen in Elpersbüttel gleichfalls ein unbewachter Badestrand zum Verhängnis. Der Rentner konnte - ebenso wie die 58-Jährige - zunächst noch von einem Notarzt wiederbelebt werden; er starb jedoch wenige Stunden später im Krankenhaus. Und im kleinen "Benzer See" bei Bad Malente (Kreis Ostholstein) ertrank am Montagabend ein 49 Jahre alter Mann - Taucher konnten ihn nur noch tot aus dem Wasser bergen.

Freie Unterkunft, Verpflegung und Taschengeld

Im kommenden Sommer will Frohberg auch einen Vertrag mit Nordermeldorf abschließen und die Badestelle betreuen. Bevor er freiwillige Helfer vermittelt, muss er die für sie bereitgestellten Unterkünfte besichtigen und die Verkehrsanbindung klären: "Rettungsschwimmer aus anderen Teilen Deutschlands benötigen komplette Informationen über ihren Einsatzort." Die Helfer bekommen neben Fahrtkosten, freier Unterkunft und Verpflegung auch ein kleines Taschengeld in Höhe von fünf Euro pro Tag.

Wolfgang Runge/DPA / DPA